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Eine Mutter kämpft mit ihrem Säugling

Entwicklungs- und bindungstheoretische Grundlagen

Diplomarbeit 2011 67 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Bindungstheorie
2.1-Bindung und Bindungsverhalten
2.2-Bindungsqualität
2.2.1-Kategorien von verschiedenen Bindungsmustern
2.2.1.1-Sichere Bindung (B)
2.2.1.2-Unsicher-Vermeidende Bindung (A)
2.2.1.3-Unsicher-Ambivalente Bindung (C)
2.2.1.4-Desorganisierte/Desorientiert Bindung (D)
2.2.2-Transaktionales Entwicklungsmodell
2.2.3-Bedeutung der Feinfühligkeit der Bindungsperson
2.3-Die Entwicklung „internaler Arbeitsmodelle“
2.4-Mentalisierung, Affektregulierung und die Entwicklung des Selbst
2.4.1-Entwicklung der reflexiven Kompetenz beim Kind

3. Resilienz
3.1.1-Die „Kauai Längsschnittstudie“
3.2-Schützende Faktoren
3.2.1-Schützende Faktoren im Kind
3.2.2-Schützende Faktoren in der Familie
3.2.3-Schützende Faktoren im Umfeld
3.3.1-Die „Mannheimer Risikokinderstudie“

4.-Schutz- und Risikofaktoren unter dem Aspekt der Theorie-28

5.-Die Bedeutung der Vaterrolle
5.1-Formen väterlicher Beteiligung
5.2.1-Beziehungsdreieck in der Triangulierung
5.2.2-Systemische Triangulierung
5.2.3-Psychoanalytische Triangulierung
5.2.3.1-Ödipale Phase
5.2.4-Strukturalistische Triangulierung
5.3-Der abwesende Vater

6.-Bindungsprozesse über Generationen

7.-Entwicklungspsychologie: das erste Jahr eines Kindes
7.1-Psychoanalytische Entwicklungstheorien
7.1.1-Melanie Klein
7.1.2-Wilfred Ruprecht Bion
7.1.3-Donald W. Winnicott
7.1.4-Margaret Mahler
7.1.5-Daniel N. Stern
7.2-Der kompetente Säugling
7.2.1-Intuitive Elternschaft
7.3-Jean Piagets Entwicklungstheorien
7.3.1-Symbolisierungsfähigkeit des Säuglings
7.3.2-Phantasie als Auswirkung auf den Säugling
7.3.3-Phantasien und unbewusste Bedeutungszuschreibungen
7.3.4-Sensumotorische Entwicklung
7.3.4.2-Innere Repräsentationen
7.4-Beziehungs- und Bindungsorientierte Intervention bei Säuglingen
7.4.1-Erste Entwicklungsaufgaben
7.4.2-Stressbedingte Äußerungen beim Säugling

8. Exemplarische Erörterung eines Fallbeispiels
8.2.1.1-Protokoll 1
8.2.1.2-Protokoll 2
8.2.1.3-Protokoll 3
8.3-Biografische Facetten aus dem Leben von Frau K.
8.4-Fachliche Einschätzung und Fazit – Dimensionen eines Kampfes um Liebe und Anerkennung

9. Literatur

1. Einleitung

Im Laufe seines Lebens begegnet und erfährt der Mensch verschiedenste Arten von Beziehungssystemen in seinem Umfeld. Angefangen von der Bindung zu einer Einzelperson, über die dyadische Kompetenz und das Erreichen der Fähigkeit sich selbst und das Objekt als differenziert zu betrachten und Schlussendlich zu mehr als einer Person, triadische Beziehungen einzugehen.

Während meines Studiums hatte ich Gelegenheit als Sozialpädagogische Familienhelferin zu arbeiten, hier begegnete mir eine junge Familie, deren Dynamik mich überaus beeindruckte. Eine Mutter rang mit ihrem Säugling um Liebe und Zuwendung. Ich war irritiert, wie eine Mutter dazu kommt, ihrem Kind Einfühlung vor zu enthalten und zugleich war mein Interesse geweckt, mich mit dieser Thematik in meiner Abschlussarbeit theoretisch zu beschäftigen.

Zunächst wird die enorme Bedeutung der frühen Eltern-Kind-Beziehung anhand der Bindungsforschung und die Auswirkungen verschiedener Bindungsmuster auf die Entwicklung von Kindern dargestellt. Die Resilienzforschung bringt wesentliche Erkenntnisse hervor, wie Kinder trotz widriger Umstände und vielfältiger Risiken zu psychisch gesunden, arbeits- und liebesfähigen und lebenstüchtigen Erwachsenen entwickeln können. Die Bedeutung des Vaters bei der Entwicklung des Kindes wird erst seit wenigen Jahren erforscht. Inzwischen ist der Einfluss der realen und emotionalen Anwesenheit des Vaters für die Identitätsentwicklung eines Kindes bekannt. Wenn Väter emotional und real mit ihrem Kind in Beziehung treten können und sich als dritte Person zur Verfügung stellen, kann eine Triangulierung gelingen. Dies ist eine wichtige Voraussetzung für das Kind, mit anderen Personen Beziehungen befriedigend zu gestalten.

Schließlich werden einige Ansätze der psychoanalytischen Entwicklungstheorie und der Entwicklungspsychologie dargestellt. Alle Theoretiker haben aus ihrem jeweiligen Blickwinkel einen wesentlichen Beitrag zu Entwicklungskonzepten des Säuglings geleistet, die nach wie vor, Grundlage für das Verstehen kindlicher Verhaltensweisen und ihrer Interaktionsmuster sind.

Anhand des Fallgeschehens wird gezeigt, wie die Arbeit mit Familien wichtige Anteile hervorbringt, um Beziehungen, auch wenn nur in kleinen Schritten, zwischen dem Säugling und seiner Bindungsperson in ihrer Qualität zu verändern.

2. Bindungstheorie

"Bindung ist das gefühlsgetragene Band, das eine Person zu einer anderen spezifischen Person anknüpft, das sie über Raum und Zeit hinweg miteinander verbindet.“ (Bowlby 1979 aus Grossmann 2009:15)

Frühe Bindungserfahrungen legen den Grundstein für jegliche psychische Entwicklung und psychische Funktionen. Der Wunsch nach Beziehungen, die Sicherheit und Schutz gewähren, ist als bedeutendes Grundbedürfnis des Menschen zu verstehen. Die Bildung von „ICH“ und „Selbst“ werden von einer stabilen Bindung in der frühkindlichen Entwicklung geformt. Die Fähigkeit im späteren Leben affektive Beziehungen einzugehen, werden durch die Bindungserfahrungen eines Individuums mit seinen Eltern geprägt.

Die Bindungstheorie wurde in den 1940er Jahren durch John Bowlby und Mary Ainsworth erarbeitet und entstand aus Bowlbys Beobachtungen als Kinderpsychiater in Kinderheimen. Er zeigte Interesse für die damals aktuellen und realen Entwicklungsbedingungen von Kindern. Er führte detaillierte Beobachtungen von Trennungssituationen in Krankenhäusern durch und beschäftigte sich mit den kurz- und langfristigen Konsequenzen fehlender mütterlicher Zuwendung und Interaktion auf die kindliche Entwicklung. Alle nachfolgenden Bindungsstudien gehen auf die von Bowlby begründete Bindungstheorie zurück.

In Deutschland wurde die Bindungstheorie insbesondere von Karin Grossmann und Klaus E. Grossmann in den 70er Jahren weiterentwickelt. In ihren Langzeituntersuchungen an der Universität Regensburg bezogen sie auch die Väter, Geschwister, Familienangehörige und ebenso Betreuungspersonen wie Erzieherinnen mit ein. Besonders die angewandten Arbeiten von Karl-Heinz Brisch fanden in den letzten Jahren besondere Beachtung. In Bindungsbeziehungen fließen alle Gefühle, Erwartungen und Verhaltensstrategien ein, die ein Säugling aufgrund seiner Erfahrungen mit der Bindungsperson entwickelt hat. Das so genannte Bindungsmuster, das sich in Anpassung an die Bindung während des ersten Lebensjahres ausprägt, wandelt sich im Laufe der Zeit, bleibt aber in seiner Grundstruktur in den meisten Fällen konstant (Brisch 2010:35)

Anfänglich wurde die Bindungstheorie auf die Beobachtung des Trennungsverhaltens bei Kleinkindern bezogen. Inzwischen weiß man über die Bedeutung der frühen Bindungserfahrungen für die gesamte Lebensspanne. Die Grundlagen der Bindungstheorie sind relevant für die praktische Arbeit in der Pädagogik, Sozialarbeit und Psychologie.

2.1 Bindung und Bindungsverhalten

Bindung wird als Teil eines komplexen Bindungssystems verstanden. Ein Säugling ist in der Lage, auf natürliche Weise und höchst komplex lebensnotwendige individuelle Bindungsbeziehungen aufzubauen, um sein Überleben zu sichern. John Bowlby vertrat die These, dass Säuglinge mit einer Reihe sozialer Kompetenzen, Motivationssystemen und der Fähigkeit geboren werden, sich emotional an die Mutter zu binden. Er beschreibt das Bindungsverhalten eines Säuglings:

„als Folge bestimmter vorprogrammierter Verhaltensmuster, die auf ein anderes Individuum konzentriert werden. Ihre Wirkung besteht darin, das erste Individuum nahe an das andere heranzubringen und es dort zu halten...“(Bowlby 1987:23)

Gemeinsam mit Mary Ainsworth u.a. wurden die Folgen von Mutter-Kind-Trennungen erforscht und zum ersten Mal der Begriff „Bindung“ eingeführt. Die empirische Bindungsforschung begann mit grundlegenden Beobachtungen im Säuglings- und Kleinkindalter.

John Bowlby schrieb in „Bindung - Eine Analyse der Mutter-Kind-Bindung“ von 1975, dass die erste menschliche Beziehung eines Säuglings der Grundstein zu seiner Persönlichkeit sei. Er bezog sich auf die bis dahin von anderen Gelehrten allgemeingültigen Annahmen, die Bindung des Kindes zur Mutter läge ausschließlich darin, die Nahrungs- und Wärmebedürfnisse zu erfüllen. Eine weitere Bindungsthese bezog sich auf das angeborene Bedürfnis eines Säuglings, Kontakt mit einem menschlichen Wesen herzustellen und sich an dieses anzuklammern.

Bowlby hingegen war der Auffassung, dass die vielen Gesten und Verhaltensweisen zwischen einer Mutter und ihrem Kind zu einer Bindung führen. Es entstünde ein System, in dem die Mutter auf das Verhalten des Kindes entsprechend reagiere, diese Reaktion Nähe signalisiere und die Mutternähe ein gesetztes Ziel des Säuglings sei.

„Die hier vertretene Hypothese unterscheidet sich von allen, die oben aufgeführt sind, und stützt sich auf die … Instinkttheorie. Sie postuliert das Band zwischen Kind und Mutter als Produkt der Aktivität einer Anzahl von Verhaltenssystemen, deren voraussehbares Ergebnis die Nähe zur Mutter ist.“(Bowlby 1975:172)

Bowlby beobachtete, besonders beim Sich-Entfernen der Mutter oder bei sonstigen für den Säugling furchterregenden Anlässen, dass das dadurch resultierende Verhalten des Säuglings nur, durch die Stimme, den Anblick oder die Berührung der Mutter beendet werden konnte. Die emotionale Bindung sichere das Überleben des Säuglings und bietet einen Hafen der Geborgenheit und des Schutzes.

Käme das Kind in Situationen der Unsicherheit, Krankheit, Müdigkeit, Angst oder des Stresses, würden Bindungsbedürfnisse über Verhaltensweisen wie Schreien (Weinen), Anklammern, Nachlaufen aktiviert, die Nähe zur vertrauten Person wieder herstellen sollen. Diese Bindungsverhaltensweisen motivieren, körperlichen Kontakt, Hilfe, Zuwendung oder Trost bei der vertrauten Person zu suchen, um das Bindungsbedürfnis wieder zu beruhigen. Bowlby nahm an, dass sich dieses Verhaltenssystem im Säugling selbst entwickle als ein Resultat einer Wechselbeziehung mit der Umwelt, deren Hauptfigur die Mutter sei. (Bowlby 1975:171/172)

Mit zunehmendem Alter nähmen Häufigkeit und Intensität dieser Verhaltensmuster ab, sie blieben als Verhaltensausstattung aber erhalten. Eine sichere Bindung sei für die gesunde, körperliche, psychische und soziale Entwicklung von Kleinkindern von signifikanter Bedeutung. Dazu benötige es ein Maß an fürsorglichem Verhalten und Feinfühligkeit der Bindungsperson. Fürsorglichkeit seitens der Bindungsperson bedeutet:

„erstens, verfügbar zu sein und zu antworten, wie und wann dies gewünscht wird, und zweitens, umsichtig einzugreifen, wenn sich das Kind … in Schwierigkeiten bringt.“ (Bowlby 1987:25f.)

Nach Bowlby bedarf es, seitens der Eltern eines intuitiven und einfühlsamen Verstehens in das kindliche Bindungsverhalten und die Bereitschaft darauf einzugehen. Mary Ainsworth, die in den 1950er Jahren zu Bowlbys Forschungsteam dazukam, trug durch empirische Studien zur Weiterentwicklung bindungstheoretischen Annahmen enorm bei. Sie suchte nach den Mechanismen sozialen Lernens, nach Verhaltensänderungen als Folge von Nachahmung, Belohnung und Bestrafung. In Untersuchungsreihen wurden Kleinkinder in eine „Fremde Situation“ gebracht in denen ihnen zwei kurze Trennungen von ihren Müttern zugemutet wurden. Dabei zeigte sich, inwieweit die Kinder in der Lage waren, sich nach kurzem Trennungsschmerz auf ihre Mutter als „sicherer Hafen“ verlassen zu können und daraus eine Basis zu bilden, um von ihr aus sich explorativ zu verhalten und eine fremde Umgebung zu erforschen. Die „Fremde Situation“ diente der Erforschung mütterlichen Verhaltens, in deren Feinfühligkeit gegenüber ihren Säuglingen und wie deutlich ein Kind zeige, dass sein Bindungssystem aktiviert sei. So entstanden die Bindungskategorien, „sicher“ - Gruppe B, „unsicher-vermeidend“ - Gruppe A und „unsicher ambivalent“ - Gruppe C. Später kam noch die Kategorie Desorganisation hinzu.

2.2 Bindungsqualität

2.2.1 Kategorien von verschiedenen Bindungsmustern

2.2.1.1 Sichere Bindung (B)

Zur Kategorie „Sichere-Bindung“ (Gruppe B) zählen Kinder, die eine große Zuversicht in die Verfügbarkeit der Bindungsperson haben. Sie fühlen sich sicher, haben Vertrauen in die Unterstützung der Mutter und können daher ihre Umgebung erforschen und ihrer Neugier nachgehen (Brisch 2010:51). Sie zeigen eine Ausgewogenheit zwischen Bindungs- und Explorationsverhalten. In stressbesetzten Situationen suchen sie aktiv nach Nähe und Fürsorge der vertrauten Person, des sicheren „Hafens“. Diese Kinder können ein Gefühl der Selbstbestimmung entwickeln, weil sowohl Bindungswünsche verstanden, als auch Neugier unterstützt wird. Sie erfahren sich selbst als liebenswert und entwickeln ein positives Selbstbild. Ein sicher gebundenes Kind ist weniger aggressiv, weniger ängstlich und zeigt eine Ausgewogenheit zwischen selbstständigem Spiel und Kontaktbedürfnis zur Mutter. Dies bedeutet, dass die Bindungsperson gegenüber ihrem Kind als konstant verlässlich, verständnisvoll und einfühlsam auftreten sollte, besonders in Situationen der Angst, Unsicherheit, des Stresses oder Kummers (Suess 2002:206). In Trennungssituationen leben die Kinder ihre Gefühle von Trauer aus und akzeptieren teilweise den Trost einer fremden Frau. Sicher gebundene Kinder vertrauen darauf, dass ihre Bindungsperson sie nicht im Stich lassen und zurückkehren wird. Diese Kinder verfügen über die gesamte Spannbreite der Gefühle und können auch negative Gefühle stimmig vermitteln. Die Gefühlsäußerungen stimmen mit ihrer Gefühlslage überein. Sie sind also in der Lage, beziehungsorientiert und kompetent, für sie, schwierige Situationen zu meistern.

2.2.1.2 Unsicher-Vermeidende Bindung (A)

Die Kategorie „unsicher-vermeidend“ (Gruppe A) bedeutet, dass diese Kinder ein Vermeidungsverhalten präsentieren. Sie gehen der Frustration, des Konfliktes durch Aufmerksamkeitsabwendung der Mutter aus dem Weg (Brisch 2010:51). Zudem zeigen sie kaum die, von sich ausgehende, Bereitschaft zur Kontaktaufnahme zur Mutter und lassen sich schnell von fremden Personen in Trennungsphasen trösten. Wenn die Mutter den Raum verlässt, scheinen sie unbeeindruckt dessen zu sein und zögern nicht in ihrem Explorationsverhalten. Durch zusätzliche Untersuchungen wurde allerdings festgestellt, dass der Cortisolspiegel (Hormonspiegel im Körper, welcher bei Stress ansteigt) weit höher lag, als bei den sicher gebundenen Kindern, was auf Stress hindeutet. Beim Wiederauftauchen wird die Bindungsperson ignoriert oder sich ihr abgewendet und die Kinder suchen eher die Nähe der fremden Person. Durch die Vermeidung und Nichtauslebung von negativen Gefühlen gehen die Kinder keine Risiko ein, erneut eine Zurückweisung der Mutter zu erleben. Ihnen fehlt die Zuversicht über die Verfügbarkeit der Bindungsperson und das ihre Bedürfnisse erfüllt werden. Das Kind vermeidet Gefühle zum Ausdruck zu bringen, geht Konflikten und Kritik seitens der Eltern aus dem Weg, da sie wie schmerzvolle Zurückweisungen erlebt werden. Kinder dieser Gruppe versuchen jegliche Situationen, die auf sie zukommen, ohne fremde Hilfe zu bewältigen und zeigen dabei ihre Verunsicherung möglichst nicht. Auf unbewusster Ebene lernen Kinder in solchen Bindungsbeziehungen langfristig eigene Bindungsbedürfnisse zu minimieren (Suess 2002:206). Ihr Verhaltensmuster ist durch Angepasstheit geprägt. Dies führt dazu, dass sich diese Kinder von der Umwelt zurückziehen, sich intensiv mit Spielsachen beschäftigen und emotional genügsam werden. Sie behalten die Kontrolle bei sich, ihre Schutzbedürftigkeit wird heruntergespielt und ihre Aufmerksamkeit wird, weg von Personen, hin zu Gegenständen gelenkt.

2.2.1.3 Unsicher-Ambivalente Bindung (C)

Zur Kategorie „unsicher-ambivalent“ (Gruppe C) zählen Kinder deren Bedürfnis nach Sicherheit und Stabilität von der Bindungsperson nicht gewährleistet wird. Dadurch wird einerseits Ärger ausgelöst, anderseits die kindliche Unsicherheit verstärkt, was zu einer weiteren Aktivierung des kindlichen Bindungssystems führt. Ihr ambivalentes Verhalten spiegelt diesen Konflikt zwischen Annäherung, Ärger und Rückzug.

Verlässt die Bindungsperson den Raum, reagieren diese Kinder extrem gestresst und belastet, ihr Bindungssystem wird allein wegen der fremden Umgebung und der fremden Person aktiviert. Sie geben ihren Kummer und ihre Frustration lautstark zu erkennen (Brisch 2010:52). Die Kinder sind verunsichert, ob die Bindungsperson bei Bedarf zur Verfügung steht und können das Verhalten der Mutter nicht nachvollziehen. Die Bindungsperson reagiert für sie nicht nachvollziehbar, schwer berechnend, nicht zuverlässig und durch den ständigen Wechsel zwischen Feinfühligkeit und wieder abweisendem Verhalten, muss das Bindungssystem des Kindes ständig aktiviert sein. Das Kind wird somit immer damit beschäftigt sein, in welcher Verfassung seine Bindungsperson gerade ist und sich versuchen, ihr anzupassen.

„Es ist in einem unlösbaren Konflikt gefangen, und seine Aufmerksamkeit ist wegen seines Schutzbedürfnisses viel zu stark und zu häufig auf die Befindlichkeit der Bindungsperson gerichtet, um zu erkennen, wann sie zugänglich und wann sie zurückweisend ist“

(Grossmann/Grossmann 2009:38)

Die Trennungsangst und die schlechte Berechenbarkeit der Mutter führen zu einer unsicher-ambivalenten Bindung und hindern das Kind in seinem Explorationsverhalten. Es kann seine Neugier und sein Erkundungsverhalten in der fremden Umgebung nicht ausleben. Bei der unsicher-ambivalenten Bindung stellt die Mutter ihre Bedürfnisse, ihre Launen, ihre Empfindungen über die des Kindes. Sie ist selbst noch mit ihren Aufgaben beschäftigt und widmet sich daher ihrem Kind nur gelegentlich. Manche Mütter hingegen haben Schwierigkeiten mit den Explorationswünschen des Kindes, entmutigen es daher in seinem Autonomiebestreben, und greifen stets in sein freies Spiel ein.

Die bisher geschilderten Beziehungsmuster sind zwar sehr unterschiedlich, aber doch stimmig zur erlebten Bindungsbeziehung. Sie stellen insofern eine kompetente Bewältigungsstrategie angesichts verunsichernder Situationen dar (Suess 2002:207).

2.2.1.4 Desorganisierte/Desorientierte Bindung (D)

Die Kategorie desorganisierte/desorientierte Bindung (Gruppe D) kam erst im Laufe der Zeit dazu, da es immer wieder Kinder gab, deren Verhalten nicht eindeutig zugeordert werden konnte und in keines der vorher dargestellten Gruppenmuster passte (Brisch 2010:52). Kinder mit einer desorganisierten/desorientierten Bindung zeigen unerwartete und in sich zerrissene bzw. geteilte Verhaltensweisen. Sie verwickeln sich in ihrem Verhaltensmuster in Widersprüchlichkeiten, wie z.B. dass sie ängstlich hin und her schwanken zwischen Erkunden und Nähe suchen oder sie zeigen ein vermeidendes Abwenden bei gleichzeitiger Annäherung, so dass dem Kind weder Vermeidung noch Trostsuchen gelingt. Sie vermischen Strategien von unsicher-vermeidendem und unsicher-widersetzendem Verhalten und dadurch kann es zu einem zeitweiligen Zusammenbruch der Bindungsstrategien kommen, weil diese Kinder es nicht schaffen, klare Bindungsmuster zu entwickeln. In Trennungssituationen schreien die Kinder nach ihrer Bindungsperson, entfernen sich aber beim Zurückkehren der Mutter von ihr. Andere reagieren gelähmt, benommen, oder mit einem erstarrten Gesichtsausdruck und manche Kinder zeigen zeitlich unkoordinierte Bewegungen, anomale Gesten und Haltungen, drehen sich im Kreis oder lassen sich zu Boden fallen, wenn die Bindungsperson zurück kommt. Einige von ihnen entwickeln mit der Zeit (ab 2 Jahren) eine kontrollierende Strategie, in der sie sich als Kinder verantwortlich für das Wohlergehen der Eltern fühlen und ein eher maßlos überfürsorgliches Verhalten zeigen. Sie wollen möglicherweise so die Beziehungsgestaltung selbst in den Griff bekommen, um die erschreckenden Interaktionen zu vermeiden.

Die Ursachen von desorganisierter oder desorientierter Bindung können bei der Mutter in Form eines Psychotraumata liegen, bspw. durch eine Geisteskrankheit, Depression, Drogen etc. (Suess 2002:209) Das nicht verarbeitete Trauma hängt mit einer desorganisierten Bindung zum eigenen Kind zusammen. Die Bindungsperson kann in einer solchen Situation nicht adäquat auf die Versorgungsbedürfnisse ihres Kindes eingehen, da sie noch zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist, als dass sie in ihrer Funktion als feinfühlige Mutter fungieren kann und daher nur eingeschränkt tauglich ist. Besonders wenn Eltern innerhalb der letzten zwei Jahre vor der Geburt des Kindes den Verlust einer nahe stehenden Person zu verkraften hatten, scheint die Wahrscheinlichkeit für Bindungsdesorganisation des Kindes sehr hoch zu sein. Das Verhalten der Bezugsperson in der Phase der Trauer ist für Kinder oft sehr beängstigend. Das Versinken in die Trauer, das plötzliche „Aussteigen“ aus der gerade noch glücklichen Kommunikation sind für Trauernde „normale“ Verhaltensweisen, für Kinder sind sie jedoch nicht zu verstehen und zutiefst erschreckend. Aber auch unverarbeitete Todesfälle in der Kindheit (z.B. eines Elternteils) und psychische Krankheit der Mutter sind mit desorganisierten Bindungsstrategien assoziiert. Bei einigen Kindern mit desorganisiertem Verhalten wurde ein Mangel an Verhaltensorganisation im Neugeborenenalter festgestellt oder es fanden sich neurologische Schädigungen des Kindes, aber auch Bindungstraumata, welche durch Misshandlungen und Vernachlässigungen der Bindungsperson herrührt.

Grossmann und Grossmann konstatieren gesellschaftliche Bedingungen, die Desorganisation begünstigen. So haben Untersuchungen in israelischen Kibbuzim, in denen Kleinkinder über Nacht im Kinderhaus schliefen und dort nur unzureichend versorgt waren, ergeben, dass ein hoher Prozentsatz dieser Kinder desorganisierte Bindungsmuster zeigte. Auch könne ein gemeinsam ausgeübtes Sorgerecht dieses Bindungsmuster begünstigen, wenn es in der Weise ausgeübt werde, in der das kleine Kind kein eindeutiges Zuhause habe, insbesondere wenn es einen Teil der Woche bei dem getrennt lebenden Elternteil übernachte (Suess 2002:210; Grossmann/ Grossmann 2006:158). Die Bindungstheorie belegt, dass ein Kind eine Bindung zu einer Person aufbauen muss. Wenn aber die Bindungsperson, die Schutz und Geborgenheit bieten soll, zugleich der Auslöser für das desorganisierte Bindungsverhalten darstellt, gerät das Kind in eine Situation, aus der es keinen Ausweg sieht. Diese Situation bezeichnete Gregory Bateson als Double-Bind und bezog sich dabei auf eine bestimmte Kommunikation innerhalb familiärer Strukturen, die vor allem in Konfliktsituationen auftreten. Dabei konfrontieren die Eltern oder nur ein Elternteil das Kind mit widersprüchlichen Aussagen, Gefühlen oder Aufforderungen. Auf einer Kommunikationsart wird Liebe bekundet, auf einer anderen Zurückweisung und auf dem dritten Weg wird dann verhindert, dass das Kind dieses widersprüchliche Verhalten offen anspricht (Bourne/Ekstrand 2005:475).

Aus der Bindungserfahrung eines Kindes mit seiner Bindungsperson (in den Kategorien A bis D) werden Verhaltenssysteme aufgebaut, auf die sich das Kind später in seiner Beziehungsgestaltung bezieht.

Die vier Bindungskategorien sollten nicht als eine Persönlichkeitseigenschaft eines Kindes gesehen werden, vielmehr deuten sie auf ein Charakteristikum einer spezifischen Beziehung hin. Kinder können zu verschiedenen Personen, wie der Mutter und/oder dem Vater, unterschiedliche Formen von Bindungen haben (Oerter/Montada 2002:201).

2.2.2 Transaktionales Entwicklungsmodell

Die vier Formen von Bindung zeigen deutlich, wie unterschiedlich Mütter Bindungen zu ihren Kindern aufbauen. Das transaktionale Entwicklungsmodell geht bei der Entstehung von Bindungsmustern nicht von der Verantwortung eines einzelnen aus, sondern betrachtet die verschiedenen Faktoren, des Kindes, der Eltern und Umwelt, und ihr gegenseitiger Einfluss dazu.

Es wird die Sozialisierungstheorie berücksichtigt, nach der ein Kind, als Akteur seine Umwelt und Bedürfnisse mitgestaltet und nicht Produkt dessen ist. (Bründel/Hurrelmann 2003:7)

Ein Säugling mit seiner Individualität, seinem Temperament und seiner Persönlichkeit hat somit in der Komplexität der Bindungstheorie selbst eine gestalterische Funktion.

„Der unleidliche, irritierbare Säugling verursacht Hilflosigkeit, Gefühle des Versagens, Ärger, Ängste oder Ablehnung bei der Mutter. Der anschmiegsame, freundliche, responsive Säugling vermittelt der Mutter Befriedigung, Sicherheit und Stolz. Und diese Gefühle haben wiederum Auswirkungen auf ihr Verhalten gegenüber dem Säugling, dass dessen Entwicklung mitgestaltet.“(Oerter/Montada 2002:7)

Die Mutter reagiert auf das Verhalten ihres Kindes und unterstützt oder erschwert somit das Temperament des Kindes. Ein Säugling kann durch seine Persönlichkeit, seine individuelle Eigenart und durch seine Signale an die Bindungsperson ein bestimmtes Verhalten der Mutter herausfordern oder abweisen. Er hat er einen gewissen Einfluss auf die Qualität der Bindung, jedoch kann er dieses Verhalten weder bewusst noch gezielt steuern.

Zuvorderst haben allerdings die primären Bezugspersonen einen zentralen Einfluss auf die Bindungsentwicklung und deren Qualität (Grossmann/Grossmann 2006:161)

2.2.3 Bedeutung der Feinfühligkeit der Bindungsperson

Grossmann und Grossmann und Brisch beschreiben als wichtigsten Faktor für die Bindungsqualität des Kindes den Grad der mütterlichen Feinfühligkeit. Sie impliziert die Fähigkeit die Signale und Kommunikationsversuche des Kindes wahrzunehmen, richtig zu interpretieren und auf sie angemessen und prompt zu reagieren. Dabei können drei Gruppen mütterlichen Verhaltens identifiziert werden:

(a) „Mütterliche Feinfühligkeit gegenüber den Signalen des Kindes“: Mütter, die als feinfühlig wahrgenommen wurden, waren tendenziell zugänglich, kooperativ und sie nahmen ihr Baby an. Die Kinder nutzten ihre Mütter als „sichere Basis“ und ließen sich durch gewöhnliche Trennungen im Alltag nicht aus der Ruhe bringen
(b) „Kooperation versus Beeinträchtigung“: Darunter wird die mütterliche Bereitschaft und Fähigkeit verstanden, mit dem Baby auf gemeinsame Ziele hin zu kooperieren. Ein zentraler Teil liegt in ihrer Fähigkeit, sich in die Lage des Kindes zu versetzen und dies beim Handeln in partnerschaftlicher und verantwortlicher Weise berücksichtigen zu können. Diese Orientierung wird auch als „mind-mindedness“ bezeichnet
(c) Das Konzept der „Annahme“ oder „Akzeptanz“: erfasst, ob die Mutter ihr Baby in seiner individuellen Eigenart annehmen kann oder ob negative Gefühle überwiegen. (Grossmann/Grossmann 2004:116)

Die Mutter muss in der Lage sein, kindliches Verhalten mit Aufmerksamkeit wahrzunehmen, etwa das Weinen des Kindes in seiner Bedeutung entschlüsseln: Weinen wegen Hunger, Unwohl sein, Schmerzen, Langeweile. Eine feinfühlige Mutter interpretiert die Äußerungen ihres Kindes korrekt und nicht gefärbt durch eigene Bedürfnisse. Sie gibt dem Kind, was es zu wollen scheint und bietet ihm gleichzeitig eine akzeptable Alternative an.

Sie reagiert in zeitlichem Zusammenhang auf die Signale, also innerhalb einer für das Kind noch toleranten Frustrationszeit. Die primäre Forderung nach einer prompten Erfüllung von Bedürfnissen ist dem jeweiligen Lebensalter des Kindes immer wieder neu anzupassen. In den ersten Lebenswochen ist die aushaltbare Frustrationsspanne für den Säugling, wenn er Hunger hat, nur sehr gering.

Eine Mutter, die sich nicht einfühlen kann, stimmt dagegen ihre Interventionen und Interaktionen fast nur auf ihre eigenen Wünsche, Launen und Aktivitäten ab. Sie neigt dazu, die Äußerungen des Kindes zu verzerren, zu ignorieren oder vor dem Hintergrund ihrer Wünsche und Bedürftigkeit zu betrachten.

Wenn die Bindungsperson eine sichere Basis bietet, in der Nähe und Feinfühligkeit herrschen, ermöglicht sie dem Kleinkind, seinen Explorationsbedürfnissen nachzugehen. Es kann sich von der Mutter entfernen, frei nach außen entwickeln, seine Umwelt erkunden, unbekannte Gebiete entdecken und Beziehungen zu weiteren Personen eingehen. Die Bindungsperson dient als Quelle der Sicherheit und ist somit die sichere Basis zur Exploration. Das Explorationsbedürfnis steht im Wechsel mit dem Bindungsbedürfnis und ergänzt sich zu einer Einheit. Ist hingegen die Mutter psychisch oder emotional nicht präsent, ist das Kind unsicher und in der Exploration gehemmt. Dadurch können signifikante Einschränkungen von Lern- und Übungsmöglichkeiten, sowie Folgen für die kognitive und psychosoziale Entwicklung entstehen (Grossmann/Grossmann 2004:114, Brisch 2010:41).

Auf die Bindungspersonen wirken wiederum zahlreiche Umwelteinflüsse, die ihr Verhalten gegenüber ihrem Kind mitbestimmen und beeinflussen. Soziale Unterstützung, durch Familienangehörige und soziale Anbindung sind für die Fähigkeit der Bindungsperson, auf die Signale des Kindes angemessen zu reagieren, von signifikanter Bedeutung. Durch familiären Rückhalt und soziale Kontakte festigt sich die eigene Wahrnehmung der Bindungsperson, als gute Mutter zu agieren und zu bestehen. Ebenso von Bedeutung spielen dabei ihre persönliche Lebensgeschichte, eigene soziale Stellung und Bildung innerhalb der Gesellschaft, und vor allem ihr eigener Bindungshintergrund.

2.3 Die Entwicklung „internaler Arbeitsmodelle“

Über das Bindungsverhalten und die Reaktion der Bindungsfiguren entwickelt das Kind eine innere (mentale) Repräsentation von Bindung, das so genannte internale Arbeitsmodell.

„Bowlbys theoretische Vorstellung über ein „internales Arbeitsmodell (Inner Working Model: IWM) von sich und Anderen“, bezieht sich vor allem auf die Entwicklung innerer hypothetischer Organisationen von Emotionen im Zusammenhang mit dem Bindungs- und Explorationssystem.“(Grossmann/Grossmann Website 2001: Abschnitt 6)

IWM drückt die Erwartungshaltung eines Menschen durch seine Erfahrung mit der Bindungsperson, sowie sein Bild von der Welt aus. Eine positive Erwartungshaltung ist, wie in verschiedenen Studien zur Resilienz noch dargestellt wird, ein wesentlicher Faktor für die Widerstandfähigkeit eines Menschen (Bowlby 2004 in Grossmann/ Grossmann 2006:413).

Bowlby hat den Begriff der internalen Arbeitsmodelle geprägt, andere Autoren sprechen von inneren Repräsentationen. Mit Hilfe dieses inneren Modells macht sich das Subjekt ein Bild von der Welt, von sich und von anderen, um Geschehnisse zu begreifen, Zukunft vorwegzunehmen und eigene Pläne zu konzipieren. Bowlby beschreibt diese Arbeitsmodelle wie folgt:

„Wie Personen denken, fühlen und handeln, wird von ihrer inneren Welt beeinflusst, durch die Art, wie sie Ereignisse, die sie erfahren, wahrnehmen, gestalten und strukturieren. Die zentrale Aufgabe einer Person während ihrer individuellen Entwicklung ist die nie endende, stets aktive Wechselbeziehung zwischen Innen und Außen, und die Weise, wie diese sich beständig gegenseitig beeinflussen, nicht nur in der Kindheit, sondern auch im Leben von Jugendlichen und Erwachsenen.“ (Bowlby 2004 417 in Grossmann/ Grossmann 2006:413)

Bindungsmuster sind neben anderen Aspekten der repräsentierten Außen-Welt als Teil dieser internalen Arbeitsmodelle zu verstehen. Bindungsmuster entwickeln sich durch Beziehungserfahrungen, es sind somit keine angeborenen individuellen Charakteristika der Kinder.

Wiederholt erfahrene typische Interaktionsmuster wecken Erwartungen hinsichtlich des Charakters von Interaktionen zu den Bezugspersonen. Diese Erwartungen hinterlassen mentale Repräsentationen oder innere Arbeitsmodelle. Zentrale Bedeutung hat dabei der emotionale Gehalt dieser Erfahrungen (Fonagy 1998:351).

Kinder bauen zu verschiedenen Bezugspersonen unterschiedliche Bindungsqualitäten auf. Alle Beziehungserfahrungen wirken auf die „inneren Arbeitsmodelle“. Somit erleichtern die internalen oder inneren Arbeitsmodelle dem Kind es, sich in seiner sozialen Welt zu orientieren. Mit dem Begriff der internalen Arbeitsmodelle von Bowlby wurde bewusst ein dynamischer Begriff gewählt, der seine Veränderbarkeit impliziert.

„Er wollte damit verdeutlichen, dass es sich um Modelle handelt, die dazu gemacht sind, einen ständigen Angleich mit äußeren Gegebenheiten zu vollziehen, und die sich ändern müssen, wenn sie einer Überprüfung an der Realität wiederholt nicht standhalten“ (Grossmann/Grossmann 2006:414)

Sie können sich durch beständig neuartige Erfahrungen ändern, allerdings regrediert der Veränderungsprozess, mit zunehmendem Alter und der Menge der Erfahrungen. Die Arbeitsmodelle stehen in ständigem Austausch, mit der jeweils neuen Erfahrungswirklichkeit und werden immer weiter verfeinert und den jeweiligen Gegebenheiten angepasst. Sie stehen für Kontinuität und Veränderung zugleich und dienen der Voraussagbarkeit und Orientierung. Auch komplexe Situationen können schnell erfasst und „eingeordnet“ und damit bewältigt werden (Suess 2002:211)

Nach Bowlby sind die beiden Hauptaspekte des internalen Arbeitsmodells zum einen, der elterliche Respekt für die Bindungswünsche des Kindes und zum anderen, seine Bedürfnisse zur Exploration. Ein Kind, dessen Eltern diesen Bedürfnissen und Wünschen nachkommen, und entsprechend verfügbar und unterstützend sind, entwirft ein Arbeitsmodell von sich selbst und empfindet sich dann als fähig und wert, unterstützt zu werden (Grossmann/Grossmann Website 2001:Abschnitt 6)

2.4 Mentalisierung, Affektregulierung und die Entwicklung des Selbst

Fonagys Ansatz kann als bedeutsame Differenzierung und grundlegende Erweiterung des Konzepts der internalen Arbeitsmodelle angesehen werden. Er integriert die Bindungsforschung, den Ansatz der „Theory of Mind“- und die Psychoanalyse zu einem umfassenden Konzept der kindlichen Entwicklung (Dornes 2004, 2005)

Da die Fähigkeit zur Mentalisierung als ein zentraler Moment der Resilienz angesehen wird, wird im folgenden Fonagys Theorie der Entwicklung vom frühen Erwerb der Affektregulierung zur Mentalisierungsfähigkeit und reflexiven Kompetenz erläutert.

Die Fähigkeit, sich selbst und andere als Wesen mit geistig-seelischen Zuständen zu verstehen, wird von Fonagy u.a. als Mentalisierung bezeichnet. Diese Fähigkeit entsteht nicht einfach durch Reifung, sondern entwickelt sich in Abhängigkeit von der Bindungs-Qualität der Primärbeziehung. Indem das Kind erfährt, dass es in seinen zunächst körperlichen Zuständen von den Erwachsenen „gespiegelt“ wird, kann es die in ihm entstehenden Affekte regulieren. Ein zentrales Element beim Prozess der Affektspiegelung ist der spielerisch-markierende Umgang der Eltern mit den Affekten des Säuglings. Er lächelt, die Eltern lächeln zurück und sprechen dabei zu ihm.

Der Austausch, der Affektsignale zwischen Mutter und Kind von Angesicht zu Angesicht, ist ein schnell ablaufender wechselseitiger Prozess. In Bruchteilen von Sekunden wird das Verhalten des jeweils anderen antizipiert. Als Grundlage wirken Schemata über die zu erwartende Reaktion des anderen. In diesem Entwicklungsstadium, zwischen der Geburt und dem 5. Lebensmonat, sind die Interaktionen noch keine „geistigen“ Prozesse, weil beim Kind noch keine inneren Repräsentanzen der Mutter vorhanden sind. Vorläufer solcher Repräsentanzen sind jedoch schon angelegt, die durch die Erfahrung zur Entwicklung von Repräsentanzen führen. Zwischen dem sechsten und achtzehnten Lebensmonat erfolgt die Verknüpfung von Repräsentanzen. Die Fähigkeit des Säuglings nimmt zu, seine eigene psychische Befindlichkeit mit der einer Bezugsperson, in Bezug auf einen Dritten (Gegenstand oder Person), in Einklang zu bringen. Der Ausdruck des kindlichen Gefühls bei der Mutter führt zu einer Repräsentation beim Kind und wird mit den Repräsentanzen seiner Selbstempfindung verknüpft (Fonagy 2003:37).

Die Affekte des Säuglings werden jedoch nicht einfach gespiegelt, sie werden auf eine etwas künstliche übertriebene Weise an den Säugling zurückgegeben. Das Lächeln der Mutter ist breiter als das des Säuglings, sie wiederholt das Lächeln - wie auch ihre sprachlichen Kommentare - mehrfach in verschiedenen Variationen und Modulationen. Durch die damit einhergehende Übertreibung kommt es zu einer Markierung, die es dem Säugling erlaubt zu bemerken, dass die Eltern etwas von ihm darstellen und nicht nur etwas Eigenes ausdrücken. Ähnlich ist es bei negativen Affekten, denn auf den Schmerz des Säuglings, z.B. beim Impfen, antworten die Eltern mit einem schmerzlichen Gesichtsausdruck, der dem Säugling signalisiert, dass sie seinen Zustand verstehen. Sie machen aber nicht ein realistisch schmerzverzerrtes Gesicht, als wäre ihnen selbst Schmerz zugefügt worden, sondern modulieren ihren Ausdruck spielerisch und begleiten ihn mit Kommentaren, die Beruhigung signalisieren. Dadurch wird der Schmerz zugleich aufgenommen und modifiziert. Der Säugling sieht in der elterlichen Reaktion eine modifizierte Darstellung seines eigenen Zustandes, verinnerlicht diese Darstellung, verknüpft mit dem eigenen Zustand und entwickelt so eine sekundäre (symbolische) Repräsentanz seines primären Schmerzzustandes. Diese Repräsentanz kann später in ähnlichen Situationen abgerufen werden und ihm bei der Affektregulation behilflich sein. Das Gesicht der Mutter ist für das Kind der Seismograph dafür, neue Personen, Situationen und Gegenstände einzuschätzen. Das ältere Kind orientiert sich immer wieder an der Mimik und Gestik der Mutter, um in neuen Situationen zu bestehen. Die Spiegelung des Gefühls durch die Mutter bietet einen Anreiz zur Organisation der kindlichen Erfahrungen und einen symbolischen Ausdruck für das, was das Kind fühlt. Nur dadurch, dass die Reaktion der Mutter niemals eine genaue Kopie der kindlichen Erfahrung ist, ermöglicht sie dem Kind, die Repräsentation seiner kindlichen inneren Gefühlserfahrung auf einer höheren Ebene. Diese elterlichen Reaktionen (bzw. frühen Erfahrungen) sind entscheidend für Art und Ausmaß der Symbolisierung. Reagieren die Eltern z.B. mit unmodifiziertem Schmerz oder mit Spott auf den Schmerz des Säuglings, wird die Symbolbildung beeinträchtigt – entweder, weil die symbolische Repräsentanz im Falle der unmodifizierten Stellungnahme zu viel vom primären Zustand enthält oder aber, weil sie - im Falle des Spotts, verzerrt ist (Dornes 2004, 2006). In diesem Fall kann der Prozess des Spiegelns jedoch auch scheitern, wenn die Antwort der Mutter der kindlichen Erfahrung zu nahe kommt oder zu weit davon entfernt ist. Ist die Spiegelung durch die Mutter zu nahe an der Befindlichkeit des Kindes, stellt sie damit dem Kind keine Repräsentanz zur Verfügung, die eine gemeinsame Basis mit der inneren Erfahrung des Kindes sein kann. Ist sie zu weit davon entfernt, geht auch diese Erfahrungsmöglichkeit der gemeinsamen Repräsentanz verloren, da das Kind durch die Reaktion der Mutter abgelenkt und mit deren Befindlichkeit überlagert wird (Fonagy 2003:38). Das Konzept der elterlichen Feinfühligkeit ist also wesentlich davon geprägt, dass es der Mutter gelingt, eine verknüpfende Repräsentanz zwischen emotionaler Äußerung und innerem Erlebnis zu ermöglichen (Fonagy 2003:36, Dornes 2004, 2006).

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Titel: Eine Mutter kämpft mit ihrem Säugling