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Landwirtschaftliche Involution in Java. Ursachen und die Auswirkungen der Grünen Revolution

Hausarbeit 2011 23 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Südasien

Leseprobe

Gliederung

Einleitung

Morphologische Daten als Merkmalsträger zur
Definition eines Entwicklungslandes

Ursachen der Rückständigkeit

Das Konzept der landwirtschaftlichen Involution
-DasBeispiel Javas

Auswirkungen der Involution auf die jetzige

Rückständigkeit des javanischen Agrarsektors

Grüne Revolution - Intention und Anspruch

Folgen der Grünen Revolution in Java

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Mitte des 17. Jahrhunderts wurde Java allmählich von den Niederländern okkupiert und kolonisiert, dieser Zustand wurde mit kurzer Unterbrechung durch die Briten bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieg, als Japan die Insel besetzte, aufrechterhalten. Java wurde danach unabhängig und Teil des Staates Indonesien. Java bzw. Indonesien galt zu der Zeit, in der sich die folgende Betrachtung bewegt, als Entwicklungsland. Es handelt sich hierbei neben einer kurzen historischen Betrachtung vornehmlich um den Zeitraum der 1960er und 1970er Jahre. Innerhalb dieses Zeitraumes schreibt der amerikanische Ethnologe Clifford Geertz sein Werk ,, Agricultural involution: the process of ecological change in Indonesia" und behandelt darin die Unterentwicklung der javanischen Ökonomie und erstellt das theoretische Konstrukt der landwirtschaftlichen Involution, dass seiner Meinung nach ursächlich für die ungenügende industrielle Entwicklung ist.

In den Jahren nach der Analyse Geertz beginnen global Programme die der Bekämpfung von Hunger und Armut dienen sollen. Die Grüne Revolution zielt auf die Steigerung der Produktivität durch den Einsatz verschiedener Maßnahmen. Aufgabe der Arbeit ist es zu beleuchten, inwieweit Forderungen die Geertz in seinem Konstrukt aufstellt durch die Grüne Revolution erfüllt werden und welche positiven und negativen Auswirkungen sich dadurch ergeben.

Zu Beginn ist zu klären anhand welcher Rahmendaten sich der Status eines Entwicklungslandes definieren lässt und welche gängigen Annahmen über Ursachen einer Rückständigkeit - im Bezug auf die moderne, vorherrschende westlich-kapitalistische - bestehen. Im Anschluss daran wird das Konzept der Involution erläutert sowie Folgen und Auswirkungen dieses Prozesses näher beschrieben werden.

Nachdem eine Grundlage für die Notwendigkeit struktureller Innovationen in der javanischen Landwirtschaft erarbeitet wurde ist die Umsetzung des Modernisierungsprozesses durch die Grüne Revolution im allgemeinen und daran anschließen im speziellen Fall Javas aufzuzeigen und zu bewerten.

Morphologische Daten als Merkmalsträger zur Definition eines Entwicklungslandes Betrachtet man die von Rahmanzadeh entwickelten Kriterien, die im Folgenden dargestellt werden sollen, zeigt sich, dass diese auch auf die Lage in Java projiziert werden können. Entwicklungsländer weisen dieser Darstellung nach als deutliches Merkmal eine hohe Beschäftigungsrate im landwirtschaftlichen Sektor auf. Zur Zeit zu der Geertz seine Analyse fertigt, sind in den Entwicklungsländern 45 bis 77% (Rahmanzadeh 1974: 13) im Agrarsektor beschäftigt. Weiteres Kriterium ist ein rapider Bevölkerungszuwachs, das wiederum seinerseits ein vorhandenes Problem erheblich verstärkt: das Ernährungsproblem. Für die Jahre I960 - 1970 ergibt sich in den Industrienationen ein marginaler Bevölkerungszuwachs der zwischenzeitlich sogar stagniert, in den Entwicklungsländern zur selben Zeit einen Zuwachs von 2,5 - 2,6 (vgl. ebd.: 15) Obgleich in den Entwicklungsländern weite Teile der Bevölkerung im Agrarsektor beschäftigt sind, produziert dieser Sektor nicht genug um die wachsende Bevölkerung zu ernähren. Dabei ist zu beachten, dass sich in diesen Ländern der Agrarsektor überwiegend durch Monokulturen bewirtschaftet wird und die ursprüngliche Versorgungsunabhängigkeit nicht mehr besteht. Weiterer Kritikpunkt im Anbau von Monokulturen ist die damit verbundene klimatische und wirtschaftliche Krisenanfälligkeit (vgl. a.a.O.: 19). Damit einhergehend ist auch die wirtschaftliche Abhängigkeit vom globalen Markt enorm. Wird das einzig produzierte Gut auf dem Markt nicht mehr erfragt, leidet die Wirtschaft und Produktionsüberschüsse - die intern nicht verwertet werden können, da das Produzierte nicht auf interne Belangen ausgelegt ist - entstehen. Eine einseitige Abhängigkeit die den Abnehmern des Weiteren eine kontrollierende und regulierende Funktion über die Wirtschaft des jeweiligen Landes einräumt. Dazu passt auch die globale Unterteilung in Länder mit extraktiver und verarbeitender Industrie. Schaut man sich die reinen Zahlen an, so ist zur Zeit der Studie Geertz' ein stetiges Wachstum in der Beschäftigungsrate in der Industrie zu verzeichnen. Dabei ist zu beachten, dass sich der Zuwachs in den Entwicklungsländern hauptsächlich auf die extraktive Industrie, d.i. die Rohstoff produzierende Industrie, erstreckt, deren Endprodukte noch der weiteren Verarbeitung in den Industrienationen bedürfen. 1958 sind 92,7% der verarbeitenden Industrie in den Industrienationen angesiedelt.

Weiterhin ist innerhalb der Länder vor und nach der Kolonisation eine ungleiche Verteilung von Landbesitz und Reichtum vorzufinden. Evers spricht von einer „Kulakisierung" (ebd. 1981: 7)also der Konzentration von Land in den Händen großer Bauern und Farmer.

Rahmanzadeh führt drei Hauptursachen der Rückständigkeit von Entwicklungsländern auf, die im Folgenden erläutert und auf die spezifische Situation in Java angewandt werden sollen.

Ursachen der Rückständigkeit

Bei der Ursachensuche nach der Rückständigkeit im Bezug auf die Industrialisierung und wirtschaftliche Entwicklung zeigt sich vor allem die koloniale Okkupation als Zäsur für die einheimische Produktionsweise und als strukturell-nachhaltige Störung des gesamt­gesellschaftlichen Systems. Zu klären ist daher: wie die natürliche Ordnung und historischen Gegebenheiten durch die Kolonisation beeinflusst wurden, welche strukturellen Veränderungen und Abhängigkeiten geschaffen wurden und welche Folgen sich gegenwärtig daraus entwickelt haben (vgl. Rahmanzadeh 1974: 34).

So können gesellschaftliche Verhältnisse als entscheidendes Moment für die Möglichkeit bzw. Unmöglichkeit zur Aktualisierung der Produktivkräfte gesehen werden. Innerhalb dieser wird nämlich darüber entschieden, ob Neuerungen zum Einsatz kommen oder durch externe Umstände verhindert werden. Ist die gesellschaftliche Struktur nur darauf ausgelegt den herrschenden Status zu konservieren, findet also lediglich Wiederholung statt und es entsteht Stagnation[1] und es kann keine Weiterentwicklung geschehen (vgl. ILO 1979: 6). Es ist daher den Umständen die zum Zustand der Stagnation führen nachzugehen; im vorliegenden Beispiel sollen die dafür verantwortlichen Umstände vor allem im Moment der kolonialen Okkupation gesucht werden.

Als entscheidend für die jetzige Situation der Entwicklungsländer mit kolonialer Vergangenheit ist die Phase in der der Wettbewerbskapitalismus als dominierende Wirtschafts- und Handelsform etabliert wird. In Folge dessen wurden die Kolonien zu Rohstofflieferanten deren Produktion auf eine bestimmte Ware ausgerichtet wurde mit weitreichenden Folgen die wirtschaftliche Autonomie des Landes betreffend. So wurden Länder die vormals unabhängig vom Welthandel waren gezwungen Rohstoffe und

Der Begriff der Stagnation ähnelt dem später behandelten Konzept der Involution Nahrungsmittel zu importieren die vormals selbst erwirtschaftet wurden, nun jedoch durch die oktroyierten Monokulturen verdrängt wurden. Weitere Folge die sich daraus ableitet ist die Störung der sozioökonomischen Struktur, da vorhandene Produktionsweisen verdrängt oder rationalisiert wurden. Daraus ergeben sich fortbestehende Abhängigkeiten denn die Kolonien waren nun in doppelter Abhängigkeit mit ihren Kolonisatoren verbunden: einerseits waren sie darauf angewiesen ihre produzierten Güter an die Kolonisatoren abzusetzen, andererseits darauf angewiesen, dass sie mit Importen - die notwendig für die Ernährung usw. der Gesellschaft sind - versorgt werden. Diese Abhängigkeit führt sich noch heute darin fort, dass eine Einteilung in arme, rohstoffproduzierende Länder und reiche, kapitalistische Fertigwarenproduzenten aufzeigt. Die o.g. Aufteilung von extraktiver und verarbeitender Industrie zeigt sich als Hauptproblem der fortbestehenden Abhängigkeit so zeigt sich für das Jahr 1966 [2] bezogen auf Investitionen in die Industrie in Entwicklungsländern eine stark ungleichmäßige Verteilung der Investitionen auf extraktive und verarbeitende Industrie. Erstere verzeichnet Investitionen von gesamt 49%, die verarbeitende Industrie hingegen nur Investitionen von 27% (vgl. Rahmanzadeh 1974: 58).

Betrachtet man dies unter dem Aspekt, dass damit Abhängigkeiten konserviert werden sollen wird augenscheinlich, dass man nicht sonderlich daran interessiert ist die industrielle Entwicklung gesamtwirtschaftlich voranzutreiben, sondern die Länder in ihrer Rolle als Rohstofflieferant und Absatzmarkt für Exporte halten will.

Das Konzept der landwirtschaftlichen Involution - Das Beispiel Javas

In vorkolonialer Zeit war die Gesellschaft in Java auf bäuerliche Subsistenzproduktion und dörfliches Handwerk ausgelegt. Waren wurde getauscht oder an ihrem Gebrauchswert ausgerichtet. Zu bemerken ist jedoch, dass die egalitäre Dorfgesellschaft wie Geertz sie im Konzept der geteilten Armut (s.u.) zeichnet zu keiner Zeit existierte. Auch in vorkolonialer Zeit gab es eine Klasse Bodenbesitzender und eine Klasse Abhängiger und die dörflichen Gemeinschaften standen unter Kontrolle einer zentralstaatlichen Instanz, an die auch Abgaben geleistet wurden. Durch die niederländische Kolonisation und den kolonialen Kapitalismus werden diese Strukturen zerstört. Die vorangehende Konzentration auf Nach Pearson Bericht 1971 in Rahmanzadeh 1974: 58

Subsistenz und Tauschhandel wurde marginalisiert und durch die Prioritäten der Produktionssteigerung und Profitmaximierung ersetzt (vgl. Holenstein 1981: 3). Es entstehen zwei duale Gesellschaften die auf unterschiedliche Weise produzieren: Einerseits die bäuerliche Landwirtschaft, die auf das Hauptnahrungsmittel Reis konzentriert wird und andererseits die koloniale und in ihrer Produktionsweise kapitalistisch produzierende Plantagenwirtschaft (vgl. Bundschu 1994:104).

Geertz sieht darin die Grundlage für die bis heute anhaltende Rückständigkeit des javanischen Agrarsektors und untersucht dazu die Javas Ende des 19. und Anfang bzw. Mitte des 20. Jahrhunderts.

Um 1870 wurde das Plantagensystem herrschende Form der Ausbeutung der indonesi­schen Ressourcen. In dieser Phase der von kapitalistischer versus traditionaler Produkti­onsweise geprägter Entwicklung zeigte sich ein immer größer werdender Abstand zwi­schen der kapitalintensiven Arbeitsweise der Kolonisatoren und der arbeitsintensiven Sub­sistenzwirtschaft der javanischen Bauern. Geertz sieht beide Sektoren in symbiotischer Form miteinander verbunden. Zucker als wichtigstes Plantagenprodukt benötigte diesel­ben Anbaubedingungen wie der im sawah[3] System angebaute Reis. In jährlichem Wechsel mit Reis wurde daher auf den sawah Felder Zucker angebaut. Dabei konzentrierte man sich auf Felder die hohen Ertrag versprachen und auf dicht besiedelte Regionen, da dort billige Arbeitskräfte zu gewinnen waren.

Innerhalb des sawah Systems musste jedoch nun auf die steigende Bevölkerung einerseits und auf ein Verlangen nach mehr produziertem Gut reagieren. Dabei ist zu beachten, dass dem in Java vorherrschenden Anbauweisen elementare Bedeutung für den Prozess der Involution zuzurechnen ist. Geertz teil Indonesien dabei in ein inneres und ein äußeres, mit jeweils unterschiedlichen Anbausystemen (vgl. Geertz 1963: 12). Sawah, vorherrschend im inneren Indonesien, damit auch in Java, reagierte auf andere Weise auf die wachsende Bevölkerung als die im äußeren Indonesien vorherrschende Landwechselwirtschaft swidden. Letztere konnte ihren Ertrag nur steigern indem zusätzliche Produktionsflächen gewonnen wurden, hingegen konnte das sawah System auf gleicher Fläche mit mehr Arbeitskräften konzentrierter wirtschaften und so einen höheren Output generieren (ebd. 1963: 29f). Innerhalb dieser Generierung findet sich jedoch schon der Grundstein für die spätere Involution: Um eine Ertragssteigerung zu erzielen, wurden keine technischen Neuerungen, d.h. strukturelle Innovationen Erläuterung siehe im weiteren Verlauf des Textes eingeführt, sondern es wurde darauf gesetzt durch arbeitsintensivere Verfahren ein höherer Ertrag zu erwirtschaftetem. Diese statische Expansion nennt Geertz landwirtschaftliche Involution. Durch die permanente Teilung der Anbauflächen Nassreisbausystem konnte die stetig steigende Bevölkerung durch fortschreitende Teilung der Anbauflächen und Arbeit in kleinst-Reisfarmen beschäftigt und zunächst auch versorgt werden konnte, ohne dass zunächst ein Absinken des individuellen Pro Kopf Einkommens zu verzeichnen ist. Das ursprüngliche System funktionierte zunächst also mit mehr Menschen auf gleicher Produktionsfläche. Es scheint jedoch offensichtlich, dass dieser Prozess mit Wachstum der Produktivkräfte ohne Modernisierung bzw. Weiterentwicklung langfristig nicht funktionieren kann. Bedingt dadurch, dass der komplette Bevölkerungszuwachs - zwecks Versorgung der Gesellschaft - in den Agrarsektor absorbiert werden musste standen keine freien Kapazitäten für den Aufbau eines industriellen Sektors zur Verfügung. Die javanische Gesellschaft bzw. ihre Produktionsweise konnten zwar durchaus ihre Produktivität steigern, jedoch nicht resultierend aus den so wichtigen technischen und strukturellen Innovationen, sondern lediglich durch eine Maximierung des Einsatzes der Produktivkräfte. Es geschah daher eine Entwicklung „in sich", der es nicht möglich war, die negativen Folgen für den industriellen Sektor durch einen herausragenden Produktionsertrag abzufedern.

Geertz stellt zur Veranschaulichung der negativen Folgen der Involution die Entwicklungen Japans und Javas gegenüber. Im Gegensatz zu Java zeichnet sich in Japan eine komplett andere Entwicklung und der Übergang vom Agrarstaat zur Industrienation gelingt. Im Folgenden soll darauf kurz eingegangen werden[4]: Geertz führt die Unterschiede in der Entwicklung im Wesentlichen darauf zurück, dass eine unterschiedliche Nutznießung des Bevölkerungswachstums geschieht. In Japan ergeben sich freie Kapazitäten für die aufkommende Industrialisierung, da eine Ertragssteigerung pro Hektar und pro Arbeiter durch strukturelle und technische Innovationen erreicht werden konnte. Es entwickelte sich eine Dynamik von der Agrar- und Industriesektor nachhaltig profitieren konnten. Der industrielle wurde zunächst durch den landwirtschaftlichen Sektor - in Form von Steuerabgaben - gestützt und aufgebaut, half so über die „crucial three decades" (Geertz 1963: 135) und nachdem sich ein leistungsfähiger und ökonomisch starker industrieller Sektor entwickelt hatte konnte dieser wiederum den landwirtschaftlichen unterstützen. Die Unterstützung zeigt sich in Form von künstlichem Dünger, effektiveren Arbeitsgeräten,

[...]


[1] Der Begriff der Stagnation ähnelt dem später behandelten Konzept der Involution

[2] Nach Pearson Bericht 1971 in Rahmanzadeh 1974: 58

[3] Erläuterung siehe im weiteren Verlauf des Textes

[4] Weitere Ausführungen siehe Geertz 1963 125ff

Details

Seiten
23
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656431367
ISBN (Buch)
9783656436386
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v214992
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
Schlagworte
Involution grüne Revolution Java

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