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Vorspanische Medizinalsysteme Südamerikas am Beispiel der Azteken

Essay 2008 21 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Quellen zum aztekischen Medizinalsystem

3. Hintergründe: Kosmovision und aztekisches Weltbild

4. Die präkolumbische aztekische Medizin
4.1 Epidemiologie
4.2 Diagnostik und Ätiologie
4.3 Behandlung und Heilung

5. Nachwort und Ausblick
Verzeichnis der verwendeten Literatur

1. Einleitung

„The good physician is a diagnostician, experienced – a knower of herbs, of stones, of trees, and of roots.” (Historia general de las cosas de Nueva España, Band 10)

Als die Spanier zu Beginn des 16.Jahrhunderts erste Kontakte mit den großen Vielvölkerreich Zentralmexikos, das später als Reich der Azteken bekannt wurden, aufnahm, waren sie über die grausamen Menschenopfer ebenso entsetzt - wie über kulturelle Errungenschaften wie Städte, Bilderschrift oder Ballspiel erstaunt. Während in Europa vor allem die exotischen und grausamen Aspekte der altmexikanischen Hochkultur rezipiert wurden, erfuhren die Eroberer des 1521 eroberten Reiches schnell auch von ihren subtileren und angenehmeren Seiten. Eine davon war das Heilwesen der Azteken, das, wie jedes andere Heilsystem dieser Zeit auch, seine Basis in mytho-religiösen Vorstellungen hatte, aber durchaus auch empirische Aspekte besaß und pragmatisch anwendbar war. Für das aztekische Medizinalsystem galt dies in einem Maß, das es von den spanischen Konquistadoren ihrer eigenen Medizin vorgezogen wurde, trotz manchmal evidenter „heidnischer“ Aspekte, und bald nach der Eroberung begannen sich auch gebildete und sogar europäische Ärzte für die weniger religiös-magischen Aspekte aztekischer Heilkunde zu interessieren. Auch wegen gewisser Berührungspunkte gerade in der Kräutermedizin bildeten sich in der Kolonialzeit synkretistische Mischformen europäischer und aztekischer Volksheilkunde, und besonders die magisch-religiösen Aspekte des aztekischen Wissen verschwanden rasch, aus ebenso offensichtlichen wie traurigen Gründen.

In der vorliegenden Arbeit soll versucht werden, einen systematischen Überblick über das präkolumbische aztekische Medizinalsystem zu geben. Hierzu soll zuerst auf die wichtigsten Quellen eingegangen werden (2.), um dann die wesentlichen Grundstrukturen der aztekischen Weltanschauung zu skizzieren (3). Im anschließenden Hauptteil (4.) wird das aztekische Medizinalsystem dann in seinen Grundzügen dargestellt. Zuerst (4.1) wird dazu die aztekische Krankheitslehre untersucht, gefolgt von einer Übersicht über aztekische Diagnostik und (angenommene) Krankheitsursachen (4.2). Abschließend (4.3) werden die verschiedenen aztekischen Behandlungsformen vorgestellt, von Wundheilung über magische „Medizin“ zu einem auch heute noch relevanteten Aspekt des aztekischen Heilwissens, der Kräuterheilkunde.

2. Quellen zum aztekischen Medizinalsystem

Unter den mesoamerikanischen Hochkulturen ist die der Azteken am besten erforscht, was überwiegend an der Vielzahl schriftlicher Quellen mit zum Teil beachtlicher Detailfülle liegt. Allerdings sind manche dieser Quellen mit recht großer zeitlicher Distanz zur Konquista verfasst worden, was leider häufig die Beeinflussung durch europäisches Gedankengut bedingt. Zwar gibt es einige Quellenformen (etwa bilderschriftliche Codices), deren europäische „Schlagseite“ zumindest nur marginal ausfällt. Allerdings liegen für das aztekische Medizinalsystem solche Quellen nicht vor, hier ist man auf ethnohistorische Werke mit unterschiedlicher Publikationsintention und - Schwerpunktsetzung angewiesen. Im folgenden werden die wichtigsten davon vorgestellt; anzumerken ist, das es gerade im Rahmen der neuspanischen Inquisition noch über einige „häretische“ Praktiken berichtenden Werke gab, die durch Betonung des magisch-religösen Aspektes der aztekischen Heilkunde noch zusätzliche Informationen liefern können ((Ortiz de Montellano 2001: 38- 40).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Aztekische Kräutermedizin. Illustration in der Historia General (Quelle: Mexicolore[1])

Sahagún. Eine der wichtigsten ethnohistorischen Quellen zur aztekischen Kultur ist das zwölfbändige Werk von Bernardino de Sahagún, die „Historia general de las cosas de Nueva España“. Sie wurde von dem Franziskanermönch Sahagún auf Basis von systematischen Interviews in Spanisch und Aztekisch (Nahuatl) verfasst und nach über 30-jähriger Arbeit 1569 fertiggestellt. Das monumentale Werk sollte primär als Referenz für die Missionarbeit dienen, aber auch, gemäß den Vorstellungen des Franziskanerordens über die Errichtung eines christlichen Utopia in Mexiko, als Wissenbasis die Restauration eines nun christlichen aztekischen Reiches in seinem ursprünglichen prä-kolumbischen Glanz ermöglichen (Ortiz de Montellano 2001: 32).

Da sowohl Sahagún selber als auch die (mögliche) Leserschaft bzw. die europäische Öffentlichkeit sehr am Thema aztekische Heilkunde und Medizin interessiert waren, findet sich in dem Werk viel Information über das Medizinalsystem der Azteken. Diese Informationen sind zweierlei Art: Zum einen gibt es eine Vielzahl von verstreuten Information über Themen wie den Göttern zugeschriebene Krankheiten oder magische Heilpraktiken, zum anderen auch systematische Darstellungen von Aspekten der aztekischen Medizin wie Krankheitsklassifikation oder Ätiologie. Die Abschnitte mit systematischen Informationen verraten aber den nicht wenig heiklen Status des Themas: während die Informanten für den ersteren Typus namentlich genannt wurden, sind hier keine Namen genannt. Vermutlich fürchteten die Informanten - laut dem Autor praktizierende Heilkundige - Verfolgung (Ortiz de Montellano 2001: 35). Dies galt in gewissen Grad auch für Sahagún selber. Die nahezu emische Perspektive des Werkes machte ihn in den Augen radikalerer katholischer Kräfte verdächtig. Nach der Einführung der Inquisition in Neuspanien 1570 wurden Teile seines Werkes beschlagnahmt, und frühere Versionen der „Historia General“ zeigen zum Teil deutlich mehr Informationen über religiös-magische Praktiken und Kranksheitsursachen als die letzte Version (Ortiz de Montellano 2001: 34-35).

[...]


[1] http://www.mexicolore.co.uk/uploadimages/317_00_2.jpg; Zugriff vom 7.3.2008.

Details

Seiten
21
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656428374
ISBN (Buch)
9783656434627
Dateigröße
1023 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v214999
Schlagworte
vorspanische medizinalsysteme südamerikas beispiel azteken

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