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Die Entwicklung von Diskursmarkern

Ein Phänomen der gesprochenen Sprache

Seminararbeit 2011 20 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. weil, obwohl und wobei in der gesprochenen Sprache
2.1 weil
2.2 obwohl
2.3 wobei

3. Diskursmarker in der gesprochenen Sprache
3.1 Welche Funktionen hat ein Diskursmarker?
3.2 Weshalb eignen sich weil, obwohl und wobei als Diskursmarker?

4. Ist diese Entwicklung ein Phänomen der Grammatikalisierung?

5. Mögliche Lösungsvorschläge
5.1 Pragmatisierung versus Grammatikalisierung (Günthner & Mutz)
5.2 Pragmatic Strenghtening (Traugott & König), Pragmatic Iinferencing (Hopper & Traugott) in Grammatikalisierunprozessen
5.3 Zentrum und Peripherie der Grammatikalisierung (Wiener & Bisang)
5.4 Grammatik als offene Form (Günthner & Auer)

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dieses Gespräch zwischen zwei Schülern veranschaulicht das gesprochensprachliche Phänomen der Diskursmarker. Auf weil, obwohl und wobei folgt in der geschriebenen Standardsprache ein Nebensatz mit Verbletztstellung. Nun könnte man den beiden Schülern unterstellen, dass sie von dieser Verbletztstellung in Nebensätzen nichts wissen oder sie sogar bewusst missachten.

Dieses Phänomen der Verbzweitstellung nach Subjunktionen ist aber weit verbreitet und erregt mittlerweile große Aufmerksamkeit. Sprachpfleger sehen darin den endgültigen Verfall der deutschen Sprache und kommen mit der Forderung „Rettet den Kausalsatz“. Bastian Sick sieht in der „Abschaffung des Nebensatzes hinter weil[1] die Bequemlichkeit der Deutschen als erwiesen und klärt in seiner Kolumne 'Zwiebelfisch' darüber auf, wie der auf das weil folgende Satz auszusehen hat. Er befürchtet fernerhin „[...], dass sich die Grammatikwerke dem irgendwann anpassen und die Einleitung von Hauptsätzen mit weil und obwohl als zulässig erklären.“[2]

Auch die Sprachwissenschaft beschäftigt sich mit diesem Phänomen der gesprochenen Sprache und kommt dabei zu Ergebnissen, die das Aussterben der Nebensätze in der deutschen Sprache ausschließen, da nicht sie nicht die deutsche Bequemlichkeit, sondern andere Gründe für diese Hauptsatzstellung verantwortlich machen.

Ziel dieser Hausarbeit ist es, das Phänomen der Hauptsatzstellung nach weil, obwohl und wobei in der deutschen Sprache darzustellen und die unterschiedlichen Funktionen dieser Wörter in geschriebener und gesprochener Sprache herauszustellen. Weiterhin soll auf ihre diskursorganisierende Funktion als 'Diskursmarker' eingegangen werden und dabei dessen Aufgaben, sowie die Eignung von Subjunktionen als Diskursmarker anhand des von Peter Auer entwickelten Modells der 'on line-Syntax' erklärt werden. Danach wird versucht, diese Entwicklung als einen Prozess der Grammatikalisierung einzuordnen, wozu das Phänomen an klassischen Parametern der Grammatikalisierung gemessen wird. In einem letzten Schritt werden Modelle angezeigt, die Pragmatisierung zu einem systematischen Forschungsgegenstand machen und sie dafür vom Grammatikalisierungsprozess abgrenzen oder eine Verbindung zu diesem suchen, um den relativ neuen Sprachwandelprozess untersuchbar zu machen.

2. weil, obwohl und wobei in der gesprochenen Sprache

2.1 weil

Im Duden 9 steht: „Mit der Konjunktion weil werden Nebensätze eingeleitet, das Verb (Finitum) steht also standardsprachlich wie bei allen mit einer unterordnenden Konjunktion eingeleiteten Nebensätzen am Ende (Verbletztsatz). […] In der gesprochenen Sprache kommt weil jedoch auch in Sätzen mit dem finiten Verb nach dem ersten Satzglied wie im Aussagehauptsatz […] vor.“[3]

Der Duden 9 weist hiermit schon auf die Varianten der Verbstellung in weil -Sätzen hin, die sich zwischen geschriebenem und gesprochenem Deutsch ergeben können. Im geschriebenen Deutsch ist weil eine subordinierende Konjunktion, die Nebensätze einleitet, die in kausaler Verbindung mit dem zugehörigen Hauptsatz stehen. Der weil -Satz gibt den Grund für den Zustand oder das Ereignis im Hauptsatz an.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In diesem Beispiel finden sich beide Varianten, die von einer Sprecherin benutzt werden. In Zeile 26 liegt Verbletztstellung vor, wie sie im Geschriebenen als korrekt eingestuft wird. Das weil liefert dort den Grund, warum die Sprecherin genau an diesem Tag ins Kino möchte; weil dies nämlich ihr einziger freier Abend in absehbarer Zeit ist. Weil ist in diesem Fall eine Subjunktion, die den begründenden Nebensatz einleitet. In Zeile 27 folgt auf das weil ein Satz mit Verbzweitstellung, die geschrieben standardsprachlich nicht korrekt ist und von der Sprecherin trotz Kenntnis der 'zu gebrauchenden' Verbletztkonstuktion benutzt wird. Dieser weil -Satz ist dem Hauptsatz von Zeile 25 nicht untergeordnet wie der direkt folgende weil -Satz.[4]

Susanne Günthner teilt die Verbzweitstellung in weil -Sätzen in vier Kategorien ein, die andere Motivationen und Funktionen als die Verbletztkonstruktionen haben. In diesem Beispiel liegt eine „Markierung einer relativen syntaktischen und pragmatischen Unabhängigkeit des weil -Satzes“[5] vor, der syntaktisch, pragmatisch und prosodisch die Unabhängigkeit zum vorangehenden Hauptsatz markiert. Syntaktisch wird dies durch die Hauptsatzstellung bewirkt und prosodisch durch die auf das weil folgende Pause, die dem Satz somit eine eigene Intonationsstruktur verleiht. Der pragmatische Unterschied liegt in der eigenständigen Handlung, die der weil -Satz ausdrückt. Während also Zeile 26 die Begründung zum Kinobesuch liefert, wird Zeile 27 „als so relevant und gewichtig betrachtet, dass dieser weil -Satz eine eigene unabhängige syntaktische Gestalt erhält“[6].

Die Begründung, welche ein weil -Satz liefert, kann aber auch im epistemischen Bereich liegen und somit Vermutungen und Annahmen begründen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Hier ist die deprimierte Nachbarin „die Grundlage für die Vermutung“[8] der Sprecherin, nicht aber der Grund dafür, dass ihr Ehemann getrunken hat. Dem weil folgt also keine Begründung für die Trunkenheit des Mannes, sondern eine Rechtfertigung für die Annahme der Sprecherin, warum die Frau so deprimiert ist. Eine Verbletztkonstruktion nach dem Hauptsatz hätte allerdings die Aufgabe eine Begründung für den Sachverhalt an sich zu geben und müsste inhaltlich anders aussehen als hier, da die deprimierte Nachbarin keinen hinreichenden Grund für den Hauptsatz darstellt.[7]

Begründungen, die mit weil eingeleitet werden, können laut Günthner auch „im Bereich der Sprechhandlung“[9] liegen. Hier nennt der Sprecher den Grund, warum er die vorangehende Sprechhandlung ausgeführt hat.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In diesem Beispiel liegen zwei Sprechhandlungen vor; mit der zweiten begründet Bert seine Frage nach anderen Kinofilmen, indem er angibt den 'cinema paradiso' schon gesehen zu haben. Die zwei Sprechhandlungen müssen nicht zwangsläufig die selbe Satzform enthalten, sondern können sich auch in diesem Merkmal unterscheiden und beispielsweise einen Fragesatz enthalten.[10]

In der vierten Kategorie, die genannt wird, dient weil nicht mehr als subordinierende Konjunktion, sondern als Diskursmarker und hat damit gesprächsorganisierende Aufgaben. Darauf wird aber in Kapitel 3.1 näher eingegangen.

2.2 obwohl

Auch obwohl hat in der geschriebenen Sprache nur die Funktion einer subordinierenden Konjunktion und leitet dort „einen konzessiven Nebensatz (Adverbialsatz des unzureichenden Grundes) ein.“[11] Der Sprecher verknüpft also zwei bestehende Sachverhalte, indem er das zwischen ihnen bestehende Verhältnis benennt, welches im Fall von obwohl aber normalerweise nicht besteht.

1) „Ich nehm noch ein Stück Kuchen, obwohl ich schon zwei gegessen hab.“[12]

[...]


[1] http://www.spiegel.de/kultur/zwiebelfisch/0,1518,druck-350013.html (12.02.2010)

[2] http://www.spiegel.de/kultur/zwiebelfisch/0,1518,druck-350013.html (12.02.2010)

[3] Duden 9. Richtiges und gutes Deutsch. 6., vollständig überarbeitete Auflage. Mannheim (2007). S. 996.

[4] Günthner, Susanne: „weil – es ist zu spät“. Geht die Nebensatzstellung im Deutschen verloren? In: M. Denkler et al. (Hg.) (2008) Frischwärts und unkaputtbar. Sprachverfall oder Sprachwandel im Deutschen. Münster: Aschendorf. S. 107.

[5] Günthner (2008) S. 109.

[6] Günthner (2008) S. 109.

[7] Günthner (2008) S. 110.

[8] Günthner (2008) S. 110.

[9] Günthner (2008) S. 110.

[10] Günthner (2008) S. 111.

[11] Duden 9. S. 667.

[12] Günthner (2008) S. 114.

Details

Seiten
20
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656430902
ISBN (Buch)
9783656432876
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v215229
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau – Institut für Germanistik
Note
1,0
Schlagworte
Diskursmarker Sprachverfall Grammatikalisierung Verbzweitstellung Gesprochene Sprache

Autor

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