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Autogenes Training: Ein Entspannungsverfahren als psychotherapeutische Methode

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 13 Seiten

Psychologie - Klinische u. Gesundheitspsychologie, Psychopathologie

Leseprobe

Gliederung

1. Die Theoretische Fundierung des autogenen Trainings
Allgemeiner Hintergrund des autogenen Trainings
Zielsetzung und Wirkungsweise des autogenen Trainings

2. Die Praktische Umsetzung des autogenen Trainings
Das Vorgehen beim autogenen Training und die zentralen Elemente
Voraussetzungen auf Seiten des Therapeuten, des Klienten und Rahmenbedingungen
Indikationen und Kontraindikationen des autogenen Trainings

3. Die Wirksamkeit des autogenen Trainings bei Kindern und Jugendlichen

4. Kritische Reflexion und Beurteilung des autogenen Trainings

5. Literaturverzeichnis

6. Anhang

1. Die Theoretische Fundierung des autogenen Trainings

Allgemeiner Hintergrund des autogenen Trainings

Als Ausgangspunkt für die Entwicklung des Autogenen Trainings (AT) in den 20er Jahren dienten die Beobachtungen des Berliner Psychiaters J.H. Schultz (1884-1970) an hypnotisierten Patienten. Demnach waren einige Patienten in der Lage, sich unabhängig vom Hypnotiseur, allein durch ihre Vorstellungskraft in einen der Hypnose vergleichbaren tiefen Entspannungszustand zu versetzen (Vaitl & Petermann, 2004). Entgegen der damals gängigen Lehrmeinung und auf Basis der Annahme, dass Leib und Seele eine Einheit bilden und sich somit körperliche und psychische Entspannungsphänomene wechselseitig bedingen, folgerte Schultz, dass der durch einen Therapeuten eingeleitete Zustand der Gesamtentspannung auch durch den Patienten selbsttätig (autogen) erzeugt werden kann (Binder & Binder, 1989). Im Gegensatz zur Hypnose, bei der die Vorstellungen einer Person durch den Hypnotiseur auf bestimmte körperliche Erfahrungen gelenkt werden, lenkt der autogen Trainierende seine folglich Gedanken selbst (Haring, 1979). Beispielsweise stellt er sich vor, dass er schwer ist - ein Gefühl, das sich oft im Zustand der Ruhe und Entspannung einstellt (Haring, 1979) - und infolge dessen tatsächlich auch ein Gefühl der Schwere verspürt. In diesem Zusammenhang kommt es zu einer konzentrativen oder auch autohypnotischen Umschaltung (Krampen, 1998), bei der sich die gedanklichen Vorstellungen über körperliche Entspannungsphänomene in wahrnehmbare Körperveränderungen umsetzen. Darüber hinaus wird durch die bewusste Aufmerksamkeitslenkung auf körperliche Veränderungen, einer Außenreizverarmung durch das Schließen der Augen und der Immobilisation des Körpers ein allgemein physiologischer Zustand der Entspannung erzielt.

Zielsetzung und Wirkungsweise des autogenen Trainings

In Überblickarbeitsarbeiten zum AT wird zwar betont, dass empirische Wirksamkeitsnachweise für diese Methode vorliegen, jedoch noch keine Theorie existiert, die den Mechanismus der autohypnotischen Umschaltung präzise und zufriedenstellend erklärt (Krampen, 1998). Daher wird im Folgenden neben den bereits näher erläuterten klassischen Theoriezugängen des AT zusätzlich auf kognitiv, lerntheoretisch und psychophysiologisch orientierte Erklärungsansätze eingegangen. Entspannungsverfahren werden anhand ihrer verschiedenen Wirkungszugänge differenziert, wobei das AT den kognitiven Verfahren zugeordnet wird, da sich der Trainierende in einer passiven Grundhaltung (d.h. rezeptiv) gedanklich selbst (autosuggestiv) mithilfe der eigenen Vorstellungskraft beeinflusst um eine Entspannungsreaktion zu erzielen. Die somatische Entspannungsreaktion als primäres Ziel des ATs, ist ein psychophysiologischer Prozess bei dem es zu einer Absenkung des sympathikotonen Aktivierungsniveaus kommt und durch die Veränderung im Selbsterleben ein Zustand der Erholung und motorischen Ruhe induziert wird (Petermann & Pätl, 2009). Die Möglichkeit sich zu entspannen gehört zwar zum biologischen Verhaltensrepertoire eines Menschen und stellt somit kein außergewöhnliches Phänomen dar (Vaitl & Petermann, 2004), jedoch muss das schnelle Umschalten in eine gezielte und kontrollierte physisch-psychische Entspannung zunächst erlernt werden. Die psychophysiologischen Veränderungen und positiven Entspannungseffekte zeigen sich jedoch bereits nach zwei bis drei Wochen regelmäßiger Übung im Rahmen der Konsolidierung eines konditionierten Reaktionsmusters (Vaitl & Petermann, 2004).

Die aktivierungssenkende Wirkung des ATs erzielt der Übende durch die Beeinflussung seines autonomen Nervensystems. Durch die Aktivierung des Parasympatikus kommt es zu einer Verlangsamung der Atem- und Herzfrequenz, der Muskeltonus wird herabgesetzt und die peripheren Gefäße erweitern sich (Vaitl & Petermann, 2004). Die Entspannung, welche dadurch in den einzelnen Teilen des Körpers erzielt wird, breitet sich über den gesamten Körper, im Sinne einer Umschaltung von einem Zustand der Anspannung auf Entspannung, aus, weshalb das AT seine wahrnehmbare Wirkung zunächst nur auf der körperlichen Ebene entfaltet (Krampen, 1998). Neben den aktuellen Zustandsveränderungen soll sich das AT langfristig zusätzlich günstig auf das Selbstkonzept auswirken und mit einer Steigerung der Leistungsfähigkeit sowie der Zunahme an Kompetenz- und Kontrollüberzeugungen einhergehen (Vaitl & Petermann, 2004).

2. Die Praktische Umsetzung des autogenen Trainings

Das Vorgehen beim autogenen Training und die zentralen Elemente

Das AT setzt sich aus drei verschiedenen Übungsstufen zusammen, die zwar miteinander in Bezug stehen, jedoch unterschiedliche Aufgaben und Ziele verfolgen: 1. Standardisierte Grundübungen (Unterstufe), 2. Individuelle Erweiterungen der Grundübungen (Mittelstufe) und 3. Oberstufe (Hammer, 2011). Bei der Oberstufe des ATs handelt es sich um eine tiefenpsychologische Form der symptomspezifischen Einzelpsychotherapie, die jedoch bei der Behandlung von psychisch erkrankten Patienten kaum noch Anwendung findet, da sie durch empirisch effektivere Behandlungsverfahren abgelöst wurde (Krampen, 1998). Ebenso gilt ihr Einsatz zu meditativen Zwecken als veraltet, da andere Meditationstechniken wie das Yoga aufgrund ihrer höheren Flexibilität hinsichtlich der Übungen zunehmend an Popularität gewannen.

Die sechs Übungen der Unterstufe des ATs gelten im klinischen Kontext als sehr bekannt und verbreitet, wobei sich auch Einführungskurse zum AT immer ausschließlich darauf beziehen, da die Übungen in ihrem Aufbau gut zu verstehen und zudem leicht lehr- und erlernbar sind (Vaitl & Petermann, 2004). Ausgangspunkt bei der Durchführung der Grundübungen, die entsprechend ihrer zunehmenden Schwierigkeit nacheinander erlernt werden, ist das systematische Einnehmen einer entspannten Körperhaltung (Rückenlage, Kutscher- oder Lehnstuhlsitzhaltung), die zugleich gut auf den Alltag der übenden Person übertragbar sein soll.

In Abgrenzung zur progressiven Muskelentspannung nach Jacobsen (1929), bei der explizit auf suggestive Elemente und passive Induktionstechniken während der Übungen verzichtet wird, stellen die formelhaften Selbstinstruktionen (siehe die Tabelle Anhang) die zentralen Bestandteile im AT dar. Die Inhalte (z.B. „Der Arm ist schwer.“) beziehen sich dabei direkt auf einen physiologischen Effekt (z.B. neuromuskuläre Entspannung) und werden vom Übenden gedanklich und systematisiert wiederholt (Ruhl, Hach & Wittchen, 2011). Bei der Anwendung des ATs im Kindesalter werden diese Formeln, anders als bei Erwachsenen nicht selbständig formuliert, sondern in Abhängigkeit zum Entwicklungsstand als Leitsatz in Geschichtenform vorgegeben (Petermann & Pätl, 2009). Zur Förderung der Polarität zwischen Anspannung und Entspannung werden die einzelnen Übungen nach der Durchführung stets systematisiert und hinsichtlich der bewussten Rückführung auf ein erhöhtes Aktivierungsniveau standardisiert beendet.

Voraussetzungen auf Seiten des Therapeuten, des Klienten und Rahmenbedingungen

Die Vermittlung des ATs findet im Allgemeinen in verschiedenen klinischen Institutionen durch professionell geschulte Übungsleiter statt, welche über die glaubwürdige Verkörperung der Grundhaltung des ATs (d.h. Ruhe und Entspannung) hinaus, auch fachlich kompetent das AT bereits selbst an sich erlebt und erfahren haben (Binder & Binder, 1989). Dies stellt sicher, dass die physiologischen Prozesse während des ATs richtig gedeutet werden können und der Lehrende auf unvorhergesehene Situationen innerhalb des Trainingskontextes flexibel reagiert werden kann. Vor der Durchführung des ATs sollte eine reizarme und ruhige Umgebung geschaffen und die Notwendigkeit bequemer Kleidung betont werden. Zur Beseitigung etwaiger Kontrollverlustängste, ist es wichtig, dass die Lernenden den Unterschied zwischen AT und Hypnose erfahren, wobei auf die ausführliche Erklärung der Wirkprinzipien des AT zugunsten der unvoreingenommenen Selbsterfahrung verzichtet werden sollte (Vaitl & Petermann, 2004). Zudem sollte darauf hingewiesen werden, dass die Effekte des ATs einer längeren Übung bedürfen (zu Beginn zwei bis dreimal täglich) und nicht erzwungen werden können, so dass Geduld als eine der wichtigsten Voraussetzungen für das erfolgreiche Erlernen des ATs gilt. Neben der Bereitschaft die Methode des ATs kennenzulernen, sollte zudem eine realistische Erwartungshaltung auf Seiten der Lernenden sichergestellt werden, um etwaigen Motivationsproblemen vorzubeugen.

Im Regelfall findet die Durchführung des ATs in Gruppen statt, wobei die Teilnehmeranzahl von 12 (gemäß Vaitl & Petermann, 2004) zur Gewährleistung der qualitativen Betreuung nicht überschritten werden sollte. Gegenüber der Einzelanwendung besteht in der Gruppe die Möglichkeit zu einem intensiven Austausch und kann bei gleicher Zielsetzung der Teilnehmer zusätzlich den Abbau von Ängsten erleichtern. Obwohl das AT ursprünglich für die Arbeit mit Erwachsenen entwickelt wurde, erzielt das AT auch bei Kindern ab dem Alter von neun Jahren ähnlich gute Effekte wie bei Erwachsenen (Petermann & Pätl, 2009).

Indikationen und Kontraindikationen des autogenen Trainings

Vaitl & Petermann (2004) berichten über gegenwärtig sechs Bereiche, die als Indikation für das AT gelten können: a. körperliche und psychische Erschöpfungszustände, b. Nervosität und innere Anspannung, c. Symptome psychophysiologischer Dysregulation, d. Leistungsschwierigkeiten, e. akute und chronische Schmerzzustände und f. Probleme in der Selbstbestimmung und Selbstkontrolle. Die allgemeinen klinischen Indikationsstellungen beziehen sich vor allem auf psychosomatische und somatische Störungen.

Weiterhin gilt nach den Autoren (2004) das AT als kontrainduziert wenn in der Anfangsphase des Trainings regelmäßig physiologische Fehlregulationen wie starkes Herzrasen, Schweißausbrüche und Ohnmachtsanfälle auftreten sowie jegliche Arten von Schmerz. Relative Kontraindikationen bestehen bei Patienten mit Zwangsstörungen und akuten Psychosen in Abhängigkeit zum jeweiligen Schweregrad. Darüber hinaus ist das Erlernen des ATs für Menschen mit einer Minderbegabung und Menschen mit fortgeschrittenen kognitiven Leistungseinbußen erschwert.

3. Die Wirksamkeit des autogenen Trainings bei Kindern und Jugendlichen

Durch die geringe wissenschaftliche Befundlage hinsichtlich der Anwendung des ATs bei Kindern und Jugendlichen, wird die Beurteilung der Wirksamkeit dieser Methode deutlich erschwert. Die existierenden Studien beziehen sich vor allem auf die Anwendung des ATs bei Erwachsenen, wobei sie entweder nur ein mangelhaftes Studiendesign aufweisen (z.B. durch das Fehlen einer Kontrollgruppe; Staples, Abdel Atti & Gordon, 2011) oder das AT nicht als Einzelverfahren, sondern als ein Bestandteil eines multimodalen Interventionsprogrammes untersucht wird. Im Folgenden werde ich die spezifische Wirksamkeit des ATs in Hinblick auf die Anwendung bei Ängsten bewerten, da Angst ein psychologisches Störungsbild darstellt und dazu neuere Wirksamkeitsstudien vorliegen.

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Details

Seiten
13
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656432579
ISBN (Buch)
9783656437499
Dateigröße
593 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v215282
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie
Note
1.7
Schlagworte
autogenes training entspannungsverfahren methode

Autor

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Titel: Autogenes Training: Ein Entspannungsverfahren als psychotherapeutische Methode