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Bewegungsorientierte Sprachförderung aus neurolinguistischer Perspektive

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 14 Seiten

Didaktik - Germanistik

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Neurolinguistik
2.1 Sprach- und Sprechstörungen

3. Multilingualität

4. Sprachförderung durch Bewegung
4.1 Bewegungsorientierte Sprachförderung von DaZ-Lernern
4.2 Bewegungsorientierte Sprachförderung von Erwachsenen
4.3 Bewegungsorientierte Sprachförderung bei Sprachstörungen

5. Fazit

6. Literatur

Monographien und Aufsäte

Internetquellen

1. Einleitung

Auf Grund der weltweit zunehmenden Migration wird Sprachförderung zu einem gesellschaftlich immer relevanteren Thema. Dies gilt im Besonderen für Einwanderungsländer wie Deutschland. Dass hier innerhalb der Sprachförderung Handlungsbedarf besteht, zeigten z.B. die seit dem Jahr 2000 durchgeführten PISA-Studien, die eine Abhängigkeit des Schulerfolgs eines Kindes von seinen sprachlichen Fähigkeiten aufzeigten und zudem auf erschreckende Art und Weise deutlich machten, dass von negativen Ergebnissen besonders Schülerinnen und Schüler mit einem Migrationshintergrund betroffen sind[1].

Seit ca. 20 Jahren wird der positive Effekt von Bewegung auf die Sprachförderung erforscht. Dazu wurden zahlreiche Beiträge veröffentlicht und als eine der bedeutendsten Autorinnen in diesem Feld kann Renate Zimmer genannt werden, die einen Schwerpunkt ihrer Arbeit auf Sprach- und Bewegungsförderung legt.

In der Praxis verfolgen Einrichtungen wie das Sprach- und Bewegungszentrum der Bildungsoffensive Elbinseln diesen interdisziplinären Arbeitsansatz.

Sprachförderung profitiert unabhängig davon, warum ein Förderbedarf besteht, von Bewegung[2]. Dieser Effekt besteht also nicht nur für multilinguale Sprecherinnen und Sprecher, sondern auch für Personen, deren Sprachfähigkeit durch eine Hirnläsion beeinträchtigt wird. Um die Resultate von Bewegung auf Sprachförderung zu ergründen, ist die Neurolinguistik eine der führenden Disziplinen, da sie durch die Verbindung medizinischer Untersuchungen mit sprachwissenschaftlichen Erkenntnissen erklärt, wie Motorik und Sprache miteinander verknüpft sind[3].

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich nun damit, wie genau die Zusammenhänge zwischen der Neurolinguistik und einer bewegungsorientierten Sprachförderung gestaltet sind. Daraus ergeben sich folgende weitergehende Fragestellungen: Ist die Neurolinguistik der Sprach- und Bewegungsförderung dienlich? Welche hilfreichen Ergebnisse generiert sie? Für welche Personengruppen sind diese anwendbar?

Zu diesem Zweck wird im Folgenden zunächst die Neurolinguistik erörtert, wobei der Fokus auf Aphasien liegt, da der Vergleich gesunder mit pathologischer Sprachproduktion und -rezeption sehr viele Rückschlüsse auf die Verortung und den Aufbau der zu Grunde liegenden neuronalen Strukturen erlaubt[4]. Da Multilingualität ein zentraler Begriff dieser Arbeit ist, wird sie daraufhin im 3. Kapitel als Arbeitsgrundlage definiert, bevor im vierten Kapitel schließlich untersucht wird, wie Sprachförderung von Bewegung profitiert, und welche Rolle in diesem Zusammenhang die Neurolinguistik spielt. Eine Zusammenfassung dieser Ergebnisse findet sich im Fazit.

2. Neurolinguistik

Die Neurolinguistik ist ein Teilgebiet der Sprachwissenschaft und gehört dem Kanon der Kognitiven Wissenschaften an, die mit Sprache als wichtigster und äußerst komplexer kognitiver Leistung aufs engste verbunden seien. Sie ist interdisziplinär, da sie mindestens die Neurologie, Psychologie und Linguistik miteinander verbindet, und beschäftigt sich mit den Zusammenhängen zwischen den Vorgängen der Sprachproduktion und -rezeption und deren anatomischen, physiologischen und biochemischen zerebralen Strukturen[5].

Helmut Fink bezeichnet die Neurolinguistik darum als „eine Brücke zwischen Sprachwissenschaft und Biologie“.

Wenn man sich lediglich auf beschreibender Ebene mit den mentalen Aspekten der Sprachproduktion und -rezeption beschäftigt, bewegt man sich im Feld der Psycholinguistik[6], die deshalb als die der Neurolinguistik am nächsten stehende Disziplin betrachtet werden kann.

Auf Grund der Interdisziplinarität der Neurolinguistik spricht Helen Leuninger bereits 1989 von zwei unterschiedlichen Herangehensweisen an dieses Gebiet:

Der klinischen, deren Fokus auf gestörtem sprachlichem Verhalten liegt und der linguistischen, die neurolinguistische Daten mit sonstigen sprachwissenschaftlichen Daten wie beispielsweise Grammatikalitätsurteilen gleichsetzt[7].

Da die Aphasieforschung die meisten Resultate für die Neurolinguistik generiert hat, wird das folgende Kapitel genauer auf Sprach- und Sprechstörungen eingehen. Die Erforschung dieser Störungen ist deshalb so erkenntnissreich für die Neurolinguistik, weil sich durch den Vergleich der Aktivitäten eines gesunden mit denen eines verletzten oder erkrankten Gehirns während der Sprachproduktion und -rezeption z.B. erschließen lässt, welche zentralnervalen Strukturen welche Aufgaben leisten[8].

2.1 Sprach- und Sprechstörungen

Wenn die kognitive Erzeugung von Sprache gestört ist und den Sprachaufbau und das Sprachvermögen beeinträchtigt, liegt eine Sprachstörung (Aphasie) vor. Davon abgegrenzt zu betrachten sind Sprechstörungen, die sich primär mit Problemen bei der motorischen Produktion von Lauten (Bsp. Stottern) befassen.[9]

Durch diese Unterscheidung wird bereits deutlich, dass für die Neurolinguistik eher Sprach- als Sprechstörungen relevant sind. Diese treten nach einer Schädigung des Gehirns durch einen Unfall, Schlaganfall, o.Ä. auf, die dem/ der Betroffenen nach einem normalen vollendeten Spracherwerb widerfährt. Dabei ist in 95% aller Fälle die linke Hemisphäre betroffen und es können in unterschiedlichen Schweregraden alle linguistischen Ebenen betroffen sein. So umfassen Sprachstörungen sowohl Fälle, in denen ein globaler Sprachverlust vorliegt als auch solche, in den die Betroffenen sich trotz eines pathologischen Sprachstils inhaltlich noch verständlich machen können.

Unterschieden werden Aphasien entweder nach dem verletzten Hirnbereich, wie bei der Broca- oder der Wernicke-Aphasie, die das Ergebnis einer Läsion des Broca- oder Wernickeareals auf der Großhirnrinde sind, oder nach der betroffenen linguistischen Ebene. So ist bei Gerhard Blanken die Rede von Semantischen, Lexikalischen, Syntaktischen, Morphologischen oder Phonologischen Störungen[10].

Obwohl sich geschädigtes Nervengewebe nicht wieder regenerieren kann, können doch Besserungen von Aphasien eintreten, da benachbarte Nervenzellen u.U. Aufgaben der verletzten Areale übernehmen.[11]

Wie unter 2. bereits erläutert, generiert die Sprachstörungsforschung deshalb so viele Hypothesen für die Neurolinguistik, weil sich durch den Vergleich der Aktivitäten eines gesunden Gehirns während der Sprachproduktion mit denen eines geschädigten valide Erkenntnisse darüber gewinnen lassen, wie und wo Sprache normalerweise entsteht. Eine Voraussetzung für diese Vergleiche ist, dass das Hirntrauma eines betroffenen Probanden nach dessen abgeschlossener Sprachsozialisation statt fand. Der Proband verfügte vor der Läsion also über ein nicht pathologisches Sprachvermögen. Darum ist i.A. ein eindeutiger Kausalzusammenhang zwischen dem Hirntrauma und der Sprachstörung konstruierbar.

[...]


[1] Vgl. Zimmer 2008 S. 255

[2] Vgl. Zimmer 2009 S. 190

[3] Vgl. ebd.

[4] Vgl. Dittmann 1993 S. 3 und Fink 2008 S. 10

[5] Vgl. Dittmann 1993 S. 3 und Vater 2002 S. 240

[6] Vgl. Fink 2008 S. 11 (f)

[7] Vgl. Leuninger 1989

[8] Vgl. Dittmann 1993 S. 3 und Fink 2008 S. 10

[9] Vgl. Wirth 2000 S. 307 (ff)

[10] Vgl. Blanken 2009 S. 5- 34

[11] Vgl. Vater 2002 S. 240- 250 und Dittmann 1993 S. 4- 6

Details

Seiten
14
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656431473
ISBN (Buch)
9783656440314
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v215368
Institution / Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,3
Schlagworte
Sprachförderung Neurolinguistik Motorik bewegungsorientierte Sprachförderung Multilingualität Sprachstörungen Renate Zimmer Aphasien Bildungsoffensive Elbinseln

Autor

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