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Identität und Gesellschaft

Identität entsteht in der empathischen Interaktion und im Austausch mit anderen

Hausarbeit 2013 11 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Vier Strömungen, die in Meads Theorie beeinflusst haben

2. Entstehung der Identität
2.1. Wie die Bedeutung ins Bewusstsein kommt
2.2. Sprache
2.3. Nachahmendes und organisiertes Spiel

3. Möglichkeiten und Grenzen der Identitätsbildung
3.1. Helen Keller ein Beispiel
3.2. Identitätsbildung bei Gehörlosen

4. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die Entwicklung und Verbreitung des Identitätsbegriffs ist historisch- theoretisch gewachsen und begann zu Meads Zeiten um 1900. „Geist, Identität und Gesellschaft. Aus der Perspektive des Sozialbehaviorismus“ (Mind, Self and Society. From the standpoint of a social behaviorist) herausgegeben von Charles W. Morris auf der Basis von Vorlesungsmitschriften von Studierenden bei Mead ist ein Klassiker der Sozialpsychologie. Die Seminarssitzung „Identität und Gesellschaft“ aus dem Seminar „Sozialmachung & Sozialisation & Selbstsozialisation“ behandelt aus dem oben angegebenen Buch die Seiten 187-206. In meinen Vorüberlegungen zu dem schlichten Titel der Sitzung entstand die These: Identität entsteht nur in der empathischen Interaktion und im Austausch mit anderen. Dies ergibt, dass weder komplette Anpassung noch totale Abkehr möglich sind.

Nach einem erstmaligen Einlesen, interessierte ich mich vor allem für Meads Theorie zur Entwicklung der Identität und welchen Einfluss darauf die Gesellschaft hat. Zur besseren Einordnung dieses Themas beleuchte ich im zweiten Kapitel auch Meads Leben und seine Einflüsse, die ihn zu seinem Denken bewegten. Im dritten Kapitel zeige ich auf, wie er die verschiedenen Theorien seiner Zeit zusammenbrachte, erweiterte und so seine Theorie entwickelte. Ein wichtiger Teil seiner Theorie besteht in der Bedeutung der Sprache zur Bildung der Identität und wie diese Sprache zur Anwendung kommt im nachahmenden und organisierten Spiel. Da die Vorlesungsmitschriften meiner Meinung nach oft den sprichwörtlichen roten Faden verlassen, habe ich das Kapitel 19 „Zur Entstehung der Identität“ (vgl. Morris, 1973, S. 187- 194) in Tabellenform aufgegriffen, um eine bessere Übersicht zu schaffen.

In diesem Zusammenhang fielen beim Lesen immer wieder die Schlagwörter gehörlos und Probleme der Identitätsbildung bei Gehörlosen. Im vorliegenden Text zur Seminarssitzung selber kam nur in einem Satz erwähnt das Beispiel der taubblinden Helen Keller vor. Dieses Beispiel der Identitätsfindung durch andere führe ich durch die Biografie von Helen Keller weiter aus und ergänze es mit Literatur von Bernd Ahrbeck, der einer der wenigen ist, der sich mit Identitätsentwicklung bei Gehörlosen beschäftigt. So lassen sich Grenzen und Möglichkeiten der Meadschen Identitätsbildung im Praktischen darstellen.

1. Vier Strömungen, die in Meads Theorie beeinflusst haben

Um 1900 kamen viele neue Theorien auf „den Markt". Eine der bekanntesten ist 1859 Darwins Evolutionstheorie 1859. Was für uns heute eine Selbstverständlichkeit ist, bedeutete damals für Mead, dass seine klassische religiöse Erziehung brüchig wurde. Immerhin war sein Vater Dozent für Predigtwissenschaften (vgl. Garz, 2006, S. 41; vgl. Joas, 1980, S. 21- 22). Religion prägte in der Gesellschaft das „Wo komme ich her, wie gehe ich und wo gehe ich hin".

Mead studierte Philosophie und ab 1885 Psychologie. Damals Psychologie zu studieren bedeutete, dass man sich mit verhaltenstheoretischen Dimensionen befasste. Psychologie war so eine Disziplin der Naturforschung oder vielmehr eine physiologische Psychologie (vgl. Joas, 1980, S. 23).

Durch sein Psychologiestudium kam Mead 1888 nach Leipzig in das Labor für Psychologische Phänomene. Wo auch Wundt und Kant wirkten. Kant beschäftigte sich am Anfang des 19. Jahrhunderts mit der Frage, damit wie Wissen entsteht und prägte den deutschen Idealismus. Wilhelm Wundt, bei dem Mead Vorlesungen besuchte, forschte vor allem anthropologisch, hier gern durch Feldforschungen, in den Bereichen Sprachen, Mythen und Religion. Wundt entwickelte seine Völkerpsychologie (vgl. Joas, 1980, S. 22-23). So blieb es nicht aus, dass Mead über diese Forschung in Kontakt mit der Arbeiterbewegung kam. So behauptet Graz (2006, S. 41), dass hier in Deutschland sein lebenslanges politisches Interesse entstand. Auch kam Mead durch Wundts Vorlesungen mit den Kantschen Theorien in Kontakt (vgl. Joas, 1980, S. 23).

Ohne einen Abschluss ging er 1891 nach Michigan, da er hier Philosophie, Psychologie und Evolutionslehre dozieren konnte. Hier lernte er John Dewey kennen. Beide gingen an die University of Chicago. Ende des 19. Jahrhunderts fiel sein politisches Interesse in der schnellst wachsenden Stadt der Welt Chicago auf fruchtbaren Boden. Er fing an, sich für Erziehung und Bildungspolitik zu interessieren und arbeitete sozialreformerisch, was auch seiner Arbeit als Schatzmeister für das Hull House entgegen kam (vgl. Garz, 2006, S. 41).

Zwei weitere große Strömungen dieser Zeit, die Mead beeinflussten, waren der Behaviorismus und der amerikanische Pragmatismus (vgl. Garz, 2006, S. 41). Behaviorismus wollte in der Psychologie und Philosophie rein von außen Beobachtbares erforschen, da auch nur dieses nach Ansicht der Behavioristen nachweisbar ist (vgl. Davison & Neale, 2002, S. 38). Behaviorismus im Sinne eines

Reiz- Reaktions- Schema wie Watson, Thornicke oder Skinner Verhalten definierten, war nicht in Meads Sinne. Die Erläuterung zum Behaviorismus nutze ich gleich zum Übergang in das nächste Kapitel, wo die Theorie des amerikanischen Pragmatismus und die anderen drei Strömungen noch einmal in Meads Theorie erörtert werden.

2. Entstehung der Identität

2.1. Wie die Bedeutung ins Bewusstsein kommt

In Meads Sozialpsychologie geht es wie im Behaviorismus um Verhalten, aber nicht um das rein beobachtbare, sondern auch um das nicht ersichtliche. So spricht er von Sozialbehaviorismus. Nach Meads Sozialbehaviorismus „löst eine beobachtbare Aktivität einen gesellschaftlichen Prozess aus, dieser hat aber nicht sichtbare innere Phasen" (Garz, 2006, S. 42). Innere Phasen können auch als „Unbewusstes" bezeichnet werden (vgl. Garz, 2006, S. 42- 43).

Nimmt man Fechten als Beispiel, entsteht durch die erste Geste eine Reaktion beim Anderen, die selbst als Reiz dient für eine nächste Reaktion usw., soweit die rein behavioristische Erklärung. Wie kommt aber das Fechten zu Stande? Das Fechten dient hier als Beispiel eines gesellschaftlichen Prozesses. Das von den Behavioristen nicht berücksichtigte Unbewusste steuert den gesellschaftlichen Prozess und macht das Fechten zum Fechten. Hier ist zu sehen, dass Mead „menschliches Denken als Teil einer Lösung bei Handlungsproblemen" (Morel et. al, 1999, S. 52) sieht und so dem amerikanischen Pragmatismus anhängt. Denken und Handeln sind für ihn nicht trennbar.

Wundt sieht Verständigung in seiner psychologischen Sprachtheorie als einen Mechanismus. Durch Symbole würden bei Artgenossen gleiche Gefühle ausgelöst, jetzt sollen nach Wundt Artgenossen durch Assoziation mit Symbolen geantwortet haben. So entstand Sprache (vgl. Joas, 1980, S. 96- 97).

Mead sieht allerdings Verständigung im Gegensatz zu Wundt als „selektive Leistungen des Handlungszusammenhangs des Bewußtseins" (Joas, 1980, S. 98) und nicht als Konsequenz aus Emotionen. Hier folgt er dem deutschen Idealismus. Das Individuum macht sich bewusst, welche Symbole im Zusammenhang mit Artgenossen wichtig sind. So kommt die Bedeutung ins Bewusstsein. Diese Argumentation ergibt auch mehr Sinn als die von Wundt, da selbstassoziierte Symbole für andere gar nicht verständlich sind (vgl. Joas, 1980, S. 97-98).

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Details

Seiten
11
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656441922
ISBN (Buch)
9783656442233
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v215427
Institution / Hochschule
HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst - Fachhochschule Hildesheim, Holzminden, Göttingen
Note
1,0
Schlagworte
identität gesellschaft interaktion austausch

Autor

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Titel: Identität und Gesellschaft