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Der Lektor. Wirklichkeit und Wahrnehmung des Berufs

Die Erwartungen möglicher Berufsanwärter im Vergleich mit dem realen Berufsalltag

Seminararbeit 2013 38 Seiten

Buchwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Beruf Lektor - eine Literaturrecherche
1. Der Begriff „Lektor“
2. Ein Beruf im Wandel
3. Lesen, Redigieren und noch mehr
4. Ein Blick in die Wirklichkeit: Lektoren in Deutschland

3. Die Wahrnehmung des Berufs Lektor - eine Studie
1. Ziel der Untersuchung
2. Methode und Durchführung
3. Einschränkung der Studie
4. Auswertung der Ergebnisse
4. Fazit - Vergleich von Beruf und Wahrnehmung des Berufs

Anhang
Abbildungsverzeichnis
Fragebogen
Aufruf zur Teilnahme an der Umfrage
Rücklaufstatistik der Umfrage

Literatur- und Quellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

„Der Lektor ist der besondere Leser. Er liest vor, er liest aus, was möglichst viele Leser nach ihm lesen sollen. Er ist zugleich der bevorzugteste Leser, der lesen darf, was andere erst sp äter lesen können, und er ist auch der beladenste Leser, weil er vieles lesen muß, was die meisten gottlob nie zu Gesicht bekommen.“ (Arnold 2010, S. 17). Was Heinz Ludwig Arnold in diesem Zitat beschreibt, ist das klassische Bild eines Literaturlektors.[1] Das Lesen steht im Mittelpunkt; die Auswahl, die der Lektor trifft, ist seine größte Verantwortung. Blickt man jedoch in die Büros von Lektoren, sieht man einen anderen Alltag: „Gelesen wird fast ausschließlich zu Hause. Was die Textarbeit angeht, mache ich das zum Teil im Büro, oft gehe ich aber mit einem Manuskript in Klausur. Zugleich ist es wichtig, im Büro präsent zu sein, weil das Tagesgeschäft einfach so komplex und vielseitig ist - ein Spagat, den man hinbe­kommen muss.“ (Jung 2007 zit. n. Bruch/Schneider 2007, S. 111).

Der Beruf des Lektors ist im Wandel begriffen. Die Aufgaben, der im Verlag angestellten Lektoren, werden immer mehr von organisatorischen und kaufm nnischen T tigkeiten geprägt. Auch in der Fachliteratur wird dieser Vielfältigkeit Rechnung getragen, so verdeutli­chen Lexika-Einträge und qualitative Interviews mit Lektoren die Bandbreite an täglichen Arbeiten und die Qualitäten, die von einem angehenden Lektor erwartet werden. Trotzdem gibt es keine einheitliche Ausbildung, kein Curriculum, das notwendige Kenntnisse benennt und vermittelt. Als Anwärter werden typischerweise Studierende der Germanistik, Literatur­wissenschaft und anderer Philologien gesehen. Aber auch Naturwissenschaftler, Juristen und Lehrer finden den Weg vor allem in Fachverlage.

Die folgende Arbeit soll sich mit diesen potenziellen Anwärtern besch äftigen. Es soll heraus­gefunden werden, inwieweit der Beruf des Lektors als Karriereweg in Betracht gezogen wird und wie sich die Studierenden die Aufgaben und Anforderungen vorstellen. Deckt sich ihr Bild, ihre Erwartung mit der täglichen Arbeitsrealität der Lektoren?

Dazu wird im ersten theoretischen Teil der vorliegenden Arbeit ebenjene Arbeitsrealität ergründet und aus der Fachliteratur zusammengefasst. Danach folgt eine empirische Studie unter Studierenden ausgewählter Studiengänge der Universität Leipzig zu der oben genannten Fragestellung. Danach kann im letzten Schritt ein Vergleich gezogen werden - zwischen dem Beruf Lektor und seiner Wahrnehmung durch potenzielle Lektoren.

2. Der Beruf Lektor - eine Literaturrecherche

2.1 Der Begriff „Lektor“

Auf die Frage „Was ist ein Lektor?“, findet man in der Fachliteratur so einige Antworten, die

wenigsten davon sind eindeutig, sehr viele dagegen poetisch. Er sei der „Hüter der Literatur“

(Siblewski zit. n. Bruch/Schneider 2007, S. 161), der „Wachhund des Lesepublikums“ (Preuß

1989, S. 177) oder gar ein „janusköpfiges Wesen“ (Homberg 2010b, S. 25).[2]

Etwas umfassender beschreiben die diversen Fachlexika den Beruf des Lektors, z.B.:

„Lektor (lat. Vorleser): Er ist ein Mitarbeiter im Verlag, der federführend zur Gestaltung des Verlagspro - gramms beiträgt. [...] Zu den Aufgaben des Lektors gehört die Beobachtung des jeweiligen Marktes der fachwissenschaftlichen Diskussion und der Kontakt zu den Autoren. Der Lektor liest und beurteilt die eingehenden Manuskripte. Er regt Autoren zu neuen Arbeiten an und muß sich - in Zusammenarbeit mit der Herstellungs- bzw. Verkaufsabteilung - mit der Kalkulation eines Projektes, mit der Einschätzung der Nachfrage und mit der Planung geeigneter Werbemaßnahmen befassen.“ (Stöckle 1998, S. 126).

Das BuchmarktBuch unterteilt das Lektorat noch genauer in seine zwei Bedeutungen:

„Das Lektorat ist eine Abteilung im Buchverlag, zu deren Aufgaben im Wesentlichen die Entwicklung des Programms, die Akquisition und Bearbeitung von Manuskripten sowie die Autorenbetreuung zählen. Zugleich bezeichnet Lektorat eine Tätigkeit, nämlich die kritische Durchsicht eines Textes, die Vorschlä­ge zur Überarbeitung einschließen kann.“ (Bong 2010, S. 193).

Beide Definitionen deuten schon die große Bandbreite an T ätigkeiten an, die ein Lektor zu bewältigen hat, und räumen mit der viel zitierten Vorstellung auf, ein Lektor würde stets allein im dunklen Kämmerchen über Texten brüten. So finden sich in den Beschreibungen einige Hinweise auf kaufm ännische und organisatorische Aufgaben, mit denen der Lektor am Prozess der Bucherstellung beteiligt ist. Diese neuen T ätigkeitsbereiche sind eine Entwick­lung der letzten Jahrzehnte, die im Schlagwort „Projektmanager“ zusammengefasst wird.[3]

2.2 Ein Beruf im Wandel

Innerhalb der langen Geschichte der Literatur ist der Beruf des Lektors eine verhältnismäßig junge Erscheinung.[4] Ute Schneider datiert den Entstehungszeitpunkt des Berufs „auf die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert [...], da in dieser Zeit erstmals der literarische Berater eines Verlegers als fest angestellter Mitarbeiter in einem Verlag auftrat.“ (Schneider 2005, S. 36). Seit der Aufkl ärung gab es zudem freiberufliche Lektoren (im Sinne unseres heutigen Verständnisses), zum Beispiel bei den Verlegern Philipp Emanuel Reich und Georg Joachim Göschen (vgl. Nickel 2006, S. 119).

Trotzdem dauerte es noch viele Jahrzehnte, bis sich der Lektor als Berufsstand etablierte. Als erste Lektoren nennt die Fachliteratur unter anderem Moritz Heimann, der 1895 beim S. Fischer Verlag angestellt wurde, Korfiz Holm (ab 1896 bei Albert Lang) und Christian Morgenstern (ab 1903 bei Bruno Cassirer) (Schneider 2005, S. 41). Grund für die Ausbildung dieser neuen Position im Verlag war zum einen der aktuelle Wandel in der Buchbranche. Die technische Erfindung der Schnellpresse hatte den Übergang zur Massenproduktion von Büchern eingeleitet (vgl. ebd., S. 36). Der Verleger, der zuvor oft in Personalunion Bücher akquiriert, lektoriert, hergestellt und vermarktet hatte, konnte dem gewachsenen Arbeitsauf­wand nur Herr werden, indem er Bereiche an andere Mitarbeiter abgab. Zum Anderen ging mit der massenhaften Verbreitung von Literatur eine Heterogenisierung des Lesepublikums einher. Waren die früheren elitären Lesekreise gut einschätzbar gewesen, wuchs das Publikum nun zu vielen Gruppen verschiedenster Lesertypen mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Interessen (vgl. ebd., S. 43f.). Dies erweiterte die Absatzmöglichkeiten zwar enorm, verlangte aber auch einen größeren Überblick über Themen und Trends beim Publikum.

Seit Beginn es 20. Jahrhunderts bildeten sich somit feste Stellen für Lektoren im Verlag aus. Der Zweite Weltkrieg stoppte diese Entwicklung zwischenzeitlich, warf er doch das gesamte Verlagswesen stark zurück. Mit der Neugründung von Verlagen Ende der 1940er und Anfang der 1950er Jahren unter Aufsicht der Besatzungsm ächte, bekam auch der Beruf des Lektors neuen Aufwind. In den kommenden zwei Jahrzehnten etablierte sich der Lektor-Beruf endgül­tig und ein erstes Rollenverständnis manifestiert sich. Der Lektor verstand sich als „Förderer und Diener der Literatur“ (Ortheil 2007, S. 190) und sah seine Aufgaben im Lesen, Redigie­ren und Entdecken von Manuskripten.[5] Nun stieg auch die Zahl der hauptberuflichen Lekto­ren stark an. Trotzdem blieben sie im Hintergrund und gelten bis heute, ob ihrer Unbenannt- heit in den veröffentlichten Büchern, als „[d]ie graue Eminenz im Hintergrund“ (Bruch/Schneider 2007, S. 5).

Schon bald waren auch im Buchmarkt und in den Verlagen Kommerzialisierungsprozesse zu erkennen, die der Profitabilität und Verkäuflichkeit von Buchprojekten einen immer höheren Stellenwert zurechneten. Dies wirkte sich nicht zuletzt auf die Arbeitsbedingungen für und die Anforderungen an die Lektoren aus. Als Reaktion traten die Lektoren Mitte bis Ende der 1960er Jahre zunehmend aus dem Schatten der Buchwelt und präsentierten sich und ihre Zunft in Essays, Radio-Features und öffentlichen Diskussionen (vgl. Schneider 2005, S. 239). Im Mittelpunkt stand stets die Frage: „Welche Auswirkungen hat die stetig fortschreitende Kommerzialisierung des Buchmarktes auf die Position, die inhaltliche Arbeit und nicht zuletzt auf das Selbstverständnis des Lektors?“ (ebd.). Doch auch die kritischen Debatten um schwin­dende Qualität und den Verlust literarischer Kulturgüter konnten die wirtschaftlichen Entwicklungen in den Verlagen nicht aufhalten. „Der in den fünfziger Jahren und Anfang der sechziger Jahre von den Verlagen forcierte personelle Ausbau der Lektoratsabteilungen wurde in den siebziger Jahren wieder zugunsten der Verlagsabteilungen revidiert, die für die Vermarktung der Verlagsproduktion zuständig waren.“ (ebd., S. 252).

Damit setzte eine Werteverschiebung in der Lektoratsarbeit ein, die bis heute innerhalb der Branche kritisch diskutiert wird. 1971 prägt die Zeitschrift Buchmarkt den Begriff des „Projektmanagers“, der dem Lektor neue Aufgaben, wie Programmplanung, Erstellung von Markt- und Konkurrenzanalysen und die Konzipierung von Marketingpl nen zuschreibt (vgl. ebd., S. 254). Schneider konstatiert: Dies sei „ein Prozeß, der noch nicht vollständig abge­schlossen zu sein scheint: der Übergang des Lektors vom »literarischen Wächter« hin zum »Produktmanager«, beruhend auf neuen ökonomischen und strategischen Bedingungen.“

(ebd., S. 253). Seit den 1990er Jahren äußert sich diese Entwicklung auch in der steigenden Zahl freiberuflicher Lektoren (vgl. ebd., S. 351).[6]

2.3 Lesen, Redigieren und noch mehr

Die Tätigkeiten eines Lektors sind vielseitig und abhängig von seiner Anstellung. So unter­scheidet sich der Alltag eines freiberuflichen Lektors[7] [8] erheblich von dem eines Festangestell­ten, ebenso sind die Größe des Verlages und seine inhaltliche Ausrichtung[5] ausschlaggebend.

Wie eingangs dargelegt, umfasst die Lektoratsarbeit Aufgaben der Programmplanung, Textbe­arbeitung, Autorenbetreuung, Projektkoordination und Zusammenarbeit mit verschiedenen Abteilungen wie Vertrieb, Marketing und Herstellung. Auch Fragen zu Lizenzen und vertrag­liche Belange werden vom Lektor geklärt. Schickerling und Menche verweisen deshalb auf die „Schaltzentrale Lektorat“: „So koordiniert das Lektorat den gesamten Entstehungsprozess eines Buchs und ist von allen Beteiligten am besten über Inhalte, Autoren und Termine infor­miert. Damit sind Lektoren [...] zugleich erste Anlaufstelle bei allen Fragen und Problemen - innerhalb des Verlages ebenso wie nach außen.“ (Schickerling/Menche 2008, S. 15). Sie leiten deshalb auch ein neues Anforderungsprofil für den Lektor ab: „Gesucht wird also weniger der philosophisch gebildete Schöngeist, sondern der multitasking-fähige Pragmatiker.“ (ebd.).

Gillitzer, Kahnwald, Lumb und Wied definieren fünf Phasen des Lekorats[9] (Gillitzer et al. 2009, S. 91):[10]

- Aktive und passive Manuskriptakquisition,

- Zeitplanung eines Titels,
- Bearbeiten des Manuskripts,
- Produktion von Klappentexten für die Presseabteilung

- und N achbereitung.

Am Anfang steht die Akquisition von Manuskripten. Neben den schon beim Verlag betreuten Autoren sucht der Lektor stets nach neuen Schriftstellern für das Verlagsprogramm. Dies kann er aktiv tun, indem er junge Künstler auf Festivals, Wettbewerben oder in Literaturzeitungen beobachtet oder aber passiv, wenn er die von Literaturagenturen[11] vorgeschlagenen Manu­skripte liest. Zudem werden jährlich etwa 80.000 unverlangt eingesandte Manuskripte von den Lektoren begutachtet - wenn auch mit einer geringen Erfolgsquote. Dieser erste Schritt der Auswahl macht einen großen Teil der Verantwortung des Lektors aus. Denn: „Als einflussreicher Akteur im literarischen Feld entscheidet [...] der Lektor - zusammen mit dem Verleger - darüber, welche Texte zu Büchern werden und was als Literatur eines Landes zu einer bestimmten Zeit zugänglich ist.“ (Bong 2010, S. 197).

Wurde ein Manuskript ausgewählt, wird das gesamte Buchprojekt geplant und kalkuliert. Neben der Zeitplanung (Deadlines für Manuskriptabgabe, Druck, Veröffentlichung etc.) ist auch die finanzielle Planung Teil der Lektoratsarbeit. Im dritten Schritt findet das „klassische Lektorat“ statt. Nun wird der Text sowohl inhaltlich überarbeitet (Redigieren) als auch auf Grammatik und Orthografie hin überprüft (Korrektur). Dies geschieht in enger Absprache mit dem Autor. Zuletzt werden der Satz und die Gestaltung mit der Herstellungsabteilung oder z.B. externen Grafikern besprochen und die Druckbögen ein letztes Mal kontrolliert.

Eine weitere wichtige Aufgabe ist die Zuarbeit für die Presseabteilung - so es denn überhaupt eine gibt. Hierfür verfasst der Lektor Klappen- und Vorschautexte. Dies geschieht nicht selten ganz zu Beginn eines Buchprojektes, da die halbjährlichen Vertreterkonferenzen oder auch der Druck von Programmheften hier den Zeitrahmen vorgeben.

Nach der Veröffentlichung des Buches kommt es nun zur Nachbereitung. Hier verfolgt der Lektor die Reaktionen auf seinen Titel, zum einen in Form der Buchverkäufe, zum Anderen mit einem Blick ins Feuilleton.[12] In diesem Zeitraum muss der Lektor auch Journalisten mit Material versorgen. Dazu gehören neben Leseexemplaren für die Rezensenten auch weitere Informationen. Aus den Rezensionen l ässt sich wiederum neues Werbematerial herstellen.

Es zeigt sich, dass die Arbeit als Verlagslektor sehr vielseitig ist und damit einhergehend unterschiedliche Fähigkeiten erfordert. Umso mehr erstaunt es, dass es für den Beruf des Lektors keinen festen Ausbildungsweg und somit auch keine Mindestanforderungen gibt.

„Die Möglichkeiten des Berufseinstiegs sind [...] vielfältig und reichen vom Praktikum über das Volontariat bis zum Direkteinstieg als Lektor oder Redakteur.“ (Schickerling/Menche 2008, S. 346). Die Bundesagentur für Arbeit empfiehlt allerdings „ein abgeschlossenes Studium in einem einschlägigen Studienfach [...] z.B. Buchhandel, Verlagswirtschaft, Buchwissenschaft, Editionswissenschaft oder Germanistik.“ (Bundesagentur für Arbeit s.d.). Vor allem in Sachbuch- und Fachverlagen wiederum wird auf ein Studium im jeweiligen Fachgebiet geachtet. Der freie Zugang zum Beruf zeigt sich auch in der hohen Zahl an Quereinsteigern. „Das Lektorat ist bis heute ein Berufsfeld der Autodidakten, in dem es kaum Austauschmöglichkeiten untereinander gibt.“ (Siblewski zit. n. Bruch/Schneider 2007, S.

186). Dem letzten Punkt - der fehlenden Vernetzung der Lektoren untereinander - wird seit 2006 mit der Lektorenkonferenz in Hildesheim entgegengewirkt (vgl. Zentrum für kreatives Schreiben e.V. s.d.).

2.4 Ein Blick in die Wirklichkeit: Lektoren in Deutschland

Nach einem Einbruch der Umsatzzahlen konnten die Buchverlage seit 2005 wieder leicht stei­gende Zahlen aufweisen.[13] 2010 konstatierte der Börsenverein des Deutschen Buchhandels die Verlage können mit dem zurückliegenden Jahr mehr als zufrieden sein: Ihre Umsatz­entwicklung liegt mit einem Plus von 3,8% deutlich über dem Branchendurchschnitt - das ist zugleich das stärkste Wachstum der vergangenen Jahre. Bücher bescherten den Verlagen dabei beachtliche Mehreinnahmen von 5,7% [...].“ (Börsenverein 2010 zit. n. Fröhlich 2011, S. 31). Auch 2011 konnten die Buchverlage ein Plus von 1,7% verbuchen (Börsenverein des deut­schen Buchhandels s.d.). Trotzdem wurden im Zeitraum von 2008 bis 2009 3,1% der Stellen in Buch- und Literaturverlagen abgebaut. Auch sank die Zahl der laufenden Ausbildungsver­träge um 3% (vgl. Fröhlich 2011, S. 33).[14] Die Zahl der Lektoren in Deutschland wurde Im Jahr 2010 auf etwa 3000 geschätzt (Schönstedt/Breyer-Mayländer 2010, S. 116). Walter Hömberg leitet aus seiner Studie „Lektor im Buchverlag“[15], eine Zahl von rund 2300 Lektoren in Deutschland ab (vgl. Hömberg 2010a, S. 63). Davon sind derzeit etwa 750 freiberufliche Lektoren im Verband der /freien Lektorinnen und Lektoren e.V. gemeldet (vgl. VFLL s.d.).[16] Nach dieser Rechnung kämen auf einen Freiberufler drei bis vier angestellte Lektoren.

Der Anteil an Frauen ist im Bereich des Lektorats noch höher als im Verlagsdurchschnitt:[17] Hömberg erhob für 2005, dass 64% der angestellten Lektoren weiblich waren. Auch „sind Frauen in den Lektoraten der Verlag deutlich öfter in Führungspositionen vertreten als in anderen Berufsfeldern“ (Fröhlich 2011, S. 36): Immerhin verfügten 57% der Frauen in Lekto­ratsstellen über Leitungskompetenzen (ebd.). Ganz überraschend kommt dies nicht: „Noch Anfang der 80er Jahre wagten Coser et al. (1982) die Prognose, dass sich das Berufsfeld der Lektoren in naher Zukunft zu einem Frauenberuf entwickeln würde.“ (ebd., S. 35).

Nach Hömberg ist der durchschnittliche Lektor weiblich, 42 Jahre alt und verfügt über 10 Jahre einschlägige Berufserfahrung (vgl. Hömberg 2010a, S. 71 und Hömberg 2010b, S. 24).

Die von ihm befragten Lektoren verfügten über ein formal sehr hohes Bildungsniveau: Über 90% von ihnen besaßen einen Hochschulabschluss, gut 20% hatten sogar promoviert (vgl. Homberg 2010a, S. 168). Die meisten Lektoren waren Absolventen der Geistes- und Sozial­wissenschaften (60%) oder hatten Sprachen studiert (16%). Etwa 5% kamen aus der Publizis­tik, Buch-, Medienwissenschaft oder ähnlichen Studiengängen. Es zeigte sich, dass nach dem Studium ein Großteil der sp äteren Lektoren über Volontariate (34,7%) oder Praktika bzw. Hospitanzen (45,3%) ins Verlagswesen kamen (vgl. ebd., S. 169).

Zur Arbeitssituation fand Homberg heraus, dass vier von fünf Befragten in Vollzeit und unbe­fristet bei ihrem Verlag angestellt waren. Das durchschnittliche Netto-Einkommen lag bei etwa 2000 Euro pro Monat, wobei Frauen - immerhin der größte Teil der Arbeitnehmerschaft - deutlich weniger als ihre m ännlichen Kollegen verdienten (vgl. Hömberg 2010b, S. 24).[18] Dagegen zeigte sich, dass die reale Arbeitszeit von Vollzeit-Lektoren etwa bei 45 Stunden pro Woche lag. Damit ist der Lektor im Vergleich zu anderen Kommunikationsberufen deutlich schlechter bezahlt (vgl. Hömberg 2010b, S. 24).

Interessant sind die Ergebnisse zu den alltäglichen Aufgaben der Lektoren.[19] Steht doch die Kritik im Raum, ein Lektor würde immer weniger mit Text und Autor in Kontakt kommen und stattdessen zum Manager von Buchprojekten werden. Die befragten Lektoren gaben an, dass die Betreuung von Autoren noch immer an erster Stelle ihrer Tätigkeiten steht, gefolgt von der Arbeit am Manuskript. Damit bringen sie durchschnittlich 21 Manuskripte jährlich zur Druckreife. Auf Platz 3 und 4 der Rangliste kam das Verfassen von Informationstexten und das Prüfen von Manuskripten auf ihre Tauglichkeit für das Verlagsprogramm. Nun folgte auf Rang 5 schon die Erstellung und Überwachung von Zeitplänen. Weiterhin gaben die Lektoren an, viel Zeit für die Kostenkalkulation, Rechtschreibkorrektur und die Entwicklung neuer Buchideen aufzuwenden. Hömberg kam deshalb zu dem Schluss: „Bei der Lektoratsar­beit muss also die Erfüllung klassischer Aufgaben mit arbeits-ökonomischem Handeln verbunden werden.“ (Hömberg 2010b, S. 25).

Ebenfalls wurde das Selbstverständnis der Lektoren untersucht. Es zeigte sich das eingangs erwähnte Bild des „janusköpfigen Wesen[s] des Lektors“ (ebd.), da die Lektoren angaben, sich sowohl als „Diener der Interessen ihres Verlags“ als auch als „Diener der Interessen der Autoren“ zu sehen. Zudem erkl rten viele, Bildung und Aufkl rung fördern zu wollen (vgl. ebd.). Die Gradwanderung ist deutlich: Der Lektor muss die finanziellen Interessen seines

Verlages wahren und trotzdem eine Vertrauensbeziehung zum Autor aufbauen. Der Anspruch etwas zur Bildung und Entwicklung der Literaturwelt beizutragen, kann zus ätzlich zu Konflikten führen. Allerdings sei auch hier angemerkt, dass so ein Selbstverständnis stark von persönlichen Werten und der Art des Verlages abhängig ist. So sagte z.B. Uta Rupprecht, Lektorin im Ullstein Verlag: „Ich muss in erster Linie darauf achten, dass die Bücher verkäuf­lich sind. Während der Lektorenkonferenz ist das Wort vom »Hüter der Literatur« gefallen. So begreife ich mich nicht, nicht als Lektor in einem großen Publikumsverlag. Ich begreife mich als jemand, der vor allem Bücher für Leser macht und das breite Publikum im Blick hat.“ (Rupprecht zit. n. Bruch/Schneider, S. 53). Als weitere Motivatoren für ihren Beruf nannten die Befragten den Wunsch neue Ideen zu vermitteln, die Leser zu unterhalten, zu entspannen und ihnen Orientierung oder gar Lebenshilfe zu bieten. Auch Selbstverwirklichung wurde genannt. Nicht zuletzt gaben aber die meisten Lektoren an, ein Ziel sei es, hohe Auflagen- und Verkaufszahlen zu erreichen (vgl. Hömberg 2010a, S. 120).

3. Die Wahrnehmung des Berufs Lektor - eine Studie

3.1 Ziel der Untersuchung

Die Fachliteratur zum Thema „Berufsbild Lektor“ hat sich in den letzten Jahren bedeutend verbessert. Beklagte Ute Schneider noch 1997 die sehr dünne Quellenlage (vgl. Schneider 1997, S. 100), so lieferte sie selbst 2005 eine umfassende historische Betrachtung des Berufes. In den folgenden Jahren erschlossen die Arbeiten von Gunther Nickel (2006) und den Hildes­heimer Studenten Johannes Bruch und Martin Schneider (2007) und die empirische Studie von Walter Hömburg (2010) mit unterschiedlichen Ans ätzen das Feld.

Aus der voran gegangen Betrachtung in Kapitel 2 sollen nun zwei besonders interessante Punkte hervorgehoben werden. Obwohl der Beruf des Lektors hohe Anforderungen mit sich bringt, gilt er als weithin unbekannt und verfügt zudem nicht über einen einheitlichen Ausbil­dungsweg. In diesem Kontext stellt sich nun die Frage, ob dies denn Auswirkungen auf die kommenden Lektoren-Generationen hat. Im Speziellen: Ob Studenten - der geeigneten Studiengänge Germanistik, Literaturwissenschaft, Anglistik und Buchwissenschaft - in ihrer universit ren Ausbildung (oder auch abseits davon) Einblicke in das Berufsfeld bekommen und so zumindest informiert die Karriere als Lektor anstreben oder verwerfen können.

[...]


[1] Im Folgenden wird mit Blick auf die Lesbarkeit nur noch vom „Lektor“ gesprochen, damit sind sowohl die weiblichen wie auch die männlichen Vertreter des Berufs gemeint.

[2] Ute Schneider beschreibt das „Janusköpfige“ in ihrer Arbeit: „Der Lektor kann die Ambivalenz nicht überwinden, sondern kann lediglich zwischen den verschiedenen Polen vermitteln - zwischen dem Autor und dem Verleger, zwischen kulturellen und ökonomischen Werten.“ (Schneider 2005, S. 344).

[3] Siehe dazu Kapitel 2.2.

[4] Trotzdem hat der Begriff eine weitaus ältere Geschichte. So verweist Oskar Negt auf den sehr frühen Sprachgebrauch des Wortes „Lektor“ im 15. Jahrhundert, damals noch zur Bezeichnung eines Sprachlehrers für praktische Übungen an einer Hochschule (vgl. Negt 1989, S. 230). Dies nahm direkten Bezug auf die ursprüngliche lateinische Bedeutung des Begriffs „legere“: lesen, aber auch auswählen und sammeln.

[5] Bertolt Brecht beschrieb das Bild eines Zöllners: „Rühmen wir nicht nur den Weisen, dessen Namen auf dem Buche prangt, denn man muß dem Weisen seine Weisheit erst entreißen. Darum sei der Zöllner auch bedankt: Er hat sie ihm abverlangt.“ (Bertolt Brecht s.d. n. Oskar Negt 1989, S. 232).

[6] Jörg Bong betrachtet diese Entwicklung kritisch: „So ist eine zunehmende Tendenz zum Outsourcing des Lektorats [...] erkennbar. Dabei wird die Textarbeit von Lektoren übernommen, die nicht fest beim Verlag angestellt sind, sondern von Projekt zu Projekt arbeiten. Gefährdet werden dabei allerdings das Profil, die Kohärenz und Kontinuität eines Programms und Verlags.“ (Bong 2010, S. 197)

[7] Die folgenden Ausführungen werden sich nur noch auf festangestellte Lektoren beziehen. Auf einen Blick in das Berufsbild eines Freiberuflers muss aus Platzgründen verzichtet werden.

[8] Dies bezieht sich sowohl auf die unterschiedlichen Aufgabenstellungen in Belletristik-, Sachbuch und Fachbuchverlagen (vgl. Stöckle 1998, S. 126), wie auch auf die Anforderungen, die mit der in Deutschland üblichen Unterteilung in U- und E-Literatur einhergehen. So unterscheidet sich die Arbeit in sogenannten Publikumsverlagen zum Teil erheblich von der in kleinen oder auch mittleren Verlagen, die höhere Gegenwartsliteratur veröffentlichen. Sehr gut lässt sich dies in den Interviews erkennen, die Studenten der Universität Hildesheim 2007 mit zehn Lektoren geführt haben, siehe dazu Bruch/Schneider 2007.

[9] Hanten und Bramann teilen ein Buchprojekt dagegen nur in drei Phasen ein: 1.) Projektidee bis Vertragsabschluss; 2.) Manuskriptbearbeitung bis Satz-/Druckvorlage; 3.) Betreuung des Objekts nach Fertigstellung (Hanten/Bramann 2002, S. 181f.).

[10] Der folgende Inhaltsabschnitt bezieht sich - soweit nicht anders ausgewiesen - auf Gillitzer et al. 2009, S. 91.

[11] Literaturagenturen vertreten die Interessen von Autoren gegenüber dem Verlag und haben somit einen Teil der Verantwortung des Lektors übernommen. „Die fremdsprachigen Autoren kommen sowieso immer über Agenturen oder andere Verlage. Und auch bei deutschsprachigen Autoren gilt: Wer es heute als Schriftsteller ernst meint, hat eine Agentur.“ (Bracht zit. n. Bruch/Schneider 2007, S. 36). Diese Entwicklung bringt Vor- und Nachteile mit sich: Zwar erleichtern die Agenturen mit vorausgewählten Manuskripten die Arbeit der Lektoren und bieten vor allem jungen Autoren Orientierung im unübersichtlichen Literaturmarkt, auf der anderen Seite vermitteln die Agenturen ihre Autoren stets nach dem besten Angebot, sodass häufig bei jedem neuen Buch der Verlag gewechselt wird. „Eine kontinuierliche Zusammenarbeit mit einem Lektor über einen langen Zeitraum gewinnt dadurch immer größeren Seltenheitswert.“ (Nickel 2006, S. 125).

[12] Auch hier gibt es Abweichungen je nach Verlag. Schließlich finden die Bücher der Publikumsverlag eher selten den Weg ins Feuilleton. Dann sind Erwähnungen in Publikumszeitschriften eher von Bedeutung.

[13] Laut Statistischem Bundesamt stieg der Umsatz der Buchverlage von 10,3 Mrd. im Jahr 2005 auf 11,3 Mrd. in 2007 (Fröhlich 2011, S. 31).

[14] Ein Vergleich mit den sehr viel stärker angeschlagenen Zeitschriftenverlagen - hier wurden z.B. 11% der Ausbildungsstellen abgebaut - zeigt aber, wie gut es den Buchverlagen dennoch geht. (vgl. Bundesagentur für Arbeit 2010 zit. n. Fröhlich 2011, S. 33).

[15] Mit der umfassenden statistischen Erhebung von Walter Hömberg erschien 2010 die erste Übersicht zum Berufsbild des Lektors. Bis heute sind die Zahlen, die 2005 erhoben wurden, die Einzigen, die Verlagslektoren und ihre Tätigkeiten detailliert darstellen. Hömberg befragte insgesamt 300 Lektoren.

[16] Seit 2000 gibt es den Verband der freien Lektorinnen und Lektoren e.V. (VFLL), indem sich freiberufliche Lektoren organisieren, um ihre Interessen wirksam vertreten zu können (vgl. VFLL s.d.).

[17] Laut Börsenverein waren 2010 in Verlagen 56% der Angestellten weiblich (vgl. ebd. S. 35).

[18] Das Netto-Einkommen der Lektoren in Vollbeschäftigung lag bei Frauen zwischen 1.076 und 2.093 Euro, bei Männern zwischen 2.365 und 2.517 Euro (vgl. Hömberg 2010a, S. 75).

[19] Der folgende Absatz bezieht sich auf die Ausführungen in Hömbergs Artikel (vgl. Hömberg 2010b, S. 24f.).

Details

Seiten
38
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656432234
ISBN (Buch)
9783656435914
Dateigröße
2.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v215475
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Kommunikations- und Medienwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
lektor wirklichkeit wahrnehmung berufs erwartungen berufsanwärter vergleich berufsalltag

Autor

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Titel: Der Lektor. Wirklichkeit und Wahrnehmung des Berufs