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Das Proletariat, ein besonderer Stand

Eine Auseinandersetzung mit 'Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung' (Karl Marx)

Essay 2013 6 Seiten

Philosophie - Philosophie des 19. Jahrhunderts

Leseprobe

„Der Mensch, das ist die Welt des Menschen.." (Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung, Werke Band 1, S.378).

Der Mensch ist er selbst. Er selbst bestimmt sein Wesen, sein Leben und seine Umwelt. Er wird nicht gelenkt oder beeinflusst von einer höheren Macht. Die Religion ist sein Werk. Ein Werk das er schuf um sich die Welt zu erklären, seine Handlungsweisen zu rechtfertigen und zu sanktionieren.

Ganz im Sinne Ludwig Feuerbachs positioniert Karl Marx sich gegen die Religion. Doch er geht noch weiter. In der Kritik der Religion, sieht er vielmehr noch die Basis aller Kritik. Nicht allein der Atheismus ist es, welcher den Menschen nach Aufhebung der Religion, zum Glück verhilft.

Ein Kampf der gegen ein phantastisches Wesen geführt wird, welches sich in der Religion manifestiert, hat in allen Überlegungen doch zur Folge, das es ein generelles Aufbegehren gegen eine Übermacht gibt. Deshalb muss der Mensch sich allem stellen, dem er sich unterworfen hat, dem er sein Glück verpfändet hat; der Übermacht die ihn in seinem wirklichen Handeln und Denken einschränkt. Seine geschaffene Gesellschaft ist der Produzent der Illusion in welcher er sich befindet. Doch nicht nur die Religion ist das Produkt, sondern in der Konklusion sind es alle vorherrschenden Mächte, die sich über dem Menschen als Individuum stellen; so auch die Politik, das Recht und der Staat als solches.

Die Anklagen, die Marx erhebt formieren sich in einem Ruf nach Emanzipation des Menschen, insbesondere des Deutschen Volkes.

Das Potential zur Emanzipation scheint vorhanden zu sein, da die voranschreitende Industrialisierung den gemeinen Arbeiter, welcher sich den Rechten und der Politik des Staates unterwarf, zunehmend unzufriedener machte. Und durch die sich verändernde Einstellung der Religion gegenüber, fehlte nun die Rechtfertigung des Handels und Lebens, wie sie der Staat für den Arbeiter vorsah. Eine Erlösung im Himmelreich zu erhalten, war keine Motivation mehr.

Marx erkannte genau hier das Problem, die deutsche Gesellschaft und ihr wirkliches Glück betreffend: die Religion ist nur der Schleier, den die Regierung nutzt um Politik und Recht betreiben zu können. Das dieser Schleier nun gefallen ist, ändert jedoch nichts an der gesellschaftlichen Teilung des deutschen Volkes in mehrere Klassen; so auch in die bereits erwähnte zunehmend unzufriedener werdende Klasse des Proletariats.

Doch die Kritik an der Religion kann nur effektiv fruchten und die Illusion brechen, wenn die ganze Gesellschaft, insbesondere ihre Politik, emanzipiert wird.

Doch es fällt Deutschland schwer, sich zu emanzipieren. Die Gesellschaft war eingefahren. Deutschlands Politik war veraltet und seine Wirtschaft war ebenfalls rückständig.

„Die Deutschen haben in der Politik gedacht, was die anderen Völker getan haben." (Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung, Werke Band 1, S.385) Das Problem liegt hier offensichtlich nicht in der spekulativen Rechtsphilosophie oder an der Weiterentwickelung philosophischer Gedanken, vielmehr liegt es an der Umsetzung selbst.

Es stellt sich die Frage, ob das in der Theorie vorhandene politische und rechtliche Bewusstsein, welches aus dem Denken deutscher Philosophen geboren und von anderen Ländern bereits erfolgreich zelebriert wurde, auch in Deutschland selbst vollzogen werden kann?

Marx Antwort auf diese Frage, liegt „[..] in der Bildung einer Klasse mit radikalen Ketten [..], welche keine Klasse der bürgerlichen Gesellschaft ist." (Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung, Werke Band 1, S.390)

Es ist die Sprache vom Proletariat. Das Proletariat, das im Sinne Marx' aus der aufkommenden Industrialisierung hervor ging, definierte sich dadurch das die Menschen dieser Klasse ihr Leben dadurch bestritten, indem sie ihre Arbeitskraft verkauften. Proletarier arbeiteten in den aufkommenden Industriewerken. Die Industrialisierung kam in Deutschland, im Vergleich mit bspw. England (1780), doch recht langsam voran. Die Gründe dafür lagen u.a. in der Zerteilung des Reiches in viele kleine Staaten, was wiederum Zollschranken und unterschiedliche Währung zur Folge hatte. Die Zölle zwischen den einzelnen Staaten erschwerten hierbei sowohl den innerdeutschen als auch den Handel außerhalb Deutschlands. Mit der Einführung des deutschen Zollvereins, konnte sich der Handel erholen und verbreiten. Mit dem Ausbau der Eisenbahn um 1840 kam die Industrialisierung in Deutschland dann richtig an. Mit ihr wurde das soziale Gefälle in Deutschland zugespitzt. Die Fabrikbesitzer versuchten unter dem Druck der anderen Industrienationen und dem innerdeutschen Konkurrenzkampf selbst, ihren Rückstand damit zu kompensieren, indem sie dem Motto verfielen: 'Größtmögliches Kapital - bei kleinstmöglichem Einsatz erzielen'. Über die daraus resultierenden unmenschlichen Arbeitsbedingungen schaute die Politik hinweg. Und der Proletarier, der allgemein abhängig davon war, das seine Arbeitskraft gekauft wurde, weil er nur so seinen sein Lebensunterhalt finanzieren konnte, fügte sich den Arbeitsbedingungen, die von ihm gefordert wurden. Eine Entfremdung der Arbeiterklasse von sich selbst und seiner Tätigkeit war die Folge.

Und genau diese Entfremdung ist es, was den Proletarier aus der Gesellschaft heraus zu einen besonderen Stand erhebt. Das Unrecht welches ihm widerfährt, welches ihn zur Aufgabe seines eigenen Seins, zum „[..] völlige[n] Verlust des Menschen [..]" führte; legte ihm die radikalen Ketten an, derer es Bedarf im Deutschland politisch zu revolutionieren. Auch wenn Deutschland sich mit der praktischen Umsetzung einer Revolution schwer zu tun scheint, so gib es dennoch Hoffnung das theoretische Denken materialisieren zu können um eine Emanzipation zu erreichen.

So wie auch die Kritik der Religion mittels Radikalismus der deutschen Theorie materialisiert werden konnte; indem dem Menschen impliziert wurde, das es selbst das höchste Wesen sei und der illusorische Blick auf die Religion ihn nur in seinem eigenen Sein einschränkt und ihm den Fortschritt verwehrt; so muss es auch möglich sein, das Volk zu ermutigen sich von Selbsttäuschung und Resignation zu befreien und sich dem politischem System resolut zu stellen.

Man muss dem Volk bewusst vor Augen führen, das es sich im Rückstand befindet. Die politische Gegenwart des deutschen Volkes lehnt sich an die vergangenen politischen Geschehnisse Frankreichs und Englands. Während diese im Stadium der Lösungsfindung sind. Geht Deutschland auf direkten Kurs, anstelle Lehren aus seinen Nachbarn zu ziehen, selbigen Verlauf aufzunehmen.

Der „wirkliche Lebenskeim des deutschen Volkes" liegt in der Philosophie, durch sie und mit ihr kann das deutsche Volk emanzipiert werden. So wie durch sie die Aufhebung der Religion stattfindet, wird durch sie die Emanzipation der Deutschen zu Menschen, mit sozialen Rechten und Freiheiten, stattfinden.

Das Proletariat, eine Klasse die gewisser Maßen zu einer „Klasse in Ketten" gezwungen wurde. Wenngleich die Industrialisierung den Fortschritt in der Produktion mit sich brachte, so brachte sie gewissermaßen den Rückschritt für den Menschen. Einst noch Selbstversorger, wurden viele Bauern dazu genötigt ihr Heimhandwerk aufzugeben, da es sich wirtschaftlich nicht mehr lohnte. Das Problem lag darin, das sie mit denen im Zuge der Industrialisierung entwickelten Maschinen, welche mehr und in weniger Zeit produzieren konnten, nicht mehr mithalten konnten und somit der Armut verfielen. Die Lösung für das Armutsproblem lag nun in der Arbeit in den Industriewerken.

Doch wie bereits erwähnt befand sich Deutschland nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich im Rückstand. Um diesen Rückstand kompensieren und auch um innerdeutschen Markt konkurrenzfähig zubleiben, entbrannte ein Kampf der Fabrikbesitzer, der auf den Köpfer der Industriearbeiter ausgetragen wurde. Das führte zu Dumpinglöhnen, fehlender persönlicher Freiheit,.. kurzum zu unmenschlichen Arbeitsbedingungen.

Hier anzusetzen, beim Proletariat, welches sich unterdrückt, missverstanden, misshandelt und ausgenutzt fühlt, scheint unter Berücksichtigung aller genannten und noch ungenannten Faktoren jener Zeit, das größtmögliche Potential zu bieten um eine grundliegende politische Revolution in Deutschland zu begehen. Die Philosophie spielt auch hier weiterhin den theoretischen Part, doch sie findet im Proletariat seine Materialisierung. Und das Proletariat braucht die Philosophie um seinen Grundgedanken zu manifestieren, zu erkennen das es einer Selbstentfremdung unterliegt, die es durchbrechen kann. Denn so wie die Religion, erst durch die Erkenntnis des Menschen als Illusion entlarvt werden kann, so ist auch die Kritik an der Gesellschaft, die sich neben der Religion auch einer Macht unterordnet, nämlich der Politik und dem Recht, nur durch die Erkenntnis der Menschen selbst aufzuheben.

Als ein sich in der Gesellschaft befindliches Individuum, befindet sich der Mensch in Abhängigkeit zu seinen Mitmenschen. Um das Leben innerhalb seiner Gemeinschaft zu regeln, bediente er sich der Schaffung eines Übermenschen, gekleidet in die Hülle der Religion. Um die Emanzipation des Proletariats fruchten zu lassen, bedarf es daher der Erkenntnis darüber, das der Mensch das höchste Wesen ist.

Ohne diese Erkenntnis stünde der Mensch, im besonderen das Proletariat, weiterhin in der Illusion eines Glückes, dass so nicht existiert. Er würde weiterhin der Selbsttäuschung unterliegen und auf Erlösung im Himmel hoffen. Doch wenn er den Strohhalm des Selbstbetruges aufgegeben hat, fehlt ihm der Funken Hoffnung, an den er sich weiter klammern kann. Er erlebt in der Enttäuschung den Auftrieb und mündet ihn in einem Gedanken, welcher im Kopf entsteht und vom Herzen getragen und formiert wird. Dieser Gedanke, ist der Gedanke nach Selbstbestimmung, Befreiung von Unterdrückung und Ausbeutung, kurz Emanzipation. Und diesen Gedanken trägt die Philosophie und fordert mittels dem kategorischen Imperativ „[..] alle Verhältnisse [zu reformieren], in denen der Mensch [, der Proletarier] ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist [..]."

Die Philosophie und das Proletariat gehen somit eine Symbiose ein. Während sich die Philosophie durch die Emanzipation des Proletariats materialisieren kann, kann sich das Proletariat nur durch die Philosophie emanzipieren.

Das Marx kein Alt- sondern Linkshegelianer war, lässt sich aus seiner Einleitung gut entnehmen. Zum Einen bedient er sich der dialektischen Methode Hegels, z.B. als er sich auf die Reform Martin Luthers bezieht. Doch anders wie Hegel positioniert er sich, ganz nach Ludwig Feuerbach gegen die Religion. Sie ist eine geschaffene Illusion um die Gesellschaft zusammenzuhalten und ihnen das Nachdenken abzunehmen. Aber Karl Marx sieht nicht nur in der Religion das Problem. Sondern er sieht in der Gesellschaft selbst das Problem, die sich mittels der Religion das Leben nur angenehmer oder erträglicher macht, je nachdem welcher Klasse er angehört.

Marx kritisiert die Politik Deutschlands, die Einschränkungen seitens des Staates, die schlechte Verteilung des Wohlstandes und die Zäsur, welcher er selbst unterlegen war und ihn letztlich nach Paris zog, wo er auch diese Einleitung zur Kritik an Hegels Rechtsphilosophie schrieb.

Die Darstellungen Marx, von der Emanzipation der Deutschen zu Menschen, sind an vielen Punkten sehr radikal angelegt, doch im Zuge der Verschlechterung des Armutsproblems und dem damit nicht benannten auftretenden Bildungsmangels, ist diese radikale Darstellung sehr wohl gerechtfertigt.

Wenn der Kleine Mann unterdrückt wird, er am Existenzminimum lebt, obwohl er mehr dafür opfert als es menschenwürdig ist zu opfern, so kann nur er derjenige sein, der zu erkennen vermag, dass das jene ihm suggerierte Weltbild keinesfalls das ist, was es zu sein hat. Wenn der Mensch nichts mehr hat, wenn er in den Grundzügen seines illusorischen Glückes enttäuscht wurde, dann wacht er auf. Dann ist er in der Lage sich seines Verstandes zu bedienen und sein Leben auf sich auszurichten und keinesfalls nach einem fiktiven Strohhalm namens Religion.

Und es ist wahr. Es ist heute wie damals, ein Problem der Gesellschaft, sich zu emanzipieren, vom Kapitalgeprägen Weltbild. Sicherlich sind die Verhältnisse nicht exakt die selben wie um vor der Revolution von 1848/49, aber gleich geblieben ist der Gedanke daran Arbeiten zu müssen um seinen Lebensunterhalt gewähren zu können. Wie viele der Deutschen heute arbeiten denn um der Arbeit wegen? Weil sie sich damit identifizieren können? Doch wohl ein schwindend geringer Teil. Und wenngleich das Soziale System sich im Vergleich zu damals stark verbessert hat, so ist es dennoch nicht einmal annähernd im Gleichgewicht.

In jedem Fall wird ganz klar deutlich worauf Marx' hinaus will: Beseitigung der Unterdrückung des Menschen mittels niederer Klassengesellschaft, Auseinandersetzung mit der Armutsproblem und Abschaffung der Zensur sowie der Übermacht. Einer Übermacht die sich über die Position des Einzelnen erhebt und einzig über ihn herrscht. Diese Übermacht, die sich in der Religion und der monarchischen Staatsform zeigt, kann man nur durch die Philosophie entgegentreten.

[...]


Details

Seiten
6
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656440840
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v215605
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Philosophiegeschichte
Note
3,0
Schlagworte
Karl Marx Hegelsche Rechtsphilosophie marxistische Philosophie historischen Anfänge

Autor

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