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Kulturelle Orientierungen bei Karl-Heinz Flechsig

von Lisa Fink (Autor)

Wissenschaftlicher Aufsatz 2013 5 Seiten

Medien / Kommunikation - Interkulturelle Kommunikation

Leseprobe

„Kulturelle Orientierungen“, Karl-Heinz Flechsig (2000)

Flechsig verdeutlicht in seinem Text „Kulturelle Orientierungen“, dass der Begriff „Kultur“ sich in Europa seit der Antike entwickelt hat und dabei im Laufe der Zeit auf drei unterschiedliche Arten verstanden werden kann.

Während man in einem ersten Sinne unter Kultur die „Veredlung“ der Sitten durch Bildung, Religion, Künste und Wissenschaften, also als Synonym für Kunst und „höhere“ Lebensgestaltung verstehen kann, begreift man Kultur ab dem 18. Jh. als alles, was nicht „Natur“ ist und somit von Menschen erschaffen wurde.

In einem dritten Sinne bezieht sich Kultur auf eine konkrete Menschengruppe, „die sich als Einheit von territorialen, ethnischen, ideologischen, mentalen und linguistischen Kriterien bestimmen lässt“, wofür auch die Begriffe „Volk“ und „Nation“ verwendet werden. In diesem Fall hat Kultur als Nationalkultur einen ideologischen Charakter und wird meist unterstützend für Herrschaftsansprüche verwendet.

Kultur stellt jedoch auch ein Phänomen der Innenwelt dar, da sie auch in den Köpfen der Menschen existiert. Man spricht bei der „kulturellen Programmierung“, in deren Prozess Menschen lernen, erzogen werden und sich entwickeln, von „Enkulturation“ und „Sozialisation“, die auf der genetischen Programmierung des Menschen aufbaut und in historischen und sozialen Kontexten erfolgt.

Da in unterschiedlichen kulturellen Kontexten jeweils andere Lösungswege gefunden wurden, um die kulturelle „Innenwelt“ zu gestalten, existieren zahlreiche verschiedene Lösungswege, denen jeweils symbolische Bedeutungen zugeschrieben werden.

In Bezug auf Gruppen kann des Weiteren von Kulturgemeinschaften gesprochen werden. Während man früher dazu neigte, etwa eine Nation als Gemeinschaft zu bezeichnen und ihr bestimmte Eigenschaften zuzuschreiben, ist es insofern schwierig, „Kulturgemeinschaft“ zu definieren, als sich heute meist auf dem gleichen Gebiet mehrere Gemeinschaften gleichzeitig entwickeln und existieren, wobei ein Individuum mehreren angehören kann. Es besteht außerdem die Möglichkeit, dass sich gebietsübergreifende Gemeinschaften, wie etwa die EG, entwickeln.

Die nationale Stereotypenbildung ist eine beliebte Vorgehensweise, wobei Aussagen über Kollektive stets auch Beziehungsaussagen sind, die immer zugleich Selbstaussagen darstellen und sich einer empirischen Überprüfung grundsätzlich entziehen.

Treffender als der Begriff „Kulturgemeinschaft“ ist daher, von „kulturellen Bezugssystemen“ zu sprechen, die abstrakter sind und denen Menschen sich zuordnen oder zugeordnet werden, die einen Komplex aus Wertvorstellungen, Verhaltens- und Deutungsmustern darstellen. Bezugssysteme ändern sich ständig und können auf mehreren Ebenen angesiedelt sein, wie etwa Religionen und Lebensstilen.

Grundsätzlich muss gesagt werden, dass Kulturen keine Wirklichkeit darstellen, sondern als sozial vermittelte Konstrukte zu verstehen sind. Auch der Begriff „kulturelle Orientierungen“ soll daher als Konstrukt verstanden werden. Er meint die Position des Menschen im Hinblick auf Bezugssysteme, wobei der „kulturelle Raum“ in modernen Gesellschaften vieldimensional ist und jeder Mensch somit eine Kombination vieler Orientierungen aufweist.

Flechsig gelingt mit seinem Text „Kulturelle Orientierungen“, als bedeutendes Beispiel eines emischen Ansatzes, ein informativer Überblick über das Verständnis von, und unterschiedliche Perspektiven auf kulturelle Kontexte.

Mit seiner Abhandlung über das Verständnis des Kulturbegriffes im Laufe der Geschichte wird deutlich, was auch Elias in seiner „Soziogenese des Gegensatzes von ‚Kultur’ und ‚Zivilisation’ in Deutschland“[1] betont, dass nämlich ‚Kultur’, wie auch ‚Zivilisation’, das im Sinne der „Veredlung der Sitten“ oftmals synonym verwendet wird, an sich nichts bedeuten, sondern von ihrer geschichtlichen Entwicklung abhängig sind. „Kultur“ ist demnach also kein Begriff für etwas Reales, Greifbares und Selbstverständliches, sondern stellt ein Konstrukt dar und ist jeweils von den gesellschaftlichen Bedingungen seiner Zeit abhängig.

Für einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Kulturbegriff ist es daher unumgänglich, Kulturen stets – im Sinne Berger/Luckmanns, die in „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“[2] betonen, dass jegliche Institutionen der Menschheit zunächst als subjektive Wirklichkeit zur objektiven Wirklichkeit und im Laufe der Sozialisation vom Individuum schließlich wieder internalisiert werden - als ein gesellschaftliches Konstrukt zu begreifen. In diesem Bewusstsein ist man weniger dazu geneigt, Kultur subjektiv zu beurteilen und es sollte Aufgabe der Kulturwissenschaft sein, die Neigung, Kultur zu bewerten und etwa die eine Kultur der anderen vorzuziehen, sowie daraus resultierende Konflikte, zu vermeiden.

[...]


[1] Elias, Norbert (1997): Zur Soziogenese der Begriffe ‚Zivilisation’ und ‚Kultur’. In: Elias, Norbert: Über den Prozess der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen (Band 1). Frankfurt am Main

[2] Berger,Peter L./Thomas Luckmann (1969), Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie, Frankfurt am Main

Details

Seiten
5
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656443056
ISBN (Buch)
9783656443100
Dateigröße
418 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v215732
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Interkulturelle Kommunikation
Note
Schlagworte
kulturelle orientierungen karl-heinz flechsig

Autor

  • Lisa Fink (Autor)

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Titel: Kulturelle Orientierungen bei Karl-Heinz Flechsig