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Der neue Krieg. Die Veränderung des Krieges seit dem Zweiten Weltkrieg aus soziologischer Perspektive

Bachelorarbeit 2009 19 Seiten

Soziologie - Krieg und Frieden, Militär

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Fragestellung und Aufbau der Arbeit

2. Definition – Was ist Krieg?

3. Die Veränderung des Krieges

4. Der neue Krieg

5. Der Krieg von heute

6. Der Terrorismus

7. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Konflikte beherrschen und prägen alle Gesellschaften. Egal ob aktiv oder passiv, ist der Mensch tagtäglich von Konflikten umgeben. In dieser Bachelorarbeit soll es um die extremste Form des Konfliktes gehen, den Krieg. Obwohl der Fokus dieser Arbeit auf dem Krieg seit 1945 liegt, wird es sich nicht vermeiden lassen, auf einige geschichtliche Ereignisse davor zurückzugreifen, oder ältere Theorien bzw. Definitionen, wie zum Beispiel das Werk von Clausewitz kurz zu erörtern. Es ist bemerkenswert, dass sich die Soziologie der jüngeren Geschichte mit dem Krieg kaum beschäftigt. Die Anzahl an soziologischen Arbeiten zum Thema Krieg, befindet auf einem äußerst niedrigen Niveau, so Warburg (2008).

Angesichts der kriegerischen Konflikte der letzten Jahrzehnte, ist die Sichtweise von Clausewitz, dass der Krieg die Fortsetzung politischer Auseinandersetzung mit anderen Mitteln ist, in Frage zu stellen. Oft sind die Hintergründe und Motive der Akteure nicht politischer Natur und selbst wenn, dann sind sie meist nicht klar definiert. Selbst die Kriegsführung, abgesehen von der modernen Kommunikations- und Militärstechnologie, hat sich im vergangenen Jahrhundert verändert.

Ein Bruch in der historischen Entwicklung des Krieges ist mit dem Ende des Kalten Krieges 1989 deutlich geworden und markiert heute eine neue Form des Krieges. Die neuen Kriege sind von einem zunehmenden Verlust des Gewaltmonopols der Staaten gekennzeichnet, dem Konflikt um natürlich vorkommende und lebensnotwendige Ressourcen, von Kindersoldaten, Warlords und wieder aufkommende Söldner. Es ist ein Kampf um Identitäten entbrannt. Massive Gewaltanwendung linker wie rechter, religiöser und politischer Gruppierungen, sowie ethnische Konflikte prägen das Bild des heutigen Kriegsgeschehens. Neben den neuen Formen und Motiven des Krieges, charakterisiert die technologische Revolution in der Kriegsführung, die Fortentwicklung des letzten Jahrhunderts. Die militärische Nutzung des Weltraumes und die computerunterstützte Vernetzung von Mensch und Maschine, führen zum industrialisierten Soldaten der Massenheere des 20. Jahrhunderts und zum technologischen Krieger der Berufsarmee des 21. Jahrhunderts. Der waffentechnologische Wandel, von einfachen automatisierten Handfeuerwaffen, über die Entwicklung der Atombomben, bis zu den biologischen Massenvernichtungswaffen, haben die Grenzen konventioneller Kriegsführung gesprengt (Herberg-Rothe 2003).

Aufgrund dieser Wandlung versucht unter anderem Martin van Creveld in seinem Werk ‚Die Zukunft des Krieges’ (1998) der Clausewitz’schen Kriegstheorie entgegenzuhalten, indem er meint, dass die Kampfbereitschaft in den meisten kriegerischen Auseinandersetzungen nicht politisch motiviert ist, sondern anderen Faktoren zugrunde liegt.

1. Fragestellung und Aufbau der Arbeit

In der vorliegenden Bachelorarbeit soll die Veränderung des Krieges seit dem Zweiten Weltkrieg aus einer soziologischen Perspektive thematisiert werden. Bevor wir uns jedoch der Definition, den Formen sowie der Veränderung des Krieges widmen, möchte ich dieser Arbeit die zentrale Fragestellung voranstellen: Wie hat sich der Krieg im Verlauf des letzten halben Jahrhunderts aus soziologischer Perspektive verändert? Und ist es bei den heutigen Formen von Konflikten überhaupt gerechtfertig von einem Krieg zu sprechen?

Ich möchte mit dieser Arbeit den Beweis bringen, dass trotz einer Veränderung in der Form von kriegerischen Auseinandersetzungen in den vergangenen Jahrzehnten, entgegen den Definitionen einiger Kriegstheoretiker, sehr wohl von Krieg gesprochen werden. Es hat sich aber nicht nur der Krieg und seine Form an sich verändert, sondern auch die Definition was einen Krieg ausmacht und als solcher kategorisiert werden kann.

Ich möchte diese Arbeit in vier Kapiteln gliedern. Im ersten Kapitel Was ist Krieg? soll eine Definition des Krieges erarbeitet werden. Was macht einen Krieg aus und welche Vorrausetzungen bzw. Rahmenbedingungen sind notwendig, um einen Konflikt als Krieg zu definieren? Wir werden uns dazu in aller Kürze mit dem Werk ‚Vom Kriege’, das Carl von Clausewitz verfasst hat, auseinandersetzen. Des Weiteren werden die moderneren Ausführungen zur Definition des Krieges vom deutschen Soziologen Trutz von Trotha und Jens Warburg herangezogen. Das zweite Kapitel soll die Veränderung des Krieges in einem kurzen Abriss aufzeigen. Es soll den Übergang von einem totalen Krieg zu den neuen Kriegen darstellen. Obwohl sich zwischen den neuen Kriegen und den Kriegen von heute, nur schwer eine exakte Trennlinie ziehen lässt, werden sie in zwei separaten Kapiteln behandelt. Die neuen Kriege im dritten Kapitel, beschreiben die bewaffneten Konflikte seit dem Zweiten Weltkrieg. Es sollen einige Charakteristika herausgearbeitet werden und welche Rolle dem Staat bei diesen neuen Kriegen zukommt. Bei den Kriegen von Heute möchte ich mich auf die kriegerischen Ereignisse der letzten zwei Jahrzehnte konzentrieren. Der Niedergang der Sowjetunion und das Ende des Kalten Krieges, hat aus meiner Sicht eine weitere Veränderung des Krieges mit sich gebracht. Im letzen Kapitel möchte ich mich dem brisanten und hochaktuellen Thema des Terrorismus widmen. Welche Rolle heute der Terrorismus im aktuellen Kriegsgeschehen spielt und inwieweit es überhaupt gerechtfertigt, den Terrorismus in die Kategorie Krieg einzustufen, soll im letzten Kapitel behandelt werden.

2. Definition – Was ist Krieg?

Wenn hier das Thema Krieg behandelt wird, soll zuerst definiert werden, was unter Krieg zu verstehen ist. Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, ist es meiner Meinung notwendig, kurz auf den Klassiker der Kriegstheorie, Carl von Clausewitz zurückzugreifen. Clausewitz hat mit seinem Werk ‚Vom Kriege’, eine wissenschaftliche Basis zum Thema Krieg geschaffen, die bis heute in den Militärakademien gelehrt wird. Nach Clausewitz handelt es sich im Krieg um nichts anderes als einen erweiterten Zweikampf. Ziel dieser Handlung ist es, den Feind niederzuwerfen und für jeglichen Widerstand handlungsunfähig zu machen, um dadurch zum wichtigeren politischen Zweck zu gelangen, nämlich den Gegner mittels physischer Gewalt den Willen des Angreifers aufzuzwingen. In seiner Chronologie der Kriegszwecke, gehen dem Ausbruch eines Krieges immer politische Auseinandersetzungen voraus und somit kann der Krieg als eine Fortsetzung der politischen Verhandlungen angesehen werden. Der Krieg wird somit zum Werkzeug für die Durchsetzung politischer Zwecke. Aus der Wechselwirkung zwischen der Politik und dem Krieg, ergibt sich für Clausewitz folgende Gesetzmäßigkeit. Je geringer der Wert des politischen Zweckes ist, umso geringeren Widerstand wird der Feind gegen seinen Angreifer aufbringen. Ist der politische Zweck jedoch niedrig, so fällt es auch leichter diesen zugunsten des Feindes aufzugeben (Von Clausewitz 2006). Man kann also folgern, dass das Ausmaß der Kampfhandlung immer auf den ursprünglichen politischen Zweck der beiden Parteien zurückzuführen ist.

Trotz seines ausführlichen und berühmten Werkes, hält er sich in seiner Definition vom Krieg selbst eher kurz. „Der Krieg ist […] ein Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen“ (Von Clausewitz 2006, S.13). Bei der Clausewitz’schen Definition vom Krieg, wird auf die wichtigen Organisationsstrukturen und dem Einsatz der zerstörerischen Waffen nicht näher eingegangen. Der deutsche Soziologe Trutz von Trotha, greift mehr als 150 Jahre später diese wichtigen Umstände des Krieges in seiner Definition auf: „Krieg ist der kollektive und organisierte Einsatz von materieller Schädigung, absoluter Gewalt, sprich: Tötung und einer Zerstörungs- und besonders Waffentechnik“ (Von Trotha 1999, S.71). Aus dieser Definition lassen sich einige wichtige Punkte hervorheben. Um diesen kollektiven Einsatz zu erreichen, ist es notwendig die gesamte Volkswirtschaft eines Landes auf die Kriegssituation einzuschwören. Es braucht eine Zentralisierung der Macht, um die Leistungskraft der Armee und den Kampfwillen der Bevölkerung bis zum Sieg zu gewährleisten. Der Krieg ist eine organisierte Unternehmung, der die militärischen Kräfte, sowie nichtmilitärische Institution und auch die Zivilgesellschaft mit einbezieht.

Ein weiterer Punkt aus dem vorherigen Zitat ist die angesprochene Waffentechnik. Die Qualität und Quantität der Waffen, entscheidet meistens über Sieg oder Niederlage einer Armee, bzw. einer ganzen Nation. Schon in grauer Vorzeit entschieden die besseren Metalle und die eingesetzte Menge an Waffen über den Ausgang des Krieges. Wir verfügen heute über modernste Waffentechnologie, auf die ich später noch eingehen werde.

Ein letzter wichtiger Punkt in der Definition von Trotha, betrifft das massenhafte Töten von Menschen. Das kollektive Töten ist wohl das typischste Charakteristikum des Krieges und hebt ihn dermaßen vom alltäglichen Leben ab. Irene Etzersdorfer geht noch einen Schritt weiter, indem sie sagt: “Schon die Bereitschaft zu töten gehört der Welt des Krieges an, im Sinne einer Negation des Gemeinwesens“ (Etzersdorfer 2007, S.13). Wenn ein friedliches Zusammenleben mit dem Kollektiv nicht mehr möglich ist, muss das Gegenüber unterworfen werden, um dann in der eigenen überlegenen Position, den Willen des anderen zu brechen, bzw. ihm den eigenen Willen aufzuzwingen. Trutz von Trotha geht im Bezug auf das Töten im Krieg sogar so weit, dass im Krieg „menschliche Gewaltphantasien [entfesselt werden und man] gleichgültig gegenüber dem Leiden des Opfers [wird]“ (Von Trotha 1999, S.72). In der Kreativität der Foltermethoden, um wichtige Informationen der Kriegsgefangenen des Gegners zu erhalten, oder der Verstümmelungstechniken und Vergewaltigungspraxen von zivilen Opfern, spiegeln sich diese menschlichen Gewaltphantasien deutlich wieder.

Ein weiterer Aspekt des Tötens im Krieg, ist die Bereitschaft dabei selbst umzukommen. Durch die Kampfhandlung in einer Schlacht das eigene Leben zu verlieren, stellt das größte Risiko eines Individuums dar. Nach Franz Kernic, Professor für Soziologie, sind „ein ‚Zwang zum Töten’ und die Gefahr des eigenen Todes […] wohl die typischen Charakteristika eines Kampfes“ (Kernic 2001, S.179). Trotha postuliert auf der einen Seite, kulturell und sozial bedingte Gründe, wie Patriotismus, Solidarität und Pflichtgefühlt, als Grund für die Bereitschaft eines Soldaten fürs Vaterland zu sterben (Trotha 1999). Andererseits sind der als Ordnung verstandene Zwang und die Macht des Kollektivs ein wesentlicher Faktor, dieses Risiko auf sich zu nehmen. Wenn ein Land in den Krieg zieht, kann es sich nicht erlauben durch fahnenflüchtige Krieger, womöglich den Kampf zu verlieren. Der Staat ist daher gezwungen, die Deserteure entsprechend hart zu sanktionieren. Aus dem Zitat von Etzersdorfer geht ein weiterer wesentlicher Punkt hervor. Im Krieg hält sich das Mitleid gegenüber den feindlichen Opfern durchaus in Grenzen. Aufgrund des Umstandes, dass der verwundete bzw. getötete Soldat der gegnerischen Armee uns nach dem Leben trachtete, rechtfertigt unsere Handlung, ihn außer Gefecht zu setzten. Gleichzeitig verhilft uns die Kampfunfähigkeit des Gegners, dem Sieg ein Stück weit näher zu kommen.

Der deutsche Sozialwissenschaftler Jens Warburg und Professor für Soziologie, gibt sich mit einer umgangssprachlichen Definition von Krieg keineswegs zufrieden. Er geht der Frage nach, wie sich das Phänomen Krieg von anderen Gewaltereignissen in einer Gesellschaft differenzieren lässt. Sind es quantitative Kriterien, wie die Anzahl von verwundeten oder getöteten Menschen, die es rechtfertigen von einem Krieg zu sprechen? Aber selbst wenn, wird dann die Grenze bei 100 oder 1000 Toten gezogen? Reden wir von Soldaten oder Zivilisten? Mit dieser Differenzierung lassen sich zumindest Massaker oder der Genozid vom Krieg unterscheiden, obwohl diese häufig im Kontext von Kriegen stattfinden. Warburg plädiert für ein sozialhistorisch, qualitatives Verständnis, um den Krieg von anderen Gewalttaten abzugrenzen.

„Die Einbeziehung der Sozialhistorie ist notwendig, weil das Phänomen Krieg mitnichten das ewig gleiche Unglück der Menschheitsgeschichte ist. Dies gilt für die Form des Krieges, seine Folgen und für den Umstand, ob wir überhaupt den Kriegszustand vom Frieden unterscheiden können. […] erst nach der Ausbildung von Staatlichkeit, in deren Inneren ein pazifizierter Raum existiert, ist eine Unterscheidung zwischen Krieg und Frieden möglich“ (Warburg 1999, S.97f.).

Wurde früher eine zwischenstaatliche Gewaltausübung als Krieg bezeichnet und der Bürgerkrieg nur als Subkategorie, so sind in den letzten 50 Jahren zwischenstaatliche Kriege zur Ausnahme geworden und innerstaatliche Konflikte stehen auf der Tagesordnung. Was für frühere Zeitzeugen ein Krieg war, würde man heute lediglich als gewalttätigen Kampf zweier Parteien bezeichnen.

Ein wesentlicher Punkt für Warburg um von Krieg zu sprechen ist, dass mindestens eine von zwei oder mehreren Konfliktparteien über einen funktionierenden Gewaltapparat, wie dem Militär verfügen muss. Dieses muss über reproduzierbare Ressourcen von Gewaltmitteln verfügen, sowie Soldaten rekrutieren, die auf ein aggressives Handeln für die Kriegsführung zugerichtet werden und dem Staat als ständige gewaltausübende Macht zur Verfügung stehen. Für Warburg ist der entscheidende Faktor eines Krieges, „dass die Aktionsmacht eines Akteurs auf einen organisierten und anhaltenden Widerstand stößt“ (Warburg 1999, S.98). Dies soll heißen, dass im Krieg der Tod des Gegners mehr als nur ein willkürliches und einmaliges Ergebnis des Handelns eines Akteurs sein muss. Nicht die Gewaltausübung an sich macht einen Krieg aus, sondern erst die gewalttätige Reaktion darauf durch den anderen (Warburg 1999).

[...]

Details

Seiten
19
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656445722
ISBN (Buch)
9783656445784
Dateigröße
448 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v215831
Institution / Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz – Institut für Soziologie
Note
2
Schlagworte
Krieg Terrorismus Konflikte Clausewitz Militärstechnologie Söldner Gewaltmonopol Waffentechnologie Kriegstheorie Trutz von Trotha Staatenkrieg Militärunternehmen Kindersoldaten. Kriegswirtschaft

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Titel: Der neue Krieg. Die Veränderung des Krieges seit dem Zweiten Weltkrieg aus soziologischer Perspektive