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Sind gute Manieren für den Bildungsweg erfolgversprechender als gute Leistungen?

Soziale Einflussfaktoren auf den Verlauf von Bildungskarrieren

Hausarbeit 2012 22 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Illusion der Chancengleichheit
2.1 Empirische Befunde
2.2 Theoretische Erklärungen
2.3 Zwischenfazit

3 Learning to labour
3.1 Die schulische Gegenkultur im Detail
3.2 Berührungspunkte von schulischer Gegenkultur und der Kultur der Ar­beiterklasse

4 Fazit

Literatur

1 Einleitung

Es kursieren verschiedene Ansichten darüber, wovon der schulische Erfolg1 eines Kin­des abhängt. Manche Stimmen vertreten noch immer vehement die Ansicht, allein die Intelligenz des Individuums sei der entscheidende Faktor, Bei entsprechender Begabung stehe jedem Kind, unabhängig von Kategorien wie Geschlecht, Hautfarbe, Religion oder sozialer Herkunft, in gleicher Weise das Tor zum Erfolg offen. Dazu müsse sieh jedes Kind nur genügend anstrengen und sieh die guten Noten auch wirklich verdienen wol­len, Im gleichen Atemzug ist die Rede von Chancengleichheit, von einem durchlässigen Schulsystem, das soziale Aufwärtsmobilität gewährleiste sowie davon, dass ausschließlich Leistung zähle und belohnt werde.

An solcherlei Aussagen hegte Georg Simmel bereits im Jahre 1900 Zweifel, die er auf seine unvergleichlich treffsichere und polemische Art äußerte:

„Die scheinbare Gleichheit, mit der sieh der Bildungsstoff jedem bietet, der ihn ergreifen will, ist in der Wirklichkeit ein blutiger Hohn, gerade wie an­dere Freiheiten liberalistiseher Doktrinen, die den Einzelnen freilich an dem Gewinn von Gütern jeder Art nicht hindern, aber übersehen, daß nur der durch irgendwelche Umstände schon Begünstigte die Möglichkeit besitzt, sie sieh anzueignen,“ (Simmel 1900)

Hier klingt eine soziologische Betrachtung des Einflusses von Privilegien auf die Bil­dungskarriere an, die etwa siebzig Jahre später von Pierre Bourdieu und Jean-Claude Passeron in ihrer Studie über Bildungsehaneen in Frankreich namens Die Illusion der Chancengleichheit und Paul E, Willis’ ethnografischer Studie über englische Arbeiter­kinder und dessen Weg von der Schule in die Welt der Arbeit, die in den späten siebziger Jahren unter dem Titel Learning to labour erschien, weitergeführt wurde. Beiden Arbei­ten ist gemeinsam, dass sie der Intelligenz, verglichen mit der sozialen Herkunft, einen nachrangigen Stellenwert beimessen, wenn es darum geht, Bildungserfolg zu erklären,

Nachfolgend werden Abschnitte beider Studien komprimiert dargestellt und detaillier­ter dahingehend untersucht, welche Erklärungen für Bildungsungleichheit sie jeweils an­bieten, Besonderes Augenmerk wird dabei auf den Einfluss (sub-)kultureller Eigenheiten des Lebensstils innerhalb verschiedener sozialer Milieus gelegt. Denn sowohl Bourdieu und Passeron als auch Willis zufolge scheint der Erfolg im Bildungssystem weniger von der Intelligenz des Einzelnen abzuhängen, als von der Beherrschung und Anwendung bestimmter kultureller Verhaltensweisen,

2 Die Illusion der Chancengleichheit

In ihrer gemeinsam veröffentlichten Studie Die Illusion der Chancengleichheit legen Bourdieu und Passeron unter anderem empirische Daten zur Bildungsungleichheit im Frankreich der späten sechziger Jahre dar, die sie durch eigene theoretische Annahmen zu erklären suchen. Dabei kommen sie zu der überraschenden These, dass bestimmte geerbte kulturelle Kompetenzen und damit soziale Tatsachen mitverantwortlich für den Verlauf der Bildungskarriere sind, anstatt sich auf den möglicherweise naheliegenderen biologisch-genetischen Einflussfaktor Intelligenz zu berufen. Folgend sei die grundlegende Argumentation, von den harten Fakten der Empirie zu den daraus folgenden theoreti­schen Schlüssen, in gebotener Kürze nachgezeichnet, um ein Verständnis für mögliche Selektionsmechanismen des französischen Bildungssystems zu bekommen. Sind diese er­fasst, so sind auch jene Ursachen ungleich verteilter Bildung ersichtlich, die sich aus den sozialen Verhältnissen ergeben,

2.1 Empirische Befunde

Bourdieu und Passeron beziehen sich im ersten Kapitel ihrer Arbeit auf Daten zu den Zu­gangschancen französischer Schülerinnen und Schüler zu Universitäten und Hochschulen, Dabei untersuchen sie unterschiedliche demografische und soziostrukturelle Kenngrößen und deren Einfluss nicht nur auf die statistische Wahrscheinlichkeit eines Hoehsehulbe- suehs ihrer Merkmalsträger, sondern auch deren Studienerfolg, welche Fakultäten und Studiengänge gewählt werden sowie die Dauer des Studiums,

Die soziale Herkunft als Auslesekriterium

Eine zentrale Rolle bezüglich der Bildungsehaneen junger Menschen spielt die soziale Herkunft, Bourdieu und Passeron können mit Daten aus den Jahren 1961/62 aufzeigen, dass zwischen den untersehiedliehen sozialen Klassen2 teilweise gewaltige Divergenzen bezüglich ihrer Hoehsehulzugangsehaneen liegen. Der Zusammenhang zwischen sozialer Lage und der Aussicht darauf, eine Hochschule besuchen zu können, gestaltet sieh derart, dass die Wahrscheinlichkeit zu studieren mit der Position innerhalb des Klassengefüges steigt. Je besser die Schülerinnen und Schüler gesellschaftlich gestellt sind, desto größer sind ihre Chancen, eine Universität oder Hochschule zu besuchen. In Zahlen ausgedrüekt offenbart das Verhältnis der Wahrscheinlichkeit von Angehörigen der untersten Klassen zu studieren, verglichen mit den Chancen der obersten Klassen, akademische Bildung zu erlangen, ein erstes Mal die Dimension der Bildungsungleiehheit: „Die Aussichten auf Hochschulbesuch sind für den Sohn eines Führungskaders achtzigmal größer als für den eines Landarbeiters [...]“ (Bourdieu und Passeron 1971, S, 20), denn während die Wahrscheinlichkeit des Studiums für Söhne von Landarbeitern nur 0,8 Prozent beträgt, können 58,8 Prozent der Söhne von Führungsangestellten und Freiberuflern damit rech­nen, auf eine Universität zu gelangen. Auch für Arbeiterkinder sieht es nur wenig besser aus: Gesehleehtsunabhängig besteht eine durehsehnittliehe Chance von 1,6 Prozent auf den Besuch einer Universität, Während für sie damit immerhin eine etwa doppelt so große Wahrscheinlichkeit wie für die Landarbeiterkinder (gesehleehtsneutral 0,7 Pro­zent) besteht, ist die für Kinder aus obersten Schichten dennoch etwa vierzigmal größer. Die Chancen steigen, wie bereits erwähnt, mit der sozialen Lage, doch auch Kinder mittlerer Kader3 erreichen mit durchschnittlich 29,6 Prozent insgesamt nur eine halb so große Wahrscheinlichkeit auf den Besuch einer Universität, verglichen mit Kindern, die der höchsten Kategorie der Klassifizierung von Bourdieu und Passeron angehören. Vor dem Hintergrund, dass sieh der Anteil der entsprechenden Klassen an den Universitäten und Hochschulen reziprok zum Anteil an der Bevölkerung verhält, wird das Ausmaß der Ungleichheit besonders deutlich. Der Zugang zu höherer Bildung kann für die unteren Klassen als de facto verwehrt angesehen werden, auch wenn dem de jure nicht so ist, Wahrscheinlichkeiten von unter fünf Prozent lassen schließlich mindestens 95 Prozent keine andere Wahl, als sieh abseits der Hochschulen für den Broterwerb zu qualifizieren (vgl, Bourdieu und Passeron 1971, S, 19ff),

Subtile Ungleichheitsformen

Doch diese direkte Eliminierung nach Klassenzugehörigkeit ist nur die offensichtlichste Form der Ungleichheit, Daneben decken Bourdieu und Passeron auf, dass Angehörige der unteren Klassen zum größten Teil in der Wahl ihrer Studienfächer derart eingeschränkt sind, dass sie sieh mehrheitlich in den Fakultäten der Natur- und Geisteswissensehaf- ten konzentrieren. In den Fakultäten für Jura, Medizin und Wirtschaftswissenschaften sind sie dagegen unterrepräsentiert, während hier die Kinder der obersten Klassen die Mehrheit stellen. So werden Kinder von Landarbeitern zum Beispiel mit einer Wahr­scheinlichkeit von 50 Prozent in geisteswissenschaftlichen Fächern und mit einer Chance von knapp 35 Prozent in naturwissenschaftlichen Fächern studieren, die Wahrschein­lichkeiten für Kinder von Führungskadern und Freiberuflern hingegen betragen jeweils 33,3 Prozent (vgl, Bourdieu und Passeron 1971, S, 21), Diese auf den ersten Blick mög­licherweise unerwartete klassenspezifisehe Abdrängung wird noch dadurch verschleiert, dass die Geistes- und Sprachwissenschaften als Zufluchtsort für jene Kinder aus besse­rem Hause fungieren können, die nur pro forma studieren, weil sie sieh dazu aufgrund familiären Drucks oder Ähnlichem verpflichtet fühlen. Es ist also zu beachten, dass die

Immatrikulation in Fächer der philosophischen Fakultät4 für die einen eine Wahl, für an­dere Zwang darstellt. Diese Konzentration in Fächergruppen nach Klassenzugehörigkeit wird noch ergänzt von einer klassenabhängigen Verteilung auf unterschiedlich prestige­trächtige Bildungseinrichtungen, Privilegierte Kindern kommen mit wesentlich höherer Wahrscheinlichkeit auf prestigeträchtige Universitäten und Hochschulen, für Kinder un­terer Klassen gilt das Gegenteil (vgl, Bourdieu und Passeron 1971, S, 20-27),

Auch ist der Studienverlauf unterprivilegierter Studentinnen und Studenten im Ver­gleich mit höheren Schichten entstammenden Kindern in der Regel unsicherer und länger. Des Weiteren sprechen Bourdieu und Passeron davon, dass sich die objektiven Chancen auf den Zugang zu Hochschulen im Alltagserleben der Schülerinnen und Schüler auswir­ken und schließlich zu subjektiv empfundenen Wahrscheinlichkeiten werden, auch wenn sie nicht zwangsläufig bewusst als solche wahrgenommen werden. Sie gehen nämlich da­von aus, dass soziale Beziehungen in der Regel homogen sind, sich also hauptsächlich Angehörige der gleichen sozialen Lagen untereinander austauschen und die Anzahl der Beziehungen mit der sozialen Position steigt. Das bedeutet, dass Kinder aus unteren Klassen das studentische Milieu und Universitäten, wenn überhaupt, zum größten Teil nur mittelbar kennenlernen, Kinder aus höheren Schichten jedoch bereits in einem sol­chen Milieu aufwachsen oder große Chancen haben, es unmittelbar kennenzulernen. Dies wiederum beeinflusst die subjektiven Zukunftsaussichten der Kinder dahingehend, dass sie ein Studium als völlig normal, mindestens erreichbar oder unmöglich betrachten, je nachdem, ob und wie intensiv sie in Kontakt mit der akademischen Welt kommen. Jene Subjektivierungen der objektiven Statistiken können daher in Form empfundener Wahr­scheinlichkeiten bei unterprivilegierten Kindern weit unter den tatsächlichen Chancen liegen. Weiterhin können sie wichtige Entscheidungen bezüglich der individuellen Bil­dungskarriere entscheidend mit beeinflussen, wie in Abschnitt 2,2 dieser Arbeit gezeigt wird (vgl, Bourdieu und Passeron 1971, S, 20-27),

[...]


1 M'n Erfolg sei an dieser Stelle ein Erreichen möglichst hoher Qualifikationen im Sinne gesellschaftlich hoch geschätzter Bildungszertifikate gemeint.

2 Der Klassenbegriff wird in diesem Abschnitt nicht im Sinne marx’scher Klassen, die sich durch ihre Stellung zu den Produktionsmitteln unterscheiden und antagonistisch zu einander verhalten, ver­wendet, sondern wie in der Studie von Bourdieu und Passeron als eine theoretisch nicht weiter ausgefeilten Klassifizierung von Individuen nach Berufsgruppe des Vaters, die auch nichts mit dem später von Bourdieu erarbeiteten theoretischen Klassenbegriff (vgl. dazu: Bourdieu 1998, S. 23-27) zu tun hat.

3 Zu genaueren Erklärungen der Berufs!)ezeichnungen mittlere und höhere Kader siehe Fußnoten in Bourdieu und Passeron 1971, S. 20.

4 Die philosophische Fakultät beheimatet in Frankreich neben der Philosophie und den Sozialwissen­schaften auch Sprachen und die Psychologie.

Details

Seiten
22
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656448877
ISBN (Buch)
9783656450115
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v215916
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Soziologie
Note
1,0
Schlagworte
sind manieren bildungsweg leistungen soziale einussfaktoren verlauf bildungskarrieren

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