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„Erkenntnis und Leiden“ im Werk Thomas Manns.

Essay 2012 4 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Zum Themenkomplex „Erkenntnis und Leiden“ im Werk Thomas Manns.

In seinem Essay „Bilse und ich“ äußert sich Thomas Mann zu der Thematik der künstlerischen Erkenntnis und der künstlerischen Gestaltung. Diese beiden Prozesse seien, so Mann, für den Künstler mit Leid verbunden, welches vom Leser als Feindseligkeit gegenüber der Wirklichkeit aufgefasst würde, die im Werk dargestellt wird. Die vorliegende Arbeit unternimmt den Versuch, einerseits die feindselige Wirkung der künstlerischen Erkenntnis auf den Leser nach den Ausführungen Thomas Manns zu begründen und andererseits deren spezifische Ausgestaltung in den Hauptfiguren seiner Werke „Tonio Kröger“ und „Tristan“ aufzuzeigen, da dies wie später gezeigt wird auch Rückschlüsse auf das Denken Manns zulässt.

Zum Verständnis der vermeintlich feindseligen Wirkung ist in einem ersten Schritt zunächst auf einen Aspekt des Mann’schen Kunstverständnis hinzuweisen. Wie aus Thomas Manns oben genanntem Essay hervorgeht, entspringe die vermeintliche Feindschaft des Künstlers gegenüber der Wirklichkeit der falschen Rezeption durch die Leserschaft, bzw. deren falscher Erwartungshaltung an das Werk. Diese Rezeption beruhe auf der Annahme, die Arbeit des Künstlers bestehe in der genauen Abbildung der objektiven Wirklichkeit, er übernehme den zu bearbeitenden Stoff ohne weitere Veränderung in sein Werk. Der Leser scheide also das Werk in jenen Teil, den der Autor sich aus der Wirklichkeit entliehen hat und die reine Erfindung. Diese Annahme entlarvt Mann in seinem Essay als falsch. Die wahre künstlerische Arbeit stecke in der Beseelung des Stoffes, also gerade in dessen Umarbeitung durch den Künstler, somit sei zwischen der Realität und der Kunstwelt ein Wesensunterschied vorhanden, der das Werk endgültig von der Wirklichkeit trenne.[1] Thomas Mann konkretisiert das Verhältnis, in welchem der Leser zum Stoff des Werkes steht noch weiter. Der Autor unterlaufe durch die genannte Beseelung des Stoffes geradezu die Erwartung des Lesers, Mann nennt dies die „subjektive Vertiefung“.[2] Des Weiteren stecke in jeder Figur, die der Autor entwirft immer der Autor selbst, egal wie kühl und distanziert sich dieser zu der betreffenden Figur auch stellen mag. Somit findet der Leser im Werk also keine objektive Beobachtung.

Welches Verständnis von Kunst präsentiert Thomas Mann hier? Er führt aus, der Autor gehe über die Arbeit der bloß objektiven Beobachtung hinaus. Das Wirkliche, Alltägliche ist zwar in seiner Vorstellung noch vorhanden, er lässt die gesellschaftliche Realität aber durch die bereits erwähnte „subjektive Vertiefung“ nicht als solche dem Leser zuteilwerden. Mann wendet sich damit von der Sphäre des Lebens ab. Er gestaltet das Leben als Kunstwerk und spaltet die Bereiche Kunst und Leben voneinander, in dem er der Kunst eine gehobene Stellung zuspricht. Kurz gesagt: Mann beurteilt den Themenkomplex der künstlerischen Erkenntnis aus der Perspektive der Décadence. Die feindselige Wirkung auf den Leser erhält somit noch einen weiteren Erklärungsansatz, nämlich die antibürgerliche Stoßrichtung der dekadenten Literatur. Jene ist durchaus auch dem Aufsatz „Bilse und ich“ eigen, den Mann bewusst provokant gestaltet hat.

Es ist nun daran zu fragen, wie Thomas Mann den Gegenstand der künstlerischen Erkenntnis und das damit verbundene Leid in seinen Werken selbst darstellt. Zunächst erhält man so Aufschluss über die verschiedenen Dimensionen des Gegenstands selbst, zum anderen über die Vorstellungen des Autors, da dieser sich ja nach den vorhergehenden Erläuterungen unweigerlich in seinen Figuren wiederfinden muss. Exemplarisch dafür werden hier Tonio Kröger aus der gleichnamigen Erzählung und Detlev Spinell aus „Tristan“ analysiert, da diese beiden Charaktere als Exempel zweier Spielarten desselben Motivs angesehen werden können. So soll festgestellt werden, welcher der beiden Positionen der Autor eher zugeneigt ist.

In der Figur des Tonio Kröger gestaltet Mann eine eigentümliche Form des „l’art-pour-l’art-Prinzips“. Das wirkliche Leben, das der Künstler in seinem Werk umzugestalten hat, darf in diesem „niemals die Hauptsache sein“, so Tonio Kröger. Weiter sagt er, der Künstler müsse „zum Menschlichen in einem seltsam fernen und unbeteiligten Verhältnis stehe[n]“, um über den banalen Aspekt der Dinge hinauszukommen.[3] Die menschliche, gesellschaftliche Realität ist für Tonio Kröger also pure Banalität, sie stellt jedoch das Ausgangsmaterial für seinen Künstlerberuf dar. Ihm ist also eine gewisse Sehnsucht nach der Sphäre des Bürgerlichen eigen, er bekennt selbst: „Ich liebe das Leben – dies ist ein Geständnis.“[4] Vergleicht man diese Aussage mit der, die Detlev Spinell über seine künstlerische Weltanschauung trifft, so wird dessen geradezu lebensverneinender Standpunkt deutlich: „Wir hassen das Nützliche, wir wissen, daß es gemein und unschön ist, und wir verteidigen diese Wahrheit, wie man nur Wahrheiten verteidigt, die man unbedingt nötig hat.“[5] Das in Detlev Spinell dargestellte Motiv der Décadence-Thematik zeichnet sich also durch einen Ästhetizismus von absolutem Charakter aus. Dieser ist reiner Selbstzweck und steht über der banalen Realität, dem Nützlichen und auch dem künstlerischen Schaffen. Im Gegensatz zu Tonio Krögers Standpunkt wirkt das Menschliche, wahre Leben auf Spinells Produktivität auch kaum anregend. Das künstlerische Gestalten weicht in seiner Sicht der Dinge hinter den ästhetischen Genuss zurück. Tonio Kröger beurteilt hingegen die Feindschaft des Lesers gegenüber dem Künstler ähnlich wie Mann, der Künstler erscheine den übrigen Bürgern als „etwas Fremdes, Befremdendes, Anderes…“[6] Aber auch die Denkweise Spinells weist eine Parallele mit den Ausführungen aus „Bilse und ich“ auf. Thomas Mann spricht hier von dem Leid, das der Künstler durch die Erkenntnis zu erleiden hätte. Dieses Leid fühlt wohl auch Spinell, auch wenn dieser es nicht durch die künstlerische Produktivkraft erfährt. Die Arbeitsweise der dekadenten Künstler sei „von schrecklich ungesunder, unterminierender, aufreibender Wirkung“, letztlich manifestiert sich diese Art des Leidens in seiner Gestalt als körperlicher Verfall.[7] Legt man die Denkweisen der beiden Charaktere neben die Thomas Manns, scheint die Weltanschauung Tonio Krögers eher der von Mann zu entsprechen als die Detlev Spinells.

[...]


[1] Vergl.: Thomas Mann: Bilse und ich. In: Ders.: Essays I, 1893-1914, hg. und textkritisch durchgesehen von Heinrich Detering unter Mitarbeit von Stephan Stachorski (= Große kommentierte Frankfurter Ausgabe, hg. von Heinrich Detering, Eckhard Heftrich u.a. in Zusammenarbeit mit dem Thomas Mann-Archiv der ETH Zürich, Bd. 14.1), Frankfurt/Main 2002, S. 100 - 101.

[2] Thomas Mann: Bilse und ich. In: Ders.: Essays I, 1893-1914, hg. und textkritisch durchgesehen von Heinrich Detering unter Mitarbeit von Stephan Stachorski (= Große kommentierte Frankfurter Ausgabe, hg. von Heinrich Detering, Eckhard Heftrich u.a. in Zusammenarbeit mit dem Thomas Mann-Archiv der ETH Zürich, Bd. 14.1), Frankfurt/Main 2002, S. 101.

[3] Thomas Mann: Tonio Kröger, in: Schwere Stunde und andere Erzählungen. Frankfurt am Main 2005, S. 39.

[4] Ebda., S. 46.

[5] Thomas Mann: Tristan, in: Der Wille zum Glück und andere Erzählungen. Frankfurt am Main 2008, S. 223.

[6] Thomas Mann: Tonio Kröger, in: Schwere Stunde und andere Erzählungen. Frankfurt am Main 2005, S. 41.

[7] Thomas Mann: Tristan, in: Der Wille zum Glück und andere Erzählungen. Frankfurt am Main 2008, S. 223.

Details

Seiten
4
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656445418
Dateigröße
435 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v215953
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Deutsches Seminar - Abteilung für Neuere Deutsche Literatur
Note
2,3
Schlagworte
Thomas Mann Erkenntnis Leiden Bilse und ich Tonio Kröger Tristan

Autor

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Titel: „Erkenntnis und Leiden“ im Werk Thomas Manns.