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Handlungsmöglichkeiten im pädagogischen Umgang mit Trauma in der stationären Erziehungshilfe

Hausarbeit 2004 34 Seiten

Romanistik - Fächerübergreifendes

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition Trauma und PTBS

3. Verschiedene Traumata
3.1 Vernachlässigung
3.2 Seelische Misshandlung
3.3 Körperliche Misshandlung
3.4 Häusliche Gewalt
3.5 Traumatische Sexualisierung
3.6 Traumatische Trennung

4. Anpassungsprozesse nach der Traumatisierung
4.1 Affektdysregulation
4.2 Dissoziation
4.3 Alexithymie und Somatisierung
4.4 Verinnerlichung des Traumas

5. Handlungsmöglichkeiten der Pädagogik
5.1 Gestaltung der Zukunft und Unterstützung der kognitiven Neuordnung
5.2 Biographiearbeit
5.3 Sicherung konstanter Bindungen
5.4 Unterstützung zur Selbstfindung
5.5 Geschlechtsreflektierende Pädagogik und Sexualpädagogik
5.6 Gruppenatmosphäre
5.7 Auflösung traumatischer Übertragung
5.8 Beendigung von Flashbacks
5.9 Elternarbeit

6. Gefahren und Belastungen in der Arbeit mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen

7. Fazit

Literaturverzeichnis

Handlungsmöglichkeiten im pädagogischen Umgang mit Traumata in der stationären Erziehungshilfe

1. Einleitung

PädagogInnen sind [...] „einem Trommelfeuer hochdynamischer psychischer Prozesse ausgesetzt [...] – sie laufen Gefahr sich an diesen Prozessen zu infizieren und Schaden zu nehmen.“[1] Gerade deshalb ist es wichtig, die Dynamik eines Traumata zu verstehen, um professionell arbeiten zu können. Die Wirkungen von verschiedenen Traumata sowie die Anpassungsprozesse müssen verstanden werden, um sich Handlungsmöglichkeiten im Umgang mit den Kindern und Jugendlichen zu erschließen sowie der eigenen Belastung und Gefahr professionell zu begegnen zu können. In der Praxis persönlich oft erlebt wurde die Einstellung: „Wenn du von einem Missbrauch erfährst, geh das Thema, um Gottes Willen nicht weiter an, sprich es auch nicht weiter an, dafür sind nur Therapeuten ausgebildet, wir Sozialpädagogen jedoch nicht.“ Obwohl es aus der Forschung Kenntnisse und Ergebnisse gibt, die wertvolle Hinweise in der Unterstützung mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen geben, wird das „Schreckliche“ immer wieder an Therapeuten delegiert.[2] Inwieweit SozialpädagogInnen/SozialarbeiterInnen bei dem Thema im allgemeinen mit Traumata Handlungsmöglichkeiten haben, möchte ich im Rahmen dieser Arbeit klären. Die verschiedenen Traumata sollen nur kurz im Hinblick auf die unterschiedlichen Wirkungen behandelt werden- wie die einzelnen Traumata definiert sind wie z.B. Vernachlässigung wird als Grundwissen vorausgesetzt.

2. Definition Trauma und PTBS

Das Wort Trauma stammt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie Wunde.[3]

Im Rahmen dieser Betrachtung konzentrieren wir uns auf die Zielgruppe Kinder und Jugendliche. Die präzise Definition spricht von einer einmaligen oder fortdauernden Erfahrung

- die zu einer psychischen Verletzung führt
- die überwältigend sind und mit psychischen und physischen Möglichkeiten, gerade für ein Kind, nicht kontrollierbar sind
- die Todesangst, Angst vor Vernichtung des physischen und psychischen Selbst auslöst
- und bei der das Kind in der Situation auf niemanden zurückgreifen kann, d.h. Schutz oder Hilfe erfährt[4]

Nach Horowitz 1978 sind die meisten Menschen, die traumatischen Erlebnissen ausgesetzt waren, irgendwie fähig ihr Leben fortzusetzen, ohne ständig von ihren Erinnerungen verfolgt zu werden, welches nicht bedeutet, dass die Erlebnisse keine Spuren hinterlassen haben. Die meisten Betroffenen werden von diesem Erlebnis in hohem Maße in Anspruch genommen, jedoch stellen unerwünschte Erinnerungen eine normale Reaktion dar. Dieses wiederholte Erinnern, Intrusion genannt, dient der Funktion, die mit dem Trauma assoziierten Gefühle zu modifizieren und führt in den meisten Fällen zur Toleranz des Inhalts der Erinnerungen.[5] Auslöser von Intrusionen sind bei jedem Menschen verschieden - es sind zum Beispiel äußere Reize wie ein Geruch oder Geräusch, oder sie treten spontan ohne äußeren Auslöser auf.[6] Andere Menschen sind nicht in der Lage, die traumatische Erfahrung zu integrieren und beginnen spezifische Muster der Vermeidung und der Übererregung zu entwickeln, die mit der „Posttraumatischen Belastungsstörung oder Posttraumatisches Syndrom“ in Verbindung gebracht wird. Die Integration der Erlebnisse in vorhandene Vorstellungen, Verhaltensweisen, Gefühlen, physiologischen Zuständen und in interpersonaler Beziehung fand nicht statt, daraus resultiert das wiederholte Wiedererleben des Traumas. Die Verarbeitung ist stark beeinflusst von der Entwicklungsstufe sowie von Faktoren des Temperaments, den protektiven Faktoren und den Mittlerfaktoren und anderen Umwelteinflüssen.[7]

3. Verschiedene Traumata

Die Kenntnis der unterschiedlichen Traumata und der verschiedenen Wirkfaktoren ist eine Grundlage für eine angemessene Hilfestellung.[8]

Die nachfolgenden Traumata entsprechen den am häufigsten anzutreffenden, bestätigt durch eine Untersuchung von Münder/Muttke/Schone von 2000 über Gefährdungslagen von Kindern und Jugendlichen bei Anrufung von Gericht durch Fachkräfte des Jugendamtes.

3.1 Vernachlässigung

Als die häufigste Form von Kindesmisshandlung wurde die Vernachlässigung benannt. In Deutschland werden 10-12 % aller Kinder durch ihre Eltern abgelehnt oder vernachlässigt. Eine Untersuchung von bis dreijährigen Kindern in Heimen des Landes Brandenburg weist mit 62 % Vernachlässigung als häufigsten Einweisungsgrund bei kleinen Kindern aus.[9] Während Kinder und Jugendliche, die körperliche oder sexuelle Gewalt erleben, Aufmerksamkeit, (wenn auch unangemessen, exzessiv und zerstörerisch) zuteil wird, werden vernachlässigte Kinder nicht wahrgenommen- sie erhalten kaum Anregungen, selten wird körperlicher Kontakt aufgenommen. Gleichzeitig werden Signale von Bedürfnissen nicht beachtet. Oft kommt es zu der falschen Interpretation und Reaktion seitens der Eltern. Diese Missachtung der Elementarbedürfnisse beeinflussen die körperliche, kognitive, soziale und emotionale Entwicklung negativ und kann zu Funktionslücken im „Ich“ führen.[10]

Während Frau Müller für ein Jahr in eine Psychiatrie muss - kommen ihre Kinder (5,4 und 3 Jahre alt) in ein Heim. Alle drei sind für ihr Alter sehr klein und wirken ängstlich. Sie wissen nicht, wie man Suppe isst, sie kennen keinen Löffel. Sie sprechen eine Sprache, die nur sie verstehen.

Anzunehmen ist, dass vernachlässigte Kinder keine oder geringere Möglichkeiten zur Selbstreflexion, sowie geringere Möglichkeiten in der Entwicklung des Gefühls von Selbstwirksamkeit bestehen, da der Grundstein für die introspektive Auseinandersetzung mit der eigenen Person normalerweise durch primäre Bezugspersonen gelegt wird. Diese bemühen sich zunächst für das Kind um die Einordnung der psychischen Vorgänge des Kindes. Selbstbewertungsmöglichkeiten hängen von den angemessenen Reaktionen der Erwachsenen bei Erfolg oder Misserfolg ihres Handelns ab. Bei vernachlässigten Kindern fehlen diese Instanzen oder Reaktionen.[11]

3.2 Seelische Misshandlung

Seelische Misshandlung kann als integrierte Komponente aller Misshandlungsformen und auch alleine vorkommen. Die Gesamtrate von seelischen Misshandlungen in Großbritannien betrug 1995 15 % registrierte (!) Fälle. Die seelische Misshandlung hat ebenso schwerwiegende Folgen für die Zukunft des Kindes/Jugendlichen wie andere Formen der Misshandlung. Es kann zu Entwicklungsverzögerungen, Minderwuchs, körperliche Vernachlässigung, Isolation und Aggression, dissoziales Verhalten, geringes Selbstwertgefühl, Angst und Schreckhaftigkeit kommen. Ergänzend konnten amerikanische Forscher negative Weltsicht, ängstliche Anhänglichkeit an die Eltern, Misstrauen, Kommunikationsarmut, geringes Selbstwertgefühl und selbstzerstörerische Verhaltensweisen sowie kriminelles Verhalten aufweisen.[12]

3.3 Körperliche Misshandlung

Im Gegensatz zur Vernachlässigung ist die körperliche Misshandlung durch eine überstimulierende und verletzende Beziehung gekennzeichnet. Dies kann zu Störungen in der kognitiven Entwicklung, vor allem der sprachlichen Entwicklung, zu geringer Kompetenz, zu geringer Ausdauer und Belastbarkeit in Leistung erforderlichen Situationen führen. Misshandelte Kinder tendieren häufiger zu negativem und hyperaktivem Verhalten, das primäre Aufmerksamkeit auf sich zieht, woraus sich oft Probleme zu Gleichaltrigen ergeben können. Im Unterschied zu vernachlässigten Kindern sind körperlich und seelisch misshandelten Kindern oft sehr viel aggressiver, sie werden von Lehrkräften als am schwersten gestört eingeschätzt. Andererseits können sie anpassungsfähig sein, welches als Chamäleoncharakter bezeichnet wird. Verzögerungen der Sprachentwicklung und Ausstoßung infolge des aggressiven Verhaltens z. B. in der Schule, bestätigen dann dieses Selbstbild. Weitere Symptome einer Untersuchung des National Center of Child Abuse an Neglect in Denver sind: Mangel an Objektpermanenz oder Objektkonstanz (verzerrte Wahrnehmungen normaler Objektbeziehungen), Neigung, sich um das seelische und körperliche Wohl der Eltern zu kümmern, gelernte Hilflosigkeit (sich an einer Aufgabe nicht zu versuchen, es ist ungefährlicher als es zu versuchen und zu scheitern), Frustration auf Grund der Unfähigkeit, den Erwartungen der anderen zu entsprechen, Unfähigkeit, die eigene Umwelt so wahrzunehmen und auf sie einzuwirken, dass ihre Beherrschung angestrebt wird. Misshandelte Kinder erleben überproportional häufig häusliche Gewalt.[13]

3.4 Häusliche Gewalt

Fast ausschließlich wird häusliche Gewalt von Männern gegen Frauen ausgeübt.[14] Die Gewalttaten erfolgen in allen gesellschaftlichen Schichten, bleiben oft ungeahndet und somit wird nur ein Bruchteil öffentlich.[15] Sind Mütter der Gewalt durch den Partner ausgesetzt, so sind in 90 % aller Fälle die Kinder währenddessen anwesend oder im Nebenraum. Ein Drittel der Kinder werden ebenfalls körperlich durch den Partner misshandelt. Das Miterleben dieser Gewalt hinterlässt Spuren in der Seele, so verzichten Kinder/Jugendliche darauf, ihre Gefühle auszudrücken, um den misshandelten Elternteil nicht noch mehr zu belasten. Sie übernehmen die Verantwortung, fühlen sich eventuell schuldig, da sie in die Vorfälle als Schlichter, Verbündete, Geschlagene oder Schiedsrichter hineingezogen werden. Sie haben Angst um das eine Elternteil, Angst um sich und Angst vor der Zukunft. Vor allem in den vielen Fällen, in denen Kinder über lange Zeit der chronischen Gewalt der Elternteile ausgesetzt waren, ist mit traumatischen Schädigungen zu rechnen. Beobachtet wurden unspezifische Auswirkungen wie Schlafstörungen, Aggressivität und Entwicklungsverzögerungen.

Studien von Heynen 2000 belegen geschlechtsspezifische Auswirkungen; Mädchen identifizieren sich eher mit der Mutter - diese Mädchen sind eher gefährdet, später Gewalt in den eigenen Beziehungen zu dulden. Obwohl ein automatischer Gewaltkreislauf nicht angenommen werden kann, belegt die Forschung einen starken Zusammenhang zwischen den Kindheitserfahrungen und eigenem Gewalthandeln. Nach Enzemann, Mansel u. Hurrelmann sind neben eigenen Gewalterfahrungen, Inkonsistenz, Nichtvorhersagbarkeit und Nichtbeeinflussbarkeit elterlicher Reaktionen als Erfahrung von Willkür und Kontrollverlust, Ursachen für die Entstehung von Gewaltbereitschaft. Wie gravierend diese Spuren, Auswirkungen und Folgen sind, hängt von der Dramatik des Geschehens ab.[16]

3.5 Traumatische Sexualisierung

Anna Freud stellte bereits 1936 fest, dass sexueller Missbrauch von Eltern gegen ihre Kinder sich schädlicher und pathologischer auswirkt als früheste Deprivation, Vernachlässigung und Misshandlung.[17] Spezifisch für die sexualisierte Gewalt ist die Verleugnung. Meist ist die Tat mit einem Geheimhaltungsverbot des Täters/der Täterin gekoppelt. Die Opfer können dann den Eindruck haben, dass ihre Wahrnehmung nicht stimme oder nicht stimmen darf. Meist verleugnen die Täter die Handlung und auch die Kinder verleugnen und wollen es vor sich selbst geheim halten. Daraus entsteht eine eigene Dynamik - sexuell missbrauchte Kinder und Jugendliche können sich in Tagträume und dissoziative Zustände versetzen.[18] Finkelhor und Browne haben 1985 ein Modell der traumatogenen Faktoren entwickelt, die zur Erklärung und Vorhersage von sexuellen Missbrauchsfolgen dient, welches im Folgenden vorgestellt wird.

Verrat: Das Kind wird zutiefst in seinem inneren Vertrauen erschüttert, wenn es entdeckt, dass eine Person, von der es emotional abhängig ist, ihm Schaden zufügt.

Ohnmacht/Hilflosigkeit: Die Überzeugung der eigenen Kontrollfähigkeit wird untergraben, da grundlegend der Willen missachtet wurde, das Kind laufend mit der Verletzung seiner körperlichen Integrität und Gefühlen von Hilflosigkeit und Ohnmacht konfrontiert wurde.

Stigmatisierung: Das missbrauchte Kind wird mit negativen Bedeutungen von sexuellem Missbrauch und Opfersein konfrontiert.Die Sexualität wird auf eine nicht dem Entwicklungsstand entsprechende Weise geprägt. Die Sexualität ist zwischenmenschlich dysfunktional.

Jeder dieser Faktoren hat eigene Dynamiken und Auswirkungen auf das Verhalten. Der Verrat kann zu Misstrauen, Wut und Feindseligkeit, tiefer Trauer oder Depression führen. Die Ohnmacht kann zu Hilflosigkeit, zu der Überzeugung nichts bewirken zu können, Angst- und Panikattacken, Dissoziationen, Zwängen und Phobien führen. Die Stigmatisierung verstärkt den Zwang zur Geheimhaltung und kann zur Isolation, dem Gefühl des nicht dazugehören, führen. Schuld und Scham prägen das Selbstbild. Es wird angenommen, dass Schuld, da sie aktiv ist, eher angenommen werden kann im Selbstbild als Ohnmacht. Sexuell missbrauchte Menschen können ein exzessives und abnormes Interesse an Sexualität entwickeln. Es ist davon auszugehen, dass sexueller Missbrauch zu schwerwiegenden Beeinträchtigungen der emotionalen, kognitiven, sozialen Entwicklung führt.[19]

3.6 Traumatische Trennung

Je jünger die Kinder und so schwerer die Trennung, werden Trennungen eher zum Trauma. Gerade bei der stationären Unterbringung findet die starke Trennung vom Elternhaus statt.

Traumatische Trennungen wirken vor allem auf das Bindungsverhalten. Neben Beziehungslosigkeit, Beziehungssucht können weitere Folgen wie Passivität, Abstumpfung, Depression bis hin zur Suizidalität, verfrühtes Autonomiestreben, Selbstverwahrlosung bis hin zur Prostitution beobachtet werden. Diephold fand bei 80 % der betroffenen Borderline-Kinder Traumata in Form von gestörten Beziehungen. Die Bedeutung einer Trennung, hängt davon ab, wie groß der reale Verlust ist und welche Ängste hierdurch aktiviert werden.[20]

4. Anpassungsprozesse nach der Traumatisierung

Ebenso wie Erwachsene verarbeiten Kinder und Jugendliche Traumata ganz unterschiedlich. Die Chance der Verarbeitung hängt von Mittlerfaktoren und protektiven Faktoren ab. Mittlerfaktoren sind Umstände, unter denen sich das Geschehene abspielt. Protektive Faktoren sind schützende Faktoren, die Möglichkeiten der Anpassung an die traumatisierende Umgebung und der späteren Heilung verbessern. Die Resilienzforschung verweist auf folgende Mittlerfaktoren; Prätraumatische psychische Ausgangslage, Geschlechtszugehörigkeit (Mädchen sind resilienter als Jungen), Alter des Kindes, Stabilität und Ausgewogenheit der Ich-Funktion, Qualität der zwischenmenschlichen Beziehungen, Chronizität und Schwere der Misshandlung, Beziehung zu Täter/Täterin, Stärke der geäußerten Drohungen, Emotionales Klima in der Familie, Schwere der Schuldgefühle, Psychische Konstitution. Protektive Faktoren hängen von Folgendem ab: wie eine Großfamilie oder kompensatorische Elternbeziehungen, die Verfügbarkeit über einen tragenden Halt, eine überdurchschnittliche Intelligenz, ein robustes, aktives und kontaktfreudiges Temperament, ein sicheres Bindungsverhalten, von sozialer Förderung (Jugendgruppen, Schule, Kirche), verlässlich unterstützende Bezugspersonen im Erwachsenenalter, eine dauerhafte gute Beziehung zu mindestens einer primären Bezugsperson, Humor, von der Parentifizierung.[21] [22] Die große Variationsbreite zwischen Individuen, traumatischen Ereignissen und den Kontextbedingungen lässt keine pauschale Verallgemeinerung zu. Kindheitstraumata ebnen den Weg für eine Vielfalt von psychiatrischen Erkrankungen, wie z.B. die Borderline-Störung, Somatisierungsstörungen, dissoziative Störungen, Selbstverstümmelung, Essstörungen und Substanzmissbrauch. Die Langzeitfolgen von Traumata sind zahlreich und kompliziert.[23] Obwohl Erwachsene als auch Kinder auf ein traumatisches Ereignis mit generalisierter Übererregung, Konzentrationsstörungen, Schwierigkeiten bei der Reizdiskriminierung, Unfähigkeit zur Selbstregulation und dissoziativen Prozessen reagieren können, haben diese Probleme auf Kinder tiefergreifende Auswirkungen als auf Erwachsene.

4.1 Affektdysregulation

Mangel oder Verlust der Selbstregulation ist möglicherweise die am weitest reichende Wirkung psychologischer Traumatisierung sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen. DSM-IV-Versuche zeigten, dass je jünger das Alter, in dem das Trauma stattfand, je länger die Dauer, desto wahrscheinlicher ist ein langfristiges Auftreten von Problemen bei der Regulation von Aggression, Angst und sexuellen Impulsen. Van der Kolk u.a. zeigten 1993 auf, dass die Übererregung bei PTBS weit über die einfache Konditionierung hinausgeht. Die Tatsache, dass Reize, die Notreaktionen auslösen, nicht genügend konditioniert sind und es viele Auslöser gibt, die nicht mit der direkten traumatischen Erfahrung zusammenhängt, extreme Reaktionen auslösen können - ist nur der Anfang der Problematik. Der Verlust an Selbstregulation kann sich unterschiedlichst ausdrücken: als ein Verlust der Fähigkeit, sich auf geeignete Reize zu konzentrieren, als Konzentrationsstörungen, als Unfähigkeit bei Erregung Handlungen zu hemmen (Verlust der Impulskontrolle) oder in Form unkontrollierbare Gefühle der Wut oder Traurigkeit. Schwierigkeiten bei der Reizdiskriminierung erklären, dass traumatisierte Menschen, wenn sie erregt sind, dazu neigen, ihre Fähigkeit zu verlieren, ihre Gefühle als Wegweiser für die Auswertung der verfügbaren Informationen sowie das Ausführen angemessener Handlungen zu nutzen. Folglich gehen Betroffene oftmals vom Reiz direkt zu einer Reaktion über, ohne die notwendigen psychologische Einschätzung der Bedeutung dessen, was vor sich geht, vorzunehmen. Traumatisierte Menschen erleben aktuelle Stressoren mit einer gefühlsmäßigen Intensität, die eigentlich in die Vergangenheit gehört und in der Gegenwart wenig Nutzen hat. Da sie sich oft der traumatischen Ereignisse der Vergangenheit nicht bewusst sind oder noch nicht genügend verarbeitet haben, neigen sie dazu, Affektstürme sowie emotionale Reaktionen anderer, als retraumatisierend zu erleben. Folglich werden Gefühle, die zu dem Trauma gehören, fortwährend wiedererlebt.[24]

Selbstzerstörerisches Verhalten als Versuch der Selbstregulation – Traumatisierte Menschen wenden eine Vielzahl von Methoden an, um wieder Kontrolle über ihre Schwierigkeiten mit der Affektregulation zu gewinnen. Diese Versuche sind oft selbstzerstörerisch und bizarr. Im folgenden werden diese Versuche dargestellt:

Selbstverstümmelung: Green (1978) fand heraus, dass 41 % der missbrauchten Kinder ihren Kopf gegen die Wand schlugen, bissen, sich selber verbrannten und schnitten. In einer Studie von van der Kolk et al. von 1991 über traumatische Ereignisse, die einer Borderline-Störung vorausgehen, wurde eine große Beziehung zwischen sexuellem Missbrauch oder sogar bei mehrmaligen Operationen in der Kindheit und verschiedenen Formen der Selbstschädigung im späteren Leben gefunden. Dissoziation ist ein häufiger Begleiter von Selbstverletzungen. Viele schildern, während der Selbstverletzung keine Schmerzen zu spüren, und berichten von einem Gefühl der Erleichterung danach. Auf die Selbstverstümmelung folgen häufig Gefühle wie der Enttäuschung und Verlassenheit.[25]

Der Zusammenhang zwischen Essstörungen und Kindheitstrauma ist widersprüchlich. Es tauchen Studien im Zusammenhang Essstörungen und Kindheitstrauma mit Raten von 7% von Lacey (1990) bis 69% von Folsom et al. (1989) auf. In nichtklinischen Studien werden Essstörungen nicht durchgehend mit Traumata in der Kindheit in Verbindung gebracht. Jedoch fanden Hernandez und DiClemente (1992) heraus, dass sexuell missbrauchte Kinder und Jugendliche ein größeres Risiko aufwiesen, Essstörungen zu entwickeln. In einer Studie über Frauen mit Anorexia nervosa, Bulimia nervosa oder beidem fanden Herzog et al. heraus, dass die Schwere des sexuellen Missbrauchs in der Kindheit mit der Dauer und Schwere der Essstörungen in allen drei Gruppen korrelierte. Der genaue Zusammenhang zwischen Missbrauch in der Kindheit und Essstörungen muss jedoch erst noch ermittelt werden.

Studien über Substanzmissbrauch berichten konsequent von Vorgeschichten mit Missbrauch und Vernachlässigung in der Kindheit in viel größeren Ausmaß als in der Allgemeinbevölkerung üblich. Auch bei traumatisierten Erwachsenen wurde ebenfalls von hohem Alkohol- und Drogenmissbrauch berichtet. Khantzian beschreibt eine Selbstmedikations-Theorie des Substanzgebrauches, in der er aufzeigte, dass je nach spezifischen psychotropen Effekt die Drogen ausgewählt werden. Heroin hat zum Beispiel eine stark dämpfende Wirkung auf Gefühle wie Wut und Aggression – Kokain wirkt deutlich antidepressiv. Alkohol kann durchaus eine effektive Kurzzeit-Medikation bei Schlafstörungen, Alpträumen und anderen intrusiven PTBS-Symptomen darstellen.

4.2 Dissoziation

Viele traumatisierte Kinder sowie Erwachsene, haben bemerkt, dass sie sich unter Belastung „verschwinden“ lassen können. Die Dissoziation macht einen wesentlichen Aspekt der PTBS aus. Wenn Personen zwischen dem beobachtenden Selbst und dem erfahrenden Selbst eine Spaltung entwickeln, dann berichten sie von dem Gefühl, ihren Körper zu verlassen und aus einer Distanz zu beobachten, was mit ihnen geschieht. Dissoziation kann eine effektive Möglichkeit sein, weiter zu funktionieren, während das traumatische Ereignis geschieht, wenn aber die Dissoziation auch künftig eingesetzt wird, wirkt es sich störend auf das Funktionieren des Alltags aus. Dissoziation bewirkt eine schützende Trennung, hat aber auch das subjektive Gefühl des „Totseins“ und der Isolation zur Folge. Erwachsene, die an einer dissoziativen Störung leiden, haben wahrscheinlich zudem Alpträume, Flashbacks, psychosomatische Probleme, vollziehen u. U. Suizidversuche, Selbstverstümmelungen und neigen zum Substanzmissbrauch. Eine Studie von Frank Putnams zeigte 1995 in der Entwicklung von sexuell missbrauchten Mädchen, dass eine Dissoziation sich auch in Form von Amnesien, raschen Verhaltensänderungen, visuellen Halluzinationen und Lügen ausdrücken kann. Dissoziative Prozesse können auch bei Kindern auftreten, die wiederholt medizinischen oder chirurgischen Eingriffen unterzogen wurden.[26]

[...]


[1] Meng, H., Bürgin, D. et al.: Die Bedeutung der Sozialpädagogik in der stationären Therapie schwer traumatisierter Jugendliche in: Neue Praxis. Zeitschrift für Sozialarbeit, Sozialpädagogik und Sozialpolitik. Bielefeld 2/2002. S.191

[2] Vgl. Weiß, W. (Hrsg.): Phillip sucht sein Ich. Zum Umgang mit Traumata in den Erziehungshilfen. Weinheim u.a. 2003. S. 67 ff

[3] Vgl. Ebenda. S.19

[4] Vgl. May, A. in: Traumatisierte Kinder. Schriftenreihe gegen sexualisierte Gewalt. Band 4. Berlin 2003. S. 9

[5] Vgl. Van der Kolk, B. A. et al.: Traumatic Stress. Grundlagen und Behandlungsansätze. Paderborn 2000. S.29

[6] Morgan, S.: Wenn das Unfassbare geschieht - vom Umgang mit seelischen Traumatisierungen. Stuttgart 2003. S. 22

[7] Vgl. Van der Kolk, B. A. et al.: Traumatic Stress. Grundlagen und Behandlungsansätze. Paderborn 2000. S.30 f

[8] Vgl. Weiß, W. (Hrsg.): Phillip sucht sein Ich. Zum pädagogischen Umgang mit Traumata in den Erziehungshilfen. Weinheim u.a. 2003. S. 78

[9] Untersuchung von Hédervári 1996

[10] Vgl. Weiß, W. (Hrsg.): Phillip sucht sein Ich. Zum pädagogischen Umgang mit Traumata in den Erziehungshilfen. Weinheim u.a. 2003. S.21 ff

[11] Vgl. Ebenda

[12] Vgl. Ebenda

[13] Vgl. Weiß, W. (Hrsg.): Phillip sucht sein Ich. Zum pädagogischen Umgang mit Traumata in den Erziehungshilfen. Weinheim u.a. 2003 S.21 ff

[14] Trotz allem sollte man nicht die Gewalt von Frauen gegen Männer vergessen, diese wird noch viel weniger öffentlich, jedoch dass es sie gibt, beweist das Männerhaus in Berlin. Weitere Informationen hierzu: www.maennerhaus.de

[15] Vgl.May, A. in: Traumatisierte Kinder. Schriftenreihe gegen sexualisierte Gewalt. Berlin 2003. S.11

[16] Vgl. Weiß, W. (Hrsg.): Phillip sucht sein Ich. Zum pädagogischen Umgang mit Traumata in den Erziehungshilfen. Weinheim u.a. 2003. S.21 ff

[17] Vgl. Ebenda. S. 28

[18] Weiter zur Dissoziation unter Punkt 4.2

[19] Vgl. Weiß, W. (Hrsg.): Phillip sucht sein Ich. Zum pädagogischen Umgang mit Traumata in den Erziehungshilfen. Weinheim u.a. 2003. S.28 ff

[20] Vgl. Ebenda. S.31 ff

[21] Parentifizierung, abgeleitet von parents, bedeutet dass Kinder und Jugendliche für Erwachsene sorgen mussten bzw. konnten, hierbei Bedeutung hatten und damit auch positive Erfahrung hatten, Subjekt nicht nur Objekt für die Eltern zu sein. Die Sorge für andere stellt in diesem Zusammenhang eine wichtige Quelle von Selbstwert dar und muss in der pädagogischen Arbeit beachtet werden.

[22] Vgl. Weiß, W. (Hrsg).: Phillip sucht sein Ich. Zum pädagogischen Umgang mit Traumata in den Erziehungshilfen. Weinheim u.a. 2003. S.34 f

[23] Van der Kolk, B.A. et al.: Traumatic Stress. Grundlagen und Behandlungsansätze. Paderborn 2000. S. 169 f

[24] Vgl. Van der Kolk, B.A. et al.: Traumatic Stress. Grundlagen und Behandlungsansätze. Paderborn 2000. S.174 f

[25] Vgl. Ebenda. S.175 ff

[26] Van der Kolk, B. A. et al.: Traumatic Stress. Grundlagen und Behandlungsansätze. Paderborn 2000. S.177 ff

Details

Seiten
34
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638252140
Dateigröße
600 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v21646
Institution / Hochschule
Fachhochschule Braunschweig / Wolfenbüttel; Standort Wolfenbüttel – Fachbereich Sozialwesen
Note
2,0
Schlagworte
Handlungsmöglichkeiten Umgang Trauma Erziehungshilfe

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