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Das Modell der "helping hand"-Chinas Staat als positive Reformkraft?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 22 Seiten

BWL - Wirtschaftspolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Modell der „helping Hand“ und seine Anwendung in China
2.1. Das Modell der „helping Hand“
2.2. Beginn des Wandels
2.3. Die Reform des Agrarsektors Ende der 70er Jahre
2.4. Die Reform des Industriesektors zu Beginn der 80er Jahren
2.5. Die Rolle der lokalen Regierung im Wandel

3. Die „helping Hand“ am Beispiel lokaler Wirtschaftspolitik
3.1. Gebrauch staatlicher Bürokratie für unternehmerische Interessen
3.2. Lokales Gesamtwachstum durch Administrative Macht
3.3. Von der Gleichbehandlung zur Selektiven Förderung

4. Probleme und Risiken der Volkswirtschaft Chinas
4.1. Korruption
4.2. Mangelnde Transparenz
4.3. Aufwertungsdruck

5. Schlusswort

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Wachstum der chinesischen Volkswirtschaft ist in Zeiten stagnierender Weltkonjunktur beeindruckender denn je. So wuchs das Bruttoinlandsprodukt der Volksrepublik China im ersten Quartal diesen Jahres um 9,9% und erfährt damit die höchste Quartalsteigerung der vergangenen sechs Jahre. Dieses immense Wachstum ist nicht zuletzt auf das keynesianische Ausgabenprogramm der chinesischen Regierung u.a. zur Deflationsbekämpfung zurückzuführen. Mittlerweile existieren jedoch Anzeichen für eine Stabilisierung und Loslösung der Binnennachfrage vom staatlichen Einfluss. So wird der erwartete Zuwachs beispielsweise des Einzelhandelabsatzes mit einer Wachstumssteigerung von 2,3% auf 10,1% im Vergleich zum 1.Quartal 2002 beziffert. Als Hauptursache dieser Steigerung wird vor allem der Automarkt gesehen, so stieg hier die Nachfrage um 56% auf 1,13 Millionen Einheiten. Durch den Beitritt zur World Trade Organisation (WTO) ist China gezwungen jährlich die Importzölle für Pkw zu senken, worauf einheimische Fahrzeughersteller ihrerseits mit Preissenkungen reagieren. Ausländische Direktinvestitionen wuchsen ebenfalls im ersten Quartal diesen Jahres um 57% auf 13,1 Milliarden US-Dollar an, auch hier machten sich der WTO-Beitritt Chinas und die daraus folgenden Marktliberalisierungen äußerst positiv bemerkbar. Dieses hohe Investitionsniveau hat dazu beigetragen, dass der Staatsausgabenanteil am Bruttoinlandprodukt stark abgenommen hat und wohl weiter sinken wird.1

Da aber die chinesische Wirtschaftspolitik der letzten Dekaden dieses Wachstum zu wesentlichen Teilen mitgetragen hat und die Rahmenbedingungen für diesen Erfolg schuf, sind die Methoden und Maßnahmen der Regierung auf dem Weg vom China Maos bis zur heutigen, boomenden Wirtschaftsmacht hier von besonderem Interesse. Auf sie soll im Rahmen dieser Hausarbeit eingegangen werden.

2. Das Modell der „helping Hand“ und seine Anwendung in China

2.1. Das Modell der „helping Hand“

Über die Interaktion von Staat und Unternehmern in Transitionsländern gibt es nach Timothy Frye und Andrei Shleifer drei verschiedene, grundlegende Modelle. Es existieren das Modell der „invisible hand“ (unsichtbare Hand), das Modell der „grabbing hand“ (habgierige Hand), sowie das Modell der „helping hand“ (helfende Hand), welches im Bezug auf das Ausmaß staatlicher Eingriffe und Maßnahmen zwischen den beiden erstgenannten Extrembeispielen anzusiedeln ist. Auf dieses wird hier am Beispiel der Volksrepublik China näher eingegangen.

Das Modell beschreibt eine enge Verflechtung von Funktionären der Verwaltung und entstehendem Unternehmertum, die sich durch gezielte staatliche Förderung oder Behinderung einzelner Unternehmen bemerkbar macht. Zudem bestehen häufig auch enge familiäre oder wirtschaftliche Beziehungen zwischen dem Personal der staatlichen Verwaltung und den Unternehmen. Aufgrund dessen spielen die eigentliche Gesetzeslage und damit auch die Gerichte nur eine untergeordnete Rolle, da durch Absprachen unter den Mitgliedern der staatlichen Verwaltung die meisten Streitigkeiten im Stillen gelöst werden können. Dies stellt selbstverständlich einen äußerst fruchtbaren Nährboden für Korruption dar, welche jedoch relativ begrenzt und organisiert ist.2 Nicht zuletzt beschreibt das Modell den derzeitigen Zustand der V.R.China deshalb so exakt, weil Frye und Shleifer aus eben diesen Zuständen ihre Theorie abgeleitet haben.

Um sich jedoch ein umfassenderes Bild über die staatlich-wirtschaftlichen Verflechtungen machen zu können bedarf es der Darstellung des gesamten Transitionsprozeßes der chinesischen Volkswirtschaft.

2.2. Beginn des Wandels

Der eigentliche Wandel Chinas wirtschaftlicher Strategie begann im Jahre 1978 mit der dritten Vollversammlung des 11. Zentralkomitees der Chinesischen Kommunistischen Partei, wo umfangreiche Umstrukturierungen und Reformen beschlossen wurden. Zu Beginn nur im Agrarsektor, erst im Anschluss wandte man sich dem damals noch weniger bedeutsamen Industriesektor zu. Jedoch hatte sich die kommunistische Regierung schon zuvor mit einigen, wenn auch sehr beschränkten Reformen in Produktion und Landwirtschaft versucht, auch wenn diese meist keineswegs eine Liberalisierung bedeuteten. So wurde beispielsweise 1956 das sogenannt „Shanghai System“ eingeführt, um zunehmenden techno- und bürokratischen Tendenzen im bislang herrschenden sowjetisch-orientierten System entgegenzuwirken. Das bis dahin gebräuchliche System der Betriebsführung durch einen Verantwortlichen wurde durch ein System der Beschlussfassung mittels eines Parteikomitees und Durchführung durch einen Fabrikdirektor ersetzt. Ziel war eine Demokratisierung der Unternehmensführung durch Kollektivbeschlüsse, aber auch der Einfluss der Partei in den Betrieben, welcher durch das Ein-Mann-Führungssystem reduziert worden war, sollte wieder hergestellt werden. Der von der Parteiführung gewünschter Erfolg dieser Reform blieb jedoch weitestgehend aus, da Entscheidungen weiterhin aufgrund der komplexen Bürokratie der Unternehmen meist von einem Einzigen getroffen wurden, so dass diese Reform in den meisten Betrieben nur auf dem Papier stattfand.

Gegen Ende der 1960er Jahre begann man mit verschiedenen Formen der Unternehmensführung durch Kollektivmanagement wie Revolutionskomitees und Arbeiterräten zu experimentieren. Im Jahr 1970 wurden jedoch wieder sämtliche Industrieunternehmen durch Weisungen des Parteikomiteesekretärs an diese Räte gesteuert. Aufgrund überwiegend schlechter Erfahrungen wurde dann 1976 das mehr delegative System der späten 50er Jahre wiederbelebt. Bis dahin waren Industrieunternehmen lediglich als zum Staat gehörende Verwaltungseinheiten betrachtet worden, gelenkt und gesteuert durch Weisungen der Politik. Wie in allen kommunistischen Staaten dieser Zeit dienten Betriebe also nicht der Bedarfsdeckung am Markt, sondern lediglich der Erfüllung der, durch die Staatsführung vorgegebenen Pläne. Nun versuchten die Reformer aus den bisherigen, abhängigen Verwaltungseinheiten relativ unabhängige, marktorientierte Unternehmen zu gestalten.3

2.3. Die Reform des Agrarsektors Ende der 70er Jahre

Der Agrarsektor Chinas beschäftigte 1978 in 1,5 Millionen Kollektiven und Brigaden 28,3 Millionen Arbeiter, China war zu 75% landwirtschaftlich dominiert, nebenher existierte jedoch auch eine beträchtliche Schattenwirtschaft. Staatlich nicht erfasste Märkte waren zum Beispiel der Markt für ländliches Baumaterial, der Markt für nicht landwirtschaftliche Nebentätigkeiten und zukünftige Ehefrauen. In dieser Schattenwirtschaft ließ sich zudem meist mehr verdienen als durch die Arbeit auf den Feldern eines Kollektives. So brachte zum Beispiel in Guangdong der Verkauf eines Wurfes Ferkel fast soviel ein wie ein halbes Jahr Arbeit des Familienoberhauptes für das landwirtschaftliche Kollektiv.

Wirtschaftliches Denken, Handeln und damit verbundene Verdienstmöglichkeiten hatten also nicht mit der Machtübernahme durch die Kommunisten 1949 aufgehört zu existieren, womit die weitere Liberalisierung des Agrarsektors nur eine staatlich gewollte und geförderte Weiterentwicklung dieses bislang versteckt existierenden Trends war.4 Diese Liberalisierung fand in Gegensatz zu der bis heute andauernden Reform des Industriesektors nicht abschnittsweise über einen längeren Zeitraum statt, sondern innerhalb des Jahres 1979.

So wurde mit einem Schlag das gesamte System der agrikulturellen Kollektivwirtschaft abgeschafft und durch ein System familiären Kleinbauerntums ersetzt. Nicht zuletzt durch nun völlig andere Anreize für die in der Landwirtschaft Beschäftigten war es möglich die Erträge des chinesischen Agrarsektors in kürzester Zeit zu verdoppeln. Hierdurch freigesetzte Arbeitskräfte und Produktionsmittel konnten nun in der weiteren Entwicklung des Industriesektors verwendet werden.5

2.4. Die Reform des Industriesektors zu Beginn der 80er Jahre

Mit den Beschluss über die Liberalisierung des Agrarsektors ergingen noch weitere wichtige Beschlüsse der dritten Vollversammlung des 11. Zentralkomitees der Chinesischen Kommunistischen Partei, welche den Grundstein für sämtliche zukünftigen Reformen legen sollten. Der Handelssektor sollte schrittweise an die Mechanismen eines freien Marktes angepasst werden, allerdings immer noch unter Federführung staatlicher Planer. Mehr Investitionen in Transportinfrastruktur und Kommunikationsmittel sollten erfolgen, der Staatsverbrauch sollte gesenkt werden, während die Konsumquote der Bürger durch höhere Einkommen und eine bessere Versorgung mit Konsumgütern erhöht werden sollte. Zudem sollte die Verteilung staatlicher Investitionen zwischen Landwirtschaft, Schwer- und Leichtindustrie neu geregelt werden, um China aus seiner landwirtschaftlichen Ära ins Industriezeitalter zu führen.

Der wichtigste Beschluss jedoch war die Durchführung von Reformen in der Führung staatlicher Unternehmen. Diese fand in drei zeitlichen Stufen statt, von denen die umfangreichste in drei weitere Schritte unterteilt war:

1. Einbehaltung des Gewinns im Betrieb, um den Entscheidungsspielraum der Betriebsleitung zu erhöhen
2. Verantwortungsübernahme des Betriebes für Gewinn und Verlust durch Steuerzahlung, anstatt von Überträgen an den Staat
3. Rationalisierung durch Umorganisation oder Fusionen von Betrieben, abhängig von ihrer jeweiligen Situation

Dieser teilweise Bruch mit dem System der Planwirtschaft sollte jedoch nicht unerprobt in der gesamten Volksrepublik stattfinden. So wurden zuerst im Jahre 1979 100 Betriebe für dieses Experiment ausgewählt, ihre Zahl erhöhte sich bis 1981 auf 417. Die drei oben angeführten Schritte wurden aber nicht simultan in allen Betrieben durchgeführt, es wurden verschieden Konstellation ausprobiert, um feststellen zu können, welche den meisten Erfolg verspricht. Trotz allem aber hatten die beteiligten Betriebe immer noch das staatlich vorgegebene Plansoll zu erfüllen, die Indikatoren für die Planerfüllung wurden aber von acht auf vier reduziert, nämlich Output, Produktqualität, Vertragserfüllung und Gewinn.

Über dem Plansoll produzierte Güter, wie auch Produkte in der Erprobungsphase konnten frei am sich entwickelnden Markt abgesetzt werden. Betriebe, deren Produkte das Qualitätszertifikat „Exportqualität“ erworben hatten, konnten sich um eine Exporterlaubnis bemühen oder eigenständig Handelsbeziehungen zu ausländischen Regierungen oder Firmen aufnehmen. Ein weiterer Effekt dieser Reform war auch die Reduktion des staatlichen Monopols für Produktionsmittel. Betriebe konnten nun direkt miteinander handeln, abgesehen von Produktionsgütern welche die Regierung als von nationaler Wichtigkeit betrachtete oder welche als gefährlich eingestuft wurden, wie zum Beispiel Sprengstoff.

Bis 1983 wurden die Vorgehensweisen und die Lehren dieses, als geglückt anzusehenden Experimentes dann auf die restliche chinesische Industrie ausgedehnt.6

2.5. Die Rolle der lokalen Regierung im Wandel

Im Vergleich zu Transitionsländern in Afrika oder Lateinamerika, deren Verwaltung oftmals kaum Erfahrung oder organisatorische Fähigkeiten besitzt, verfügte die maoistische Bürokratie über ein feinmaschiges Netzwerk, das sich über alle Ebenen der Gesellschaft bis hinunter zur unmittelbaren Nachbarschaft und Arbeitseinheit des Einzelnen erstreckte, und welches im internationalen Vergleich einen hohen Grad an Effizienz zu Tage legte.7 Somit existierte ein beeindruckender Organisationsapparat der den staatlichen Plan effektiv an die Produzenten mittels Kontingentzuweisungen über ein System staatlicher Verwaltungsebenen schrittweise weitergab. Im Gegensatz zu der Sowjetunion, wo ein stark ausgeprägtes System von Ministerien an den lokalen Behörden vorbei die Plansollvorgaben direkt an die Betriebe gab, delegierte das maoistische System Chinas wirtschaftliche und administrative Macht hinab zu den Behörden und Verwaltungen vor Ort.

Hieraus entsteht die Notwendigkeit sich mit dem Handeln und der Bedeutung der Provinzregierungen und Stadtverwaltungen zu beschäftigen. Mit der Abschaffung des freien Marktes und der Errichtung des Staatsmonopols für sämtlich Güter durch die kommunistische Regierung im Jahre 1957 wurde die staatliche Verwaltung Herrscher über Fabriken und Äcker, nun, nach Jahren der Planwirtschaft, änderte sich das Anreizsystem der zuständigen Beamten und Verwalter nahezu vollständig.

[...]


1 Vgl. Kynge, James: Chinas Wachstum gewinnt an Dynamik, in: Financial Times Deutschland, 16.04.2003, S.14.

2 Vgl. Frye, Timothy und Shleifer, Andrei: The Invisible Hand and the Grabbing Hand, in AEA Papers and Proceedings, Vol. 87 (2), 1997, S. 354-358.

3 Vgl. Chamberlain, Heath B.: Party-Management Relations in Chinese Industries: Some Political dimensions of Economic Reform, in: China Quarterly, Volume 0, Issue 112 (Dez. 1987), S.631ff.

4 Vgl. Rawski, Thomas G.: Implications of China’s Reform Experience, in: China Quarterly, Volume 0, Issue 144, Special Issue: China’s Transitional Economy (Dez.1995), S.1156.

5 Vgl. Sachs, Jeffrey D. und Wing, Thye Woo: Structural factors in the economic reforms of China, Eastern Europe and the former Soviet Union, in: Economic Policy, Volume 18, No. 1 (1994), Seite 102-145.

6 Vgl. Jackson, Sukhan: Reform of State Enterprise Management in China, in: China Quarterly, Volume 0, Issue 107 (Sep. 1986), S.405-432.

7 Vgl. Whyte, Martin King und Parish, William: Urban Life in Contemporary China, University of Chicago Press, Chicago 1984.

Details

Seiten
22
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638252652
Dateigröße
465 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v21708
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät, Lehrstuhl für Wirtschaftspolitik
Note
2,3
Schlagworte
Modell Staat Reformkraft

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