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Waldkindergärten als ökologische Bildungschance

Examensarbeit 2002 93 Seiten

Pädagogik - Reformpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Waldkindergarten. Eine Einführung hinsichtlich der Begriffsbestimmung, der Geschichte und des pädagogischen Ansatzes
2.1 Der klassische Waldkindergarten
2.2 Geschichte des Waldkindergartens
2.3 Die pädagogische Konzeption des Waldkindergartens

3. Theorien und Thesen zur ökologischen Bildung von Kindern unter spezieller Berücksichtigung des Vorschulalters
3.1 Was ist ökologische Bildung?
3.2 Warum ist heutzutage ökologische Bildung ein besonders aktuelles Bildungsziel?
3.3 Grundprinzipien des Lernens im Kindergartenalter als theoretische Grundlage für das Lernen auch ökologischer Inhalte im Waldkindergarten

4. Einblicke in die praktische Arbeit des Waldkindergartens unter dem Aspekt ökologische Bildung/ Lernchancen

5. Gibt es einen spezifischen Bildungsauftrag des Kindergartens hinsichtlich des Erreichens der Schulfähigkeit?

6. Was ist Schulfähigkeit und welche Erwartungen stellt die Regelschule an “schulfähige“ Schulneulinge?

7. Vorstellung des Fragebogens zum Kenntnis- und Entwicklungsstand der Waldkindergartenkinder in der ersten Klasse
7.1 Sozialerziehung und Persönlichkeitsbildung
7.2 Denkentwicklung
7.3 Sprachentwicklung
7.4 Ästhetische Elementarerziehung
7.5 Sport in der Elementarerziehung
7.6 Umwelt- und Sachbegegnung / Umwelt schützen
7.7 Verkehrserziehung- Sicherheitserziehung

8. Untersuchungsdurchführung und Ergebnishypothesen
8.1 Durchführung der Untersuchung
8.2 Ergebnishypothese
8.2.1 Schulrelevante Kompetenzen
8.2.2 Kompetenzen im Bereich Ökologie

9. Auswertung der Fragebögen
9.1 Auswertung hinsichtlich der schulischen Basiskompetenzen
9.2 Auswertung hinsichtlich der ökologischen Bildung

10. Ausblick: Ein Waldtag in der Grundschule. Können Teile des Waldkindergartenkonzepts in die Schule hinein weitergeführt werden?

11. Fazit

Literatur

Anhang

1. Einleitung

In meinem Studienschwerpunkt Geographie habe ich die große Bedeutung der Umweltbildung im Rahmen des Geographieunterrichts beziehungsweise des Sachunterrichts der Primarstufe kennengelernt. Ebenso wurde besonders in der Geographie, aber auch in anderen Studienfächern immer wieder die veränderte Lebenswelt der Kinder, insbesondere der Kinder in der Stadt, thematisiert. Ihr kommt eine bedeutende Rolle für die kindliche Entwicklung zu.

Das seit einigen Jahren verwirklichte Konzept der Waldkindergärten schien mir eine Möglichkeit darzustellen, einerseits bereits im Vorschulalter ökologische Bildung zu vermitteln, andererseits dem veränderten Lebensumfeld von Kindern Rechnung zu tragen und ihnen Raum für eine natürliche, naturnahe Entwicklung zu bieten.

So ergab sich, durch mein Unterrichtsfach Geographie begründet, der Schwerpunkt dieser Arbeit, nämlich zu überprüfen, inwieweit der Waldkindergarten eine ökologische Bildungschance im Vorschulalter darstellt. Aus der ebenfalls im Studium vermittelten Sicht der Schulpädägogik trat allerdings noch eine andere Fragestellung in den Vordergrund: Ist es möglich, dass aus Kindern, die ihre gesamten Kindergartenzeit ausschließlich im Wald spielend verbracht haben, schulkompetente Erstklässler werden? Diese Frage und ihre Beantwortung mit Hilfe einer von mir durchgeführten Untersuchung rückt im zweiten Teil der Arbeit in den Mittelpunkt.

Da ich im Rahmen dieser Arbeit auf die Kooperation vieler Menschen angewiesen war, möchte ich mich an dieser Stelle bei allen Eltern, LehrerInnen, ErzieherInnen und vor allem bei den Kindern bedanken, die an der in dieser Arbeit vorgestellten Studie teilgenommen haben.

Besonders zu erwähnen ist hier der Waldkindergarten „Waldstrolche am Forst e.V.“, in dem alle Fotos entstanden sind.

2. Der Waldkindergarten. Eine Einführung hinsichtlich der Begriffsbestimmung, der Geschichte und des pädagogischen Ansatzes.

2.1 Der klassische Waldkindergarten

Im klassischen Waldkindergarten verbringt eine Kindergruppe von circa 15 Kindern zusammen mit drei BetreuerInnen / ErzieherInnen den ganzen Vormittag im Wald. Bei diesem Waldbegriff handelt es sich allerdings nicht immer unbedingt um den Wald in Reinform, also „eine mit Forstpflanzen bestockte Fläche, zu der aber auch Kahlflächen, Leitungsschneisen, Waldseen, usw. gehören.( Nach: §2,Abs1-3, Landeswaldgesetz Baden- Würrtemberg LWG. In: Johannes, R. 1998, S.40).

In unseren heutigen verstädterten Lebensräumen wird auch auf stark kultivierte, mit parkartigen Elementen durchzogene, waldähnliche Landschaftsteile zurückgegriffen, da diese insbesondere in der Nähe der Ballungsräume als Naherholungsgebiete zu finden sind. Sie bieten sich daher für eine wohnortnahe Betreuung der Kinder an.

Die Kinder werden morgens zu einer festgelegten Bringzeit am vereinbarten Treffpunkt abgegeben.

Danach ziehen sie, mit einem Bollerwagen zum Gepäcktransport ausgerüstet, los.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bild 1: Bollerwagen mit Gepäck

Es wird nicht etwa ziellos in das Gelände hineingelaufen, sondern der Tagesablauf findet auch hier nach festen Regeln statt. Siehe hier auch Punkt 4: Praxisbericht eines Waldtages.

Die Betreuungszeiten liegen in der Regel zwischen drei und fünf Stunden pro Tag an fünf Tagen in der Woche.

Die Kinder verbringen diese Zeit immer draußen, es sei denn, extrem widrige Witterungsbedingungen, zum Beispiel Temperaturen unter minus sechs Grad oder Sturm, zwingen die Gruppe zum Rückzug in eine Notunterkunft. Als Notunterkunft dient häufig ein umgebauter Bauwagen, der auch dazu benutzt wird, Bastelmaterial und Ersatzkleidung aufzubewahren.

Außer dieser klassischen Form des Waldkindergartens gibt es inzwischen auch Mischformen, bei denen auch der Regelkindergarten gewisse Waldtage oder Waldwochen praktiziert.

2.2 Geschichte des Waldkindergartens

„Die “Urmutter“ des Waldkindergartens ist Ella Flatau, die vor rund 45 Jahren im dänischen Sollerod den ersten Waldkindergarten gründete.“ (Miklitz, I. 2000, S.7) Frau Flatau ging jeden Tag mit ihren Kindern in den Wald. Nachbarn, die für ihre eigenen Kinder keinen Kindergartenplatz bekommen konnten, fanden Gefallen an dieser Idee. Sie gaben ihre Kinder in die Obhut von Frau Flatau. So wurde nach und nach die Waldkindergartengruppe zur festen Einrichtung. Durch diese Elterngemeinschaft wurde der erste“ skovbornehaven“ (dänisch: Waldkindergarten) ins Leben gerufen. Inzwischen gibt es über 70 Einrichtungen dieser Art in Dänemark.

Der erste Waldkindergarten in Deutschland wurde im Jahr 1968 als privater Kindergarten in Wiesbaden gegründet. Er existierte bis zum Jahr 1998 unter der Leitung der Initiatorin Frau Ursula Sube. Da diese keine Ausbildung als Erzieherin hatte, erhielt der Kindergarten keine öffentlichen Gelder. Er wurde jedoch stillschweigend geduldet und als Ausnahme hingenommen. Die Finanzierung erfolgte ausschließlich über Elternbeiträge.

Keiner der Beteiligten hatte Interesse daran, dass die Sache über den Kreis der unmittelbar Beteiligten hinaus publik gemacht wurde, und so ist es auch zu erklären, dass dieser Prototyp des Waldkindergartens so lange keine Nachfolger gefunden hat.

Erst Ende der achtziger Jahre, als ein neuer Referent des Jugendamtes glaubte, aus - vor allem- aufsichtstechnischen Gründen diesen Zustand nicht mehr hinnehmen zu können, kam es zu einem Ortstermin im Wald. Frau Sube sah sich hier den amtlich bestellten und um das Wohl der Kinder besorgten Experten gegenüber.( Nach: Miklitz, I. 2000, S.7; Schede, H.-G. 2000 S.8-9.) „Diese schauten sich alles an und bestellten Frau Sube zum Gespräch ein. Dort geschah das Erstaunliche, dass sie ihr mitteilten, wie sehr sie von dem, was sie gesehen hatten, beeindruckt seien. Sie gratulierten ihr zu ihrer Arbeit und erteilten dem Waldkindergarten nun auch eine amtliche Genehmigung. Frau Sube konnte weiterhin mit ihrer Gruppe in den Wald gehen, musste allerdings ein Handy mit sich führen; und ihr Waldkindergarten durfte eine Gruppenstärke von fünfzehn Waldkindergartenkindern nicht mehr überschreiten.“ (Schede, H.-G. 2000, S.9)

Bis in die frühen neunziger Jahre hinein existierten in Deutschland nur vereinzelt Waldkindergärten. Der erste deutsche, staatlich anerkannte Waldkindergarten nahm 1993 in Flensburg seinen Betrieb auf. Die Erzieherinnen hatten in Dänemark hospitiert und entwickelten an das dänische Vorbild angelehnt, nun eine eigene Konzeption.

Nachdem viel Pionier- und Überzeugungsarbeit bei den Ämtern und Behörden geleistet worden war, wurden immer mehr Waldkindergärten eröffnet. Hierzu trug auch die intensive Öffentlichkeitsarbeit bei, die der Waldkindergarten Flensburg betreibt.

Dabei ist es je nach Bundesland, beziehungsweise regional, unterschiedlich, inwieweit die Waldkindergärten gefördert werden. Insbesondere die zuständigen Ministerien in Nordrhein-Westfalen, Hessen oder Baden-Württemberg zeigen sich bemüht, die Waldkindergärten unter bestimmten Bedingungen tatkräftig zu fördern. ( Nach: Miklitz, I. 2000, S.8; Schede, H.-G. 2000 S.10).

Laut eines Verzeichnisses, das der Bundesarbeitskreis der Natur- und Waldkindergärten in Zusammenarbeit mit dem Naturschutz- Zentrum Hessen herausgibt, waren 1999 im Februar 109 Waldkindergärten aufgeführt. Insgesamt sind heute in einem im Internet veröffentlichten Verzeichnis der Waldkindergärten mehr als 280 Einrichtungen zu finden.

( Nach: Waldkindergarten Esslingen 2002, www.es-info.de/waldkindergarten/ datenbank.htm.) Dieses erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die Zahl der existierenden Waldkindergärten dürfte deutlich höher liegen, da Bedarf, Interesse und Eigeninitiative sehr ausgeprägt sind, die Formalien und der Bürokratismus einer offiziellen Kindergartengründung aber erst einmal im Weg stehen, auf jeden Fall aber viel Zeit brauchen.

Abschließend ist also zu sagen, dass der Waldkindergarten heutzutage kein Exot in der Kindergartenlandschaft mehr ist, sondern dass er selbst behördlicherseits seine Fürsprecher hat und sich deutlich zunehmender Beliebtheit erfreut. Dass das Waldkindergartenkonzept in der Pädagogik noch teilweise umstritten ist, tut dieser Tendenz keinen Abbruch.

2.3 Die pädagogische Konzeption des Waldkindergartens

Aus dem Bedürfnis, den Kindern wieder einen selbstverständlicheren Bezug zur Natur zu ermöglichen, entstanden die Waldkindergärten. Dieser Bezug ist nur zu schaffen, indem die Begegnung mit der Natur nicht reglementiert wird und das Kind „sich dem Rhythmus der Natur anvertraut, um mit ihr vertraut zu werden“(Schede, H.-G. 2000, S.18). So ist es schwierig, einheitliche pädagogische Richtlinien zu benennen. Generell kann man aber eine Ausrichtung aller Waldkindergärten formulieren:

Sie dienen „der pädagogischen Absicht, es den Kindern zu ermöglichen, Natur und Umwelt bewußter zu erleben und als schützenswert zu erkennen.“ (Johannes, R. 1998, S.41.)

Ebenfalls lassen sich folgende pädagogische Leitgedanken, nach denen alle Waldkindergärten arbeiten, auflisten:

Der Waldkindergarten hat “keine“ räumliche Begrenzung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bild 2: Spielen ohne Grenzen

Die Kinder können ihren natürlichen Bewegungsdrang ohne Türen und Wände ausleben.

Es ist schwer zu sagen, wo der Kindergarten anfängt und wo er aufhört. Aufgrund seiner Größe ist der Wald nach allen Richtungen hin offen. Die Grenzen setzen sich die Kinder in der Regel selbst. Kaum ein Kind wird gerne so weit weggehen, dass es die Gruppe aus den Augen verliert. Der Wald ist für die Kinder nicht berechenbar. Es könnte im Gegensatz zum Regelkindergarten viel leichter etwas Unvorhersehbares passieren, da auch andere Menschen und Tiere diesen Lebensraum nutzen. „Durch die fehlende räumliche Einschränkung lassen sich innere Grenzen besser erleben und ausdrücken.“ (Johannes, R. 1998, S.42) Nicht der Wald gibt zum Beispiel die Distanz vor, die ein Kind sich von der Gruppe entfernen kann, sondern die Gefühle des Kindes. Nicht die fehlenden Möglichkeiten zur Bewegung lassen das Kind still sitzen, sondern das Bedürfnis nach Ruhe oder auch körperliche Ermüdung. Die Weite im Wald lässt es auch zu, dass ein Kind aus vollem Halse schreit, bis es selbst keine Kraft mehr hat. Es wird nie die Befriedigung haben, dass von seinem Geschrei die Wände zittern und einer in der Umgebung die Nerven verliert oder in Stress gerät. „Zwischen den großen Bäumen und Büschen verlieren sich die Kinderstimmen.[...]Die Kinder erfahren sich in anderen Relationen. Das schafft Respekt und gleichzeitig Geborgenheit.“ (Schede, H.-G. 2000, S.19)

Soziales Lernen findet in der Gruppe statt.

„Auch wenn das Waldstück, in dem sich die Kinder aufhalten, [...] kein undurchdringlicher Urwald fernab jeder Zivilisation ist, so ist die Waldkindergartengruppe doch in vielem auf sich gestellt. In dieser Lage entwickeln die Kinder einen starken Zusammenhalt und großen Eifer, sich gegenseitig zu helfen.“ (Schede, H.-G. 2000, S.24)

Siehe hierzu auch Bild 3: Hilfestellung.

Insbesondere im Wald sind wegen der sehr eingeschränkten Anzahl der mitgeführten Gegenstände Ideenreichtum, gegenseitiger Austausch und Hilfestellungen besonders erforderlich und auch von den Kindern erwünscht. „Haben sie dann mit eigenen Mitteln etwas erreicht, so empfinden sie innere Befriedigung. Sie übernehmen nicht nur für sich und ihre eigenen Sachen, sondern auch für ihre Spielkameraden Verantwortung.“(Schede, H.-G. 2000, S.24)

„ Auch die eher antriebsschwachen Kinder, die in den geschlossenen Räumen des Kindergartens kaum eigene Ideen entwickelten, ließen sich von Heuwiese und Waldboden, von Kleintieren und Käfern, von Moosflecken zu intensivem Spiel anregen.“ (Merz, C./ Schmidt, H. 1997, S.18/19)

Gruppen können sich spontan bilden und ebenso spontan umbilden. Ein Kind, das intensiv eine Hummel beobachtet, wird seine Beobachtungen gerne einem hinzukommenden Kind oder Erzieher mitteilen. Je nach Motivation bleibt dieses Kind, oder es wendet sich anderen Dingen zu. „Die Kinder fanden sich in unterschiedlichen Gruppierungen zu ihren Aktionen und Spielen zusammen, es herrschte eine entspannte Atmosphäre, und insbesondere auf die unruhigen Kinder hatte der Wald eine positive und ausgleichende Wirkung.“ (Merz, C./ Schmidt, H. 1997, S.18/19)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bild 3: Hilfestellung beim Klettern auf der Strickleiter

Auch die Spielmaterialien des Waldes sind in der Regel im Überfluss zu finden. Ein Stock, aus dem gerade eine Mondrakete wird, liegt noch viele Male im Wald. Ebenso gibt es im Wald kaum Frustrationen auf Grund von verursachten Schäden durch andere Kinder. Zum Beispiel führt die größere Bewegungsfreiheit dazu, dass herumlaufende Kinder nicht an die Bauwerke von einem gerade konzentriert spielenden Kind stoßen.

Ein weiterer Vorteil des Waldkindergartens ist die geringe Gruppengröße. Nicht nur die Kinder schenken einander in einer kleineren Gruppe höhere Aufmerksamkeit, auch die ErzieherInnen haben mehr Muße, sich jedem einzelnen Kind zuzuwenden. Dies gelingt aber auch dadurch, dass im Wald organisatorische und pädagogische Arbeit nicht zusammenfallen. Kein Telefon klingelt, keiner läutet an der Tür. Der Tagesablauf im Wald kann daher sehr ungestört stattfinden.

Außerdem „scheint die Ruhe des Waldes, die sich seinen Besuchern vermittelt, wesentlich dazu beizutragen, dass Erzieherinnen wie Kinder dort ausgeglichener und zufriedener sind. Einige Erzieherinnen berichten, dass sie sich sehr gut vorstellen könnten, im Wald noch lange pädagogisch tätig zu sein. Das ist für Erzieherinnen keine selbstverständliche Aussage, fühlen sich doch viele von ihnen schon nach wenigen Jahren berufsmüde und äußern den Wunsch, etwas anderes zu beginnen.“(Schede, H.-G. 2000, S.25)

Stille soll erfahrbar sein und eine Sensibilisierung für das gesprochene Wort erreicht werden.

Stille zu ertragen ist heute vielen Menschen unmöglich geworden. Oft werden das Fernsehen oder Musik als Hintergrundgeräusch als notwendig empfunden.

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Bild 4: Ruhe

„Stille ist in der heutigen Zeit ungewohnt, aber von unschätzbarem Wert. Das genaue Hinhören, die Möglichkeit, differenzierteste Laute wahrzunehmen, das fördert die innere Ruhe, das Wohlbefinden und die Konzentrationsfähigkeit.“ (Miklitz, I. 2000, S.17)

Siehe hierzu auch folgende Tabelle, bei der die Konzentrationsfähigkeit von Kindern aus einem Naturkindergarten der solcher Kinder gegenübergestellt wird, die einen Kindergarten in der Stadt mit wenig abwechslungsreichem Außengelände besuchen.

Bei dem Naturkindergarten handelt es sich hier um einen Kindergarten, in dem die Kinder viel Zeit, und dies auch bei jedem Wetter, draußen verbringen. Das Außengelände ist sehr groß, abwechslungsreich und zu einem Teil auch naturbelassen.

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Tabelle 1: Konzentrationsfähigkeit. (Quelle: Johannes, R. 1998, S. 43)

Die Motorik wird durch natürliche, differenzierte, lustvolle Bewegungsanlässe und Bewegungsmöglichkeiten gefördert.

Hier sollte man unterscheiden zwischen grobmotorischen und feinmotorischen Bewegungsanlässen. Zu beiden finden sich im Wald unzählige, in ihrer Vielfalt jedes Kind ansprechende Situationen.

Um ein Indianerzelt zu bauen, sollen große und kleine Äste herangeschafft werden. Man muss hierzu das Gelände erst prüfen, sich dann den leichtesten Weg überlegen und trotzdem noch viele Hindernisse überwinden oder beiseite räumen. Das Laufen auf unebenem Untergrund erfordert enormes Geschick und schult den Gleichgewichtssinn, ebenso das Balancieren auf herumliegenden, bei Regen obendrein glitschigen Stämmen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bild 5: Bewegungsanlässe zur Schulung der Grobmotorik

Das Klettern auf Bäumen oder auf den mit Hilfe von Seilen und Ästen gebauten Kletter- und Schaukelgeräten ermuntert auch träge Kinder zur Bewegung. „Kinder, die in ihrer Bewegungsfreiheit massiv eingeschränkt sind, trauen sich weniger zu. [...] Die, die gelernt haben, hinzufallen, ohne sich zu verletzen, gewinnen Sicherheit und Selbstbewusstsein, das die Grundeinstellung zum Leben beeinflusst.“ (Miklitz, I.2000, S.16)

Im feinmotorischen Bereich ist zunächst einmal das Sammeln und Festhalten von Naturmaterialien zu nennen. Man kann sich hier leicht die Hand eines Vierjährigen vorstellen, die drei dicke Zapfen oder einige Kastanien hält. Aber auch das Basteln, Bauen und Konstruieren mit diesen Materialien erfordert eine große Geschicklichkeit. Die Gegenstände weisen in der Regel keine ebenen Kontaktflächen auf. Daher wird mit dem Taschenmesser geschnitzt, mit einem Vorbohrer Löcher gebohrt, es wird gehämmert, angespitzt und vieles mehr. Auch das Kneten lehmigen Bodens zu kleinen Figuren und das Knoten der Seile erfordern eine außergewöhnliche Beweglichkeit und Kraft in den Händen.

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Bild 6: Bauen eines Turms aus vereisten Schneeresten

In den unter dem Aspekt Konzentrationsfähigkeit bereits erwähnten

Kindergarteneinrichtungen in Schweden wurde neben der Untersuchung bezüglich der Konzentration auch die Motorik untersucht. Dass diese Fähigkeit bei Kindern des Naturkindergartens besonders gut ausgeprägt ist, wird in der folgenden Tabelle dokumentiert:

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Tabelle 2 : Motorisches Verhalten ( Das motorische Verhalten der Kinder wurde jeden dritten Monat gemessen.(Quelle: Johannes, R. 1998, S. 43))

Die Sinneswahrnehmungen werden durch Primärerfahrungen gefördert.

Insbesondere im Wald werden Sinnesreize auf die vielfältigste Weise geboten.

Die Luft riecht je nach Witterung oder auch Jahreszeit unterschiedlich. Hier seien nur der starke Geruch des Waldes nach einem Regen oder der Duft an einem klaren Frühlingsmorgen genannt. Im Herbst kann man den Geruch von Pilzen wahrnehmen.

Ebenso gibt es vielfältige Arten von Geräuschen: Das Rascheln von Laub, wenn ein Vogel nach Nahrung sucht, das Knacken der Äste, wenn jemand durch den Wald geht, den Wind in den Bäumen, manchmal eine Motorsäge. Die Vielfalt von Tier- und Pflanzenwelt lädt zum genauen Sehen und Fühlen ein. Wie weich ist das Moos, wie viele kleine Sternchen hat es! Obendrein kann man es noch auswringen, so dass einem das Wasser an der Hand entlangläuft. Wie stachelig ist die Schale einer Kastanie, wie glatt die Innenseite einer Baumrinde im Vergleich zur Außenseite!

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Bild 7 : Taktile Wahrnehmung

Wenn man ein Tier in einem Bestimmungsbuch finden will, muss man genau hinsehen. Wie viele Beine hat es, wie könnte man die Farbe nennen? Nimmt man das Tier in die Hand, fühlt man das Kitzeln der kleinen Beine. Und zu guter Letzt ist auch das Geschmacksempfinden in der Natur besonders ausgeprägt. Wie gut schmecken das Butterbrot und ein heißer Kakao draußen im Wald!

Das Kind im Waldkindergarten ist dieser Fülle von Reizen täglich ausgesetzt, ohne jedoch durch Lärm, viele bunte Farben oder um es herum entstehende Hektik eine Reizüberflutung zu erleben. Es nimmt in der Ruhe des Waldes genau die Reize wahr, für die es in diesem Moment aufnahmebereit ist. Es hört kein Lied über den Regenbogen, sondern es sieht ihn selbst. Es braucht kein Buch von der kleinen Raupe, es hat ihr Kitzeln schon auf der Hand gespürt. Wenn das Kind im Kindergarten die Chance hat, diese Primärerfahrungen zu machen, ist der Grundstein für sein Interesse gelegt. „Kinder lernen anders als Erwachsene. Sie müssen zuerst sehen, berühren und erleben, bevor sie Erklärungen aufnehmen können. Zu frühe Erklärungen stören das Beobachtungserlebnis. [...] Viel wichtiger ist es, die Kinder zu genauem Beobachten und Fragen anzuregen. Diese neugierige, fragende Grundhaltung nimmt das Kind mit in die Schule.“(Miklitz, I. 2000, S.16)

Förderung handwerklicher Interessen

Sicherlich fördert das Spiel in der nicht vorstrukturierten, nicht mit vorgefertigten Spielzeugen bestückten Umgebung des Waldes handwerkliche Kreativität und handwerkliches Interesse.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bild 8: Handwerkliche Betätigung

Zwei Hölzer sollen zusammengenagelt werden, ein Baumhaus gebaut und hierzu ein Ast abgesägt oder Gräser zu einem „Zwergenteppich“ geflochten werden. Hier ist zu beobachten, dass sich die Mädchen im Waldkindergarten ebenso für diese Tätigkeiten interessieren wie die Jungen. „Bisherige Erfahrungen weisen darauf hin, dass die Kinder dort zwar auch rollentypisch agieren, aber eben nicht in diesem Maße, wie man das sonst beobachten kann."(Schede, H.-G. 2000, S.24)

Die Natur soll erlebt werden.

Das heißt sowohl Erleben der jahreszeitlichen Rhythmen und

Naturerscheinungen als auch Erleben der Pflanzen und Tiere in ihren originären Lebensräumen.

Ein Kind, das das ganze Jahr über seine Vormittage im Wald verbringt, wird schnell ein Gespür für die einzelnen Jahreszeiten und die damit verbundenen Veränderungen in der Natur entwickeln. Es erlebt sie „unmittelbar: Frühling, Sommer, Herbst und Winter in ihren unterschiedlichen Qualitäten.“ (Miklitz,I. 2000, S.15) Und dies nicht nur nach „geeigneten“ Wetterlagen selektiert. Die Freude, wenn nach einem starken Regen die Sonne wieder hervorbricht, stellt sich natürlich nicht ein, wenn man wegen des starken Regens gar nicht erst hinausgegangen ist.

Das Sprießen der ersten Blattknospen, das Grünwerden der winterlichen

Natur erfüllt die Kinder, die jeden Tag im Wald erleben, mit Erwartung. Sie warten ungeduldig, ob sich am nächsten Tag die Knospe schon geöffnet hat oder die Kastanien reif vom Baum fallen. Die Kinder bemerken dabei auch kleinste Veränderungen. Für die Waldkindergartenkinder wird beispielsweise auch der Zusammenhang zwischen Jahreszeit und Tageslänge auf natürliche Weise deutlich. Da sie nicht in elektrisch beleuchteten Räumen untergebracht sind, erleben sie, dass es im Winter noch sehr lange dunkel ist, obwohl sie schon im Kindergarten sind, während es im Sommer bereits strahlend hell ist, wenn sie ankommen.

Sensibilisierung für ökologische Zusammenhänge und Vernetzungen

Die Pädagogik des Waldkindergartens „setzt darauf, dass Kinder schon im Vorschulalter erleben und begreifen, wie der Mensch mit seiner natürlichen Umwelt verbunden und dass er auf die Natur angewiesen ist. Diese Erfahrung ist unter den heutigen Lebensverhältnissen nicht mehr selbstverständlich.“ (Schede, H.-G. 2000, S.26) Hier kann die Pädagogik des Waldkindergartens sicherlich teilweise diese Lücke füllen. Im Wald „besteht exemplarisch die Möglichkeit, ein komplexes Ökosystem, unmittelbar und nahezu überall verfügbar , zu erleben.“ (Corleis, F. 2001, S.16)

Die Kinder können hier erleben, dass ihr Handeln Konsequenzen für die Natur hat und Spuren in ihr hinterlässt. Die Grundeinstellungen und Fähigkeiten, die ein ökologisches Handeln möglich werden lassen, wie zum Beispiel Achtung, Sparsamkeit, Bescheidenheit, Behutsamkeit dem Wald und seinen Lebewesen gegenüber, werden erworben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bild 9: Behutsames Betasten einer winzigen Schnecke

[...]

Details

Seiten
93
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638255394
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v22111
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Seminar für Geographie, Erziehungswissenschaftliche Fakultaet
Note
1,3
Schlagworte
Waldkindergärten Bildungschance

Autor

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Titel: Waldkindergärten als ökologische Bildungschance