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Selbsthilfegruppen - Ein Überblick

Hausarbeit 2000 19 Seiten

Psychologie - Beratung, Therapie

Leseprobe

Inhaltsangabe:

1) Einleitung

2) Selbsthilfe

3) Schlussteil

4) Kommentar

5) Literaturangabe

1) Einleitung:

Das Prinzip der Selbsthilfe und Selbstkontrolle ist wichtig, um die Haltung der Patienten grundlegend zu verändern. So helfen Selbsthilfegruppen für Drogenabhängige zum Beispiel, die passive, konsumierende Haltung wirksam zu verändern. Die Mitglieder des Teams sehen sich nicht als Helfer, die den Patienten an der Hand nehmen und ihm zeigen, wo es lang geht. Sie sind nur Helfer zur „Selbsthilfe“ – was in keinem Fall leichter, sondern sogar schwerer ist, als den allmächtigen Helfer zu spielen.

In den therapeutischen Gruppen, die von Teammitgliedern geleitet werden, arbeiten die Gruppenmitglieder aktuelle und vergangene Konflikte durch, erleben verdrängte Gefühle wie Wut, Hass, Schmerz und Traurigkeit wieder, und erfahren vor allem und meist zum ersten Mal, dass mit ihren Gefühlen nicht alleingelassen, nicht abgelehnt werden.

Der Vorteil der Gruppe ist, dass sie Wärme, Zuneigung, Hilfe, und das Gefühl, mit seinen Problemen nicht allein zu sein bietet. Sie übt oftmals auch eine Kontrollfunktion aus (zum Beispiel bei Drogenabhängigen). Die Kontrolle der Gruppenmitglieder untereinander ist wirksamer und direkter, als es eine Kontrolle durch das Therapeutenteam sein könnte. Die Gruppenmitglieder kennen ihre schwachen Seiten, die Möglichkeiten und ihre Raffinesse bei der Umgehung der Hausordnung sehr genau. Sie wissen auch um die Gefahrenquellen, die einen Rückfall begünstigen, und achten besonders darauf. Diese Aufmerksamkeit ist Selbstschutz und zugleich Ausdruck für das Interesse des einzelnen Gruppenmitgliedes am anderen.

Einige wichtige Merkmale von Selbsthilfegruppen möchte ich vorerst aufzeigen:

SHG, Initiativen und selbstorganisierte Projekte sollen

- selbstorganisiert und selbstbestimmt arbeiten
- auch ehrenamtlichen Engagement vorsehen
- unbürokratisch vorgehen
- Spielräume für neues schaffen
- Die Lebensumwelt und die Lebensqualität verbessern

Sie sollen nicht

- Profit erwirtschaften für private/individuelle Zwecke
- Ausschließlich in verbandlicher, kommunaler oder kirchlicher Trägerschaft organisiert sein
- Im Bereich der Kultur- und Sportvereine traditionell strukturiert sein.

2) Selbsthilfe:

Definition der Selbsthilfe:

Selbsthilfegruppen sind „künstlich inszenierte Gemeinschaften“, deren ausdrückliche Aufgabe es ist, den Mitgliedern Gelegenheit zur kooperativen Bearbeitung bestimmter Probleme zu geben (Heinze, 1985). Selbsthilfe stellt eine „kollektive Handlungsform“ dar (Behrendt, 1982). Die Selbsthilfetätigkeit ist eine allgemeine Gruppenfähigkeit, die es dem Individuum ermöglicht, den Schritt von der Privatheit und relativen Isolation der Familie in die Öffentlichkeit, sprich: Gruppe, zu vollziehen (Schneider, 1984).

Selbsthilfe dient zumeist der „immateriellen Bedürfnisbefriedigung“: die Selbsthilfe ist eine notwendige, nur schwer bzw. fallweise konkretisierbare, intangible Versorgungsleistung, die meist immateriell erfolgt, vor allem die emotionale Bedürfnisebene betrifft, keine Ressourcen verbraucht – außer Zeit – und in einem solidarischen Sozialsystem – vornehmlich einer Gruppe – erfolgt (Asam, 1983).

Allgemein lassen sich Selbsthilfetätigkeiten auch als „Formen sozialer Alltäglichkeiten“ ansehen (Grunow, 1981). Grunow sieht in diesen Formen der sozialen Alltäglichkeit Handlungsprozesse mit Start- und Endpunkt, die tendenziell auf Wiederholung angelegt, zum Teil bereits routiniert sind – und in Hinblick auf Gesundheits- und Krankheitsprobleme in Gang gesetzt werden. An solchen Prozessen sind in der Regel mehrere Personen beteiligt. Grunow unterscheidet zwischen Formen primär – sozialer Selbsthilfe (Familienkreis, Verwandtschaft, Freundeskreis, Arbeitskollegen, Nachbarschaft, Selbsthilfegruppen) und sekundären Selbsthilfeformen (Selbsthilfeorganisationen, Inanspruchnahme von institutionalisiertem Medizinsystem, paramedizinischem System und alternativem Medizinsystem) (Grunow, 1981).

Die Hilfe geschieht auf der Grundlage gemeinsamer Betroffenheit, gemeinsamen Leidens, gemeinsamer Erfahrungen. Getragen wird sie von mehr oder minder spontan entstehenden, auf unmittelbarer, gegenseitiger Kenntnis beruhenden Kleingruppen, auf der Basis der Freiwilligkeit. Lebensfähig sind diese Gruppen über gegenseitige Hilfe.

Typologie von Selbsthilfegruppen:

Es werden drei Formen gesundheitsbezogener, nicht – professioneller Sozialsysteme unterschieden:

1) einfach organisiert, laienhafte, oder spezialisierte, räumlich beschränkte, spontane, dezentrale, partizipnative und auf ideellen oder psychosozialen Anreizen beruhende Hilfesysteme;
2) formal organisierte, verberuflichte, professionalisierte, spezialisierte, zentralisierte, hierarchisierte, im Zeitablauf erstarrte, bürokratisierte und primär auf materiellen Anreizen beruhende Hilfesysteme;
3) unterschiedliche Mischformen zwischen Merkmalsausprägungen beider Extremtypen, wobei die Mischformen dominieren (Hegner, 1981).

Zugangswege und Beitrittsmotive zu den Selbsthilfegruppen:

In einer Befragung wurden folgende Zugangswege festgestellt: 50% gaben betroffene Laien als Kontaktvermittler an, ca. 25% Professionelle und zu 15% wurden die Medien genannt. Weiterhin sind die Behinderten – Verbände zu erwähnen (Trojan/Deneke/Behrendt/Itzwerth, 1986). In erster Linie scheinen also „Gleich – Betroffene“ die Ansprechpartner und Vermittler für eine Selbst – Beteiligung zu sein.

Als besondere Voraussetzung für eine Teilnahme an Selbsthilfegruppen können nach der Studie von Breitkopf die folgenden gelten. Sie betonen insbesondere die persönliche Einstellung, die Bedeutung der Familie und die Kompetenz des potentiellen Teilnehmers.

- Je offener Personen Selbsthilfegruppen gegenüberstehen, desto eher werden Hilfen in primär – sozialen Netzen außerhalb der Familie/des Haushaltes in Anspruch genommen.
- Die Ergebnisse zeigen eine leichte Tendenz, dass sich Selbsthilfegruppen – Mitglieder weniger in ihrer Familie integriert und weniger anerkannt fühlen als der Rest der Befragten.
- Je länger die Haushalte Stabilität und Kontinuität hinsichtlich der Größe der Familie und Ortsgebundenheit aufweisen und sich durch einen stärkeren Familienzusammenhalt und eine stärkere Eingebundenheit in ihre soziale Welt auszeichnen, desto eher glauben sie auf Selbsthilfegruppen verzichten zu können.
- Es wird vermutet, dass Selbsthilfegruppen-Beteiligung und –Interesse vor allem eine Domäne von Personen mit beachtlicher Interaktionkompetenz, also z.B. aus der oberen Mittelschicht u.ä., sein muss.
- Nach Huber folgt zudem die idealtypische Figur des Selbsthilfegruppen-Mitgliedes der „inneren Missionsstimme einer psychosozialen oder soziokulturellen Berufung“ (Huber, 1987).

In den Befragungsergebnissen von Breitkopf wurden die folgenden Beitrittsmotive für eine Selbsthilfegruppen-Teilnahme festgestellt:

In den 47 Haushalten, die ein Selbsthilfegruppen-Mitglied aufwiesen, ließen sich nach Breitkopf drei Einzelmotive feststellen:

1. Die Bereitschaft, anderen zu helfen
2. Die Gelegenheit der Hilfeleistungen und Erfahrungsaustausch in der Gruppe
3. Eine spezifische Krankheits- oder Beschwerdebelastung

Die 660 Haushalte, die Selbsthilfegruppen aufgeschlossen gegenüberstanden, nannten die folgenden Beitrittsmotive:

1. Ca. 30% betonen eine spezifische Krankheit oder ein seelisches oder soziales Problem
2. Ca. 30% gaben eine allgemeine Hilfeerwartung im Sinne psychisch-emotionaler Hilfe an und
3. Weitere 30% nannten die eigene Hilfsbereitschaft und die Möglichkeit, sich in solchen Gruppen gegenseitig helfen zu können.
4. Sehr selten wurde eine fehlende Versorgung durch das Medizinsystem als Beitrittsmotiv genannt.

Aufgrund von bisher ausgewerteten 43 qualitativen Interviews ergaben sich als ein weiteres Beitrittsmotiv:

5. die Erwartung von geselligen/kommunikativen Aktivitäten in Selbsthilfegruppen.

Trojan u.a. ermittelten bei krankheitsbezogenen Selbsthilfegruppen-Mitgliedern die folgenden Beitrittsmotive:

1. Jeweils 73% versprachen sich eine bessere Bewältigung von Krankheitserscheinungen und Alltagsproblemen.
2. Bezogen auf Versorgungsdefizite des sozialpolitischen Systems gaben jeweils weit über 50% Klagen über Informations- und Kommunikationsmängel, aber auch Strukturmängel an und immerhin 65% verstanden das Angewiesensein auf ärztliche Betreuung als Belastung.
3. Nur 23% nannten Unzulänglichkeiten primärsozialer Netzwerke als Beitrittsmotive, was sich nach den Autoren mit der Dankbarkeit der Betroffenen für erhaltene Hilfe und der erreichten Grenze der familialen Hilfsmöglichkeiten erklären lässt.
4. Immerhin 90% wollten von anderen Betroffenen lernen, wie diese mit ihren Problemen fertig werden und 58% neue Verhaltensweisen lernen. Nur 25% gaben an, mittels Selbsthilfegruppen-Teilnahme ihr eigenes Leben verändern zu wollen bzw. sich selbst besser kennenzulernen.

Häufig werden über den Besuch der Selbsthilfegruppe hinaus „Kontakte, Geselligkeit und Freundschaften“ gesucht.

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Details

Seiten
19
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638256667
Dateigröße
623 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v22276
Institution / Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck – Institut für Psychologie
Note
Sehr gut
Schlagworte
Selbsthilfegruppen

Autor

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Titel: Selbsthilfegruppen - Ein Überblick