Lade Inhalt...

Der Positivismusstreit - Geschichte und Positionen

Hausarbeit 2002 18 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Historisches zum Positivismus- und Werturteilsstreit

2. Das Wissenschaftsverständnis der Kritischen Theorie

3. Das Wissenschaftsverständnis der Kritischen Rationalismus

4. Die Tübinger Referate
4.1 Karl Popper
4.2 Theodor W. Adorno

5. Habermas- Albert

Literatur:

1. Historisches zum Positivismus- und Werturteilsstreit

Als Positivismusstreit wird die Auseinandersetzung um die Methoden der Soziologie zwischen der Kritischen Theorie und dem Kritischen Rationalismus bezeichnet.

Auf dem Tübinger Soziologentag 1961, maßgeblich mitorganisiert von Ralf Dahrendorf[1], wurde das Hauptreferat von Karl R. Popper (1902-1994), Begründer des Kritischen Rationalismus, gehalten, worauf Theodor Wiesengrund Adorno (1903- 1969), neben u.a. Max Horkheimer (1895- 1973), Felix Weill (1898- 1975), Herbert Marcuse (1898- 1979), Friedrich Pollock (1894- 1970) Vertreter der Kritischen Theorie (wegen des Sitzes ihres Instituts für Sozialforschung in Frankfurt- ausgenommen die NS- Zeit, in der das Institut in die USA emigrierte- auch Frankfurter Schule genannt) mit seinem Koreferat antwortete. Thema der Referate war die Logik der Sozialwissenschaften. Obwohl von einigen Autoren bemerkt wird, die Gegensätze zwischen Adorno und Popper seien durch die Referate nicht klar genug dargestellt worden[2], zeigten sie doch die Widersprüche zwischen den beiden Schulen auf und führten zu einer intensiven methodischen Diskussion innerhalb der Sozialwissenschaften, die entscheidend mitgeprägt wurde von der nachfolgenden Auseinandersetzung zwischen Jürgen Habermas, damals wissenschaftlicher Mitarbeiter von Adorno, und Hans Albert, Vertreter des Kritischen Rationalismus.

Der Begriff Positivismusstreit entstammt dem Vorwurf der Kritischen Theorie gegenüber dem Kritischen Rationalismus, dessen Vertreter betrieben eine Form des Positivismus.

Als Positivismus wird die Lehre bezeichnet, die den Gegenstand der Wissenschaft auf empirisch Wahrnehmbares reduziert. Metaphysische oder gar theologische Interpretationen der Welt werden verworfen. Der Positivismus sieht seine Aufgabe in der Systematisierung des sinnlich Erfahrbaren und der Suche nach seinen Gesetzen. Als Begründer des Positivismus gilt Auguste Comte (1798- 1857), der den Übergang von der sozialen Physik zur Soziologie markiert und somit auch als Begründer der Soziologie gelten kann. Von besonderer Bedeutung ist sein Drei- Stadien- Gesetz, das die Entwicklung der Menschheit aufteilt in eine mythologisch- theologisch- phantastische Anfangsphase, darauf folgend eine metaphysische und schließlich die positiv- wissenschaftliche Phase.

Was mit dem Positivismusverdacht intendiert wurde, wird erkennbar, wenn man betrachtet, wie geringschätzig sich beispielsweise Horkheimer und Adorno über den Positivismus in der Philosophie äußern.[3]

Popper und Albert allerdings distanzieren sich vom Ansatz einer reinen Reduzierung auf das sinnlich Erfahrbare. Popper sieht sich sogar als Überwinder dieser Schule, was er mit seiner Gegnerschaft zum Wiener Kreis, einer neopositivistischen Vereinigung, als deren bekannteste Vertreter Moritz Schlick (1882- 1936), Rudolf Carnap (1881- 1970) und Otto Neurath (1882- 1945) zu nennen sind, begründet.

Die Position des logischen Positivismus des Wiener Kreises zum Werturteil sei anhand von Rudolf Carnap dargestellt: Carnap, der das begriffliche Gebäude der Wissenschaften auf Erfahrungsbegriffe reduzieren wollte, verortete Fragen der Weltanschauung neben, keinesfalls in der Wissenschaft. Er trat beispielsweise dafür ein, dass Wissenschaft unabhängig von der Politik arbeitet.

Die Themen des Positivismusstreits gehen zurück auf den sogenannten Werturteilsstreit, der um 1914 im Verein für Sozialpolitik (VfS) ausgetragen wurde, besonders bei der Werturteilsdiskussion des VfS am 5. Januar 1914. Auch in dieser Auseinandersetzung ging es um schon seit den 1880er Jahren[4] diskutierte Methoden der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, insbesondere um die Frage der Werturteilsfreiheit. Während beispielsweise Max Weber (1864- 1920) ein Wertfreiheitspostulat, d.h. eine „strenge Scheidung von Erfahrungswissen und Werturteilen“[5] formulierte und forderte, dass Professoren, wenn sie überhaupt subjektive Urteile in ihre Vorlesungen einfließen lassen, diese auch deutlich kennzeichnen,[6] sah Gustav Schmoller, Vertreter der mit dem Werturteilsstreit in der Ökonomie aussterbenden[7] historisch- ethischen Schule, die Wissenschaft als ein Instrument praktischer sozialpolitischer Veränderungen und somit nicht von der Ethik, die er als empiristische gefordert hat, zu trennen.

Otto Neurath, Politiker und Soziologe, Vertreter des Wiener Neopositivismus und sozialistischer Staatskommissar in der Münchener Räterepublik von März 1919 äußerte sich in einem schriftlichen Beitrag zur Wertfreiheitsfrage, in dem er formulierte, lege man ökonomischer Forschung sittliche Urteile zugrunde, würde „der wissenschaftliche Charakter der Nationalökonomie (...) dadurch in keiner Weise beeinträchtigt“[8].

Diese Auseinandersetzungen führte aber zu keinem konkreten Ergebnis, die Diskussion vom 5. Januar, in der sich hauptsächlich Max Weber und Carl Grünberg[9] gegenüberstanden, wurde abgebrochen[10] und die Thematik erst im Positivismusstreit wieder auf breiterer Basis diskutiert.

Eine bedeutende Publikation aus der politischen Linken gegen den Positivismus, von Horkheimer[11] und Popper[12] geschätzt, ist Lenins „Materialismus und Empiriokritizismus“, in der er den positivistischen Machismus und durchaus auch die Person Ernst Mach angreift. Lenin wirft Mach und seinen Anhängern vor, Solipsisten[13] zu sein.[14] Der Machist Bogdanow beschuldigt Lenin daraufhin des Subjektivismus. Lenin erwidert: „Nein, mit ‚subjektiver’ Blindheit sind die Leute geschlagen, die den Solipsismus als den Hauptfehler Machs ‚übersehen’ haben“[15]. Auch tritt Lenin in diesem Buch dafür ein, dass es eine objektive Realität geben müsse: „...die Existenz eines von den Widerspiegelnden unabhängigen Widergespiegelten (die Unabhängigkeit der Außenwelt vom Bewusstsein) ist die Grundthese des Materialismus“[16].

Der Positivismusstreit war nicht nur ein Streit der Theorie, sondern auch einer der soziologischen Institutionen. Es existierten damals zwei große internationale Soziologie- Vereinigungen.[17] Die International Sociological Association (ISA, gegründet 1949) war inhaltlich progressiv- antifaschistisch, das Institut International de Sociologie (IIS, gegründet 1893) eher konservativ. Beide Vereinigungen hatten deutsche Sektionen[18], zwischen denen es verschiedene inhaltliche Spannungen gab. Diese sollten auf dem Tübinger Soziologentag bereinigt werden.

2. Das Wissenschaftsverständnis der Kritischen Theorie

Die kritische Theorie, basierend auf dem dialektischen Materialismus des Marxismus,[19] grenzt sich nach einem Artikel Horkheimers[20] ab von traditionellen, also empirischen Theorien, die auch in den Sozialwissenschaften nach naturwissenschaftlicher Methodik, also formalen Regeln, auf eine Erkenntnis des Faktischen zielen. Horkheimer sieht hier ein Fehlen der Frage nach der Gesamtvernunft und wirft diesen Theorien vor, Vernunft in Teilbereiche aufzugliedern. Die Wirklichkeit könne so in ihrer Komplexität nicht erfasst werden und wissenschaftlicher Fortschritt bleibe ethisch unreflektiert. Simon- Schaefer zieht daraus diese Schlussfolgerung: „Rationalität verkümmert unter der Forderung nach Wertfreiheit zur Zweck- Mittel- Rationalität“[21]. Dagegen wendet sich die Kritische Theorie, die in marxistischer Tradition die Emanzipation des Menschen zum Ziel hat, d.h. die Ausschaltung überflüssiger sozialer Herrschaft durch die Vernunft. Die Wirklichkeit ist unvernünftig, was man erkennen kann, wenn soziale Utopien dem Realzustand gegenübergestellt werden. Dann wird deutlich, dass die soziale Realität voller Widersprüche steckt,[22] die allerdings von der klassischen Theorie nicht erfasst werden, da die formale Logik nach dem Postulat der Widerspruchsfreiheit arbeitet. Die kritische Theorie sieht Erkenntnisgegenstände immer dialektisch, d.h. sie betrachtet Entwicklung, Relationen zu anderen Gegenständen und die Widersprüche in dem Gegenstand selbst. Die Idee der dialektischen Totalität entstammt der Philosophie Hegels.

Wissenschaft muss der Komplexität der Realität gerecht werden. Daher wendet sich die kritische Theorie gegen eine scharfe Trennung der Disziplinen.

[...]


[1] Vgl. Dahms 1994, S. 323f.

[2] Vgl. Dahrendorf in: Adorno u.a. 1969, S. 145 und Dahms 1994, S. 341

[3] Adorno schreibt beispielsweise: „Der Krisis des humanistischen Bildungsbegriffs, über den ich nicht viel Worte zu machen brauche, ist Philosophie als erste Disziplin im öffentlichen Bewusstsein erlegen, nachdem sie ungefähr seit Kants Tod durch ihr Missverhältnis zu den positiven Wissenschaften, zumal denen von der Natur, sich verdächtig gemacht hatte.“ (Adorno 1970, S.12)

[4] In dieser Zeit forderte beispielweise der positivistische Soziologe Emile Durkheim (1858- 1917) eine konsequente Trennung von Soziologie und Philosophie, von empirischer Forschung und philosophischen Abstraktionen, also das Gegenteil der u.a. von Comte geforderten Einheitswissenschaft. (vgl. Klügl in: Autorenkollektiv 1982, S. 223f.) Durkheim tritt allerdings nicht für eine Wertfreiheit ein.

[5] Nau 1996, S. 40

[6] Weber kam es an auf „das Bewußtmachen des Unterschieds von Gesinnungsäußerung und wissenschaftlicher Feststellung von Sachverhalten (...), die nicht vermengt werden dürfen.“ Heieck, Ludwig in Weber 1967, S. 30

[7] vgl. ebenda S. 51

[8] Neurath in: ebenda S. 94

[9] Carl Grünberg (1861- 1940) war erster Direktor des Frankfurter Instituts für Sozialforschung. Er wurde 1931 von Horkheimer abgelöst.

[10] Max Weber verließ die Sitzung mit der Begründung, er werde missverstanden (vgl. Nau 1996, S. 51).

[11] Horkheimer lobt allerdings nur Teile aus Lenins Werk (vgl. Dahms 1994, S.27f.).

[12] Popper bezeichnet Lenins Buch als „ganz ausgezeichnet“ (Popper 1987, S.100)

[13] Der Solipsismus leugnet die Existenz der Dinge der Außenwelt außer im eigenen Bewusstsein.

[14] Vgl. Lenin 1973, S. 112

[15] ebenda S. 116

[16] ebenda S. 153

[17] vgl. Dahms 1994, S.320

[18] Sekretär der deutschen Sektion des IIS war Ende der 50er Jahre, als die Streitigkeiten auf ihrem Höhepunkt waren, Karl Valentin Müller. Präsident des DGS, der deutschen Sektion der ISA war Helmut Plessner. Beiden Organisationen gehörte Helmuth Schelsky an.

[19] Vom damals real existierenden Sozialismus grenzt sich die Kritische Theorie ab. Die Sowjetunion wird von ihren Vertretern als totalitäres Regime gesehen. Aber auch theoretisch wird der Marxismus modifiziert. So sieht z.B. Marcuse das Proletariat nicht mehr als eigentlich revolutionäres Subjekt, sondern als eine in das System integrierte Klasse, schlimmstenfalls sogar als Systemstütze. Die Ursache hierfür sieht Marcuse darin, es sei „dem Spätkapitalismus gelungen, besonders auf der Grundlage der ungeheuer wachsenden Produktivität der Arbeit, das Lebensniveau für die Mehrheit der Bevölkerung zu erhöhen“ (Marcuse in Stark 1971, S.12).

[20] Horkheimer 1970

[21] Simon- Schaefer in Seiffert/ Radnitzky 1989, S. 173.

[22] Nach Horkheimer und Adorno liegt die Ursache hierfür u.a. in der dialektischen Entwicklung der Aufklärung, die nicht das verwirklichen konnte, was sie sich zum Ziel gemacht hat.

Details

Seiten
18
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638260244
Dateigröße
373 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v22756
Institution / Hochschule
Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen – Abteilung für Sozialwesen
Note
bestanden (keine Benotung)
Schlagworte
Positivismusstreit Geschichte Positionen Werte Diskussion

Teilen

Zurück

Titel: Der Positivismusstreit - Geschichte und Positionen