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Bildungschancen für Menschen mit Migrationshintergrund

Chancen und Grenzen inklusiver Bildung

Examensarbeit 2013 130 Seiten

Pädagogik - Sonstiges

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

2. UN-BEHINDERTENRECHTSK0NVENTI0N
2.1. Entstehungsgeschichte
2.2. AUFBAU
2.3. ZIELE

3. BEGRIFFSERKLARUNG UND ABGRENZUNG
3.1. INKLUSI0N
3.1.1. EngerInklusionsbegriff
3.1.2. WeiterInklusionsbegriff
3.2. EXKLUSI0N
3.3. Integration
3.3.1. Integration von Einwanderern als Spezialfall
3.4. Migranten und Migration
3.4.1. Push-Faktoren
3.4.2. Pull-Faktoren

4. situation von menschen mit migrationshintergrund IN DEUTSCHLAND
4.1. Menschen mit Migrationshintergrund
4.2. Geschichteder Migration
4.3. Heutige Situation
4.3.1. Rechtsstatus
4.3.2. Arbeitsmarkt und Einkommen
4.3.3. Gesellschaftliche Integration und Beteiligung

5. situation von iugendlichen mit migrationshintergrund in DEUTSCHLAND
5.1. Migranten als Bildungsverlierer!?
5.2. DeutschalsFremdsprache
5.2.1. Sprachentwicklung
5.2.2. Mangel an Kontakt mit der Mehrheitssprache
5.3. Elternhaus
5.4. Institution Schule
5.5. Gender-Spezifitat

6. INKLUSIVE BILDUNG AN SCHULEN
6.1. Voraussetzungen
6.1.1. Institutionell
a) Politisch-rechtliche Ebene
b) Administrative Ebene
c) Schulisch-institutionelle Ebene
6.1.2. Personell
7. INDEX FUR INKLUSI0N
7.1. Entstehungsgeschichte
7.2. Aufbau
7.3. ZIELE
7.4. Ausarbeitung ausgewahlter Inhalte anhand von Jugendlichen MIT MlGRATIONSHINTERGRUND
7.4.1. Der Index-Prozess

8. INKLUSIVER UNTERRICHT
8.1. Grundlagen
8.2. Multikulturelle Perspektivenauf Unterrichtsinhalte- „Wie ist das denn bei EUCH TURKEN?"
8.3. Innere Differenzierung- „Das haben wir schon mal durchgenommen!"
8.3.1. Didaktische Materialien und Methoden
8.3.2. Offene Unterrichtsformen
8.4. Sprachunterricht- Deutsch als Fremdsprache
8.4.1. Die Wichtigkeitder Muttersprachebeim Spracherwerb
8.4.2. Schulische Bedingungen der Sprachbildungsarbeit
8.5. Respektvolle Beziehungen
8.5.1. Lehrer-SchulerBeziehung
8.5.2. Teamteaching und multiprofessionelle Teams

9. EMPIRISCHERTEIL: INTERVIEW MIT REKTORIN CHRISTINE SENGER
9.1. Die Kerschensteiner-Werkrealschule
9.2. Interview
9.3. Kommentar

10. integration vs. inklusion

11. schlusswort

12. LITERATUR

13. ehrenwortliche erklarung

14. ANHANG

Abbildungen

Abbildung 1: Stufenmodell der Inklusion

Abbildung 2: Erwerbslose in der 15- bis unter 65-jahrigen Erwerbsbevolkerung

Abbildung 3: Beteiligung von Migranten in der Politik22

Abbildung 4: 18- bis unter 25-Jahrige ohne Schulabschluss

Abbildung 5: Zusammenhang des Bildungshintergrunds der Eltern mit dem der Kinder

Abbildung 6: Schulbildung von Schulern mit Migrationshintergrund nach Geschlecht und Nationalitat

Abbildung 7: Prozess des Inklusionsindex

Abbildung 8: Entwicklungskreislauf des Inklusionsprozesses

1. Einleitung

Wer bei Google in die Suchmaske „Migranten als Bildungsverlierer“ eingibt, findet 90800 Ergebnisse. Gibt man „Migranten als Bildungsgewinner“ ein, zeigt das World Wide Web gerade mal 791 Ergebnisse an.

Ein Unterschied, der sich nicht nur in Zahlen niederschlagt, sondern auch in den Meinungen der Offentlichkeit. So betitelt der Politiker Thilo Sarrazin, in seinem umstrittenen Bestseller „Deutschland schafft sich ab“, Migranten als unqualifiziert und wenig integrationswillig1. Auch Prominente wie Frauenrechtlerin Alice Schwarzer beklagten 2010 offentlich, das Zwei-Klassen-System innerhalb der Bildung und Qualifizierung zwischen Deutschen und Migranten.2 Eine Stigmatisierung erfolgt schnell. Die Pisa-Studie 2009, der Integrationsindikatorenbericht der Bundesrepublik 2011 und der UNICEF Bericht zur Lage der Kinder in Deutschland 2008 stutzen diese Thesen. Doch stellt sich bei genauerer Betrachtung nicht nur die Frage nach der gegenwartigen Situation, sondern auch wie diese entstanden ist und welche Faktoren sie bedingen. Vor allem jedoch, wie die Problematik der Migranten im Bildungsbereich behoben werden kann. Wie kann der zweiten und dritten Generation von Einwanderern geholfen werden und konnen sie zu Bildungsgewinnern werden?

Ein erster Schritt hierfur ist das Ubereinkommen der Vereinten Nationen uber die Rechte von Menschen mit Behinderungen, das 2007 von Deutschland ratifiziert wurde. Es stutzt das im Grundgesetz verankerte Recht auf Bildung und fordert die gleichberechtige Teilhabe aller Menschen innerhalb der Gesellschaft und im Bildungssystem. Artikel 24 impliziert eine inklusive Bildung und eine Schule fur alle. Somit sollen alle Kinder, ungleich ihrer Herkunft, ihres Geschlechts, ihrer Behinderung oder ihrer Fahigkeiten zusammen unterrichtet werden.

Bei genauere Betrachtung stellt sich die Frage, wie eine Umsetzung der Inklusion von statten gehen soll. Ist die in Artikel 24 erwahnte Inklusion tatsachlich auch auf Schuler mit Migrationshintergrund anwendbar und welche Chancen, aber auch Grenzen bietet das Ubereinkommen der Vereinten Nationen?

Wie dies aussehen kann, was die Schule dafur leisten muss und welche Moglichkeiten und Grenzen sich hierbei auftun, soll in der vorliegenden Zulassungsarbeit zum ersten Staatsexamen gezeigt werden.

Zunachst erfolgt eine Begriffserklarung der Fachtermini und Einfuhrung in die Inhalte der UN Behindertenrechtskonvention. Darauffolgend werde ich die gegenwartige Situation von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland, im Besonderen die der Kinder und Jugendlichen beleuchten. Dieser Teil der Arbeit bildet die Ausgangslage der Thematik. Wie sind die derzeitigen Bedingungen fur Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund in Deutschland? Welchen Problemen stehen sie sowohl im Alltag als auch in der Schule gegenuber?

Das Kernstuck meiner Arbeit bilden die Bedingungen und Voraussetzungen der Inklusion an Schulen und ein Interview mit Christine Sanger, der kommissarischen Schulleiterin der Kerschensteiner-Ganztageshauptschule in Mannheim. In diesem Zusammenhang liegt der Schwerpunkt auf der Unterrichtspraxis. Es sollen Moglichkeiten aufgezeigt werden, wie Schulern aus fremden Kulturen und mit Deutsch als Fremd- beziehungsweise Zweitsprache geholfen werden kann und was eine Lehrkraft innerhalb des Unterrichts leisten muss. Das Interview mit Christine Sanger zeigt die Umsetzung in der Realitat, mogliche Probleme und Konflikte. Abschliefiend werde ich die beiden Begriffe Inklusion und Integration gegenuberstellen und meine eingangs aufgeworfene Forschungsfrage nach den Moglichkeiten und Grenzen inklusiver Bildung fur Jugendliche mit Migrationshintergrund beantworten.

Auf geschlechtsneutrale Formulierungen wurde aus Grunden der Lesbarkeit verzichtet. Im Text sind immer beiderlei Geschlechter gemeint.

2. UN-Behindertenrechtskonvention

Die gesetzliche Grundlage meines Themas bildet die UN- Behindertenrechtskonvention. Ich werde mich im Laufe meiner Arbeit immer wieder auf diese, insbesondere Artikel 24, beziehen und verschiedene Inhalte zitieren. Zunachst werde ich die Entstehungsgeschichte, die Rahmenbedingungen und die Ziele der Konvention darlegen. Hierbei ist ausschliefilich die Situation in Deutschland erwahnt. Der ausfuhrliche Text der Konvention findet sich im Anhang.3

2.1. Entstehungsgeschichte

Um die Situation von Menschen mit Behinderung sowohl im alltaglichen Leben, als auch in den Bereichen Beruf und Bildung zu verbessern, beschloss die Generalversammlung der Vereinten Nationen, im Jahr 2001, „dass Vorschlage fur ein umfassendes internationales Ubereinkommen zur Forderung und zum Schutz der Rechte von Menschen mit Behinderung entwickelt werden sollen“4. Im Dezember 2006 nahm die Generalversammlung der Vereinten Nationen schliefilich die entwickelte Konvention an.5 Mittlerweile haben 110 Staaten das Abkommen ratifiziert.6 Deutschland unterschrieb im Marz 2007 und die Konvention trat am 26. Marz 2009 in Kraft.7 Zur Uberwachung des Abkommens in Deutschland wurde das Deutsche Institut fur Menschenrechte, „als unabhangige Stelle nach Artikel 33 Absatz 2 des Ubereinkommens benannt.“8

2.2. Aufbau

Die ins Deutsche ubersetzte UN-Konvention gliedert sich in drei Teile. Zu Beginn des Ubereinkommens steht die Praambel. Sie dient als Einleitung der Konvention. Hierbei wird der Ausgangspunkt erlautert und somit die Auslegung des Beschlusses bedingt. Darauf folgen 50 Artikel uber das zukunftige Recht der Behinderten. Am Ende der Konvention steht das Fakultativprotokoll, auch Zusatzprotokoll genannt. Durch die Unterzeichnung und Ratifizierung des Protokolls erkennen die jeweiligen Staaten die Konvention an und verpflichten sich zur Umsetzung in ihrer nationalen Politik.9

2.3. Ziele

Die UN-Konvention basiert auf den international anerkannten Menschenrechten und bekraftigt in Deutschland die Grundrechte des Grundgesetzes. Behinderte Menschen sollen vollwertige Teilhabe an der Gesellschaft haben und keinerlei Beschrankungen gegenuber stehen.

„The purpose of the present Convention is to promote, protect and ensure the full and equal enjoyment of all human rights and fundamental freedoms by all persons with disabilities/10 Diese homogene Gesellschaft kann nur dann entstehen, wenn sowohl psychische, als auch physische Barrierefreiheit vorhanden ist. Dies ist eines der erklarten Ziele der Konvention.

Auberdem soll die vollstandige Inklusion in allen Bereichen des offentlichen Lebens stattfinden. Behinderte Menschen sollen unter anderem in den Bereichen Gesundheit, Arbeit und vor dem Gesetz als vollstandiges Mitglied der Gesellschaft anerkannt werden. Die Grundrechte und Antidiskriminierungsgesetze der Bundesrepublik werden hierdurch untermauert.

Des Weiteren wurde in Artikel 24 das Grundrecht auf Bildung erweitert. Nach der Konvention hat jeder Mensch das Recht auf inklusive Bildung.11 Das Ziel hierbei ist die Eingliederung von Menschen mit Behinderung in Regelschulen. „[...] Enabling persons with disabilities to participate effectively in a free society.“12 Die wirkliche und tatsachliche Teilhabe wird hervorgehoben und dadurch der Inklusionsgedanke verstarkt. Auch im zweiten Absatz des Artikels 24 wird erneut darauf hingewiesen, dass Menschen mit Behinderung im Bildungssystem gleichberechtigt sind und somit den selben Zugang zu einem integrativen, hochwertigen Unterricht an Grund- und weiterfuhrenden Schulen haben sollen.13 „Der Gedanke der sozialen Inklusion ist ein tragender Grundsatz und Leitbegriff der Konvention.“14 Und somit das Hauptziel des Abkommens.

3. Begriffserklarung und Abgrenzung

Der Begriff der Inklusion wurde bereits mehrfach erwahnt. Um diesen genau zu definieren und um weitere Fachtermini einzufuhren, erfolgt in Kapitel 3 eine lexikalische Erklarung und eine klare Abgrenzung der fur die Arbeit relevanten Begriffe.

3.1. Inklusion

Das Wort Inklusion wird in unterschiedlichen Wissenschaften verwendet, unter anderem in der Mathematik, oder der Mineralogie. Fur die schulische Anwendung jedoch ist die Definition der Soziologie und der Padagogik wichtig. In der Soziologie wird Inklusion als „das Miteinbezogensein; gleichberechtigte Teilhabe an etwas; Gegensatz Exklusion“15 definiert. Die Padagogik spricht von der „gemeinsamen Erziehung behinderter und nicht behinderter Kinder in Kindergarten und [Regel]schulen“16. Es wird bereits deutlich, dass der Begriff Inklusion zumeist mit behinderten Kindern und Jugendlichen verbunden ist. Allerdings beziehe ich mich in meiner Zulassungsarbeit auf einen weiter gefassten Inklusionsgedanken innerhalb der schulischen Bildung. Um diesbezuglich eine genaue Unterscheidung vorzunehmen, differenziere ich zwischen einem engen und einem weiten Inklusionsbegriff.

Gesetzliche Legitimation finden beide Inklusionsbegriffe in der UN- Behindertenrechtskonvention. Diese wurde in Kapitel zwei meiner Arbeit bereits eingefuhrt und erlautert.

3.1.1. Enger Inklusionsbegriff

Die gesetzliche und theoretische Grundlage basiert, wie bereits erwahnt, auf der UN- Konvention uber die Rechte von Menschen mit Behinderung. In dieser wird in Artikel eins zunachst beschrieben, welche Personengruppe besonders geschutzt und gleichzeitig gefordert werden soll. In der englischen Originalversion heifit es:

„[...] Persons with disabilities include those who have long-term physical, mental, intellectual or sensory impairments which in interaction with various barriers may hinder their full and effective participation in society on an equal basis with other.“17 Die Zielgruppe wird beschrieben: Korperlich, seelische und geistige Beeintrachtigungen werden im Text bedacht. Hiermit definiert sich der engere Inklusionsgedanke. Menschen mit Behinderungen sollen die gleichen Rechte und die gleiche Moglichkeit der Partizipation in der Gesellschaft haben wie Menschen ohne Behinderung. Auf die Institution Schule bezogen bedeutet dies, die Eingliederung von korperlich oder geistig behinderten Schulern in Regelschulen. Weitere Einschrankungen, die Menschen bei der gleichwertigen Teilhabe in der Gesellschaft behindern konnten, beispielsweise Armut oder Migrationshintergrund, werden bei dieser engen Begriffsdeutung nicht aufgefuhrt.

Ebenfalls anzumerken ist die Uberschrift der Konvention, die das Wort Behinderung enthalt. Nach §2 Absatz 1 des deutschen Sozialgesetzbuchs werden Menschen als behindert bezeichnet, „wenn ihre korperliche Funktion, geistige Fahigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit langer als sechs Monate von dem fur das Lebensalter typischen Zustand abweicht und daher ihre Teilhabe am Leben der Gesellschaft beeintrachtigt ist.“18 Durch diese Erklarung wird deutlich, dass im engeren Sinne unter Behinderung zunachst nur die tatsachliche korperliche oder geistige Beeintrachtigung zu verstehen ist. Auch in Schulentwicklungsplanen, Aktionsplanen der Lander und des Bundes sind zunachst lediglich Bestrebungen zu finden, die sich mit dem gemeinsamen Unterricht von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Behinderung befassen.19

3.1.2. Weiter Inklusionsbegriff

Der weiter gefasste Begriff der Inklusion, versteht sich durch eine ausgedehntere Definition. Die UN-Konvention erkennt neben korperlicher, geistiger und seelischer Beeintrachtigung, Behinderung dort, wo die Wechselwirkung „zwischen einer Beeintrachtigung und einer gesellschaftlichen Barriere“20 dazu fuhrt, dass Menschen nicht mehr vollstandig und ohne Einschrankungen an der Gesellschaft teilhaben konnen. Menschen mit Migrationshintergrund sind oftmals Vorurteilen ausgesetzt und dadurch mit Hindernissen konfrontiert. Zudem besuchen immer mehr Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund eine Forderschule.21 Folge dessen mussen sie im Zuge der Inklusion ebenfalls in Regelschulen eingegliedert werden und somit im Inklusionsgedanken bedacht werden. Die UN-Konvention soll jegliche Diskriminierung verhindern und somit im schulischen Bereich, jedem Schuler gleiche Bedingungen gewahrleisten. Schuler mit Migrationshintergrund sind allerdings zum jetzigen Zeitpunkt, oftmals von einer „strukturellen Diskriminierung“22 betroffen. Zu Beginn ihrer Schullaufbahn stehen sie gleich vor mehreren Lernherausforderungen. Zum einen mussen sie die allgemeinen Anforderungen bewaltigen. Zum anderen der Spracherwerb in der Zweitsprache, als auch gleichzeitig die Weiterbildung der Muttersprache meistern.23 Auch in hoheren Klassen mussen Jugendliche mit Migrationshintergrund die gleichen schulischen Anforderungen bewaltigen wie Jugendliche ohne Migrationshintergrund. Es wird nicht bedacht, dass sie zusatzliche Hilfestellungen benotigen.

Des Weiteren mussen Kinder aus armlichen Familien mit inkludiert werden. Die Armutsberichte der letzten Jahre zeigen, dass in Deutschland 20 Prozent der unter 15jahrigen, mit finanziell eingeschrankten Bedingungen aufwachsen.24 „Einkommensarmut schrankt Handlungsspielraume ein, pragt damit den Lebensstil und erschwert die soziale Integration/25

Die Definition des weiten Inklusionsbegriffs bezieht sich demzufolge vor allem auf die Ausweitung des Wortes „Behinderung“. Schuler die aus armlichen Familien stammen oder mit Migrationshintergrund aufwachsen, haben gegenwartig nicht die gleichen Chancen auf Bildung und mussen somit mit in den Inklusionsbegriff eingebunden werden.

3.2. Exklusion

Oftmals in Zusammenhang mit Inklusion, wird das Wort Exklusion genannt. Exklusion bedeutet die „Ausschliefiung, Ausgrenzung“26 und steht im Gegensatz zur Inklusion. Die Europaische Kommission definiert Exklusion als „Prozess, durch den bestimmte Personen an den Rand der Gesellschaft gedrangt und [...] wegen unzureichender Grundfertigkeiten oder fehlender Angebote fur lebenslanges Lernen, oder aber infolge von Diskriminierung an der vollwertigen Teilhabe gehindert werden.“27 Durch die hier angebrachten Definitionen wird gezeigt, dass Exklusion und Inklusion im Gegensatz stehen. Allerdings bedingt das eine auch das andere. Die Teilnahme am sozialen System fuhrt durch die Individualitat der geforderten Eigenbetrage dazu, dass sich Menschen voneinander unterscheiden und sich gegeneinander exklusiv verhalten.28 Auch in einer inklusiven Gesellschaft entsteht zunachst durch die Vielfalt des Einzelnen, Exklusion. Allerdings darf diese nicht wie oben aufgefuhrt zu Ausschliebung oder Ausgrenzung fuhren, sondern soll in einen inklusiven Leitgedanken eingebunden werden.

Zusammenfassend ist festzustellen, dass Exklusion sich lexikalisch als Gegensatzpaar zur Inklusion darstellt. Jedoch existieren beide Begriffe nicht ohne einander und bedingen sich. Beispiele fur Exklusion in der Gesellschaft gibt es im Bereich des Arbeitsmarktes oder auf Grund ethnischer Herkunft, im Bereich des sozialen Lebens. Ebenfalls zu erwahnen ist, dass Exklusion oftmals am Beginn des Prozesses zur Inklusion steht, was in Abbildung 129 zu sehen ist.

3.3. Integration

Integration wird haufig im Zusammenhang mit Inklusion verwendet. Aus dem Lateinischen ubersetzt, bedeutet das Wort Integration „Wiederherstellung eines Ganzen“.30 Die Soziologie verwendet die Bedeutung der „Verbindung einer Vielheit von einzelnen Personen oder Gruppen zu einer gesellschaftlichen und kulturellen Einheit.“31 Diese Definition ist fur den Verlauf der Arbeit die bedeutende. In der gesellschaftlichen Integration werden zwei Aspekte unterschieden. Zum einen die Integration als Prozess, die sich mit der Art und Weise, mit denen sich ein Individuum in einem Gesamtsystem eingliedert, beschaftigt.32 Zum anderen die Integration als Ziel oder Resultat, wobei das Ergebnis eines Eingliederungsprozesses gemeint ist.33 Beide Aspekte bedingen sich gegenseitig. Integration im schulischen Kontext bedeutet demzufolge, die Art und Weise der Eingliederung von Schulern, Schulergruppen in bestehende Klassen, oder das Integrationsergebnis.

Eine klare Abgrenzung zur Inklusion ist nur schwer zu definieren. Integration kann eher als Vorstufe der Inklusion gesehen werden. Auch die UN-Konvention spricht in Artikel 24 im Zusammenhang mit der schulischen Inklusion von Integration. So heifit es in 24, 2e)“ [...] in Ubereinstimmung mit dem Ziel der vollstandigen Integration 34 sollen wirksame und individuell angepasste

Unterstutzungsmafinahmen erfolgen. Dies impliziert Integration als Vorstufe der Inklusion. In der nachfolgenden Abbildung werden die eben aufgefuhrten Begriffe Inklusion, Exklusion und Integration nochmals veranschaulicht. Die Abbildung beschreibt die Abstufung zwischen den drei Begriffen und wird in der Literatur als Stufenmodell der Inklusion beschrieben.35

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Stufenmodell der Inklusion

3.3.1. Integration von Einwanderern als Spezialfall

Zur Integration sind alle Gesellschaftsmitglieder mehr oder minder gezwungen. Doch was unterscheidet die Integration von Einheimischen von der von Einwanderern und was macht sie zum Spezialfall?

Der grofite Unterschied liegt in der Intensitat der Anpassung.36 Diese ist in der fur die Einwanderer neuen Kultur begrundet. Sie mussen in den meisten Fallen zunachst eine neue Sprache lernen, „Verkehrsregeln kennen, wissen wie man Rechnungen bezahlt, welche Hoflichkeitsformen zu beachten sind“37. Einwanderer treffen auf eine vollig neue, ihnen unbekannte Lebenswelt. In seinem Buch „Integration in Deutschland“, beschreibt Loffler die Belastungen fur Migranten als Bedrohung des Selbstwertgefuhls, Kulturkonflikte und Zugehorigkeitsunsicherheit. Um diese Angste zu uberwinden bedarf es von Einwanderern zum Einen eine hohe Bereitschaft, zum Anderen viel Zeit.

Eine weitere Unterscheidung, zwischen alttaglicher Integration und spezifischer Integration von Einwanderern, ist das Idealziel. Bei der alltaglichen Eingliederung wird ubereinstimmend angenommen, „das strukturelle und kulturelle Integration eine Einheit sind und die Herstellung vollstandiger Integration/38 Bei der Eingliederung von Einwanderern sind unterschiedliche Ziele in der Literatur zu finden. Hierbei stellt sich vermehrt die Frage, ob und wie weit die eigene Kultur erhalten werden kann und muss und inwieweit sich die gegenwartige Kultur annahern soll.

3.4. Migranten und Migration

Die Begriffe Migration und Migranten mussen im Zuge meines Themenkontextes ebenfalls genau definiert werden. Unter Migration findet sich die lexikalische Erklarung im Bereich Soziologie: „Abwanderung, Wanderung in ein anderes Land, in eine andere Gegend, an einen anderen Ort“.39 Oftmals wird im deutschen auch der Begriff „Einwanderer“ benutzt. Der Sozialpadagoge Hamburger, beschreibt die Migration als einen Sammelbegriff fur den Umstand, dass Personen ihren Wohnort verlassen und in der Gegenwart an einem anderen Ort leben. Hierbei wird besonders die Uberschreitung von Staatsgrenzen hervorgehoben.40 Dadurch andert sich sowohl der rechtliche Status der jeweiligen Person, als auch die kulturelle Umwelt.41 Der befristete Umzug in eine andere Stadt wahrend der Ausbildung beschreibt Migration ebenso, wie ein Umzug in ein anderes Land. Somit beinhaltet Migration die Dimensionen Raum, Zeit und Sozialitat und durch Spezifizierung dieser Begriffe kann die Migration von Menschen unterschieden werden.

Zudem kann der Orts- oder Landeswechsel freiwillig oder gewaltsam, gezwungen sein. Um die Wanderungsursachen zu gliedern, spricht die Sozialwissenschaft von so genannten Push- und Pull-Faktoren.

3.4.1. Push-Faktoren

Push-Faktoren bedeuten dass42 Menschen aus dem Land „getrieben“ werden. Grande hierfur sind:

- Natur- und Umweltkatastrophen: Hierzu gehoren unter anderem Hungersnote, Erdbeben oder Nuklearkatastrophen.
- Okonomie: Wirtschaftliche Not, bedingt durch Arbeitslosigkeit und materielle Versorgungsnot, bringt die Leute dazu, dass sie ihr Land verlassen um ihre Lebenslage zu verbessern.
- Politik: Aus Grunden der Unterdruckung, der politischen oder religiosen Verfolgung suchen Menschen Asyl43 und verlassen ihre Heimat.

3.4.2. Pull-Faktoren

Pull-Faktoren sind das Gegenstuck zu den oben genannten Push-Faktoren. Sie ziehen Menschen in das jeweilige Land. Grunde fur den freiwilligen Wechsel der Heimat sind:

- Okonomie: Wirtschaftlicher Wohlstand, eine niedrige Arbeitslosenquote oder ein hoherer erwarteter Lebensstandard ziehen Menschen an.
- Soziale Grunde: Hierzu gehoren sowohl Familienzusammenfuhrungen, oder die so genannte Arbeitsmigration. Unter diesem Begriff ist der Wechsel der Arbeitsstelle zu verstehen, der lediglich auf personlichen sozialen Aufstieg beruht und nicht von Existenznot verursacht ist.
- Individuelle Motive: Die kleinste Gruppe bilden die Migranten, die aus personlichen Motiven wie Neugier und Abenteuerlust ihre Heimat freiwillig wechseln.

Die Grunde der Migration sind vielschichtig. Mein Thema befasst sich ausschliefilich mit Jugendlichen und deren Migrationshintergrund. Die Jugendlichen sind zumeist in

Deutschland geboren und gehoren bereits der zweiten oder dritten Generation von Migranten in Deutschland an.44

In der Fachsprache wird zwischen den Begriffen auslandische Bevolkerung und Menschen mit Migrationshintergrund strikt unterschieden. Auslander sind vor dem Gesetz Menschen die eine andere Staatsangehorigkeit besitzen als die des gegenwartigen Landes.45 Im allgemeinen Sprachgebrauch wird selten zwischen Auslandern und Menschen mit Migrationshintergrund unterschieden. Hierbei definieren sich beide Begriffe als Gruppen, die aus der Sicht der Betrachter von anderen Einwohnern des Landes unterscheiden. In meiner Ausarbeitung werden beide Begriffe mit Rucksicht auf die Lesbarkeit synonym benutzt. Es gilt die in Kapitel 3.4. benannte Definition.

4. Situation von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland

Alice Schwarzer und Thilo Sarrazin werfen in der Migrationsdebatte Einwanderern, besonders turkischen, fehlenden Integrationswillen und -bereitschaft vor.46 Doch nicht nur die beiden Prominenten sind dieser Meinung, auch innerhalb der Gesellschaft sind immer wieder kritische Worte zu horen. Eine Stigmatisierung bestimmter Nationalitaten erfolgt oft voreilig. Es sollte zunachst deutlich gemacht werden, was und wer genau unter Menschen mit Migrationshintergrund zu verstehen ist. Auberdem betrachte ich in diesem Kapitel den geschichtlichen Hintergrund und die aktuelle Situation von Migranten in Deutschland. Hierzu dient unter anderem der zweite Integrationsindikatorenbericht der Bundesrepublik, der 2011 veroffentlicht wurde und von Vertretern des Institut fur Sozialforschung und Gesellschaftspolitik GmbH und dem Wirtschaftszentrum Berlin fur Sozialforschung erstellt wurde.

4.1. Menschen mit Migrationshintergrund

In Deutschland haben mehr als 16 Millionen Menschen einen Migrationshintergrund.47 Migration meint hier die Einwanderung in ein neues Land.48

Hierbei gliedert man in drei Generationen. Die erste Generation ist die selbst Zugewanderte. Unter der zweiten Generation versteht man in Deutschland Geborene, bei denen jedoch mindestens ein Elternteil zugewandert ist, also von der ersten Generation stammend Bei der Definition der dritten Generation sind unterschiedliche Meinungen in der Literatur zu finden. In einigen Berichten wird diese Generation nicht mehr benannt, was allerdings bedeuten wurde, dass Migration bereits zur Geschichte zahlt. Diese Generation hat zumeist bereits Eltern aus der zweiten Generation, die nicht selbst zugewandert sind, sondern lediglich deren Eltern. Die Frage die sich stellt: Sind diese jungen Staatsburger „nicht langst ein gewachsener Bestandteil der deutschen Gesellschaft geworden?“49 Die Antwort kann unterschiedlich ausfallen. Durch die Aktualitat meiner Arbeit werde ich die beschriebene dritte Generation mit einbinden und sie ebenfalls als Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund definieren.

Menschen aus der Turkei und dem ehemaligen Jugoslawien sind die beiden grofiten Einwanderungsgruppen mit ca. 1,6 Millionen und 0,9 Millionen Menschen. Darauf folgen Italiener, Polen, Griechen, Osterreicher und Spanier/Portugiesen.50 Doch wie kam es dazu, dass Menschen aus diesen Landern nach Deutschland migrierten?

4.2. Geschichte der Migration

Um an diese Frage anzuknupfen werde ich die Geschichte der Migration beginnend mit Ende des zweiten Weltkriegs, 1945, kurz beleuchten.

Nach Ende des Krieges stromten 12 Millionen Fluchtlinge auf der Suche nach einer neuen Heimat nach Deutschland.51

Es waren Uberlebende des nationalsozialistischen Regimes und sie gingen in die Geschichte, mit dem Begriff der „Displaced Person“52, ein. Das nationale Verpflichtungsgefuhl der Deutschen bedingte ihre Ansiedlung.

Im Zuge der anhaltenden Hochkonjunktur des Wirtschaftswunders, ab 1950, entstand die so genannte Ost-West Wanderung, die mit dem Bau der Mauer, im Jahre 1961, eingedammt wurde.

Die Anwerbung von Gastarbeitem, die den Arbeitskraftemangel im wirtschaftlich erstarkenden Deutschland ausgleichen sollen, wird als die zweite grofie Phase der Migrationsgeschichte genannt. In den Jahren 1955 bis 1973 wurden Arbeiter aus dem Mittelmeerraum, hauptsachlich aus Italien, spater auch aus der Turkei und Jugoslawien, von der Bundesrepublik angeworben, um uber einen befristeten Zeitraum in der deutschen Industrie zu arbeiten.53 Die DDR warb in dieser Zeit Arbeiter, unter anderem aus den Landern Ungarn, Polen und Vietnam an. Der Anwerbestopp kam in der BRD im Jahre 1973 und in der DDR bereits im Jahr 1968.54 Mit dem Fall der Mauer entstand 1989 eine zweite Fluchtlingsbewegung. Der Burgerkrieg im Nahen Osten und der Zerfall der Ostblockstaaten bedingten die Wanderung der Aussiedler aus Mittel- und Osteuropa.55

Zwar wurden seit 1973 offiziell keine Arbeiter mehr angeworben, allerdings stieg die Zahl der Gast- und Saisonarbeiter in den Jahren 1999-2004 um 100.000. Die meisten dieser Arbeiter kommen aus Polen und Rumanien.56 Der Strom der Gastarbeit ist fur die in der Arbeit behandelte Thematik bedeutend, da sie bis heute die Herkunftslander der Migranten bestimmt. Es waren meistens Manner, die als Gastarbeiter nach Deutschland kamen und denen nach einiger Zeit ihre Familien folgten. Dies begrundet auch den in der Grafik dargestellten hohen Anteil an Migranten aus dem Mittelmeerraum.

Des weiteren, sind die oben aufgefuhrten Pull-Faktoren im Zuge der aktuellen Zuwanderung zu erwahnen. Deutschland ist Expansionsweltmeister und im europaischen Vergleich wirtschaftlich gut eingestellt. Auch das Zuwanderungsgesetz bedingt, dass Deutschland bis heute einen starken Migrationsstrom hat.

Abschliefiend konnen anhand der Geschichte grob drei Arten der Migration zusammengefasst werden. Die Aussiedler, die Arbeitsmigranten und die Fluchtlinge.

4.3. Heutige Situation

Die heutige Situation von Migranten ist differenzierter zu bewerten. Es kann zwischen Migrantengruppen unterschieden werden, die vollstandig eingegliedert sind und keinerlei Probleme haben und Gruppen, die nicht oder nur teilweise integriert sind. In meiner Ausfuhrung vernachlassige ich die Gruppe der vollstandig integrierten, in folge dessen die Kinder dieser Familien keine Auffalligkeiten im Schulalltag aufweisen.57

Anknupfend werde ich zunachst den Rechtsstatus erlautern, um dann auf zwei Aspekte der Situation von Migranten in Deutschland einzugehen. Zum Einen, ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt und ihr Einkommen, zum Anderen, die soziale und gesellschaftliche Integration und Beteiligung. Beide Aspekte sind bewusst in Bezug auf das Thema meiner Arbeit gewahlt, da sie im Leben der Jugendlichen wahrend und nach der schulischen Ausbildung eine bedeutende Rolle spielen.

4.3.1. Rechtsstatus

Den Rechtsstatus von Migranten bedingt nicht nur die gesetzliche Grundlage, sondern auch die Denkweise. Durch Gleichstellung vor dem Gesetz, einer unkomplizierten Einburgerung oder durch Erlangen der deutschen Staatsburgerschaft, fuhlen sich Einwanderer zumeist schneller heimisch.

Die Literatur spricht von einem Wandel in der deutschen Zuwanderungspolitik seit 2000.58 Hierbei wird besonders das im selben Jahr verabschiedete Staatsangehorigkeitsrecht und das im Jahr 2005 eingefuhrte neue Zuwanderungsgesetz erwahnt. Beide Gesetze haben „erhebliche Anderungen im deutschen Staatsangehorigkeitsgesetz“59 bewirkt. Auf Grundlage der Informationen des Auswartigen Amtes basiert die nachfolgende Ausarbeitung der beiden Gesetze und ihrer Inhalte.

Seit diesen Gesetzen und der Uberarbeitung im Jahr 2007 erwerben Kinder von Auslandern bei Geburt in Deutschland automatisch die deutsche Staatsangehorigkeit. Auch hierbei spielt die psychologische Sichtweise eine Rolle. Durch die Staatsangehorigkeit ab der Geburt, findet eine schnellere Identifizierung und Integration statt. Eine weitreichende Anderung gab es auberdem im Bereich der doppelten Staatsangehorigkeit. Prinzipiell soll eine Mehrstaatigkeit immer noch verhindert werden, allerdings ist es unter Ausnahmeregelungen moglich, die bisherige Staatsangehorigkeit zu behalten. Die Gesetze bezeichnen altere Personen, politisch Verfolgte oder Personen, bei denen die Entlassung aus der bisherigen Staatsangehorigkeit nicht moglich oder unzumutbar ist, als solche Besonderheiten.

Diese eben genannten Ausnahmen gab es bis zur Uberarbeitung und Anderung im Jahr 2000 nicht.

Auberdem wurde im Zuge der beiden Gesetze die Einburgerung vereinfacht. Auslander haben seitdem bereits nach acht Jahren, statt wie zuvor nach 15 Jahren Anspruch auf ihre Einburgerung in die Bundesrepublik Deutschland. Um diesen Anspruch wahr zu nehmen, sind deutsche Sprachkenntnisse, Straflosigkeit, Sicherung des Lebensunterhalts, Erlaubnis zur Erwerbstatigkeit und Verfassungstreue einige Kriterien. Hoch Qualifizierte und Migranten, die sich in Deutschland selbstandig machen wollen, sowie deren Familienangehorige sind von diesen genannten Voraussetzungen ausgenommen. Diese Gruppe wird als Arbeitsmigration bezeichnet und geniefit den Vorteil eines schnelleren Einburgerungsverfahrens.

Eine Aufenthaltserlaubnis erlangen Migranten weiterhin basierend auf dem Grund ihrer Einwanderung. Studierende, Erwerbstatige oder Fluchtlinge und Asylsuchende konnen die Aufenthaltserlaubnis erwerben. Politisch Verfolgte konnen nach Artikel 16a des Deutschen Grundgesetzes Asyl beantragen. Bei den Antragsbewerbern spielt das Herkunftsland eine Rolle. Erleichterte Auflagen in den Bereichen Staatsangehorigkeit, Einburgerung und Aufenthaltserlaubnis gibt es bei den Landern der Europaischen Union.

Die Bedeutung der Gesetze fur Migranten sind nicht nur rechtlicher Art. Sie bedingen, wie erwahnt, auch die Denkweise und Identifikation. „Der gesicherte Aufenthalt und damit auch die individuelle Perspektive, dauerhaft in Deutschland leben zu werden, ist gleichzeitig ein wichtiger Faktor zum Beispiel bei der Entwicklung von Aufstiegs- und Bildungswillen, der Bereitschaft zu gesellschaftlichem Engagement und allgemein der Identifikation mit der Bundesrepublik Deutschland.“60

4.3.2. Arbeitsmarkt und Einkommen

Die Arbeitsmarktsituation und das Einkommen einer Familie spielt auch in Bezug auf die Bildung von Jugendlichen eine entscheidende Rolle. Jugendliche orientieren sich an ihren Eltern und entwickeln sich gemab den familiaren Umstanden.

Der 2011 veroffentlichte„Zweiten Integrationsbericht der Bundesrepublik Deutschland“ beschreibt die Beteiligung am Erwerbsleben als zentrale Voraussetzung far soziale Teilhabe und somit der Integration.61 Doch wie sieht die tatsachliche Situation von Migranten auf dem Arbeitsmarkt aus? Hierzu dient als Grundlage die nachfolgende Abbildung.62

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Erwerbslose in der 15- bis unter 65-jahrigen Erwerbsbevolkerung

Die Abbildung zeigt die Erwerblosenzahl im Alter von 15 bis 65 Jahren. Erwerbslosigkeit wird hierbei als „Anteil der Erwerbslosen an der auf dem Arbeitsmarkt aktiven Bevolkerung“63 bezeichnet. Die Jahreszahlen 2005 bis 2010, sind in unterschiedlichen Farben in einem Balkendiagramm dargestellt. Am Beginn der Grafik wird die gesamte Anzahl der erwerbslosen Bevolkerung beschrieben, darauf folgend wird diese in Menschen ohne Migrationshintergrund und mit Migrationshintergrund aufgeteilt. Den hinteren Teil der Grafik vernachlassige ich in meiner Arbeit, da zunachst ein allgemeiner Uberblick vermittelt werden soll. Die Prozentangabe uber den Pfeilen beschreibt die prozentuale Veranderung zwischen 2005 und 2010.

Positiv zu bemerken ist zunachst der Ruckgang der Erwerblosenzahl, sowohl bei Migranten als auch bei Menschen ohne Migrationshintergrund. Allerdings divergiert der tatsachliche Bestand der beiden Gruppen stark. Der Prozentanteil der Menschen ohne Arbeit ist bei den Migranten zu Beginn der Erhebungen fast doppelt so hoch. Die Anzahl beider Gruppen steigt und sinkt in den gleichen Zeitraumen, allerdings unterschiedlich stark. In den Jahren 2005 bis 2008 sinkt die Erwerbslosenquote bei Migranten sehr stark, bis sie im Jahr 2009 erneut ansteigt und im Jahr 2010 wieder unter den Wert von 2008 abfallt. Bei Erwerbslosen ohne Migrationshintergrund ist der gleiche Verlauf zu beobachten.

Im gleichen Mafie wie die Quote von Menschen ohne Migrationshintergrund ist die Quote fur Einwanderer stark von konjunkturellen Entwicklungen gepragt.64 Grande fur die Schwankungen im betrachteten Zeitraum, sind im Jahr 2006 und 2007 der Wirtschaftsaufschwung und im Jahr 2008 und 2009 die, im Zuge der amerikanischen Immobilienkrise, globale Weltwirtschaftskrise.

Was sind allerdings die Ursachen fur den starken Unterschied bei der Erwerbslosenquote?

Die auf dem Arbeitsmarkt herrschenden, teilweise sehr hohen Qualifikationsanfordernisse, machen es Einwanderern schwer, einen Arbeitsplatz zu finden. Im Ausland erworbene Qualifikationen werden in Deutschland oftmals nicht anerkannt, wodurch ihre Chancen auf einen Arbeitsplatz gemindert werden.65 Zum anderen werden Migranten, auf Grand ihrer Herkunft, immer noch bei Bewerbungen diskriminiert.66

Des weiteren sind fehlende Sprachkenntnisse und der Strukturwandel auf dem Arbeitsmarkt ein weiterer Grand fur die hohe Erwerbslosenquote.

Die Auswirkungen dieser Grunde sind Armut oder Erwerbslosigkeit. Auch fur Kinder von Migranten ist die Situation prekar. So leben fast 14,8 Prozent der Jugendlichen unter 18 in Haushalten ohne Erwerbstatigkeit. Zum Vergleich: Bei Familien ohne Migrationshintergrund sind es im Jahr 2010 7,3 Prozent.67 Die Armutsgefahrdung ist ahnlich hoch. Im Jahr 2010 belauft sich die Zahl des Armutsrisikos bei Einwanderern auf 26,2 Prozent weit uber das doppelte der Menschen ohne Migrationshintergrund (11,7 Prozent.).68 Unter Armutsrisiko sind laut dem zweiten Integrationsbericht in Deutschland Personen betroffen, „deren verfugbares Nettoeinkommen unter 60 Prozent des Durchschnitteinkommens liegt.“69

4.3.3. Gesellschaftliche Integration und Beteiligung

Die Partizipation in der Gesellschaft ist ein wichtiges Zeichen fur die Integrationsbereitschaft. Hieran kann der Willen der Integration gemessen werden. „Gesellschaftliche Partizipation umfasst die aktive Mitgestaltung der Lebensverhaltnisse [...] und ist Ausdruck einer demokratischen Gesellschaft und ein wichtiger Indikator fur die Integration in Deutschland.“70

Ein geeigneter Nachweis hierfur ist das politische Engagement. Wer sich politisch beteiligt, identifiziert sich mit Deutschland und nimmt seine Rechte war. Politische Partizipation ist in Altersgruppen unterschiedlich stark ausgepragt. Die Beteiligung von Migranten in Parteien ist um einiges geringer, als die der Menschen ohne Migrationshintergrund. Diese beiden Aspekte werden in der folgenden Abbildung bestatigt.71

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Beteiligung von Migranten in der Politik

Die Abbildung zeigt die Beteiligung in Parteien, Burgerinitiativen und in der Kommunalpolitik nach Altersgruppen. Auf der linken Seite der Grafik, sind die jeweiligen Gruppen bezeichnet. Die Spaltenuberschriften sind die Jahre 2005, 2007 und 2009 und die Altersgruppen. Die Angaben erfolgen in Prozenten.

Betrachtet man nun die Altersklasse 18-39 Jahre, die dem Inhalt meiner Zulassungsarbeit am nachsten kommt, ist ein Ruckgang von 2005 bis 2009 zu bemerken. Besonders auffallig ist der starke Ruckgang in allen Altersgruppen im Jahr 2007. Die Grunde hierfur sind fur mich nicht ersichtlich. Der Regierungswechsel von Rot-Grun zur grofien Koalition erfolgte im Jahr 2005 und die beiden in Kapitel 4.3.1. genannten Emeuerungen der Migrantengesetze erfolgten im Jahr 2000 und im Jahr 2005.

Allerdings steigt der Wert im Jahr 2009 bei den 18-35 Jahrigen wieder an und die Sozialforschung spricht von einer „Angleichung der Engangementquote an die der Gesamtbevolkerung“72 fur die zweite und dritte Generation. Dennoch belegt die Abbildung eine Unterreprasentation von Menschen mit Migrationshintergrund in der Politik und somit in der gesellschaftlichen Beteiligung. Um auf die Aussage zu Beginn des Kapitels einzugehen, dass gesellschaftliche Partizipation ein wichtiger Indikator fur Integration ist, ist zu bemerken, dass diese Grafik eine Unterreprasentation von Migranten und somit ein geringe Integration aufzeigt.

Migranten sind in der heutigen Gesellschaft in vielen Bereichen des Lebens immer noch benachteiligt. Zwar erlangten sie im Laufe der Jahre mehr Rechte und sind gegenwartig mit dem Erlangen der Staatsburgerschaft gleichgestellt. Jedoch haben Einwanderer, bedingt durch Sprache und Anforderungen, Probleme im deutschen Arbeitsmarkt Fufi zu fassen. Des Weiteren nehmen wenige Migranten ihr Recht der gesellschaftlichen Partizipation wahr. Die erfolgreiche Integration ist Folge dessen ein entferntes Ziel und kann nur uber eine Anderung in der Wahrnehmung vonstatten gehen. Migranten sollen sich mit Deutschland identifizieren konnen. Gleichzeitig mussen Arbeitgeber Diskriminierungen bei Bewerbungen verhindern. Der Begriff der Inklusion im Bereich der Gesellschaft anzuwenden ware ein zu weit gefasstes Ziel. Wie in Kapitel drei meiner Zulassungsarbeit dargestellt, kann Integration als Vorstufe zur Inklusion gesehen werden. Da eine vollstandige Integration in Deutschland noch nicht vollzogen wurde, kann Inklusion nicht stattfinden.

5. Situation von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in Deutschland

Jugendliche und Kinder aus Migrantenfamilien wurden im Zuge der Pisa-Studie 2000 und 2003 als Bildungsverlierer betitelt, der zweite Integrationsbericht der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2011 besagt einen „Bildungsruckstand“73 der auslandischen Jugendlichen. Auch der UNICEF Bericht zur Lage der Kinder in

Deutschland stellt fest, dass Kinder mit Migrationshintergrund im Gymnasium stark unter-, in Haupt- und Sonderschulen uberreprasentiert sind.74

1st die Situation der 13 bis 21 Jahrigen tatsachlich so prekar wie in den Medien dargestellt, stellt sich die Frage, worin die Grunde fur diesen Ruckstand liegen.

Doch zunachst sollen die Herkunftslander der Migrantenkinder an Schulen benannt werden. Die mit Abstand groBte Gruppe bilden Turken, mit 37,2 Prozent der Schuler an allgemeinbildenden Schulen. Darauf folgen Asiaten, Italiener und Griechen.75 Die nachfolgenden Ausarbeitungen der Probleme von Jugendlichen mit Migrationshintergrund beziehen sich demzufolge hauptsachlich auf die genannten Landern. Eine differenzierte Ausarbeit ware zu weitfuhrend und die Situation der Jugendlichen mit Migrationshintergrund soll nicht auf einzelne Gruppen beschrankt werden.

In Kapitel 5.1. werde ich zunachst die Situation im Bereich Bildung fur Jugendliche in Deutschland vorstellen. Der zweite Integrationsbericht, verfugbare Daten aus dem elften Kinder- und Jugendbericht Deutschlands und die Pisa Studie 2009 bilden hierfur die Grundlage. Anknupfend werde ich die moglichen Grunde und Probleme der Schuler benennen. An dieser Stelle werden Sprachdefizite, das Elternhaus und die Institution Schule als mogliche Problemverursacher dargestellt. AuBerdem nenne ich noch die geschlechtsspezifischen Unterschiede und Bedingungen.

5.1. Migranten als Bildungsverlierer!?

„Im Jahr 2010 hatten in Deutschland 29 Prozent der 6- bis unter 20-Jahrigen einen Migrationshintergrund.“76 Im Schuljahr 2010/2011 wurden in Deutschland 727 000 auslandische Schulerinnen und Schuler an allgemeinbildenden Schulen unterrichtet, ein Anteil von 8 Prozent von allen Schulerinnen und Schulern. Der Anteil nichtdeutscher Schulerinnen und Schuler lag im Sekundarbereich I mit 9 % etwas hoher. Deutlich unterreprasentiert waren auslandische Schulerinnen und Schuler hingegen mit einem Anteil von nur 5 % in Schulen des Sekundarbereichs II.77 Migranten gehoren zu den Bildungsverlieren im deutschen Schulsystem, vor allem in den hoheren Schulen. So betragt der Prozentsatz an Migranten lediglich 4 Prozent an Gymnasien. Im Vergleich dazu steht der Anteil an Hauptschulen im Schuljahr 2010/2011 mit 19,4 Prozent.78 Bei den Schulern mit Migrationshintergrund die eine Schule besuchen, ist ein erfolgreicher Abschluss nicht selbstverstandlich. Folgende Abbildung zeigt den Anteil der 18 bis unter 25 Jahrigen, die „nicht uber einen Abschluss der Sekundarstufe I verfugen und sich nicht in Aus- oder Weiterbildung befinden.“79 Die Grafik unterscheidet zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund und Menschen mit Migrationserfahrung und ohne Migrationserfahrung. Die letzten beiden Gruppen, sind den in Kapitel 3 benannten Generationen zuzuordnen. Mit Migrationserfahrung bedeutet, dass die Personen zur ersten Generation gehoren und selbst gewandert sind. Ohne Migrationserfahrung bedeutet, dass mindestens ein Elternteil Migrant ist, sie selbst aber in Deutschland geboren wurden. Dies ist die zweite Generation.80

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: 18- bis unter 25-Jahrige ohne Schulabschluss

Die unterschiedlichen Jahreszahlen sind in verschiedenen Farben dargestellt. Die Balken geben die prozentualen Erhebungen der jeweiligen Gruppen an. Die Prozentangaben uber den Pfeilen beschreibt die Veranderung fur den erhobenen Zeitraum.

Die Grafik macht deutlich, dass Schulabganger ohne Abschluss hauptsachlich Migranten sind, besonders die der ersten Generation. Jugendliche, die in Deutschland geboren sind, also der zweiten oder dritten Generation angehoren, sind weit weniger von einem vorzeitigen Schulabbruch betroffen. Der Trend ist in allen Gruppen rucklaufig, dennoch sind die prozentualen Unterschiede deutlich zu erkennen. Es stellt sich erneut die Frage, woher dieser Unterschied kommt und ob es Losungsmoglichkeiten gibt.

Die Pisa Studie 2000 offenbarte, dass Schuler mit Migrationshintergrund und die eine andere Sprache als Deutsch innerhalb der Familie sprechen, etwa 60 Punkte weniger im Lesekompetenztest erzielten81 als Schuler ohne Migrationshintergrund. Durch gezielte Forderung und Weiterbildungsmafinahmen der Lehrer konnte bei der Pisa Studie 2006 ein Punkteunterschied von 20 erreicht werden.82 Dennoch ist eine grofie Differenz vorhanden und die Sprachdefizite wirken sich auch auf die naturwissenschaftlichen und mathematischen Facher aus.83

Alle Studien belegen numerische Anteile und Zahlen. Die tatsachliche Situation von Kindern und Jugendlichen wird deutlich: Migranten gelten belegbar als Bildungsverlierer. Jedoch stellt sich im Anschluss die Frage, wie es zu diesen grofien Defiziten kommen konnte. Welche Probleme tatsachlich in den Familien oder bei den Schulern selbst vorherrschen und wie sie sich auswirken. Diese Fragen werde ich in Kapitel 5.2. bis 5.4. erlautern. Mogliche Losungsvorschlage werden benannt, da im nachfolgenden Kapitel sechs die Inklusive Bildung als Moglichkeit der Problemlosung vorgestellt und diskutiert wird.

5.2. Deutsch als Fremdsprache

Die Pisa-Studie belegt die bereits mehrfach erwahnten erheblichen Sprachdefizite von Schulern mit Migrationshintergrund. Fur den Bildungserfolg ist demzufolge ihr Sprachvermogen entscheidend. „Dementsprechend wird in der Pisa-Studie betont, dass fur eine erfolgreiche Schulkarriere [...] die Beherrschung des Deutschen auf einem dem Bildungsgang entsprechenden Niveau“84 unabdingbar ist.

Schuler mit Migrationshintergrund sprechen oftmals in den Familien nur oder hauptsachlich ihre jeweilige Muttersprache. Mit dem Eintritt in die Schule stehen sie im Vergleich zu deutschen Kindern vor einem Problem. Sie mussen zum Einen eine neue Sprache lemen und zum Anderen weiterhin ihre Fertigkeiten in der Muttersprache weiter prazisieren. Deutsch fungiert als Zweit- oder Fremdsprache. Folge dessen durfen fur diese Schuler die Grundsatze und Ziele des Deutschunterrichts nicht dem des Unterrichts fur Schuler ohne Migrationshintergrund gleichgesetzt werden.85 Doch stellt sich zunachst die Frage wie Sprachdefizite bei Kindern und Jugendlichen entstehen?

5.2.1. Sprachentwicklung

Kinder lernen die Sprache mit Hilfe ihrer Eltern. Die World Vision Kinderstudie 2007 fand heraus, dass „jedes zweite Kind mit nicht-deutscher Nationalitat in der Familie vorrangig die Muttersprache spricht.“86 Bei Kindern der zweiten oder dritten Generation sind es immerhin, nach Angaben der Kinder, 22 Prozent die innerhalb der Familie nur wenig oder gar kein Deutsch sprechen. Fur die Sprachentwicklung vor allem im Vorschulalter hat diese Tatsache erhebliche Auswirkungen.

Die Eltern erklaren dem Kind Gegenstande, Sachverhalte und geben hierdurch implizit Normen weiter. Die Werte und Normen innerhalb einer Migrantenfamilie, sind der jeweiligen Herkunftskultur angepasst.87 Somit erfolgt die sprachliche Sozialisation anhand der kulturellen Bedingungen eines anderen Landes. Bei einem moglichen Eintritt in den Kindergarten, werden Migrantenkinder erstmals mit einer anderen Sprache und einer anderen Kultur konfrontiert. Mit Beginn der Schulzeit kommen dann die Probleme dieser Diskrepanzen zum Vorschein. Diese bedingen auch den Unterschied zwischen dem Fremdsprachenerwerb von Migranten und dem generellen Fremdsprachenerwerb. Zum Auftrag der Schule gehoren unter anderem Fremdsprachen wie Englisch und Franzosisch, zu lehren und zu lernen. Dieses Ziel ist uber Europa hinaus eine Bedingung der allgemeinen Bildung.88 Minderheitssprachen der auslandischen Schuler sind nicht inbegriffen, was dazu fuhrt, dass die Sprache weder von Lehrpersonen gesprochen oder verstanden wird, noch gelehrt werden kann.

Das Problem bei der Fremdsprachigkeit der Migranten ist zum Einen die damit verbundene unterschiedliche Kulturvermittlung, zum Anderen, dass die Schuler sich bei Beginn ihrer Schullaufbahn zumeist nur oder hauptsachlich in der fremden Sprache ausdrucken konnen. Die fehelenden Sprachkenntnisse fuhren im weiteren Verlauf sowohl zu Problemen in der Kommunikation als auch zu interkulturellen Konflikten.89

Ebenfalls wichtig fur die Sprachentwicklung, ist der Zeitpunkt des Wechsels in ein neues Land. Gehort das Kind der zweiten oder dritten Generation an, so entfallt dieser Punkt. Bei Kindern, die selbst Migrantenerfahrung ausgesetzt sind, ist es von Nachteil, wenn sie bereits vor dem zehnten Lebensjahr wechseln. Erst zwischen zehn und zwolf Jahren hat ein Kind die vollstandige Fahigkeit in der Muttersprache.90 Davor ist ein Wechsel mit grofien Schwierigkeiten verbunden. „Die Muttersprache kann zu allen ubrigen sagen: Ohne mich konnt ihr nichts“91, so fasst der deutsche Dichter Gottfried Burger den Zusammenhang und die Bedeutung der Muttersprache im Erlernen einer neuen Sprache treffend zusammen.

Die Sprachdefizite beschranken sich, laut der Pisa-Studie, nicht ausschliefilich auf die Lesekompetenz und den Deutschunterricht.92 Auch in den Bereichen der Naturwissenschaften haben Schuler mit Migrationshintergrund grofiere Probleme. Dies ist vor allem darauf zuruckzufuhren, dass Aufgabenstellungen inhaltlich nicht ausreichend verstanden werden konnen.

Pisa verweist darauf, dass, „wenn am Ende der vierten Klasse kein befriedigendes Niveau der Beherrschung der Verkehrssprache erreicht wird, eine spatere Kompensation schwierig wird.“93 Ausgehend von diesen Problemen sind die statistischen Erhebungen der letzten Kapitel zu deuten. Die sprachlichen Defizite konnen oftmals bis zum vierten Schuljahr, Beginn des Selektionsmechanismus, nicht aufgeholt werden. Die Folge ist eine hohe Ubergangsquote von Schulern mit Migrationshintergrund auf die Hauptschule.

Zum einen finden die Jugendlichen keinen ausreichenden Zugang zur deutschen Sprache und zum anderen konnen soziale und kulturelle Diskrepanzen zwischen Schuler und Lehrer, oder Schule, entstehen. Diese finden im sprachlichen Bereich nur ihren konkreten Ausdruck.94

Losungs- oder Anderungsmoglichkeiten beginnen zunachst bei den Eltern. Sprachwissenschaftler sind der Uberzeugung, dass die Dauer und Intensitat der Forderung der Herkunftssprache, den Erfolg beim Erwerb von Deutsch als Fremdsprache95 beeinflusst. Die Eltem konnen zum einen versuchen die Kinder weitgehend in ihrer Muttersprache zu fordern. Zum anderen, wenn die Eltern der zweiten Generation von Migranten angehoren, ist eine bilinguale Erziehung forderlich.96 Durch den fruhen Kontakt mit Deutsch als Fremdsprache kann das Kind sowohl die Fertigkeiten in der Muttersprache, als auch in der Zweitsprache erlangen. Ein Aufwachsen im bilingualen Haushalt, bedingt gleichzeitig ein flexibleres Denken und ein deutlich besseres Grammatikgefuhl.97 Auch die Schule kann hierbei als verbindendes Element fungieren. Es gibt verschiedene Moglichkeiten der Forderung von Sprachentwicklung bei Schulern mit Migrationshintergrund. Spezieller Forderunterricht, Prestigeunterstutzung der Herkunftssprache oder zweisprachige Lehrkrafte sind einige davon.

[...]


1 Vgl. Sarrazin, 2010, S. 286ff.

2 Vgl. Schwarzer, 2010, S. 12f.

3

Vgl. Anhang, I.

4 http://www.behindertenbeauftragter.de/DE/Koordinierungsstelle/UNKonvention/UNKonvention.htm l;jsessionid=BBAFD16875940BE740BA7182E4434CC0.2_cid095.

5 Vgl. Aichele, 2010, S. 13.

6 Vgl. http://www.cbm.de/artikel/UN-Konvention-unterzeichnet-132425.html.

7 Vgl. Aichele, 2010, S.13.

8 http://www.bmas.de/DE/Themen/Teilhabe-behinderter-Menschen/Politik-fuer-behinderte- Menschen/Uebereinkommen-der-Vereinten-Nationen/rechte-von-menschen-mit-behinderungen- langtext.html;jsessionid=415E65769015EE4B6EFA6A9E60820A1B.

9 Vgl. http://www.institut-fuer-menschenrechte.de/de/menschenrechtsinstrumente/vereinte- nationen/menschenrechtsabkommen/behindertenrechtskonvention-crpd.html#c1913.

10 Bundesministerium fur Arbeit und Soziales, 2011, S.10.

11 Vgl. Aichele, 2010, S. 15.

12 Bundesministerium fur Arbeit und Soziales, 2011, S.36.

13 Vgl. Ebenda.

14 Aichele, 2010, S. 16.

15 http://www.duden.de/rechtschreibung/Inklusion.

16 Ebenda.

17 Bundesministerium fur Arbeit und Soziales, 2011, S.10.

18 http://www.sozialgesetzbuch-sgb.de/sgbxi/Lhtml.

19 Vgl. Amirpur, 2012, S. 18.

20 Aichelle, 2010, S. 14.

21 Amirpur, 2012, S. 19.

22 Ebenda.

23 Vgl. Ebenda.

24 Vgl. Stahling, 2011, S.13.

25 Engels, 2011, S.86.

26 http://www.duden.de/rechtschreibung/Exklusion

27 http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=CELEX:52003DC0773:DE:HTML.

28 Vgl. Farzin, 2006, S. 23.

29 Vgl. Abbildung 1, S.12.

30 Schneider/Toyka-Seid, 2009, S. 156.

31 http://www.duden.de/rechtschreibung/Integration.

32 Vgl. Loffler, 2011, S.12.

33 Vgl. Ebenda.

34 Bundesministerium fur Arbeit und Soziales, 2011, S. 37.

35 Abbildung: http://www.kreiselternrat-goettingen.de/161001.html.

36 Vgl. Loffler, 2011, S.61.

37 Vgl. Ebenda., S. 62.

38 Vgl. Ebenda.

39 http://www.duden.de/rechtschreibung/Migration.

40 Vgl. Hamburger, 2009, S. 15.

41 Vgl. Ebenda.

42 Zu Push-Faktoren und Pull Faktoren: vgl. Hamburger, 2009, S.16f.

43 Asyl: Zufluchtsort, geschutzter Aufenthaltsort.

44 http://www.migration-boell.de/downloads/integration/Dossier_Dritte_Generation.pdf.

45 Vgl. http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/auslaender.html.

46 Vgl. Sarrazin, 2010, S. 286ff.

47 Vgl. Engels, 2011, S.10.

48 Vgl. Kapitel 3.4.

49 http://www.migration-boell.de/downloads/integration/Dossier_Dritte_Generation.pdf.

50 Vgl. https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/Bevoelkerung/MigrationIntegration/AuslaendB evoelkerung2010200117004.pdf? blob=publicationFile.

51 Vgl. Hamburger, 2009, S. 41.

52 http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/dossier-migration/56359/nach-dem-2-weltkrieg.

53 http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/dossier-migration/56377/migrationspolitik-in-der-brd

54 Vgl. Hamburger, 2009, S. 42.

55 Vgl. Ebenda.

56 Vgl. Ebenda., S. 43.

57 Vgl. Bachor-Pfeff, 2011, S.48.

58 Vgl. http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/dossier-migration/56340/neue-migrationspolitik und Becker,2011, S. 39f.

59 http://www.auswaertiges-amt.de/DE/EinreiseUndAufenthalt/Staatsangehoerigkeitsrecht_node.html.

60 Engels, 2011, S. 25.

61 Engels,2011, S.57.

62 Abbildung: Engels, 2011, S. 77.

63 Ebenda., S.77.

64 Vgl. Engels, 2011, S. 86.

65 Vgl. http://www.focus.de/politik/weitere-meldungen/integration-laut-experten-drohen-migranten- zu-verlierern-der-finanzkrise-zu-werden_aid_358063.html.

66 Ebenda.

67 Vgl. Anhang, II.

68 Vgl. Anhang, III.

69 Engels, 2011, S. 86.

70 Ebenda., S.103.

71 Abbildung: Engels,2011, S.105.

72 Engels,2011, S.110.

73 Engels, 2011, S. 42.

74 Vgl. Nauck, S. 145.

75 Vgl. Anhang, IV.

76 Baumann, 2012, S. 19.

77 Vgl. Ebenda.

78 Vgl.Anhang, V.

79 Engels, 2011, S. 34.

80 Abbildung: Engels, 2011, S.35.

81 Vgl. http://www.kmk.org/presse-und-aktueUes/meldung/pisa-2009-deutschland-holt-auf.html.

82 Vgl. Ebenda.

83 Vgl. Tarvenkorn, 2011, S. 40.

84 Motakef, 2006, S.28.

85 Vgl. Reich, 1976, S. 150.

86 Schneekloth, 2007, S.86.

87 Vgl. Bendit, 1976, S. 28.f.

88 Vgl. Davolio, 2001, S. 90.

89 Vgl. Bendit, 1976, S. 33.

90 Vgl. Davolio, 2001, S.51.

91 http://www.vds-ev.de/ag-literarisches-sprueche-zitate.

92 Vgl. http://www.mpib-berlin.mpg.de/Pisa/ergebnisse.pdf.

93 Motakef, 2011, S.28.

94 Vgl. Bendit, 1975, S. 33.

95 Vgl. Motakef, 2006, S. 29.

96 Vgl. Kapitel 5.3.

97 Vgl. Davolio, 2001, S. 46f.

Details

Seiten
130
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656446521
ISBN (Buch)
9783656446910
Dateigröße
1.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v229573
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Heidelberg
Note
1,5
Schlagworte
bildungschancen menschen migrationshintergrund chancen grenzen bildung

Autor

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Titel: Bildungschancen für Menschen mit Migrationshintergrund