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Bismarcks Dreikaiserpolitik

Erfolg oder Scheitern?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 28 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Quellenlage/Forschungsstand und -kontroverse

3. Bismarcks Politikverständnis
3.1 Die politische Philosophie Bismarcks
3.2 Außenpolitische Prämissen

4. Dreikaiserpolitik Bismarcks
4.1 Dreikaiserpolitik von 1871 bis
4.2 Dreikaiserpolitik von 1879 bis 1887

5. Schluss

6. Abkürzungsverzeichnis

7. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der griechischen Mythologie gibt es die Sage von ‚Dädalos und Ikaros‘. „Dädalos […] war der kunstreichste Mann seiner Zeit […] [und baute] das Labyrinth, ein Gebäude voll gewundener Krümmungen, welche Augen und Füße des Betretenden verwirrten. Die unzähligen Gänge schlangen sich ineinander wie der verworrene Lauf des […] Flusses Mäander.“[1] Sich selbst und seinem Sohn Ikaros entwarf er Flügel aus Wachs, um der Gefangenschaft zu entfliehen. Er gab ihm den Rat: „Flieg immer […] auf der Mittelstraße, damit nicht, wenn Du den Flug zu sehr nach unten senktest, die Fittiche ans Meerwasser streifen und […] dich in die Tiefe der Wogen hinab ziehen, oder wenn du dich zu hoch in die Luftregion verstiegest, dein Gefieder den Sonnenstrahlen zu nahe komme und plötzlich Feuer fange.[2] Doch Ikaros war zu übermütig und flog mit seinen Flügeln allzu hoch der Sonne entgegen, das Wachs schmolz und Ikaros kam in den Fluten des Meeres ums Leben. Alle Kunstfertigkeit und alles Geschick des Vaters war vergebens als er es seinem Sohn überantwortete, aller Ratschlag umsonst. Die Werkzeuge zum Fliegen wusste der Knabe nicht anders als zum Untergange einzusetzen und so stürzte er in den Abgrund.

Ein Blick auf die Bismarckzeit und die darauf folgende wilhelminische Ära macht die Analogie augenfällig. Bismarck (1815-1898) hatte als Reichskanzler ein kunstvolles Gebilde, gleich dem Labyrinth Dädalos‘, entworfen und übergab Wilhelm II. ein Reich, das sich nicht in akuter Kriegsgefahr befand und mit allen wichtigen europäischen Mächten durch bilaterale bzw. multilaterale Bündnisverträge verbunden war. Doch Wilhelm II. wusste mit diesem außenpolitischen System wenig anzufangen und schon bald zeigte sich eine zunehmende Isolation des Deutschen Reiches, das nicht mehr durch Maßhalten und Saturiertheit von sich reden machte, sondern säbelrasselnd und großmännisch auftrat und dem empfindlichen Gleichgewicht im europäischen Mächtekonzert erheblichen Schaden zufügte. Die Konsequenzen sind nur allzu bekannt und bedürfen hier keiner Erwähnung.

Ein Teil des Bismarck’schen Bündnissystems ist Thema der vorliegenden Arbeit, die ‚Dreikaiserpolitik‘. Darunter sind die Beziehungen des Deutschen Reiches zu Österreich-Ungarn und Russland zu verstehen, die für die Jahre nach der deutschen Reichsgründung von 1871 bis zum Abschluss des Rückversicherungsvertrages von 1887 untersucht werden. Die strukturierende Leitfrage lautet:

War Bismarcks ‚Dreikaiserpolitik erfolgreich oder scheiterte sie?

Bei der Beschäftigung mit der einschlägigen Forschungsliteratur zur Außenpolitik Bismarcks und dem Abgleich mit seinen eigenen Aussagen dazu, fiel eine erhebliche Diskrepanz ins Auge. Diese Verschiedenheit in den Ansichten führte zu der hier untersuchten These:

Wird das Politikverständnis Bismarcks als Maßstab zur Beurteilung seiner ‚Dreikaiserpolitik‘ genutzt, lässt sich ein Scheitern derselben nicht konstatieren.

Aus der Leitfrage und der These leitet sich der Gang der Arbeit ab. Im ersten Schritt werden die Forschungsergebnisse zur Außenpolitik Bismarcks allgemein und zur ‚Dreikaiserpolitik’ im Speziellen vorgestellt. Das folgende Kapitel versucht, anhand der umfangreichen Quellenlage, Bismarcks eigenes Verständnis von (Außen-) Politik zu erfassen. Danach wird die ‚Dreikaiserpolitik‘ in ihrer konkreten historischen Gestalt näher beleuchtet, immer unter der Beachtung von Bismarcks eigenen Kriterien und dem Kontext, in dem sie vollzogen worden ist. Den Schluss bildet eine geraffte Zusammenfassung der Ergebnisse sowie eine Bewertung von Bismarcks Politik.

Es ist verführerisch, die Folgen, die Bismarcks Wirken nach seinem Abgang zeitigte, als Grundlage der Betrachtung zu machen und von dieser Position ausgehend sein Handeln zu charakterisieren. Genau das soll hier allerdings vermieden werden. Vielmehr gilt das „Grundgesetz historischer Forschung, an jedes Zeitalter keine anderen Maßstäbe anzulegen, als diejenigen, welche gemäß den in ihm lebendigen Kräften entscheidend sein konnten und mussten.[3] Hier geht es darum, „Bismarck an der richtigen Stelle historisch einzuordnen, nicht etwa ihn zu rechtfertigen oder gar eine >> vorzunehmen.[4] In der Tat ist weder eine Bismarck-Apologie noch eine Bismarck-Dämonisierung vonnöten, sondern eine ‚gerechte‘ Standortbestimmung, welche die Grenzen und Möglichkeiten des Akteurs aufzeigt und in Verbindung setzt zu seinen eigenen Zielen und Überzeugungen.

2. Quellenlage/Forschungsstand und -kontroverse

Die Literatur zu Bismarck als Person und seiner Politik ist Legion. So führt die von Karl Erich Born 1966 herausgegebene ‚Bismarck-Bibliographie‘ nicht weniger als 6138 Veröffentlichungen auf.[5] Dass in den letzten 56 Jahren eine erhebliche Anzahl neuer Forschungen stattgefunden hat und die Ergebnisse publiziert worden sind, ergibt sich von selbst.

Die Quellenlage ist äußerst umfangreich. Neben den ‚Gesammelten Werken‘ Bismarcks in 15 Bänden und deren zurzeit teilweise noch in Bearbeitung befindlichen neuen Ausgabe, gibt es umfangreiche Editionen seiner Reden, Briefe und Tischgespräche. Für die Außenpolitik maßgebend ist immer noch ‚Die Große Politik der Europäischen Kabinette 1871-1914‘, insbesondere die ersten sechs Bände, die den Zeitraum von 1871 bis 1890 beinhalten. Dazu kommen unzählige Memoiren, Briefwechsel und Tagebücher von beteiligten Personen.[6]

Auch die Forschungsliteratur hat einen immensen Umfang und umfasst jeden denkbaren Aspekt von Bismarcks Person und Politik. Wichtige Biografien sind die in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts veröffentlichten Werke von Arnold Oskar Mayer sowie von Erich Eyck. Nach einer längeren Pause erschienen in den 80er und 90er Jahren die umfangreichen Arbeiten von Lothar Gall, Ernst Engelberg und Otto Pflanze und den derzeitigen Abschluss ‚großer‘ biografischer Auseinandersetzungen bildet das Buch ‚Magier der Macht‘ von Jonathan Steinberg. Für die Außenpolitik, die hier von Belang ist, haben Andreas Hillgruber, Klaus Hildebrand, Theodor Schieder, Walter Bußmann, der schon erwähnte Lothar Gall und in neuerer Zeit insbesondere Konrad Canis wichtige Forschungsarbeiten publiziert.

Die Bewertung der Außenpolitik Bismarcks mitsamt der ‚Dreikaiserpolitik‘ durch Historiker könnte unterschiedlicher nicht sein. Bevor jedoch die Differenzen zwischen den Positionen der Forscher beschrieben werden, lässt sich ein Punkt angeben, in welchem alle übereinstimmen: das diplomatische Geschick Bismarcks. Wenn der konservative Historiker Arnold Oskar Meyer vom „größte [n] Meister der Außenpolitik “ sprach, ist das nicht sehr überraschend.[7] Ähnlich äußerte sich Wolfgang Windelband, der Bismarck „feinstes Einfühlen in die Empfindungen und Gedankengänge der anderen Mächte “ konstatierte.[8] Hans Rothfels wiederrum sah in Bismarck den „großen Empiriker “.[9] Für Hermann Oncken glich Bismarcks diplomatisches Geschick einem „Manometer “, das die geringsten Spannungen im Mächtegleichgewicht wahrzunehmen vermochte.[10] Selbst der liberale Kritiker Bismarcks, Erich Eyck, kam nicht umhin, die „Größe seiner Idee, seines Mutes und seiner Ausdauer, die Reichweite und Überlegenheit seines Geistes, seine fast übernatürliche Menschenkenntnis […] und seine nie versagende Gewandtheit “ anzuerkennen.[11] Nach Andreas Hillgruber konnte der Reichskanzler „alle Register […] [der] virtuosen politischen Taktik “ ziehen.[12] Henry Kissinger, Politikwissenschaftler und wichtige Figur im ‚Kalten Krieg‘ sparte nicht an Superlativen, wenn er über Bismarcks Politik schrieb, dass sie „auf der scharfsinnigen und brillanten Analyse bestehender Machtverhältnisse “ beruhte und ihm ein politisches Genie zu eigen war, das in seiner geistigen Beweglichkeit ohne Vergleich gewesen ist.[13] Von unerwarteter Seite kam eine analoge Einschätzung. Die sowjetischen Historiker Chwostow und Minz sahen zwar auch die „Streitbarkeit und Gewaltsamkeit “ der Diplomatie Bismarcks, kamen allerdings nicht umhin ihre Bewunderung kundzutun: „Fällt die Bismarcksche Analyse der internationalen Lage durch ihre Kompliziertheit auf, so setzen die praktischen Schlussfolgerungen, die Bismarck aus dieser Analyse zog, durch ihre Vielfältigkeit der ins Auge gefassten diplomatischen Kombinationen nicht minder in Erstaunen.[14] Während in der Beurteilung seiner diplomatischen Fähigkeiten nahezu einhellige Zustimmung vorherrscht, sind die außenpolitischen Ziele und insbesondere die Wirkungen derselben umstritten.

Es lassen sich unterschiedliche Positionen angeben, die von der Forschung im Lauf der Jahre eingenommen wurden. Die ältere Forschung, insbesondere vor dem Zweiten Weltkrieg, ging mehrheitlich davon aus, dass Bismarcks Außenpolitik ein in sich stimmiges Konzept gewesen war, das von dem Moment der Reichsgründung bis zu Bismarcks Abschied 1890 durchgängig angewendet worden ist.[15] Damit wären die verschiedenen Bündnisse zwischen und teils gegen andere europäische Staaten Teile eines genialen ‚Masterplans‘ gewesen, mit dessen Hilfe Bismarck das Deutsche Reich konsolidiert und dauerhaften Frieden gesichert hätte. Der Grund für die zunehmende Verschlechterung der Beziehungen zu den Großmächten Europas nach 1890 würde dann nicht in der Außenpolitik Bismarcks selbst liegen, sondern in den mangelnden Fähigkeiten seiner Nachfolger. Ein Teil dieser Argumentation wurde von Historikern nach 1945 aufgegriffen. Die Überhöhung Bismarcks wurde zurückgenommen, aber sein Verdienst sei gewesen, den Frieden in den Jahren seiner Kanzlerschaft bewahrt zu haben dank seines diplomatischen Geschicks, das u.a. Leo von Caprivi nicht mehr besaß und das Unverständnis gegenüber Bismarcks komplizierter Diplomatie habe zu den folgenschweren Verwicklungen der wilhelminischen Ära geführt.[16] Eine dritte Position verneinte die mangelnden Fähigkeiten Bismarcks ‚Erben‘ nicht, richtete den Schwerpunkt der Argumentation aber auf die konkrete Außenpolitik des Reichsgründers. So schrieb Volker Ullrich, dass „Bismarck mit seiner Politik an eine Grenze gelangt [sei]. Seine Nachfolger haben diese Grenze überschritten.“[17] Heinrich August Winkler spricht von der „Sackgasse“, in welche die Außenpolitik geraten war und die auch dann weiter bestanden hätte, wenn fähigere Nachfolger zur Verfügung gestanden hätten.[18] Und Lothar Gall, exponierter Bismarck-Kenner, vertrat diesen Ansatz vehement, wonach der Preis für die zu Bismarcks Lebzeiten errungenen Erfolge in der „Vernichtung all dessen, wofür diese Mittel eingesetzt worden waren “ bestanden haben soll.[19] Bismarcks Politik selbst hat dafür gesorgt, dass „nichts, gar nichts […] von dem geblieben [ist], was Bismarck den Kräften des Umbruchs, der revolutionären Veränderungen seiner Zeit in Widerstand und Entgegenkommen abgetrotzt hat.[20] Er beklagte insonderheit die kurze Lebensspanne des Reiches von 1871, das „als extrem unstabiles und kurzlebiges historisches Gebilde vor uns [steht].“[21] Das scheint überhaupt ein gängiger Topos in der Kritik an Bismarck zu sein: die Kurzlebigkeit nicht nur seines Reiches als Ganzem, sondern auch seiner einzelnen Elemente wie zum Beispiel seine außenpolitischen Bündnisse. Michael Stürmer schrieb Bismarcks Außenpolitik einen inkonsequenten Charakter zu, der hin und her schwankte, ohne festen Inhalt.[22] Der gleiche Autor erachtete das Dreikaiserbündnis von 1873 und den Dreikaiservertrag von 1881 als wertlos, da beide nicht auf Dauer gestellt werden konnten.[23] Rainer Schmidt argumentierte ähnlich und wies darauf hin, dass die Sicherheit Deutschlands durch Bismarck auf lange Zeit nicht gesichert werden konnte, er bezeichnete das Dreikaiserabkommen in Anlehnung an Metternich als ein „lauttönendes Nichts “.[24] Andreas Hillgruber bescheinigte Bismarck zwar „eine außenpolitische Leistung […] ganz außerordentlichen Ranges “, kam aber nicht umhin, diese als „nur partiell und temporär “ zu kennzeichnen.[25] Hajo Holborn gab zu bedenken, dass „Bismarcks Diplomatie, so erfolgreich sie auch bis 1890 gewesen ist, doch nicht alle Probleme der Zukunft löste.[26] Der so sorgfältig argumentierende Konrad Canis kam in seinem Standardwerk zu der Einschätzung, dass die ‚Dreikaiserpolitik‘ „nur begrenzt [funktionierte] und somit blieb auch die Sicherheit, die sie dem Reich gewährte, locker und ungewiss […]. Alle Vorhaben schienen nichts gefruchtet zu haben.[27]

Die Reihe der Forscher, welche die Kurzlebigkeit der Bismarck’schen Außenpolitik konstatieren, ließe sich beliebig fortsetzen. Wichtig hierbei ist, die Argumentation auf die angewandten Kriterien zu untersuchen, nach denen Bismarck beurteilt worden ist. Es hat den Anschein, als ob vielfach die Entwicklungen, die nach dem Ausscheiden Bismarcks stattfanden, als Perspektivpunkt dienten. Die Verschlechterung der diplomatischen Beziehungen zu den europäischen Mächten, die schlussendlich im Ersten Weltkrieg gipfelte, ist ein solcher Punkt. Daneben lässt sich die scheinbar nicht vorhandene außenpolitische Konzeption, die zu einer gewissen ‚Unübersichtlichkeit‘ der Politik Bismarck führte, als ein weiterer Perspektivpunkt erachten. Zugespitzt muss gefragt werden, für wie viele Jahre nach dem Ausscheiden der jeweilige Akteur verantwortlich gemacht werden kann für die Geschehnisse, auf die er keinen Einfluss hat. Sind es ein Jahr, zwei Jahre oder fünf? Ist die Außenpolitik Bismarcks wirklich in die ‚Sackgasse‘ geraten oder an eine ‚Grenze‘? Sind 43 Jahre (1871-1914) Frieden zu wenig, um einen politischen Erfolg zu konstatieren? Ist die Außenpolitik und als Teil derselben die ‚Dreikaiserpolitik‘ gescheitert, wie es obige Aussagen implizieren? Darauf muss jeder nach den eigenen Maßstäben Antwort geben. Welche Kriterien zumindest Bismarck an sein politisches Wirken anlegte, soll im folgenden Kapitel untersucht werden.

3. Bismarcks Politikverständnis

In diesem Kapitel wird das politische Denken Bismarcks analysiert. Dabei wird unterschieden zwischen den ‚allgemeinen‘ Vorstellungen - seine ‚politische Philosophie‘ - Bismarcks in Hinblick auf Politik und seinen außenpolitischen Ideen. Die Basis bilden die eigenen Aussagen Bismarcks, die er im Lauf seines staatsmännischen Dienstes tätigte und die in schriftlichen Quellen niedergelegt wurden.

3.1 Die politische Philosophie Bismarcks

Die Basis aller Politik von Bismarck war die stets enge und unauflösbare Bindung an den Staat, zunächst Preußen und ab 1871 das Deutsche Reich. Was als ‚Staatsräson‘ bezeichnet wird, fasste Bismarck in seiner Reichstagsrede vom 16. Februar 1885 folgendermaßen zusammen: „Ich bin mir darin stets gleich geblieben, dass ich immer darüber nachgedacht habe, was im Dienste meines Königs und im Dienst meines Vaterlandes augenblicklich das Nützlichste und Zweckmäßigste wäre. Das ist nicht in jedem Jahr dasselbe gewesen.“[28] Nur auf dieser Grundlage lässt sich das Wirken Bismarcks verstehen. Ihm ging es nicht um die Verwirklichung hoher idealer Ziele, was ihm häufig als Prinzipienlosigkeit angerechnet wurde.[29] Das alleinig Bedeutsame waren die Interessen des Staates: „Die einzig gesunde Grundlage eines großen Staates […] ist der staatliche Egoismus und nicht die Romantik, und es ist eines großen Staates nicht würdig, für eine Sache zu streiten, die nicht seinem eigenen Interesse angehört.[30] Die Absage an alle, nicht unmittelbar aus den Staatsinteressen ableitbaren, weltanschaulichen, ethischen oder religiösen Ziele haben ihn in der Konsequenz sowohl den konservativen als auch den liberalen Vertretern entfremdet. Für Werte und Prinzipien war in Bismarcks Denken und Handeln kein Platz, wenn sie seine Handlungsmöglichkeiten beschnitten: „Wenn ich mit Grundsätzen durchs Leben gehen soll, so komme ich mir vor, als wenn ich durch einen engen Waldweg gehen sollte, und müsste eine lange Stange im Munde halten.[31] Allen Forderungen nach wertegeleiteter Politik erteilte der Kanzler eine klare Absage: „Ich habe hier nicht Dogmatik zu treiben, ich habe Politik zu treiben[32] Einen einzigen Grundsatz hatte er aber doch: „Für mich hat immer nur ein einziger Kompass, ein einziger Polarstern, nach dem ich steuere, bestanden: Salus publica![33] Ziel und Richtschnur sind damit klar abgesteckt, die Staatsräson war sein Leitmotiv, dem er die ganze Politik unterordnete.

Die Politik verstand er als Kunst und weniger als Wissenschaft, die man lehren könne, sondern für die eine Begabung vonnöten sei.[34] Dabei bestand die Kunst darin „den Schritt Gottes durch die Ereignisse hallen [zu hören] , dann vorzuspringen und den Zipfel seines Mantels zu fassen, das ist alles[35] Nicht Staatsmänner machen Geschichte, sondern Gott. Der Einfluss von Politik und Politikern ist ein nur geringer und die großen Entwicklungen, die sich in der Welt vollziehen, sind beinahe unabhängig von den politischen Akteuren: „Meine Aufgabe ist es, die Strömungen […] zu beobachten und in ihnen mein Schiff zu steuern wie ich kann. Die Strömungen selbst vermag ich nicht zu leiten, noch weniger hervorzubringen.[36] Es ist der stete Wandel, den der Politiker zu registrieren, an den sich anzupassen, er die Aufgabe hatte. Neue Konstellationen und Verhältnisse erforderten ein flexibles Reagieren und so „muss [der Staatsmann] die Dinge rechtzeitig herannahen sehen und sich darauf einrichten.[37] Diese Einsicht implizierte den Verzicht auf langjährige Konzeptionen, die unbeeinflusst vom Lauf der Geschichte Bestand haben könnten, Politik war für Bismarck immer etwas Gegenwärtiges: „Es hieße das Wesen der Politik verkennen, wollte man annehmen, ein Staatsmann könne einen weit aussehenden Plan entwerfen, und sich als Gesetz vorschreiben, was er in einem, zwei oder drei Jahren durchführen wolle.“[38] Damit wurde purer Reaktion allerdings nicht das Wort geredet, denn sehr wohl musste der Politiker eine Richtschnur haben und sich daran halten, aber die Methoden zur Erlangung dieses Ziels durften nicht starr sein, sondern immer flexibel bleiben. Doch selbst wenn der Staatsmann sich daran hielt, waren die Ergebnisse nicht konkret in jedem Falle vorauszusehen, weil er dem „Wanderer im Walde [gleicht] , der die allgemeine Richtung seines Marsches kennt, aber nicht den Punkt, an dem er aus dem Forst heraustreten wird.“[39] Entschieden hat er abgelehnt, dass Politik verantwortlich gemacht werden könne für alle Folgen, die in der Zukunft auftreten könnten: „Wir tun eben unsere Schuldigkeit in der Gegenwart-, ob es dauert, das steht bei Gott.[40]

[...]


[1] Schwab, Gustav: Sagen des klassischen Altertums. Berlin 2011, S. 62f.

[2] Ebd. S. 64f.

[3] Windelband, Wolfgang: Bismarck und die europäischen Großmächte 1879-1885. 2. Aufl., Essen 1942, S. 18.

[4] Schnabel, Franz: Das Problem Bismarck. In: Lothar Gall (Hrsg.): Das Bismarck-Problem in der

Geschichtsschreibung nach 1945. Köln/Berlin 1971, S. 103f.

[5] Vgl. Born, Karl Erich: Bismarck-Bibliographie. Quellen und Literatur zur Geschichte Bismarcks und seiner

Zeit, Köln/Berlin 1966.

[6] Einen nicht mehr ganz aktuellen, aber immer noch umfassenden Überblick über die wichtigsten Quellen findet

sich in: Gall, Lothar: Bismarck. Der weiße Revolutionär. Frankfurt u.a. 1980, S. 777-783.

[7] Meyer, Arnold Oskar: Das Urteil der Geschichte. In: Lothar Gall (Hrsg.): Das Bismarck-Problem in der

Geschichtsschreibung nach 1945. Köln/Berlin 1971, S. 28.

[8] Windelband 1942, S. 31.

[9] Rothfels, Hans (Hrsg.): Bismarck und der Staat. Ausgewählte Dokumente, Darmstadt 1958, S. XVII.

[10] Oncken, Hermann: Das Deutsche Reich und die Vorgeschichte des Weltkrieges, Bd. I, Leipzig 1933, S. 207.

[11] Eyck, Erich: Bismarck nach fünfzig Jahren. In: Lothar Gall (Hrsg.): Das Bismarck-Problem in der

Geschichtsschreibung nach 1945. Köln/Berlin 1971, S. 38.

[12] Hillgruber, Andreas: Bismarcks Außenpolitik. Freiburg 1972, S. 155.

[13] Kissinger, Henry A.: Festrede zum 100. Todestag Bismarcks. In: Otto-von-Bismarck-Stiftung (Hrsg.): Otto

von Bismarck (1815-1898). Reden aus Anlass seines 100. Todestages (Friedrichsruher Beiträge Bd. 1),

Friedrichsruh 1998, S. 37. Derselbe: Die Vernunft der Nationen. Über das Wesen der Außenpolitik, Berlin

1994, S. 107,121.

[14] Chwostow, Wenjamin/Minz, Isaak: Geschichte der Diplomatie. Bd. 2: Die Diplomatie der Neuzeit

[1872-1919], 2. Aufl., Berlin (Ost) 1948, S. 128f.

[15] Vgl. Hildebrand, Klaus: „System der Aushilfen“? Chancen und Grenzen deutscher Außenpolitik im Zeitalter

Bismarcks, in: Gregor Schöllgen (Hrsg.): Flucht in den Krieg. Die Außenpolitik des kaiserlichen

Deutschlands, Darmstadt 1991, S. 109f.

[16] Für viele: Schieder, Theodor: Das Deutsche Reich in seinen nationalen und universalen Beziehungen 1871-

1945. In: Derselbe/Ernst Deuerlein (Hrsg.): Reichsgründung 1870/71. Tatsachen, Kontroversen,

Interpretationen, Stuttgart 1970, S. 441.

[17] Ullrich, Volker: Die nervöse Großmacht 1871-1918. Aufstieg und Untergang des deutschen Kaiserreichs,

Frankfurt 1997, S. 123.

[18] Winkler, Heinrich August: Der lange Weg nach Westen. Bd. 1: Deutsche Geschichte vom Ende des Alten

Reiches bis zum Untergang der Weimarer Republik, 5. durchgesehene Aufl., München 2002, S. 261.

[19] Gall, Lothar: Bismarcks Preußen, das Reich und Europa. In: HZ 234 (1982), S. 336.

[20] Gall, Lothar: Bismarck. Der weiße Revolutionär, Frankfurt u.a. 1980, S. 725f.

[21] Ebd.

[22] Vgl. Stürmer, Michael: Das ruhelose Reich. Deutschland 1866-1918, München 1983, S. 187f.

[23] Ebd. S. 186, 202.

[24] Schmidt, Rainer F.: Otto von Bismarck (1815-1898). Realpolitik und Revolution, Stuttgart 2004, S. 202, 227.

[25] Hillgruber, Andreas: Otto von Bismarck. Gründer der europäischen Großmacht Deutsches Reich,

Zürich/Frankfurt 1978, S. 104.

[26] Holborn, Hajo: Bismarcks Realpolitik. In: Lothar Gall (Hrsg.): Das Bismarck-Problem in der

Geschichtsschreibung nach 1945. Köln/Berlin 1971, S. 250.

[27] Canis, Konrad: Bismarcks Außenpolitik 1870-1890. Aufstieg und Gefährdung, Paderborn u.a. 2004, S. 83.

[28] GW XII, S. 618.

[29] Vgl. Bußmann, Walter: Bismarck: Seine Helfer und seine Gegner. In: Theodor Schieder/Ernst Deuerlein

(Hrsg.): Reichsgründung 1870/71. Tatsachen, Kontroversen, Interpretationen, Stuttgart 1970, S. 123.

[30] Rede Bismarcks in der Zweiten Kammer Preußens am 3.12. 1850, abgedruckt in: Helbing, Hanno (Hrsg.):

Otto von Bismarck. Aus seinen Schriften, Briefen und Reden, Zürich 1998, S. 66-74.

[31] Zitiert in Vossler, Otto: Bismarcks Ethos. In: HZ 171 (1951), S. 264. In ausführlicher Argumentation: „Von

einem Staatsmann in erster Linie ‚Konsequenz‘ zu verlangen, heißt ihm die Freiheit nehmen, sich nach den

wechselnden Bedürfnissen des Staates, dem veränderten Verhalten des Auslandes oder nach sonstigen

wichtigen Gründen zu entscheiden. Er muss sich stets nach den jeweilig obwaltenden Umständen richten; er

kann die vorliegenden Tatsachen und Zeitströmungen nicht meistern, sondern sie nur geschickt für seine

Zwecke benutzen […] .Ob er dabei konsequent verfährt oder nicht, ist eine völlig gleichgültige Sache.“ Zitiert

in: Noack, Ulrich: Bismarcks Friedenspolitik und das Problem des deutschen Machtverfalls. Leipzig

1928, S. 486.

[32] Rede Bismarcks im Abgeordnetenhaus am 17.12. 1873, abgedruckt in: Rothfels 1958, S. 61.

[33] GW XII, S. 194f.

[34] Vgl. GW IX, S. 398.

[35] Zitiert in Kissinger 1998, S. 31.

[36] Aus einem Brief Bismarcks an Gottfried Kinkel (Züricher Historiker) am 18.11. 1870, zitiert in: Rothfels

1958, S. 53.

[37] Zitiert in Noack 1928, S. 487.

[38] GW IX S. 49f.

[39] Ebd.

[40] Zitiert in Rothfels 1958, S. XXVI.

Details

Seiten
28
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656449362
ISBN (Buch)
9783656450016
Dateigröße
10.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v229658
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Historisches Seminar
Note
1,0
Schlagworte
bismarcks dreikaiserpolitik erfolg scheitern

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Titel: Bismarcks Dreikaiserpolitik