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Die deutsche Sprache als identitätsstiftendes Merkmal im Roman

Vladimir Vertlibs "Das besondere Gedächtnis der Rosa Masur"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 16 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die deutsche Sprache als intratextuelles Merkmal und Strukturmerkmal
2.1 Die wortorientierte Analyse nach Spitzmüller/Warnke
2.2 Propositionsorienterte Analyse nach Spitzmüller/Warnke
2.3 Positiver und negativer Rassismus als Merkmal deutscher Sprache

3. Eine gebrochene Identität - Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Migrationsdiskurs beschäftigt sich in seiner Thematik mit der Literatur von Autoren, welche über einen Migrationshintergrund verfügen. Die von ihnen verfassten Werke sind jedoch in der deutschen Sprache verfassen und sind Analysegegenstand des Migrations­diskurses. Mit dieser Beschreibung kann sich auch der Autor Vladimir Vertlib identifizieren. Vladimir Vertlib ist 1966 in Leningrad, welches heute auch unter dem Namen St. Petersburg bekannt ist, geboren. Er emigrierte von Russland nach Israel durch Europa in die USA. Von dort aus kehrte er zurück nach Israel. Seit 1981 lebt Vertlib in Österreich und arbeitet als freier Schriftsteller (vgl. dvt-Verlag).

In seinem Roman „Das besondere Gedächtnis der Rosa Masur“ berichtet er über die Lebens­geschichte einer 92-jährigen Jüdin, die im hohen Alter beschließt, nach Deutschland zu emi­grieren. Die Protagonistin lernt bereits in Russland die deutsche Sprache, studiert deutsche Philologie und arbeitet schließlich als Korrespondentin. Doch in wie weit ist die deutsche Sprache prägend für den deutschen Alltag und die Ausbildung einer Identität?

Die vorliegende Hausarbeit versucht „die deutsche Sprache als identitätsstiftendes Merkmal“ im beschriebenen Roman zu analysieren. Um diesen Sachverhalt zu erfassen, werden ver­schiedene Textstellen untersucht, in denen die deutsche Sprache direkt oder indirekt themati­siert wird. Die Sprache wird als intratextuelles Merkmal und als Strukturmerkmal im Text er­fasst.

Zuerst werden ausgewählte Textpassagen mithilfe des Mehrebenenmodells nach Spitzmüller/ Warnke auf wortorientierter Ebene auf Schlüsselwörter, Stigmawörtern oder Namen inspi­ziert. An dieser Stelle ist nochmals zu verdeutlichen, dass auch die untersuchten Elemente im­mer im Zusammenhang zur deutschen Sprache im Roman stehen.

Danach erfolgt, ebenfalls auf der Grundlage des Mehrebenenmodells, die Analyse auf propo- sitionsorientierter Ebene. In diesem Analyseschritt werden einzelne Sätze oder Satzreihen analysiert und auf ihre Syntax, die rhetorische Gestaltung oder die emotionale, soziale oder deontische Bedeutung erforscht. Diese ersten Analysemomente lassen, unter Berücksichti­gung des Inhalts, Rückschlüsse auf die Identität der Protagonistin ziehen. Durch diese wird verdeutlicht, inwieweit die deutsche Sprache auf ihre Identität Einfluss hat.

Drittens folgt eine Untersuchung von Textpassagen in denen explizit Beispiele für positiven und negativen Rassismus veranschaulicht. Diese Arten von Rassismus begegnen der Protago­nistin im Alltag und sind somit gezielt als Merkmal deutscher Sprachverwendung zu unter­suchen. Natürlich wirkt sich auch dieser Gegenstand auf die Identität, besonders auf das Gemeinschaftsgefühl aus.

Des Weiteren wird die Identität Rosa Masurs, über die Sprache hinaus, anhand der Textstruk­tur analysiert und es werden Vorschläge für weiterführende Untersuchungen gegeben. Zum Schluss wird ein Fazit gezogen, welches die wichtigsten Ergebnisse der Analysemomente reflektiert. Anhand dieser Ergebnisse wird versucht darzustellen, welche Bedeutung die deutsche Sprache für die Identität der Protagonistin Rosa Masur hat.

2. Die deutsche Sprache als intratextuelles Merkmal und Strukturmerkmal

,, [...] Die Sprache [dient] als Spiegel von Kultur und Tradition. Sie gibt die Identität von Menschen wieder, ihre Traditionen und ihre Lebenswelt. Wenn Sprache verloren geht, geht auch unwiderruflich Kulturzu Grunde “ (Jeppensen 2008).

Dieses eingehende Zitat verdeutlicht, wie prägnant die Sprache als identitätsstiftendes Merk­mal und gleichzeitig auch als Schlüssel zu kulturellen und traditionellen Zugehörigkeiten ei­nes Menschen ist. Um zu verdeutlichen, dass diese Eigenschaften der Sprache auch übertra­gen auf die deutsche Sprache im Roman „Das besondere Gedächtnis der Rosa Masur“ zu er­kennen sind, wird diese im Folgenden mit Hilfe des Mehrebenenmodells nach Spitzmüller / Warnke analysiert.

2.1 Die wortorientierte Analyse nach Spitzmüller/Warnke

Im Vordergrund dieses intratextuellen Analyseverfahrens steht die Untersuchung von Ein-und Mehrwort-Einheiten, welche in vier Klassen unterteilt werden können. Diese Klassen werden dargestellt durch: Schlüsselwörter, Stigmawörter, Namen und Ad-hoc-Bildungen. An dieser Stelle ist darauf hinzuweisen, dass diese Klassen noch variabel erweitert werden können, die Auseinandersetzung mit vier Klassenjedoch repräsentiert eine Minimalkategorisierung, wel­che als Grundlage für die vorliegende Hausarbeit genutzt wird (vgl. Spitzmüller/Warnke 2011, 25f.).

Der erste Analysemoment widmet sich Untersuchungen zu Schlüsselwörtern, welche signifi­kant erscheinen, wenn im zu untersuchenden Roman die deutsche Sprache direkt oder indirekt thematisiert wird. Diese Thematisierungen der deutschen Sprache stehen kontinuierlich in Verbindung zu der Protagonistin Rosa Masur.

Die Mehr-Wort-Einheit,,deutsche Philologie“ ist von zentraler Bedeutung und wird mehrfach thematisiert. Die Protagonistin Rosa Masur hat vor, nach der Schule Jura zu studieren. Jedoch gibt es mehrere Hürden, durch welche ihr mehrere Studiengänge verwehrt bleiben. Aus die­sem Grund entscheidet Masur sich für das Studium der deutschen Philologie. Die deutsche Sprache hat sie bereits in der Schule gelernt und zählte dort zu den besten Schülern der Klasse (vgl. Vertlib 2011, S.143). Zunächst wird das Schlüsselwort in der Rahmenerzählung des Romans als Information über die Protagonistin gegeben, um ihre guten deutschen Sprachfä- higkeiten zu erklären (vgl. ebd.,S. 25,34). Erst in der Binnenerzählung, der Reflexion ihrer Lebensgeschichte, erfährt der Rezipient, welche Beweggründe Rosa Masur hatte, deutsche Philologie zu studieren (vgl. ebd., S. 143).

Dieses Schlüsselwort tritt häufig im Zusammenhang oder in Kombination mit dem Schlüssel­wort „Übersetzer“ oder der Tätigkeit des „Übersetzens“ auf. Nach dem Sprachstudium arbei­tet die Hauptfigur in einem Verlag als „Übersetzerin] aus dem Deutschen [ins Russische] in der Abteilung Fachbuch und Journalismus[...]“ (Vertlib 2011, S. 174). Zunächst vertritt die Protagonistin die Meinung, dass diese Art von Arbeit zu monoton ist und sie diese nicht lange ausüben wird. Trotzdem bliebt Frau Masur in diesem Beruf tätig, weil sie kurze Zeit später ein Kind erwartet (vgl. ebd.,S.174):

Die Motivik des „Übersetzers“ zieht sich durch den gesamten Roman und ist folglich sowohl in der Rahmen- als auch in der Binnenerzählung repräsentant. Weiterhin ist zu verdeutlichen, dass die Tätigkeit des Übersetzern sowohl im öffentlichen als auch im privaten Kontext und nicht nur im Zusammenhang mit ihrem Beruf stattfindet. Durch die berufliche Tätigkeit übersetzt die Protagonistin beispielsweise Texte von deutschen Kommunisten ins Russische (vgl. ebd., S.178).

Im privaten Bereich übersetzt Rosa Masur für ihren Sohn Kostik, welcher die deutsche Sprache als Fremdsprache im Studium belegt und unter zeitlichem Druck steht. Für sie ist es selbstverständlich, sich Urlaub zu nehmen, um ihrem Sohn zu helfen und so übersetzt sie, wenn auch nicht ganz freiwillig, seine Studienaufgaben vom Russischen ins Deutsche (vgl. ebd., S.351).

Eine ebenfalls prägnante Situation wird illustriert, als die 92-jährige, bereits in Deutschland wohnhafte Protagonistin, im Park spazieren geht, und einen polizeilichen Eingriff bemerkt.

Ein dunkelhäutiger Mann wird von der Polizei festgenommen, denn dieser soll Ladendieb­stahl begangen haben. Der Beschuldigte verstehtjedoch kein Wort, denn er spricht nur Afrika­nisch und Russisch. Rosa erkennt dies und hilft diesem, indem sie als Dolmetscher fungiert und den Afrikaner bis zur Wache begleitet (vgl. ebd.,S.100ff.).

Weiterhin tritt auch das Motiv des „Übersetzers“ an multiplen Textstellen im Roman auf, um die guten sprachlichen Kenntnisse der deutschen Sprache zu rechtfertigen. Dort wird somit eine Verbindung der Schlüsselwörter „deutsche Philologie“ und des Schlüsselwortes „Über­setzer“ repräsentiert, welches aus der chronologischen Reihenfolge des Lebens der Protago­nistin hervorgeht.

In diesem Zusammenhang erscheint es wichtig, hervorzuheben, dass das Schlüsselwort „ Übersetzer“ und seine Synonyme, die wohl häufigsten im Roman sind.

Daraus lässt sich interpretieren, dass die Arbeit als Übersetzerin, welche erst durch ihr Studi­um möglich war, eine grundlegende Bedeutung für die Identität der Rosa Masur hat und diese entscheidend prägt. Diese These lässt sich bestätigen durch die Argumentation: „Ich bin Ger­manistin [...]“ (Vertlib 2011, S.225). Aufgrund dieser Aussage lässt sich das dritte Schlüsselwort „Germanistin“ erschließen. Dieses wiederum steht in bedingter Beziehung zu den ersten beiden Schlüsselwörtern und lässt ebenfalls auf eine starke Verwurzelung der deutschen Sprache in der Identität Rosa Masurs schließen.

Weitere Schlüsselwörter, welche im Bezug auf die deutsche Sprache dargestellt werden, sind die Ein-Wort-Einheiten „Fortschritt“ und der Wortkomplex „Sprache der Zukunft“. Rosa Masur nennt diese Terminologien als Eigenschaften der deutschen Sprache: „Deutsch galt als die Sprache der Zukunft. [...]Es war die Sprache des Fortschritts“ (Vertlib 2011, S.143). Diese Zitation veranschaulicht, dass die deutsche Sprache als positiv von der Protagonistin aufgefasst wird. Weiterhin begründet sie mit diesen Aussagen die Entscheidung für den von ihr gewählten Studiengang und sieht für sich selbst zukünftige Chancen durch dieses Studium (vgl. ebd.,S.143).

[...]

Details

Seiten
16
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656455257
ISBN (Buch)
9783656455820
Dateigröße
439 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v229697
Note
2,0
Schlagworte
Rosa Masur Das besondere Gedächtnis der Rosa Masur Deutsche SPrache Deutsche Sprache als identitätstiftendes Merkmal Identität Vladimir Vertlib Spitzmüller/Warnke Positiver/negativer Rassismus

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Titel: Die deutsche Sprache als identitätsstiftendes Merkmal im Roman