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Narzissmus und Politik

Warum ist der Anteil von narzisstischen Persönlichkeiten in den Bundesregierungen von 1991 bis 2013 überdurchschnittlich hoch?

Bachelorarbeit 2013 33 Seiten

Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Narzissmus und Politik
2.1. Narzissmus – ein Überblick
2.2. Die Narzisstische Persönlichkeit
2.3. Narzissmus und Politik

3. Untersuchung der Bundesregierungen von 1991 bis 2013
3.1. Methoden- und Fallauswahl
3.2. Ergebnisse der Untersuchung

4. Theoretische Interpretation der Ergebnisse
4.1. Die narzisstische Gesellschaft
4.2. Politik ist Narzissmus pflichtig
4.3. Führungsperson zentrierte Erklärungen

5. Fazit und Beantwortung der Forschungsfrage

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In George Orwells[1] 1949 erschienenen dystopischen Roman 1984 geht es um einen totalitären Überwachungsstaat und wie das Individuum versucht, trotz seiner kaum vorhandenen Privatsphäre, in dieser Umgebung immer noch Individuum zu bleiben. Im letzten Akt der Handlung wird der Protagonist Winston Smith verhaftet und von dem Spion O'Brien verhört und gefoltert. Auf die Frage, warum die herrschende Partei nach Macht strebt, gibt Smith laut O'Brien eine „dumme Antwort“. O'Brien muss Smith somit aufklären: „Die Partei strebt Macht lediglich in ihrem eigenen Interesse an. Uns ist nichts am Wohl anderer gelegen; uns interessiert einzig und allein die Macht als solche. Nicht Reichtum oder Luxus oder langes Leben oder Glück: nur Macht, reine Macht“ (Orwell 1976, 241-242).

Obwohl O'Briens Antwort relativ extrem ausfällt, hat sie doch einen wahren Kern und wirft ein paar Fragen auf: Warum streben manche Menschen nach Macht und andere nicht? Warum sind nur wenige Menschen bei ihrem Streben erfolgreich? Und stimmt das berühmte Zitat des britischen Politikers Lord Acton: „Macht korrumpiert, absolute Macht korrumpiert absolut“ (Leinemann zitiert nach Wirth 2006a, 9)? In der vorliegenden Abschlussarbeit soll der Forschungsfrage nachgegangen werden: Warum ist der Anteil von narzisstischen Persönlichkeiten in den Bundesregierungen von 1991 bis 2013 überdurchschnittlich hoch?

Wie die Forschungsfrage bereits impliziert, werden die Antworten in dieser Abschlussarbeit hauptsächlich mit dem Psychologie-Begriff der „narzisstischen Persönlichkeit“ erfolgen. In der Psychoanalyse wurde der Begriff „Narzissmus“, in Anlehnung an die Freud’sche Theorie von 1909, kontinuierlich weiterentwickelt und differenziert (Hartmann 2006, 3-18). In der Politikwissenschaft hingegen wurde, bis auf ein paar Ausnahmen (Wirth 2006a, 17), die Narzissmus-Theorie nur selten zum Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen. Dies liegt zum einen daran, dass sich die Persönlichkeitsforschung als Teilbereich der Politischen Soziologie auf die Begriffe des „Analen Charakters“ und der „Autoritären Persönlichkeit“ konzentriert hat (Rattinger 2009, 97-109), aber zum anderen auch an den stiefmütterlichen Umgang der Politikwissenschaft mit dem Faktor Persönlichkeit (Hartmann 2007, 17-21; Wirth 2006a, 17). Jürgen Hartmanns Publikation Persönlichkeit und Politik benennt dieses Defizit recht eindeutig: „Die Politikwissenschaft hat eine Blindstelle. Sie klammert die Persönlichkeit aus“ (Hartmann 2007, 13). Hans-Joachim Maaz geht in seiner Monografie über Die narzisstische Gesellschaft sogar noch einen Schritt weiter in dem er erklärt, dass die strikte Leugnung der psychischen Dimension menschlichen Verhaltens bei der Analyse von gesellschaftlichen Vorgängen gar als Symptom einer narzisstischen Abwehr[2] zu deuten sei (Maaz 2013, 59-60).

Da sich die Politikwissenschaft seit jeher der Bedeutung des Faktors Persönlichkeit bewusst ist, mutet es umso erstaunlicher an, dass dieser Aspekt vehement vernachlässigt wird. Bereits 1513 schrieb Niccolò Machiavelli (1469-1527) in seinem Hauptwerk Der Fürst, dass eine geeignete Persönlichkeit für den Erwerb und die Steigerung von Macht vorausgesetzt werden müsste (Kondylis 2007, 136-138). In der Neuzeit war es beispielsweise Harold Dwight Lasswell (1902-1978), der mit seiner 1930 veröffentlichten Publikation Psychopathology and Politics immer wieder den Nutzen der Psychoanalyse für die Politikwissenschaft betonte und damit zum Begründer der Politischen Psychologie wurde (Rattinger 2009, 102).

Eine fachgerechte Beantwortung der hier aufgeworfenen Fragen, einschließlich der Forschungsfrage, unter der Verwendung des Konzepts der narzisstischen Persönlichkeit würde somit beitragen diese vergessene Größe der empirischen Sozialforschung stärker zu gewichten (Schumann 2005). Zudem könnte auch in einem Randbereich der Politikwissenschaft (Kaina 2009, 385-386), nämlich der Elitenforschung, der Frage nachgegangen werden warum jemand zum Mitglied der (Macht-) Elite wird. Obwohl in dieser Frage kein Konsens herrscht (Kaina 2009, 387-388), ist die Wissenschaft sich darüber einig, dass die Beantwortung dieser Frage von grundlegender Bedeutung für ein demokratisches Staatswesen ist (Schnapp 1997, 69).

Ziel dieser Abschlussarbeit ist es zu verdeutlichen, wie einerseits narzisstische Persönlichkeitszüge das Erreichen und Bekleiden von hohen politischen Ämtern fördern können und andererseits der Zugang zu (politischer) Macht möglicherweise bereits vorhandene narzisstische Charakterzüge des Individuums verstärkt. Der empirisch analytische Teil dieser Abschlussarbeit konzentriert sich auf die Untersuchung der Bundesregierungen von 1991 bis 2013. Konkret werden ihre insgesamt 85 Mitglieder (Deutscher Bundestag 2013) singulär auf ihre psychische Disposition analysiert, insbesondere unter der Berücksichtigung ihrer narzisstischen Veranlagung. Anhand dieser Untersuchung soll verdeutlicht werden, dass ein überdurchschnittlich hoher Anteil von Regierungsmitgliedern narzisstische Persönlichkeitszüge aufwies.

Die Vorgehensweise dieser Abschlussarbeit sieht wie folgt aus: Im ersten Teil der Arbeit soll eine ausführliche Einführung in das Thema Narzissmus und narzisstische Persönlichkeit erfolgen. Vor allem soll aufgezeigt werden, dass in der Fachliteratur eine starke Verbindung zwischen narzisstischer Persönlichkeit einerseits und dem Erreichen und Bekleiden von hohen politischen Ämtern andererseits vermutet wird.

Im Zweiten Teil sollen alle 85 Mitglieder, Bundesminister und Bundeskanzler, der letzten sechs Bundesregierungen individuell untersucht werden. Hierbei soll eruiert werden, wie viele Personen mit narzisstischen Charakterzügen sich unter den Mitgliedern befunden haben. Vorher wird allerdings eine ausführliche Erklärung der Methodenwahl stattfinden. Wie die Forschungsfrage bereits vorwegnimmt, ist davon auszugehen, dass im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung der Bundesrepublik Deutschland ein relativ hoher Anteil der Bundesminister narzisstische Persönlichkeiten aufweist.

Im dritten und letzten Teil der Abschlussarbeit sollen explizite Antworten auf die Forschungsfrage und somit Erklärungen für die Untersuchungsergebnisse gefunden werden. Hierbei sollen drei verschiedene Erklärungsansätze zur theoretischen Interpretation der Ergebnisse herangezogen werden: Erstens, eine gesamt gesellschaftliche Veränderung hin zu einer narzisstischen Gesellschaft (Maaz 2013). Zweitens, die Tatsache, dass Politik zwangsläufig zu Narzissmus verpflichtet (Maaz 2013, 189-200). Drittens, auf die Führungsperson zentrierte Erklärungen (Neuberger 2002, 157-161).

2. Narzissmus und Politik

Im vorliegenden Kapitel soll eine ausführliche Einführung in das Thema Narzissmus und narzisstische Persönlichkeit erfolgen. Es soll aufgezeigt werden, dass in der psychologischen Fachliteratur eine starke Verbindung zwischen narzisstischer Persönlichkeit und des Erreichens und Bekleidens von hohen politischen Ämtern vermutet wird. Hierbei spielt vor allem der Faktor Macht eine besondere Rolle.

2.1. Narzissmus – ein Überblick

Der Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud (1856-1939) erwähnte den Begriff „Narzissmus“ das erste Mal 1909 bei einem Vortrag vor der Psychoanalytischen Vereinigung in Wien (Hartmann 2006, 3). Ab 1910 tauchte der Begriff, der seinen Ursprung in der griechischen Mythologie hat (Maaz 2013, 7-10), regelmäßig in Freuds Publikationen auf (Hartmann 2006, 3) und wurde zu einer wesentlichen Erweiterung der psychoanalytischen Theorie (Resch/Möhler 2006, 37). Freud verwendete den Narzissmus-Begriff hauptsächlich um eine Objektbeziehung zwischen dem Individuum und seiner Umwelt zu beschreiben, die der Regulation des Selbstwertgefühls dienen soll (Hartmann 2006, 7). Nach Freud befindet sich der Mensch in seiner frühkindlichen Phase in einem harmonischen „Primärzustand“. Dieser Primärzustand ist dadurch gekennzeichnet, dass das Kind zwischen sich selbst und seiner Umwelt noch nicht unterscheiden kann. Allerdings ist dieser Zustand des „primären Narzissmus“ nicht von Dauer und das Kind muss lernen, dass es eine Trennung zwischen sich Selbst und der Umwelt gibt. In dieser Trennungsphase wird das Kind zwangsläufig mit einem Gefühl der Ohnmacht, mit Angst und Wut konfrontiert, was schlimmsten Falls zu einem bleibenden traumatischen Erlebnis führen kann. Kinder, die ein solches Trauma erleiden, flüchten sich laut Freud in eine „sekundär narzisstische“ Besetzung des „Ichs“ um das Selbstwertgefühl zu stabilisieren (Resch/Möhler 2006, 39; Neuberger 2002, 174-177). Der Psychoanalytiker Erich Fromm (1900-1980) kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: „Man kann den Narzißmus als einen Erlebniszustand definieren, indem nur die Person selbst, ihr Körper, ihre Bedürfnisse, ihre Gefühle, ihre Gedanken, ihr Eigentum, alles und jedes, was zu ihr gehört, als völlig real erlebt wird, während alles und jedes, was keinen Teil der eigenen Person bildet oder nicht Gegenstand der eigenen Bedürfnisse ist, nicht interessiert, keine volle Realität besitzt […]; affektiv bleibt es ohne Gewicht und Farbe“ (Fromm zitiert nach Resch/Möhler 2006, 37).

Wie kein anderer in der Psychologie wurde Freud jedoch einer gründlichen Revision unterzogen (Watson 2010, 417) und auch sein postulierter Zustand des „primären Narzissmus“ gilt mittlerweile als wissenschaftlich widerlegt (Wirth 2006a, 29; Wirth 2006b, 159). Der Narzissmus-Begriff war deswegen nicht obsolet. Ganz im Gegenteil, die psychologische Sachliteratur des 20. Jahrhunderts hat es zu einer Ausdifferenzierung des Begriffs beigetragen (Hartmann 2006, 3-18). Um es mit den Worten von Lilli Gast zu sagen: „Kaum ein anderes Begriffskonzept der Psychoanalyse zeichnet sich das des Narzissmus durch eine überaus bewegte und wechselvolle Geschichte aus“ (Gast 2006, 132). Zu den bekanntesten Förderern des Begriffs zählen vor allem Alfred Adler (1870-1937), der Friedrich Wilhelm Nietzsches (1844-1900) „Willen zur Macht“ übernommen und als zentralen Kompensationsmechanismus von Minderwertigkeitskomplexen erklärt hatte (Wirth 2006a, 80), Otto F. Kernberg, der in der Tradition Melanie Kleins (1882-1960) einen starken Zusammenhang zwischen Narzissmus und Neid vermutet (Hartmann 2006, 12; Akhtar 2006, 235-238) und Heinz Kohut (1913-1981), dessen Narzissmus-Begriff durch die Säuglingsforschung weitgehend bestätigt wurde und somit heute als die modernste und wissenschaftlich profundeste Narzissmus-Theorie betrachtet wird (Maaz 2013, 11; Wirth 2006a, 46; Hartmann 2006, 10). Die Ausführungen dieser Abschlussarbeit werden sich deshalb größtenteils auf die Narzissmus-Theorie Kohuts beziehen.

Ein Zitat Emilio Modenas fasst den Kern der Narzissmus-Theorie Kohuts besonders gut zusammen: „Das Kind entwickelt sich kontinuierlich vom frühen Säuglings- bis ins Erwachsenenalter als Produkt einer einfühlenden spiegelnden Umwelt in deren Zentrum in der frühen Kindheit die Mutter (das „Selbstobjekt“) steht. Versagt diese […] den Dienst […], können sich die angeborenen Fähigkeiten des Kindes nicht entwickeln, was zu einer narzisstischen Störung führt, zu einem schwachen, mangelhaften integrierten Selbst, welches […] von Fragmentierung bedroht ist“ (Modena zitiert nach Maaz 2013, 11). Der große Unterschied zwischen Kohuts und Freuds Narzissmus-Verständnis ist, dass Kohut keine Entwicklung vom primären Narzissmus zu einer sekundär narzisstischen Besetzung des Ichs sieht, sondern eine vom archaischen zum reifen Narzissmus (Wirth 2006a, 46; Hartmann 2006, 11). Ein wesentliches Merkmal der Kohut´schen Theorie ist die sogenannte „Selbstobjektbeziehung“, die das Kind in seiner frühkindlichen Phase hauptsächlich zu der Mutter aufbaut. Das Kind idealisiert die Mutter und muss somit zwangsläufig eine schrittweise Enttäuschung durch das idealisierte Objekt erfahren. Im Falle einer traumatischen Enttäuschung lernt das Kind jedoch nicht die entstehende „Lücke“ durch ein gesundes Selbst-Objekt zu schließen und bleibt im Zuge einer „narzisstischen Abwehr“ entweder dauerhaft an dem idealisierten „Mutter-Imago“ fixiert oder entwickelt eine narzisstische Überidealisierung des Selbst. Im ersten Fall ist die Folge eine lebenslange Bereitschaft zur Unterwerfung im Zuge einer ständigen Suche nach dominanten Führungspersönlichkeiten, die idealisiert werden können. Im zweiten Fall eine von Grandiosität und Allmächtigkeit zerfressene Selbstliebe (Wirth 2006a, 46; Neuberger 2002, 177-180).

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass der gestörte Narzissmus nach Kohut sich in zwei entgegengesetzte, sich jedoch auch komplementär ergänzende, Richtungen ausprägt: eine übermäßige Selbstliebe die als „Größenselbst“ und eine fehlende Selbstliebe die als „Größenklein“ bezeichnet wird (Maaz 2013, 17; Wirth 2006a, 46-50; Resch/Möhler 2006, 40). Als wesentliche Ursache eines pathologischen Narzissmus gilt ein sogenannter „Muttermangel“ (Maaz 2013, 120; Neuberger 2002, 178), der durch unzureichende Responsivität, mangelndes Interesse und wenig Anerkennung gegenüber dem Säugling zur Geltung kommt (Hartmann 2006, 16). Allerdings sollte hierbei nicht der hohe genetische Einfluss verschwiegen werden, der durch die Zwillingsforschung und die Epigenetik immer wieder bestätigt wird (Torgersen 2006, 432; Maaz 2013 173).

2.2. Die Narzisstische Persönlichkeit

Der Narzissmus, schreibt Hans-Jürgen Wirth, gehört zur „anthropologischen Grundausstattung des Menschen und ist insofern weder gut noch böse“ (Wirth 2006a, 26). Freud wiederum betont, dass der Narzissmus, genau wie der Egoismus, als Teil des Selbsterhaltungstriebs angesehen werden kann (Hartmann 2006, 7). Auch Kohut hebt die wichtige Rolle der angeborenen Triebkraft hervor, die dem Narzissmus innewohnt (Schröder 2005, 65). Daraus folgt, dass eine exakte Trennung zwischen gesundem und pathologischem Narzissmus nicht möglich ist (Hartmann 2006, 12). Hinzukommt, dass, wie Volker Faust prägnant zusammenfasst, „krank ist, wen die Gesellschaft für Krank hält“ (Faust 2012, 13) und somit der kulturellen Wahrnehmung von „Normalität“ eine bedeutende Rolle zukommt (Schröder 2005, 63). Nach Adler sollten deshalb kranke und gesunde Persönlichkeiten niemals kategorisiert werden sondern stets skaliert – „die Einen eher hier, die Anderen eher dort“ (Hartmann 2007, 27).

Um gesunden vom kranken Narzissmus zu unterscheiden wählt Wirth eine relativ einfache Definition. Für ihn lässt sich eine gesunde Psyche ausschließlich durch die Abwesenheit von pathologischen Mechanismen beschreiben (Wirth 2006a, 32). Maaz hingegen erklärt, dass ein gesundes Selbst „charakterlos“ ist. Er schreibt: „In jeder Lebenslage wird sich ein gesundes Selbst nach seinen Möglichkeiten zu verwirklichen trachten und dabei die Umweltfaktoren berücksichtigen – sich adäquat anpassen, sich durchsetzen und behaupten oder verhandeln und kämpfen, um die Bedingungen zu verändern. Das gestörte Selbst entwickelt einen „Charakter“, der helfen soll, die Defizite des Selbst und die vollzogenen Entfremdungen zu beschützen und sich charakterlich festgelegt immer so zu verhalten, dass die Störung des Selbst möglichst nicht schmerzt“ (Maaz 2013, 18). Auch Hartmann misst dem Konzept des Charakters[3] eine bedeutende Rolle bei der Analyse von Persönlichkeiten zu. Der Charakter einer Person ließe sich ferner durch sogenannte „Persönlichkeitsmerkmale“ bestimmen (Hartmann 2007, 29-30). Ein narzisstischer Charakter würde dementsprechend pathologisch narzisstische Persönlichkeitsmerkmale aufweisen.

Laut dem Standardwerk der Psychiatrie, dem Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-IV-TR), lassen sich die grundlegenden Persönlichkeitsmerkmale einer Narzisstischen Persönlichkeitsstörung wie folgt zusammenfassen (Faust 2012, 20-21; Akhtar 2006, 248-249):

- Die Person hat ein grandioses Gefühl der eigenen Wichtigkeit.
- Die Person ist stark eingenommen von Fantasien des Erfolges und der Macht.
- Die Person glaubt von sich „besonders“ und einzigartig zu sein.
- Die Person verlangt ständig nach Bewunderung.
- Die Person legt ein Anspruchsdenken an den Tag, d.h. übertriebene Erwartungen.
- Die Person ist in zwischenmenschlichen Beziehungen ausbeuterisch.
- Die Person zeigt ein Mangel an Empathie.
- Die Person ist häufig neidisch.
- Die Person zeigt arrogante Verhaltensweisen.

Auch die International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems (ICD-10), welches von der Weltgesundheitsorganisation herausgegeben wird, schließt sich dieser Merkmale gänzlich an (Hartmann 2006, 19). Salman Akhtar ergänzt die Merkmale der DSM-IV-TR und ICD-10 um den Hinweis, dass die narzisstische Persönlichkeit zwar „nach außen grandios, verächtlich gegenüber anderen, erfolgreich, enthusiastisch in Bezug auf Ideologien, verführend und oftmals auffällig artikuliert“ wirkt, „innerlich allerdings ist sie von Zweifeln geplagt, neidisch, gelangweilt, unfähig zu echten Sublimierungen, unfähig zu lieben, korrumpierbar, vergesslich und in ihrer Lernfähigkeit beeinträchtigt“ (Akhtar zitiert nach Schröder 2005, 67). Den kompensatorischen Charakter dieser Persönlichkeitsmerkmale, die lediglich der Verschleierung des vermeintlichen Makels und Minderwertigkeit dienen, hebt auch Maaz besonders hervor (Maaz 2013, 94).

Bei diesen Merkmalen, die lediglich als eine Orientierung dienen sollen (Schneider zitiert nach Schröder 2005, 57), gilt es zu bedenken, dass eine Persönlichkeit nur „die Summe aller psychischen Eigenschaften und Verhaltensbereitschaften, die dem einzelnen seine eigentümliche, unverwechselbare Individualität verleihen“, sein kann (Peters zitiert nach Schröder 2005, 53). Kurt Schneider (1887-1967) schrieb hierzu: „[Persönlichkeits-] Typen sind erste und im Hinblick auf das Individuelle stets grobe Orientierungspunkte von grundsätzlicher Einseitigkeit“ (Schneider zitiert nach Schröder 2005, 58). Es soll daher bereits an dieser Stelle betont werden, dass die in Kapitel 3 gefundenen Untersuchungsergebnisse nur durch eine äußere Beobachtung zu Stande gekommen sind und somit nur als indirekte Hinweise, jedoch nicht als abschließenden Beurteilung über die Psyche von Personen betrachtet werden können. Die seelische Gesundheit von Personen kann letztendlich nur ein Psychotherapeut beurteilen. Des Weiteren sollten die Personen, denen ich auf Grund meiner Untersuchungsergebnisse eine narzisstische Persönlichkeit unterstelle, weder dämonisiert werden, was laut Wirth gar einer umgekehrten Idealisierung gleich kommen würde (Wirth 2006a, 19), noch das negative Bild des Narzissmus (Wirth 2006a, 24) auf sie übertragen werden.

[...]


[1] George Orwell hieß gebürtig Eric Arthur Blair

[2] Zur Erklärung des Begriffes „Narzisstische Abwehr“ siehe Kapitel 2.1.

[3] Die Begriffe „Charakter“ und „Persönlichkeit“ werden in dieser Abschlussarbeit synonym verwendet.

Details

Seiten
33
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656453413
ISBN (Buch)
9783656454205
Dateigröße
822 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v229853
Institution / Hochschule
Universität Mannheim – Lehrstuhl für Politische Wissenschaft und International Vergleichende Sozialforschung
Note
2,7
Schlagworte
narzissmus politik warum anteil persönlichkeiten bundesregierungen

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Titel: Narzissmus und Politik