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Die Entstehung der 'novela testimonio' durch Miguel Barnet

Seminararbeit 2008 17 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Der Inhalt des Buches
1.2 Der Autor

2. Die Entwicklung der Testimonio- Literatur

3. Die novela testimonio Miguel Barnet
3.1 Die novela testimonio in Canción de Rachel
3.2 Rachel im Vergleich zu Barnets Cimarrón und Gallego

4. FAZIT

5. LITERATURVERZEICHNIS17

1. Einleitung

Der Begriff testimonio bedeutet soviel wie Zeugnis. Es kann auch mit dem Terminus ‚Dokumentarliteratur‘ oder ‚literarisierte Augenzeugenberichte‘ ins Deutsche übertragen werden. Beide liefern nicht nur Stoff für literaturwissenschaftliche Analysen, sondern auch eine Basis, sich mit Ideologie und Politik des vorrevolutionären Kuba und des heutigen sozialistischen Alltag zu befassen. Meistens handeln sie von Elend, Unterdrückung und Ausbeutung bis hin zu Armut und sozialen Konflikten. Das Individuum in dem erzählten Testimonio steht für eine Gruppe von Menschen, meist handelt es sich dabei um eine Randgruppe, welche sich in der gleichen Situation befindet wie die Person, von der erzählt wird bzw. die ihre eigene Geschichte dem Autor erzählt.

Die novela testimonio ist somit eine Mischung zwischen Roman und Testimonio – ein zeugnisgebender Roman – wobei die Grenzen meist nicht ersichtlich sind. Der Hauptvertreter dieser Literaturgattung ist ohne Zweifel Miguel Barnet. 1969 veröffentlichte er den Artikel La novela testimonio: socia- literatura, der fast ein Jahrzehnt das Werk war, welches das Phänomen Testimonio so nah untersucht hatte. Da diese Arbeit so früh geschrieben wurde, fehlt ihr der Bezug auf das Ende der 70er Jahre, als die Verbreitung der Testimonio- Literatur begann. Barnet versucht lediglich anhand seiner Testimonios Biographía de un cimarron und Canción de Rachel seine Vorstellungen von dieser Gattung darzulegen.

Durch seine Trilogie Cimarron – Rachel – Gallego (1966-1981) hat er unter Beweis gestellt, dass diese Art von Literatur keinesfalls nur als soziologische Dokumente oder als Dokumentar- Realismus für ungebildete literarische Kreise gelten darf, nur weil sie auf Zeugenaussagen zurückgehen und von dem Autor nur neu bearbeitet werden.[1]

In dieser Arbeit geht es primär darum das Phänomen der novela testimonio in Barnets zweitem Werk Canción de Rachel zu beschreiben. Nach einer kurzen Einführung in den Inhalt des Buches und zu den Gründen, weshalb Barnet mit dieser Art von Schreiben begann, wird danach über die Entwicklung des Testimonios geschrieben. Im Mittelpunkt der Arbeit steht jedoch, wie Miguel Barnet die novela testimonio beschreibt und welche Spuren sie in Rachel hinterlässt. Am Ende werden Barnets übrige wichtige Werke dieses Genres in ihren wichtigsten Punkten beschrieben und gegebenenfalls mit Rachel verglichen.

Am Ende wird noch die Frage geklärt werden, inwieweit es sich bei Rachel um einen Roman bzw. Literatur handelt.

1.1 Der Inhalt des Buches

Miguel Barnets zweites Werk La canción de Rachel spielt sich in der Vergnügungswelt Havannas zu Beginn des 20. Jahrhunderts ab. Die Hauptperson ist Rachel, eine Tänzerin des Alhambra-Revuetheaters in Havanna. Sie wird von Barnet als Filter des gesellschaftlichen und politischen Lebens benutzt.[2] Rachel ist keineswegs rebellisch, sondern gehört vielmehr zu der weißen Mittelschicht, die sich durchaus auch prostituiert, was auf sie selbst ebenfalls zuzutreffen scheint.

Rachel wurde 1888 geboren und obwohl sie europäische Eltern hat, fühlt sie sich als Kubanerin. Ihre Mutter ist eine Hure und so lernt die Tochter dieses Milieu schon im frühen Kindesalter kennen; aufgrund dessen ist ihr späteres sexuelles Leben nicht verwunderlich. Mit dreizehn Jahren verlässt sie die Schule und kommt durch einen Bekannten in ein heruntergekommenes Theater namens Tívoli. Dort lernt sie ihre große Liebe kennen – Eusebio, der jedoch eines Tages Selbstmord begeht und Rachel ist daraufhin am Boden zerstört, da einige Leute ihr die Schuld an seinem Tod geben. Mit zwanzig Jahren verlässt die Tänzerin Tívoli und begibt sich auf eine Reise durch Europa. Bei ihrer Rückkehr in Havanna hat sie, durch die lange Reise und einige Männerbekanntschaften, den Selbstmord ihres Freundes weitgehend verkraftet. Rachel lernt Adolfo kennen, der ihr Freund und besonders ihr Gönner wird, von dem sie sich aushalten lässt und für den sie die große Schauspielerin ist. Durch Alfonso kommt sie zum Zirkus und fängt eine Beziehung mit dem Direktor an. Sie selbst sagt dazu:

La diferencia de edad es un estimulante para el amor. Una es la amada y el vejete

paga y aguanta, y si no aguanta se le da un puntapié y ya. Me encanta eso, por mi

orgullo de hembra. Pero a la vez me molesta. Sobre todo en la hora cumber, la hora

de demostrar la pasión. No es lo mismo un jovencito que un viejo.[3]

Diese Aussage zeigt ganz deutlich, dass Rachel nur an dem Geld der älteren Männer interessiert ist und sich von ihnen aushalten lassen möchte. Als es 1912 zu einem Aufstand durch Farbige kommt, verlässt der Zirkus die Stadt, doch der Alte bleibt trotzdem bei Rachel, obwohl diese erneut anfängt, sich mit Adolfo zu treffen. Eine Weile lässt sie sich von beiden Männern aushalten, bis sie die ‚Beziehung‘ zu dem Direktor beendet. Einige Jahre später kommt sie durch einen Bekannten, Frederico, in das Alhambra, ein Revuetheater in Havanna, dort wird sie zum Star und gleichzeitig ist dies auch die letzte Station ihrer Karriere. Nach vielen Jahren wird das Theater geschlossen, nachdem es einem Anschlag zum Opfer fiel, da die Diktatur ein Theater mit ,Maulkorb‘ fordert. Sie verlässt also Theater und Mann und versucht sich beim Film, bei dem sie jedoch keinen Erfolg hat.

1.2 Der Autor

Miguel Barnet Lanza wurde am 28. Januar 1940 in Havanna geboren und ist ein kubanischer Schriftsteller und Ethnologe. Er studierte Sozialwissenschaften an der Universität Havanna und nahm Unterricht in Folklore und Ethnologie. Danach forschte er am ethnologischen Institut und war Schüler des Anthropologen Fernando Ortíz Farnández.

Barnet interessierte sich schon immer für Abenteuerromane, Biographien usw., besonders für die Erinnerungen der Sklaven. Er liebte schon früh alles, was mit der Vergangenheit zu tun hatte und kam so zu völker- und volkskundlichen Studien. Dringend wollte er die gesellschaftlichen Verhältnisse Kubas verstehen. Als ihm Juan Pérez Jolote von Pozas in die Hände fiel, war er sehr beeindruckt von dessen Erzählstil, und die soziologische Effektivität weckten das Interesse in ihm, mit Esteban Montejo in Pozas‘ Fußstapfen zu treten. Er begann über den zeugnisgebenden Roman nachzudenken, da er sich weigerte einen Roman zu schreiben. Er wollte erzählende ethnologische Prosa s chreiben. Rachel begegnete er in vielen Revuestars „ y sobre todo en la psicología de mucha mujer cubana“[4]. Für Barnet war die Figur der Rachel in seiner Sehnsucht nach der Vergangenheit schon immer da. Er wollte sein Land verstehen.

[...]


[1] Vgl. Links 1992: 89

[2] Vgl. Links 1992: 94

[3] Barnet 1979: 49

[4] Barnet 1979: 144

Details

Seiten
17
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656453048
ISBN (Buch)
9783656453789
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v229907
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,7
Schlagworte
entstehung miguel barnet

Autor

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