Lade Inhalt...

Die retrospektive Technik in Ibsen Drama „Et dukkehjem“

Hausarbeit 2012 12 Seiten

Skandinavistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition

3. Handlungsverlauf
3.1 Integration der Vorgeschichte
3.2 Beginn der Handlung
3.3 Auswirkung der Vergangenheit auf den Dramenverlauf

4. Auswirkungen auf die Hauptcharaktere
4.1 Nora
4.2 Torvald

5. Funktion der Vorgeschichte

6. Verknüpfung von Vergangenheit und Gegenwart

7. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Henrik Ibsen zählt zu den bedeutendsten Dramatikern, der weit über die Grenzen Nor- wegens hinaus bekannt ist und dessen Werk auch heute noch nachwirkt. Seine zahlrei- chen Dramen sind weltweit publik und werden noch immer regelmäßig aufgeführt. In dieser Hausarbeit befasse ich mich mit Ibsens Drama „Et dukkehjem“, das 1879 in sei- ner letzten Schaffensperiode entstand. Das erste Bühnenwerk dieser Schaffensperiode war „Samfundets støtter“, das im Jahr 1877 erschien, das letzte war „Naar vi døde vågner“ aus dem Jahr 1899. Sein letzter Schaffensabschnitt umfasst somit 22 Jahre, in der er ins- gesamt zwölf Dramen schrieb, die allesamt dem Realismus zuzuordnen sind und die sich unter dem Begriff „Gesellschaftsdramen“ zusammenfassen lassen. Eine andere Gemein- samkeit ist, dass Ibsen in all diesen Dramen die sogenannte retrospektive Technik an- gewandt hat.

Und genau diese Dramentechnik möchte ich in dieser Arbeit am Beispiel von „Et dukke- hjem“ genauer untersuchen. Henrik Ibsen bedient sich dabei der dramatischen Vergan- genheit, er erweitert also das Bühnengeschehen, indem er ein bereits abgeschlossenes Ereignis in das aktuelle Geschehen einbezieht und lässt seine Figuren davon berichten. Damit umgeht er die Grenzen, die ihm sonst „die zeitlich und technisch beschränkte Theatervorstellung“ setzt und muss das aktuelle Geschehen auf der Bühne nicht lücken- los begründen.1

In meiner Arbeit möchte ich zunächst den Begriff der retrospektiven Technik, bezie- hungsweise des analytischen Dramas, kurz definieren. Danach beschäftige ich mich mit dem Handlungsaufbau und dem Einfluss, den die Vorgeschichte auf den Verlauf des Dramas und die Hauptcharaktere hat. Ein wichtiges Kapitel ist auch die Funktion der Vorgeschichte. Darin soll geklärt werden, was das Einbeziehen der Vergangenheit in den Dramenverlauf so bedeutend macht. Im letzten Kapitel möchte ich darlegen, auf welche Weise die Vergangenheit mit der Gegenwart verknüpft ist, bevor ich am Ende meine Er- gebnisse kurz zusammenfasse.

2. Definition

D s r „retrospektiv“ leitet sich aus dem Lateinischen ab und bedeutet „rückblickend“ oder „zurückschauend“. Im Zusammenhang mit der Dramenform ist damit das Zurück- blicken auf die Vergangenheit gemeint. Der Begr ff „retrospektive Technik“ wird daher synonym für das Analytische Drama und die analytische Dramentechnik verwendet. In dieser Art des Dramas wird ein wichtiges ungeklärtes Ereignis aus der Vergangenheit enthüllt. Diese Aufdeckung und die daraus resultierende Problematik stehen im Zen- trum der gesamten Handlung.2 Dadurch entstehen zwei Handlungsebenen: Zum einen die Vorgeschichte, in der ein wichtiges Ereignis passiert, dessen Folgen bis in die Ge- genwart reichen und zum anderen die Gegenwart, also das unmittelbare Bühnengesche- hen, in der die Vorgeschichte aufgedeckt wird.

Seinen Ursprung hat die analytische Technik schon in der Antike, wie auch ein Brief von F. Schiller an J.W. Goethe zeigt: „Der Oe† ’us s gle hs m ur e e r g s he A l s s. Alles s s h † u † es r† ur her usge kel .“3 Aristoteles war also der erste Dramatiker, der die analytische Technik in einem seiner Dramen verwendete, Schiller allerdings war derjenige, der den Begriff mittels dieser Briefstelle prägte.

3. Handlungsverlauf

3.1 Integration der Vorgeschichte

Bereits im ersten Akt des Dramas tritt Christine Linde auf, eine alte Freundin Noras. Die beiden haben sich schon seit vielen Jahren nicht mehr gesehen. Sie beginnen ein Ge- spräch und erzählen sich gegenseitig, wie es ihnen in den letzten Jahren ergangen ist. Dabei kommt Nora auch auf Helmers schwere Krankheit und die Reise, die sie zu seiner Genesung unternahmen, zu sprechen. Zunächst behauptet sie aber, sie hätten das Geld von ihrem Vater bekommen: „J , jeg skal sige dig, vi fik dem nu af pappa.“4 Erst im Laufe des Gesprächs verrät sie Christine, dass sie diejenige war, die das Geld besorgt hatte: „ ’’ g v s kke e sk ll g. De v r m g, s m sk ffe† ’e ge e lveje.“5 Noch möchte Nora aber nicht preisgeben, woher die Geldsumme stammte. Diese Heimlichtuerei macht Frau Linde neugierig und sie hakt weiter nach: Sie findet heraus, dass Nora sich heimlich Geld geliehen hat und immer noch damit beschäftigt ist, die Schulden in monat- lichen Raten abzubezahlen. Als sie das Haus der Helmers verlässt, weiß sie aber noch nicht, wer es ist, der Nora das Geld geliehen hat. Das findet sie erst bei einem erneuten Besuch heraus.

Der Leser allerdings wird schon früher davon und von Noras Bürgschaftsfälschung in Kenntnis gesetzt: Bei einem Gespräch zwischen Nora Helmer und dem Rechtsanwalt Nils Krogstad erfährt er, dass es der Anwalt war, der Nora das Geld geliehen hat. Als die- ser gefeuert werden soll, beginnt er Nora mittels des Schuldscheins zu erpressen, damit sie sich für ihn einsetzt und ihm hilft, seine Stelle zu behalten. Dafür entlockt er Nora zuerst einmal das Geständnis, dass sie die Unterschrift ihres Vaters auf dem Schuld- schein tatsächlich gefälscht hat: „Nej, det er ikke. Det er mig, som har skrevet pappas navn.“6 Bereits nach dem ersten Akt ist der Leser über alle wichtigen Punkte der Vorge- schichte im Bilde.

D rek œu Beg †es Dr m s u he ls œ e „F gure v uße “7, „e e h r k er s- s he F gure r †er re r s’ek ve Dr me “8, auf. Frau Linde hat Nora seit vielen Jahren nicht gesehen und gibt ihr einen Anlass zum Erzählen des vergangenen Ereignisses. S e s † e „Ver r ue sf gur“9, Kr gs † † gege verkör’er † e „M sserf gur“10. Ihr beider Auftreten sorgt dafür, dass die Vergangenheit wieder an Bedeutung gewinnt und eine zentrale Rolle im Drama einnimmt.

Ibsen verzichtet in seinem Drama gänzlich auf Monologe. Er wählt stattdessen Dialoge in einer klaren und präzisen Alltagssprache. „Je†es eue Ges’rä h ffe b r be gle hœei- tiger Steigerung der dramatischen Spannung ein weiteres Detail aus der Vergangenheit †er h †el †e ers e [ǥȐ.“[11] Somit wird die Vergangenheit von Anfang an in die gegenwärtige Handlung eingebunden, die aktuellen Geschehnisse werden nicht unter- brochen oder verlangsamt, viel mehr wird die dramatische Spannung erhöht.

[...]


1 Vgl. Ryszard K. Nitschke: Studien zur retrospektiven Technik bei Henrik Ibsen. œ †

Naukowe Uniwersytetu 1971, S. 4.

2 Vgl. Rose Schäfer-Maulbetsch: Analytisches Drama. In: Metzler Literatur-Lexikon. Hg. von Günther und Irmgard Schweikle. Stuttgart: Metzler 1990, S. 13.

3 Friedrich Schiller: Brief an Goethe vom 02.10.1797. In: Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe in den Jahren 1794 bis 1805. Hg. von Manfred Beetz. München: Hanser 1990, S. 430.

4 Henrik Ibsen: Samfundets støtter, Et dukkehjem, Gengangere, En folkefiende. Oslo: Aschehoug 2008, S. 229.

5 Ebd. S. 235.

6 Henrik Ibsen: Samfundets støtter, Et dukkehjem, Gengangere, En folkefiende. Oslo: Aschehoug 2008, S. 265.

7 Ryszard K. Nitschke: Studien zur retrospektiven Technik bei Henrik Ibsen. œ † u-

kowe Uniwersytetu 1971, S. 73.

8 Ebd.

9 Ebd.

10 Ebd.

11 Horst Bien: Henrik Ibsen Realismus. Zur Genesis und Methode des kritisch-realistischen Dramas. Berlin: Rütten & Loening 1970, S. 161.

Details

Seiten
12
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656461371
ISBN (Buch)
9783656461647
Dateigröße
938 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v229944
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,7
Schlagworte
Ibsen Et dukkehjem retrospektive Technik
Zurück

Titel: Die retrospektive Technik in Ibsen Drama „Et dukkehjem“