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Antikenrezeption vor dem Hintergrund des Medienwechsels im 15. Jahrhundert

Bachelorarbeit 2011 43 Seiten

Buchwissenschaft

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Thema, Forschungsumfeld und Fragestellung der Untersuchung

2 Antikenrezeption und medienhistorischer Kontext
2.1 Antikenrezeption in der Epoche der Renaissance
2.2 Der Medienwechsel von der Handschrift zum gedruckten Buch

3 Die „Epistulae“ des Plinius und ihre Rezeption vor dem Hintergrund des Medienwechsels
3.1 Handschriftenüberlieferung und Übergang zum Buchdruck bei Plinius
3.2 Buchausgaben und Verbreitung der „Epistulae“
3.3 Überlieferungsgeschichtliche Auswirkungen des Medienwechsels

4 Die Bedeutung des Medienwechsels für die Rezeption der „Epistulae“ von Plinius – ein Fazit

5 Literaturverzeichnis
5.1 Quellen
5.2 Forschungsliteratur
5.3 Elektronische Ressourcen

6 Anhang

1 Thema, Forschungsumfeld und Fragestellung der Untersuchung

Denkt man in der heutigen Zeit an Vulkanausbrüche, so fallen einem als erstes die Vulkane Eyjafjallajökull und Grímsvötn auf Island ein, die im Jahr 2010 beziehungsweise 2011 ausbrachen und den Flugverkehr über Europa erheblich beeinträchtigten. Vulkanausbrüche sind jedoch nicht erst ein Phänomen des neuzeitlichen Klimawandels, sondern bereits für die Antike belegt. Einer der größten Vulkanausbrüche war der Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79 n. Chr. Er verursachte den Untergang der antiken Städte Pompeji, Herculaneum und Stabiae und konservierte sie zugleich, so dass diese Städte seit ihrer Wiederentdeckung bis heute zu den bedeutendsten Grabungsstätten der Archäologie geworden sind und aufschlussreiches Material zur Erforschung und Rekonstruktion der Antike liefern.

Eine wichtige, zeitgenössische Quelle, die den Vesuvausbruch als Augenzeugenbericht beschreibt, sind Plinius‘ Episteln 6,16 und 6,20, die an den römischen Historiker Tacitus gerichtet sind.[1] Diese Briefe beschreiben nicht nur den Ausbruch des Vulkans, sondern auch Reaktion und Verhalten der Zeitgenossen auf diese Naturkatastrophe, insbesondere diejenige seines Onkels, Plinius maior. Plinius der Ältere verstarb bei diesem Ereignis, da er sich direkt in das Katastrophengebiet hinein begab, um Bekannte zu retten.

Im Zentrum dieser Bachelorarbeit soll allerdings nicht antike Vulkanologie stehen, sondern vielmehr die Antikenrezeption der Frühen Neuzeit, exemplarisch dargestellt an demjenigen Autor, der über den Vulkanausbruch berichtete: Plinius minor.

Caius Plinius Caecilius Secundus (61/62 n. Chr. bis 113/114 n. Chr.) hatte im Verlauf seines Lebens zahlreiche politische Ämter inne: er war Quästor, Tribunus plebis, Praetor und wurde schließlich in den Kreis der Auguren aufgenommen.[2] Durch seine politische Tätigkeit stand er in engem Kontakt mit Kaiser Trajan. Neben seiner politischen Karriere war er ebenso als Schriftsteller tätig. Von ihm ist heute eine Briefsammlung von zehn Büchern, die „Epistulae“, und eine Lobrede auf Kaiser Trajan, der Panegyricus, überliefert. Die vorliegende Arbeit bezieht sich allerdings lediglich auf die „Epistulae“, die heute in der bereits zitierten, maßgeblichen, kritischen Ausgabe von Mynors vorliegen.

Plinius ist ein antiker Autor, den man umgangssprachlich als Autor aus der „zweiten Reihe“ bezeichnen könnte. Seine Briefe treten im Vergleich zu der Briefsammlung Ciceros zurück. Tatsächlich wurden Ciceros Briefe sogar zum Vorbild für Plinius und auch in der Rezeptionsgeschichte spielt Cicero eine wesentlich größere Rolle. Es ist bezeichnend, dass der erste gedruckte Text der klassischen Antike ein Werk Ciceros war, nämlich das philosophische Werk De officiis, gedruckt 1465. Nach Füssel gehören die Werke Ciceros zu den am häufigsten gedruckten Texten antiker Autoren.[3] Plinius erhält zu keinem Zeitpunkt den Status eines Cicero. Er ist zwar ein wichtiger antiker Autor, aber keiner von allererstem Rang. Gerade dies macht ihn für eine im weitesten Sinne rezeptionsgeschichtliche Untersuchung interessant. Die vorliegende Arbeit widmet sich daher der Überlieferungsgeschichte eines Autors, der nicht von Beginn an als „Klassiker“ galt, sondern der im Verlauf der Geschichte erst neu wahrgenommen wurde.

Die publizierte, zum Teil auch ältere Literatur zu Plinius ist umfangreich und differenziert. Bereits im 18. Jahrhundert lagen eigenständige Untersuchungen und kommentierte Briefausgaben vor,[4] die mehrfach rezensiert wurden.[5] Die in den folgenden Jahrzehnten publizierte Fachliteratur behandelt zahlreiche Aspekte des Werkes von Plinius. Genannt seien hier nur Merrills Aufsätze zu Beginn des 20. Jahrhunderts, beispielsweise die bereits 1910 beziehungsweise 1915 erschienenen Untersuchungen zur Überlieferungsgeschichte,[6] Lefèvres umfangreiche „Plinius-Studien“ etwa zur Römische Baugesinnung und Landschaftsauffassung in den Villenbriefen[7] oder zur Villa als geistiger Lebensraum,[8] sowie Detailuntersuchungen etwa zum Verhältnis des Ambrosius von Mailand[9] oder Rudolph Agricola[10] zu Plinius. Allerdings spielen Fragen der Mediengeschichte, insbesondere der Bedeutung des Medienwechsels im 15. Jahrhundert für Plinius darin keine vorrangige Rolle.

Die vorliegende Arbeit bezieht aus diesem Grund auch Literatur mit ein, die Anknüpfungspunkte für eine solche Fragestellung bietet. Neben dem bereits genannten, überblicksartigen Artikel von Krasser ist hierbei vor allem Pauschs Artikel Plinius Caecilius Secundus, Caius (Plinius der Jüngere) im zweiten Supplementband des Neuen Paulys zu nennen.[11] Pausch verfolgt ein ähnliches Interesse wie die vorliegende Arbeit, da er sich ebenso mit der Überlieferungsgeschichte der „Epistulae“ befasst. In seinem Artikel gibt er eine tabellarische Übersicht über die Handschriften, frühe und neuere Editionen, Übersetzungen und Kommentare von Plinius‘ Werk. Allerdings ist seine Liste nicht auf Vollständigkeit angelegt. So umfasst seine Übersicht nur die frühen Editionen bis zur ersten vollständigen Druckausgabe oder Erstausgaben von Übersetzungen. Pausch bietet aber für die vorliegende Arbeit einen wichtigen Anhaltspunkt, so dass im Folgenden, insbesondere im Kapitel „3.2 Buchausgaben und Verbreitung der ‚Epistulae‘“ häufig auf ihn zurückgegriffen wird. Seine Ergebnisse sollen im Rahmen dieser Arbeit erweitert werden.

Neben der Literatur zu Plinius berücksichtigt die vorliegende Arbeit auch allgemeine Literatur, die sich der Antikenrezeption sowie dem Phänomen des Medienwechsels im 15. Jahrhundert und seinen Auswirkungen auf die Überlieferungssituation antiker Literatur widmet.

Der Medienwandel in seiner Bedeutung für die Überlieferung der antiken Literatur wird besonders prägnant in Mazals vierbändiger Untersuchung Die Überlieferung der antiken Literatur im Buchdruck des 15. Jahrhunderts herausgearbeitet.[12] Die Bände sind nach griechischer (Band 1), lateinischer (Band 2 und 3) sowie jüdischer und christlicher Literatur (Band 4) der Antike im Inkunabeldruck gegliedert. Innerhalb der Bände nimmt Mazal eine Aufteilung nach Gattungen vor. Im dritten Band erwähnt er unter dem Stichwort Die fachwissenschaftliche Literatur der Römer: Römische Rhetorik und Epistolographie auf den Seiten 669 bis 671 auch Plinius. Mazals umfangreiche Untersuchung ist daher in zweifacher Hinsicht für diese Arbeit von Bedeutung: einerseits gibt er im ersten Band einen allgemeinen und zugleich sehr anschaulichen Überblick über die Rezeptionsabläufe sowie die überlieferungsgeschichtlichen Hintergründe antiker Literatur in der Zeit vor 1500, so dass er auch bei dem einführenden Kapitel „2.2 Der Medienwechsel von der Handschrift zum gedruckten Buch“ herangezogen werden soll. Andererseits möchte die vorliegende Arbeit auch an Mazals konkreten Ausführungen zu Plinius anknüpfen und versuchen, sie zu erweitern. Aufgrund dieser doppelten Thematik ist er für die vorliegende Arbeit von großer Relevanz.

Ähnlich wie Mazal beschäftigt sich auch Heldmann mit der „Wiederentdeckung der antiken Literatur“.[13] In seinem Aufsatz zeichnet er den Prozess des Medienwechsels in Bezug auf die antike Literatur nach. Er macht deutlich, inwiefern der Medienwechsel zur Bewahrung antiker Literatur beigetragen hat und welche Formen der Zugänglichkeit er eröffnete. Heldmann zeigt zudem, in welcher Hinsicht sich die Arbeit mit dem Text durch den Buchdruck veränderte. Diese, von Heldmann in allgemeiner Perspektive formulierten Grundsätze, lassen sich am Beispiel der Plinius-Rezeption konkret nachvollziehen und belegen. Heldmanns Aufsatz enthält daher wichtige Ergebnisse und wird aus diesem Grund ebenfalls berücksichtigt. Zudem sollen auch die Arbeiten von Rüdiger und Widmann über Die Wiederentdeckung der antiken Literatur im Zeitalter der Renaissance[14] beziehungsweise Die Wirkung des Buchdrucks auf die humanistischen Zeitgenossen und Nachfahren des Erfinders[15] Eingang in diese Arbeit finden. Thematisch beschäftigen sie sich mit der gleichen Fragestellung wie Heldmann und beschreiben ebenso, wie der Medienwechsel die Wahrnehmung antiker Literatur verändert. So arbeitet etwa Rüdiger heraus, wie in der Epoche der Renaissance versucht wurde, einen ‚direkten‘ Kontakt mit der Antike herzustellen und wie in diesem Zusammenhang das Mittelalter bewertet wurde. Widmann verfolgt ein ähnliches Ziel und schildert detailliert die Bemühungen der Renaissancegelehrten, mittelalterliche Handschriften antiker Texte aufzufinden und wie dies von den Zeitgenossen beurteilt wurde. Sowohl Rüdigers als auch Widmanns Untersuchungen sind zwar in den Anfangsjahren einer eigenständigen Renaissanceforschung erschienen,[16] aber insbesondere Widmann scheint immer noch Gültigkeit zu besitzen. Aus diesem Grund sind sowohl Widmanns als auch Rüdigers Untersuchungen für die vorliegende Arbeit relevant. Sie machen allgemeine Prozesse deutlich, die konkret bei Plinius nachverfolgt werden können.

In jüngster Zeit hat Kiening nachdrücklich auf die Notwendigkeit einer medienhistorischen Betrachtungsweise in der Mediävistik und Frühneuzeitfoschung hingewiesen.[17] Seinem Konzept von ‚Medialität‘ liegt der Gedanke zugrunde, dass Medien mehr sind als neutrale Übermittler von Informationen, sondern dass sie für die Wahrnehmung von Texten und Inhalten sowie die Entstehung spezifischer Verstehenshorizonte konstitutiv sind.[18] Einen solchen Ansatz verfolgen auch Untersuchungen, die die Rolle der medialen Kulturträger in der Renaissance ins Zentrum der Untersuchung stellen und die medialen (Aus-)Wirkungen – wie im Fall von Gutenbergs Erfindung – herausarbeiten. Hierzu können beispielsweise die Monographien The Book in the Renaissance von Andrew Pettegree[19] und Gutenberg und seine Wirkung von Stephan Füssel gezählt werden.[20]

In Anlehnung an Kienings Verständnis von Medialität soll in der vorliegenden Arbeit der Wandel von der Schriftkultur Handschrift zur Schriftkultur Buchdruck für die Antikenrezeption deutlich gemacht werden.[21] In historischer Perspektive stehen damit zwei Medien im Fokus, deren Bedeutung für die Überlieferung und die Bewahrung traditioneller Kulturgüter bereits in ihren Epochen als konstitutiv betrachtet wurden. Auch Publikationen, die sich der Renaissance als einer neuen kulturellen Epoche nähern, sollen in dieser Arbeit berücksichtigt werden. Als Beispiel sei hier Peter Burkes Monographie Die europäische Renaissance genannt.[22] Burke untersucht die Epoche der Renaissance als Geschichte einer kulturellen Bewegung[23] und stellt die charakteristischen Entwicklungen in den Bereichen Gesellschaft, Kultur, Kunst und Literatur dar. In diesem Zusammenhang erläutert er zudem die Formen der Auseinandersetzung mit der antiken Tradition und ihren neuen Rahmenbedingungen durch den Buchdruck.

Unter dem spezifischen Blickwinkel der Frage nach der Rezeption der antiken Kultur in der Renaissance haben sowohl Bucks bereits genannte Monographie Die Rezeption der Antike in den romanischen Literaturen der Renaissance als auch der Ende der 70er Jahre gegründete Wolfenbütteler Arbeitskreis für Renaissanceforschung sich dieser Epoche gewidmet.[24] Die Vorträge des ersten Kongresses dieses Arbeitskreises aus dem Jahr 1978 zum Thema „Die Rezeption der Antike“ zeigen das breite Spektrum der dort behandelten Fragen. Insbesondere die Beiträge von Buck über die Antikenrezeption bei Dante und Petrarca[25] sowie Armstrongs Ausführungen zur Bedeutung des Buchdrucks[26] berühren sich mit den hier erörterten Fragen.

Unter der Frage nach der Materialität der literarischen Kommunikation nähert sich dagegen Müller der Epoche der Renaissance. Müller zeichnet in seinem Aufsatz Der Körper des Buchs[27] die kontroverse Diskussion über den Buchdruck und seine Folgen bei den Zeitgenossen nach. Er zeigt auf der einen Seite den Glauben an die durch den Buchdruck neu gewonnene Dauerhaftigkeit der Überlieferung und die nun erreichte große Verfügbarkeit antiker Texte. Auf der anderen Seite verdeutlicht er die vielfach formulierte Einstellung, der Buchdruck gefährde den traditionellen Zusammenhang von Text und Überlieferung. Materialität erhält somit in der Epoche der Renaissance eine neue Definition, die zumindest in ihrer Zeit nicht unumstritten gewesen ist.

Vor dem Hintergrund der geschilderten, insgesamt sehr differenzierten Forschungsliteratur kann die Fragestellung der vorliegenden Arbeit formuliert werden. Die erkenntnisleitenden Fragen, die die vorliegende Arbeit zu beantworten versucht, beschäftigen sich mit dem Phänomen des Medienwechsels durch Gutenberg und den damit verbundenen Auswirkungen auf die Rezeption von Plinius‘ „Epistulae“. Mazal formuliert folgendes Forschungsdesiderat: „Eine vollständige Betrachtung der Textgeschichte des 15. Jahrhunderts müßte stets die handschriftliche und die gedruckte Überlieferung nebeneinander vergleichen, was der Forschung sicher noch viele Aufgaben stellen würde.“[28] Angelehnt an Mazals Forderung sind Leitfragen dieser Arbeit: Welche Auswirkungen hat Gutenbergs Erfindung für die Antikenrezeption? In welcher Weise ändert sich die Wahrnehmung der Antike durch den Medienwechsel? Werden die antiken Werke durch den Medienwechsel lediglich in ein neues Gewand gebracht? – Jene Leitfragen können im Rahmen dieser Arbeit nicht im Sinne einer „vollständigen Betrachtung der Textgeschichte“, wie Mazal es fordert, beantwortet werden, sondern sollen exemplarisch an dem Werk „Epistulae“ des antiken Autors Plinius dem Jüngeren verdeutlicht werden. Die „Epistulae“ werden dabei jedoch nicht literaturgeschichtlich-hermeneutisch untersucht. Stattdessen stehen druckgeschichtliche und damit buchwissenschaftliche Fragen nach der Wirkung Gutenbergs auf die Rezeption der „Epistulae“ im Vordergrund. Dazu werden auch die Datenbanken Gesamtkatalog der Wiegendrucke (GW),[29] Verzeichnis der im deutschen Sprachbereich erschienenen Drucke des 16. Jahrhunderts (VD 16)[30] sowie die französischen und italienischen Pendants (Le Catalogue du Système Universitaire de Documentation (Sudoc)[31] und Census of Italian 16th Century Editions (EDIT 16)[32] ) unter dieser Fragestellung ausgewertet. Eine solche Untersuchung, die, ausgehend von der Antikenrezeption im allgemeinen, die Auswirkungen des Medienwechsels bei Plinius dem Jüngeren ins Zentrum stellt und auswertet, fehlt anscheinend bislang in der buchwissenschaftlichen, aber auch in der klassisch-philologischen Forschungsliteratur. Zur Schließung dieser Lücke versucht die vorliegende Arbeit einen Beitrag zu leisten.

2 Antikenrezeption und medienhistorischer Kontext

2.1 Antikenrezeption in der Epoche der Renaissance

Diejenige Epoche, in der die Rezeption antiker Literatur erstmals als kulturell prägend bezeichnet werden könnte, ist die Epoche der Renaissance. Als Epochenbegriff bezieht sich ‚Renaissance‘ auf den Zeitraum zwischen Mittelalter und Neuzeit und umfasst nach Burke die Jahre von 1330 bis 1630.[33] Im Unterschied zu dem den Zeitraum neutral umschreibenden Begriff ‚Frühe Neuzeit‘ bezeichnet ‚Renaissance‘ eine kulturelle Bewegung in Europa, deren Kennzeichen die Rückbesinnung auf Formen und Inhalte der griechisch-römischen Antike ist. Die dieser Rückbesinnung zugrunde liegende Geisteshaltung hat man als Humanismus bezeichnet.

In der Epoche der Renaissance wurden antike Kulturgüter „neuentdeckt“ und die Auseinandersetzung mit ihnen zur Grundlage der eigenen Arbeiten der Humanisten. Eine umfassende Antikenbegeisterung, das Aufspüren in Vergessenheit geratener Zeugnisse antiker Kultur sowie deren Erforschung und Aneignung können somit als wesentliche Charakteristika der Epoche gelten. In Auseinandersetzung mit den antiken Quellen wurde versucht, an die Antike anzuknüpfen, was durch den Medienwechsel von der Handschrift zum gedruckten Buch noch intensiviert wurde (siehe hierzu das nachfolgende Kapitel).

Mit der allgemeinen Begeisterung für die Antike verband sich zugleich eine Ablehnung des Mittelalters. Das Mittelalter sollte überwunden und ein unmittelbarer Kontakt zur Antike hergestellt werden. „Das sicherste Merkmal der neuen Wertsetzung“, so Rüdiger, „ist aber die bedingungslose Ablehnung des Mittelalters als Traditionsträger der Antike.“[34] Das Mittelalter wurde von den Humanisten als „finstere Zeit“ wahrgenommen, die nun zurückgelassen werden sollte. „Sie [=die Humanisten] definierten sich selbst geradezu im Kontrast zu einem Mittelalter, das sie in einem gewissen Sinne für diesen Zweck erfunden hatten.“[35] Zwar blieb die römische antike Literatur grundsätzlich auch im Mittelalter präsent,[36] doch setzte eine eingehendere Beschäftigung erst im 14. Jahrhundert ein. Diese Auseinandersetzung mit antiker Literatur nahm ihren Ursprung in Italien, insbesondere in Städten wie Rom, Mailand, Venedig und Florenz. Diese Städte bildeten die Zentren des Humanismus und beeinflussten die Verbreitung humanistischer Ideen auf andere Städte auch außerhalb Italiens. Italien wurde damit in der ersten Phase der Rezeption der Renaissance – also bis etwa 1490 – zum Zentrum und wichtigsten Ausgangspunkt kultureller Neuerungen, die sich über Italien hinaus verbreiteten und von den übrigen europäischen Ländern aufgenommen und rezipiert wurden. So schreibt Burke: „Wenn es um die Ausbreitung griechischer und römischer antiker Ideen und Formen ging, dann war die Rolle der Italiener besonders wichtig.“[37]

Ausgehend von Italien entwickelte sich die Beschäftigung mit der Antike daher schon bald zu einer länderübergreifenden und schließlich europaweiten Geisteshaltung, die zahlreiche Bereiche des kulturellen Lebens erfasste. So setzte man sich mit dem antiken Erbe nicht nur im Bereich der Literatur, sondern auch in der Archäologie, der Numismatik oder Kunst auseinander. Für die Art und Weise der Rezeption wählt Burke die Metapher eines Siebes, „das manches, aber nicht alles durchlässt. Was ausgewählt wird, muss der Kultur »kongruent« sein, in die das Ausgewählte eingebracht wird.“[38] Dieses allgemeine Bild verdeutlicht, dass auch in der Renaissance nicht alle antiken Kulturgüter gleichrangig behandelt wurden, sondern eine Auswahl entsprechend den zeitgenössischen Interessen getroffen worden ist.[39] Den Höhepunkt der Antikenrezeption bildete das späte 15. beziehungsweise frühe 16. Jahrhundert, die aus diesem Grund auch als „Hochrenaissance“ bezeichnet werden. Aufgrund der allmählichen Entwicklung kann man von verschiedenen Phasen sprechen, die durch unterschiedliche Intensität in der Auseinandersetzung mit der Antike gekennzeichnet sind. Eisenstein unterscheidet in ihrer Untersuchung zwischen zwei Phasen: die Zeit vor dem Buchdruck und die Zeit nach dem Buchdruck. Diese Unterscheidung orientiert sich an der veränderten Materialität der Kodizes, so dass Eisenstein mit dem Begriff der „Renaissance“ eine kulturelle Bewegung bezeichnet, „die von den italienischen Literaten und Künstlern im Handschriftenzeitalter angebahnt wurde und die sich im Zeitalter des Buchdrucks auf zahlreiche Regionen und Studiengebiete ausweitete.“[40]

[...]


[1] Plini Caecili Secundi, C.: Epistolarum Libri Decem. Hrsg. von Roger Aubrey Baskerville Mynors. Oxford: University Press 1963, Ep. 6,16 (S. 173–177) und Ep. 6,20 (S. 179–182).

[2] Zu Leben und Werk von Plinius siehe: Krasser, Helmut: Art. „P. Caecilius Secundus, C. (der Jüngere).“ In: Der Neue Pauly. Enzyklopädie der Antike. Bd. 9: Or–Poi. Hrsg. von Hubert Cancik und Helmuth Schneider. Stuttgart/ Weimar: Metzler Verlag 2000, Sp. 1141–1144.

[3] Füssel, Stephan: Gutenberg und seine Wirkung. Frankfurt am Main: Insel-Verlag 1999, S. 55.

[4] In den Zeitschriften des 18. Jahrhunderts finden sich zahlreiche Bezugnahmen auf Plinius. Allein die Datenbank „Retrospektive Digitalisierung wissenschaftlicher Rezensionsorgane und Literaturzeitschriften des 18. und 19. Jahrhunderts aus dem deutschen Sprachraum“ listet unter der Schlagwort- und Autorensuche nach „Plinius“ insgesamt 18 Beiträge auf (http://www.ub.uni-bielefeld.de/diglib/aufklaerung/suche.htm), deren bekannteste die Übersetzungen von Christoph Martin Wieland sein dürften. Die interessante Plinius-Rezeption im Spiegel der Zeitschriften des 18. Jahrhunderts kann hier jedoch nicht behandelt werden.

[5] Anonym: Rezension zu: Gierig, G.E.: Leben, moralischer Charakter und schriftstellerischer Werth des jüngern Plinius. In: Neue Allgemeine Deutsche Bibliothek. 1799, 48. Bd., 2. St., S. 479–482; Rs: Rezension zu: Schäfer, M.J.A.: Die Briefe des Plinius, übersetzt und mit Anmerkungen erläutert. 1. Bd. In: Neue Allgemeine Deutsche Bibliothek. 1802, 72. Bd., 1. St., S. 229–236 und Rs: Rezension zu: Schäfer, M.J.A.: Die Briefe des Plinius, übersetzt und mit Anmerkungen erläutert. 2. Bd. In: Neue Allgemeine Deutsche Bibliothek. 1803, 77. Bd., 2. St., S. 461–465.

[6] Merrill, Elmer Truesdell: On the Eight-Book Tradition of Pliny‘s Letters in Verona. In: Classical Philology. Apr. 1910, Bd. 5,2, S. 175–188 und Merrill, Elmer Truesdell: The Tradition of Pliny‘s Letters. In: Classical Philology. Jan. 1915, Bd. 10,1, S. 8–25.

[7] Lefèvre, Eckard: Plinius-Studien I: Römische Baugesinnung und Landschaftsauffassung in den Villenbriefen (2,17; 5,6). In: Gymnasium. Zeitschrift für Kultur der Antike und humanistische Bildung. 1977, Bd. 84, S. 519–541.

[8] Lefèvre, Eckard: Plinius-Studien III: Die Villa als geistiger Lebensraum (1,3; 1,24; 2,8; 6,31; 9,36). In: Gymnasium. Zeitschrift für Kultur der Antike und humanistische Bildung. 1987, Bd. 94, S. 245–262.

[9] Zelzer, Michaela: Ambrosius von Mailand und das Erbe der klassischen Tradition. In: Wiener Studien. Zeitschrift für Klassische Philologie. 1987, Bd. 100, S. 201–226 sowie Savon, Hervé: Saint Ambroise a–t-il imité le recueil de lettres de Pline le Jeune? In: Revue des Études Augustiennes, 1995, Bd. 41, S. 3–17.

[10] Römer, Franz: Agricolas Arbeit am Text des Tacitus und des Jüngeren Plinius. In: Rodolphus Agricola Phrisius 1444–1485. Proceedings of the International Conference at the University of Groningen, 28.–30. October 1985. Hrsg. von Fokke Akkermann u. Arie Johan Vanderjagt. Leiden: Brill 1988, S. 158–169.

[11] Pausch, Dennis: Art. „Plinius Caecilius Secundus, Caius (Plinius der Jüngere).“ In: Geschichte der antiken Texte. Autoren- und Werklexikon. Der Neue Pauly. Suppl. Bd. 2. Hrsg. von Manfred Landfester in Verbindung mit Brigitte Egger. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2007, S. 484–486.

[12] Mazal, Otto: Die Überlieferung der antiken Literatur im Buchdruck des 15. Jahrhunderts. Bd. 1–4. Bibliothek des Buchwesens Bd. 14. Stuttgart: Anton Hiersemann Verlag 2003.

[13] Heldmann, Georg: Von der Wiederentdeckung der antiken Literatur zu den Anfängen methodischer Textkritik. In: Einführung in die Überlieferungsgeschichte und die Textkritik der antiken Literatur. Bd. 2: Mittelalter und Neuzeit. Hrsg. von Egert Pöhlmann. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2003, S. 97–135.

[14] Rüdiger, Horst: Die Wiederentdeckung der antiken Literatur im Zeitalter der Renaissance. In: Die Textüberlieferung der antiken Literatur und der Bibel. Bd. 1: Antikes und mittelalterliches Buch- und Schriftwesen. Überlieferungsgeschichte der antiken Literatur. Hrsg. von Herbert Hunger, Otto Stegmüller (u.a.). Zürich: Atlantis Verlag 1961, S. 511–580.

[15] Widmann, Hans: Die Wirkung des Buchdrucks auf die humanistischen Zeitgenossen und Nachfahren des Erfinders. In: Das Verhältnis der Humanisten zum Buch. Hrsg. von Fritz Krafft und Dieter Wuttke. Kommission für Humanismusforschung: Mitteilung IV. Boppard: Harald Boldt Verlag 1977, S. 63–88.

[16] August Buck spricht in seiner 1976 erschienenen Untersuchung „Die Rezeption der Antike in den romanischen Literaturen der Renaissance“ einleitend davon, dass „die sich allmählich zu einer selbständigen Disziplin ausbildende Renaissanceforschung mit der Wirkungsgeschichte der antiken Literatur“ befasse: Buck, August: Die Rezeption der Antike in den romanischen Literaturen der Renaissance. Grundlagen der Romanistik Bd. 8. Berlin: Erich Schmidt Verlag 1976, S. 7.

[17] Kiening, Christian: Medialität in mediävistischer Perspektive. In: Poetica. Zeitschrift für Sprach- und Literaturwissenschaft. Bd. 39, 2007, S. 285–352.

[18] Ebenda: S. 346.

[19] Pettegree, Andrew: The Book in the Renaissance. New Haven [u.a.]: Yale University Press 2010.

[20] Füssel: Gutenberg und seine Wirkung.

[21] Die Mediävistik hat sich intensiv mit dem Thema Mündlichkeit/ Schriftlichkeit befasst, siehe hierzu: Medienwechsel. Erträge aus zwölf Jahren Forschung zum Thema ‘Mündlichkeit und Schriftlichkeit‘. ScriptOralia 13. Hrsg. von Wolfgang Raible. Tübingen: Gunter Narr Verlag 1998.

[22] Burke, Peter: Die europäische Renaissance. Zentren und Peripherien. München: C.H. Beck 2005.

[23] Ebenda: S. 13.

[24] Die Rezeption der Antike. Zum Problem der Kontinuität zwischen Mittelalter und Renaissance. Vorträge gehalten anläßlich des ersten Kongresses des Wolfenbütteler Arbeitskreises für Renaissanceforschung in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel vom 2. bis 5. September 1978. Wolfenbütteler Abhandlungen zur Renaissanceforschung Bd. 1. Hrsg. von August Buck. Hamburg: Dr. Ernst Hauswedell & Co 1981.

[25] Buck, August: Die antiken Autoren aus der Sicht Dantes und Petrarcas. In: Die Rezeption der Antike. Zum Problem der Kontinuität zwischen Mittelalter und Renaissance. Vorträge gehalten anläßlich des ersten Kongresses des Wolfenbütteler Arbeitskreises für Renaissanceforschung in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel vom 2. bis 5. September 1978. Wolfenbütteler Abhandlungen zur Renaissanceforschung Bd. 1. Hrsg. von August Buck. Hamburg: Dr. Ernst Hauswedell & Co 1981, S. 9–22.

[26] Armstrong, Elizabeth: Der Beitrag des Buchdrucks zur klassischen Tradition an Hand einiger englischer und französischer Beispiele. In: Die Rezeption der Antike. Zum Problem der Kontinuität zwischen Mittelalter und Renaissance. Vorträge gehalten anläßlich des ersten Kongresses des Wolfenbütteler Arbeitskreises für Renaissanceforschung in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel vom 2. bis 5. September 1978. Wolfenbütteler Abhandlungen zur Renaissanceforschung Bd. 1. Hrsg. von August Buck. Hamburg: Dr. Ernst Hauswedell & Co 1981, S. 225–235.

[27] Müller, Jan-Dirk: Der Körper des Buchs. Zum Medienwechsel zwischen Handschrift und Druck. In: Materialität der Kommunikation. Hrsg. von Hans Ulrich Gumbrecht und Karl Ludwig Pfeiffer. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1988, S. 203–217.

[28] Mazal: Die Überlieferung, Bd. 1, S. 5.

[29] http://gesamtkatalogderwiegendrucke.de/docs/PLINGAI1.htm [20.05.2013].

[30] https://opacplus.bib-bvb.de/InfoGuideClient.fasttestsis/refineSearch.do [20.05.2013].

[31] http://www.sudoc.abes.fr/xslt/DB=2.1/SET=1/TTL=1/REL?PPN=027076474 [20.05.2013].

[32] http://edit16.iccu.sbn.it/scripts/iccu_ext2.dll?fn=40&i=10213&fz=1 [20.05.2013].

[33] Zur Diskussion, welches Datum als Beginn der Renaissance zu sehen ist, siehe Burke: Die europäische Renaissance, S.37–40. Die vorliegende Darstellung folgt Burkes Ansatz, die Renaissance beginne mit Petrarca.

[34] Rüdiger: Die Wiederentdeckung, S. 537.

[35] Burke: Die europäischer Renaissance, S. 54.

[36] Zur Rezeption antiker Literatur siehe: Die Rezeption der antiken Literatur. Kulturhistorisches Werklexikon. Der Neue Pauly. Supplemente Bd. 7. Hrsg. von Christine Walde. Stuttgart: Metzler Verlag 2010.

[37] Burke: Die europäische Renaissance, S. 75.

[38] Ebenda: S. 22.

[39] Eine vertiefende Behandlung der Antikenrezeption in den Bereichen außerhalb der Literatur ist im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich.

[40] Eisenstein, Elizabeth L.: Die Druckerpresse. Kulturrevolutionen im frühen modernen Europa. Ästhetik und Naturwissenschaft: Medienkultur. Wien/ New York: Springer 1997, S. 132.

Details

Seiten
43
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656450528
ISBN (Buch)
9783656450986
Dateigröße
1.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v230056
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
Schlagworte
antikenrezeption hintergrund medienwechsels jahrhundert

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Titel: Antikenrezeption vor dem Hintergrund des Medienwechsels im 15. Jahrhundert