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Sprachentwicklung im Kindesalter

Hausarbeit 2012 23 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Theorien zur Sprachentwicklung
1.1 Inside-Out-Theorien
1.2 Outside-In-Theorien
1.3 Rational-konstruktivistische Theorien oder "radikale Mitte"

2 Voraussetzungen der Sprachentwicklung
2.1 Anatomische Voraussetzungen
2.2 Sensorische Voraussetzungen
2.3 Kognitive Voraussetzungen
2.4 Soziale Voraussetzungen

3 Der Verlauf der Sprachentwicklung im Kindesalter
3.1 Entwicklung des Sprachverständnisses
3.2 Phonologische Entwicklung
3.3 Semantisch-lexikalische Entwicklung
3.4 Grammatikerwerb
3.5 Entwicklung kommunikativ-pragmatischer Kompetenz

4 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Einleitung

"Das Menschlichste, was wir haben, ist doch die Sprache,

und wir haben sie, um zu sprechen."

- Theodor Fontane -

Am Anfang des Menschenlebens steht (noch) nicht das Wort, sondern der Schrei, den das neugeborene Kind, kurz nachdem es das Licht der Welt erblickt hat, ausstößt. Von dieser ersten Lautäußerung bis zur Produktion des ersten Wort vergeht in der Regel gerade einmal ein Jahr. Und allein in den nächsten vier Lebensjahren werden nochmal etwa 5000 Wörter hinzukommen. Betrachtet man ein Kind im Kindergartenalter, wie es mit anderen in Kontakt tritt, wie es spricht und kommuniziert, so kann man nur darüber staunen, welch großartige Leistung es offenbar in kürzester Zeit vollbracht hat, um das Menschlichste, wie Fontane es nennt, die Sprache zu erlangen. Es kann nicht nur Laute aussprechen, sinnvolle Wörter und Sätze bilden und in kommunikativer Weise gebrauchen, sondern auch grammatikalische Regeln anwenden. "Wüssten die Kinder über die Komplexität ihrer Erwerbsaufgabe, so würden sie ganz bestimmt gar nicht erst damit anfangen" (Tracy 1991, zit. n. Kannengieser 2009, S. 6), behauptet die Linguistin Rosemarie Tracy scherzhaft. Und doch tun sie es, mitunter früher oder später, im Verlauf der Kindheit, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind.

Mit der vorliegenden Arbeit soll ein Überblick zum Verlauf der Sprachentwicklung aus entwicklungspsychologischer Sicht gegeben werden, wobei der Fokus auf das (frühe) Kindesalter als Hauptphase des Spracherwerbs gelegt wird. Um zu verstehen, wie dem Kind diese komplexe Entwicklungsaufgabe gelingt, werden im ersten Gliederungspunkt zunächst einige theoretische Erklärungsversuche der Sprachentwicklung vorgestellt. Anschließend sollen einige wesentliche Voraussetzungen und Bedingungen betrachtet werden, die für eine gelingende Aneignung von Sprache erforderlich erscheinen. Der Hauptteil der Arbeit widmet sich dann dem konkreten Verlauf der kindlichen Sprachentwicklung unter Berücksichtigung einzelner Bereiche der Sprache, die dabei erworben werden müssen. In einem abschließenden Resümee sollen die zentralen Erkenntnisse zusammengefasst und ein kurzer Ausblick auf offene Aspekte der Thematik gegeben werden.

1 Theorien zur Sprachentwicklung

Sprachentwicklungstheorien versuchen mögliche Erklärungen dafür zu geben, wie es dem Kind gelingt, sich das komplexe System der Sprache anzueignen, und welche Mechanismen dazu notwendig sind. Bis heute existiert diesbezüglich keine übergeordnete Theorie, sondern verschiedene einzelne Ansätze, die sich dahingehend unterscheiden, welche Rolle jeweils angeborene sprachspezifische Voraussetzungen, allgemeine kognitive Fähigkeiten und die sprachliche Umwelt beim Spracherwerb spielen (vgl. Oerter/Montada 2008, S. 522). Nach Nußbeck lassen sich grundsätzlich drei große Gruppen von Theorien der Sprachentwicklung unterscheiden, auf die im Folgenden kurz eingegangen werden soll: 1. Inside-out-Theorien, 2. Outside-in-Theorien und 3. rational-konstruktivistische Theorien oder "radikale Mitte" (vgl. Nußbeck 2007, S. 13).

1.1 Inside-Out-Theorien

Inside-Out-Theorien gehen davon aus, dass der sprachliche Input der Umwelt und allgemeine Lernfähigkeiten des Kindes allein für den erfolgreichen Spracherwerb nicht ausreichend sind. Deshalb nehmen sie sozusagen ein angeborenes Sprachlernprogramm im Sinne eines genetisch vorgegebenen Sprachwissens und/oder sprachspezifischer Verarbeitungsmechanismen an. Dadurch sei Kindern das Erlernen der Muttersprache schnell und ziemlich mühelos möglich. Dabei wird Sprache als ein unabhängig von anderen Wissenssystemen und Verarbeitungsprozessen operierendes Modul des Gehirns gedacht (vgl. Oerter/Montada 2008, S. 523). Ein Vertreter dieses nativistischen Ansatzes ist der amerikanische Linguist Noam Chomsky mit seiner Theorie der angeborenen Universalgrammatik. Demnach sind alle menschlichen Sprachen auf dieser Welt "Dialekte einer einzigen 'universellen Grammatik', die in unserem Gehirn fest verdrahtet ist" (Myers 2005, S. 438). Diese angeborene Spracherwerbsvorrichtung wird durch ein Minimum an sprachlichem Input aktiviert und ermöglicht dem Kind die Lautmuster, Wortbedeutungen und grammatischen Regeln der Sprache seiner Umwelt unbewusst zu extrahieren und zu übernehmen.

1.2 Outside-In-Theorien

Im Gegensatz zu der zuvor beschriebenen Theoriegruppe sehen Outside-In-Theorien nicht angeborene sprachspezifische Voraussetzungen, sondern vor allen Dingen generelle Lernmechanismen als Grundlage des Spracherwerbs an (vgl. Oerter/Montada 2008. S. 523). Hierzu zählen beispielsweise der kognitive, der lerntheoretische oder auch der interaktionistische Erklärungsansatz der Sprachentwicklung.

Vertreter des kognitiven Ansatzes, wie zum Beispiel Jean Piaget, betrachten die Sprachentwicklung als logischen Denkprozess, die folglich in engem Zusammenhang mit der kognitiven Entwicklung steht. Daher sind vor allem bestimmte kognitive Fähigkeiten wie Objektpermanenz, Symbolfunktion oder Perspektivwechsel notwendige Voraussetzungen für den Erwerb von Sprache (vgl. ebd). Hingegen betonen lerntheoretische Ansätze wie der unter anderem von Burrhus F. Skinner vertretene Behaviorismus besonders die Bedeutung von Imitation und Verstärkung für den Spracherwerb. Demnach funktioniere das Erlernen einer Sprache ähnlich wie der Vorgang des operanten Konditionierens (vgl. Myers 2005, S. 438). Von dem Kind nachgeahmte Laute und Lautfolgen seiner Umgebungssprache werden von seinen Bezugspersonen bekräftigt und belohnt, wenn sie der Erwachsenensprache ähnlich sind, während auf unähnliche Laute keine oder negative Reaktionen erfolgen. Je häufiger eine Äußerung verstärkt wird, desto mehr festigt sie sich im Sprachrepertoire des Kindes. Während im Behaviorismus die Interaktion mit der sozialen Umwelt jedoch nur als untergeordneter Faktor im Spracherwerbsprozess angesehen wird, kommt ihr im interaktionistischen Ansatz eine zentrale Rolle zu. Sprachlernen geschieht nach dieser theoretischen Sichtweise, die auf den Psychologen Jerome Bruner zurückgeht, auf der Basis von Sprach- und Kommunikationsmustern, die nur in der sozialen Interaktion erworben werden können (vgl. Oerter/Montada 2008, S. 524).

1.3 Rational-konstruktivistische Theorien oder "radikale Mitte"

Nußbeck zufolge können derartige Extrempositionen, wie die Auffassung der Sprachentwicklung als reinen Übernahmeprozess von der Umwelt (Outside) oder einzig auf spezifisch angeborenem Wissen (Inside) beruhend, den Spracherwerbs nicht vollständig erklären (vgl. Nußbeck 2007, S. 13). Aus diesem Grund haben sich heutzutage zunehmend rational-konstruktivistische Theorien durchgesetzt, die versuchen die unterschiedlichen Sichtweisen zu vereinen. Diese gehen davon aus, dass beim Prozess des Spracherwerbs innere Voraussetzungen des Kindes und äußere Faktoren im Sinne einer gelungenen Passung zusammenwirken. So "[bringt] das Kind Vorstellungen zum Erwerb der Sprache mit und konstruiert sie in Wechselwirkung mit den Angeboten seiner Umgebung" (ebd.).

2 Voraussetzungen der Sprachentwicklung

Wenngleich das menschliche Gehirn das zentrale Organ für Sprache ist, sind für eine gelingende Sprachentwicklung auch andere Funktionsbereiche und Bedingungen bedeutsam. Mit Bezugnahme auf die Darstellungen von Kannengieser (2009,S. 10ff.) und Oerter/Montada (2008, S. 524ff.) sollen die wichtigsten anatomischen, sensorischen, kognitiven und sozialen Voraussetzungen im Folgenden betrachtet werden.

2.1 Anatomische Voraussetzungen

Eine wesentliche Grundvoraussetzung für die (störungsfreie) Entwicklung von Sprache ist die intakte, entwicklungsgemäße Funktion von Gehirn, Gehör und den Sprechorganen. Beeinträchtigungen dieser Körperteile führen beim Kind nachweislich zu Verzögerungen und Störungen seiner Sprachentwicklung bis hin zur gänzlichen Stummheit.

Aus neurolinguistischen Untersuchungen geht hervor, dass eine enge Beziehung zwischen der anatomischen bzw. funktionellen Entwicklung des Gehirns und dem Spracherwerb besteht. Im Laufe des Kleinkindalters nimmt die Substanz des Gehirns infolge von Reifungsprozessen und spezifischer kognitiver Aktivität stetig zu. Ebenso verändert sich der Aufbau: die Nervenzellen der Großhirnrinde nehmen Kontakt zueinander auf und bilden für die Sprachverarbeitung notwendige Netzwerke aus. Eine weitere mit der Hirnreifung verbundene Voraussetzung für die Sprachentwicklung ist die sogenannte Lateralisation. Darunter ist die dominante Übernahme der Sprachfunktion durch eine, in der Regel der linken, Hirnhälfte zu verstehen. Zwar können generell beide Hemisphären sprachspezifische Funktionen übernehmen, aber Untersuchungen zufolge weisen Kinder, bei denen zu einem frühen Entwicklungszeitpunkt die linke Hirnhälfte entfernt wurde, deutliche Beeinträchtigungen beim Erwerb grammatikalischer Fähigkeiten auf. Allerdings sind komplexe sprachliche Aufgaben wie zum Beispiel Interpretieren wohl nur durch ein Zusammenspiel links- und rechtsseitiger Hirnregionen möglich. Das Gehirn steuert außerdem noch eine Vielzahl weiterer Funktionen, die beim Sprachgebrauch eine Rolle spielen, wie Emotionen, Aufmerksamkeit oder logisches Denken.

Für die Stimmgebung und Lautbildung müssen natürlich darüber hinaus auch die direkt am Sprechvorgang beteiligten Organe, zu denen der Kehlkopf mit den Stimmlippen und das sogenannte Ansatzrohr mit den Resonanzräumen von Nase, Rachen und Mundhöhle zählen, komplett und wohlgeformt sein. Für eine störungsfreie Artikulation ist zudem das Absenken des Kehlkopfes etwa im dritten Lebensmonat bedeutsam. Primäre Mundfunktionen wie zum Beispiel Atmen, Schlucken, Saugen, Beißen und Kauen stellen überdies eine wichtige Übung für das Sprechen, insbesondere die Sprechmotorik, dar. Damit ist zugleich auf eine weitere grundlegende Voraussetzung verwiesen, nämlich die intakte zentralnervöse Versorgung und Steuerung der orofazialen (d.h. den Gesichts-Mund-Komplex betreffenden) Muskulatur. Wie unter Punkt 2.2 näher erläutert, kommt dem Hören eine entscheidende Bedeutung für die Sprachentwicklung zu. Deshalb ist die entsprechende Funktionstüchtigkeit des Gehörs eine weitere anatomische Voraussetzung. Hierzu zählen ausreichend Schalleitung im Mittelohr und Schallempfindung im Innenohr wie auch hinlängliche auditive Verarbeitung auf der Hörbahn. Da die vollständige Reifung der Hörbahn im Vergleich zum Gehör nicht von Geburt an gegeben ist, sondern erst allmählich durch Stimulation geschieht, muss dem Kind für die gelingende Sprachentwicklung außerdem ein verlässliches akustisches Sprachangebot zur Verfügung stehen.

2.2 Sensorische Voraussetzungen

Bei der Diagnostik von Sprachstörungen kommen als verursachende Faktoren mitunter auch Wahrnehmungsstörungen in Betracht. Darin zeigt sich die enge Verbindung der Sprachentwicklung mit einzelnen Bereichen der sensorischen Wahrnehmung, die im Folgenden näher erläutert werden soll.

Für den Wortschatzerwerb sind besonders die auditive Wahrnehmung, die zum Nachahmen gehörter Äußerungen der Umgebungssprache befähigt, und der Sehsinn fundamental, welcher das Erkennen der durch Wörter repräsentierten Objekten ermöglicht. Ihre Bedeutung erhalten die Wörter aber nicht allein durch die visuelle Wahrnehmung, sondern insbesondere durch die Erkundung der dinglichen Welt mittels Bewegungs- und Tastsinn, mitunter auch über Riech- und Schmeckerfahrungen. So bekommen beispielsweise Wörter wie "glatt" oder "rau" erst durch die Wahrnehmung von Berührungen auf der Haut eine wirkliche Bedeutung. Für einen gelingenden Sprach-erweb muss das Kind darüber hinaus spezifische Regularitäten seiner Muttersprache induktiv aus dem Sprachangebot ableiten. Dazu gehören unter anderem grammatische Regeln. Diese sind häufig mit prosodischen Merkmalen wie Intonation oder Sprechpausen verbunden. Daher ist der Hörsinn auch für den Grammatikerwerb bedeutsam. Eine weitere wichtige Bedeutung erhält er im Sinne des Eigen- und Fremdhörens und der Diskrimination von Sprachlauten für die Artikulationsentwicklung. Wie beim Wortschatzerwerb nutzen Kinder auch für die korrekte Artikulation der Wörter sprachliche Vorbilder, indem sie deren gehörte Laute bzw. Lautfolgen sowie gleichzeitig gesehene Mundbewegungen imitieren. Dabei ist jedoch nicht nur die visuelle, sondern auch die taktile und kinästhetische Wahrnehmung beteiligt. So dient die Wahrnehmung von Berührungen der Zunge durch eine Vielzahl von Rezeptoren in der Mundhöhle als wichtige Orientierung für die Artikulation während die Fähigkeit Bewegungen wahrzunehmen für die Koordination und Kontrolle der Sprechbewegungen entscheidend ist. Wenngleich die Motorik keine zwingende Voraussetzung für die Aneignung von Sprache darstellt, sei an dieser Stelle angemerkt, dass dennoch für die flüssige Sprachproduktion eine gewisse Einübung feinmotorischer Prozesse besonders im Mundraum notwendig ist. Schließlich ist noch auf die Relevanz aller sensorischen Bereiche für die Entwicklung des Sprachverständnisses zu verweisen, die über den Vergleich verbaler Informationen mit wahrgenommenen Objekten, Situationen und Ereignissen geschieht.

[...]

Details

Seiten
23
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656461500
ISBN (Buch)
9783656461784
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v230153
Institution / Hochschule
Hochschule Merseburg – Soziale Arbeit.Medien.Kultur
Note
1,3
Schlagworte
Sprache Sprachentwicklung Entwicklung Kindesalter Kinder Sprachverständnis Grammatikerwerb Spracherwerb Phonologische Entwicklung Semantisch-lexikalische Entwicklung

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Titel: Sprachentwicklung im Kindesalter