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Eine Analyse des Gedichts "Die Made" von Heinz Erhardt

Unter formalen, rhetorisch-vortragenden und gestus-theoretischen Gesichtspunkten

Hausarbeit 2013 12 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Das Gedicht Die Made – eine Analyse hinsichtlich formaler und rhetorisch- vortragender Aspekte

2. Das Gedicht Die Made – eine Analyse hinsichtlich diverser gestus-
theoretischer Aspekte

3. Anhang I: Textfassung mit Staupausen, Atempausen und Haupt- sowie Nebenakzenten

4. Anhang II: Textfassung mit Melodieführung

5. Literaturverzeichnis

1. Das Gedicht Die Made – eine Analyse hinsichtlich formaler und rhetorisch-vortragender Aspekte

In der folgenden Abhandlung werde ich mich mit einem der populärsten Gedichte Heinz Erhardts auseinandersetzen – mit der „Made“[1], einem lakonischen Gedicht, das in launiger Weise das Verhältnis einer Madenmutter zu ihrem kleinen Kind beschreibt. Dabei werde ich zum Einen auf formal-gestalterische Elemente des Gedichts, wie zum Beispiel auf metrische und rhythmische Aspekte, zum Anderen aber auch auf die Gestus-Theorie nach Eva-Maria Krech eingehen, um eine möglichst detaillierte Betrachtung des Gedichts in all seinen wichtigen und bestimmend-wesenhaften Zügen gerecht zu werden.

Zunächst zu den rhythmischen Aspekten: Das Gedicht Die Made besteht, gemäß der mir vorliegenden Fassung, aus sechs Strophen, wobei die erste und die letzte Strophe jeweils zwei Verse, die vierte und die fünfte Strophe je drei Verse, die zweite Strophe vier und die dritte Strophe sechs Verse enthalten. Das zugrundeliegende Reimschema des Gedichts ist der Paarreim, also die Form aabbcc, wobei für die die erste und die sechste Strophe aufgrund ihrer Kürze selbstverständlich nur aa gilt (weitere Verteilung: zweite Strophe: aabb, dritte Strophe: aabbcc, vierte Strophe: aab, fünfte Strophe: bcc). Zu den Paarreimen[2] gesellen sich noch Binnenreime in V. 4 hatte, V. 6 Ameise, V. 10 hol und V. 18 Gnade, die sich einerseits jeweils auf ein Wort aus dem direkt vorangegangenen Vers, andererseits aber auch auf ein Wort aus dem Vers, in dem sie selbst auftauchen, reimen (nämlich V. 4 hatte auf V. 3 Gatte und auf V. 4 Blatte ; V. 6 Ameise auf V. 5 Weise und auf V. 6 Speise ; V. 10 hol auf V. 9 Kohl und auf V. 10 wohl sowie V. 18 Gnade auf V. 17 fade und auf V. 18 Made und auf V. 18 Schade! ).

Einen beträchtlichen Teil der Komik macht eben diese gerade erwähnte Durchmischung von Paar- und Binnenreimen aus. Als Stilmittel betrachtet nennt man solche Strukturen

wie die in den Binnenreimen auffindbaren im Übrigen Homoioteleuton – einen „Gleichklang im Auslaut“[3]. Männliche Reime finden sich in V. 9 und V. 10; V. 11 und V. 12; V. 13 und V. 14 sowie in V. 15 und V. 16.[4]

Nehmen wir nun die metrischen Aspekte des Werkes genauer in den Blick: Das Metrum des Gedichts ist der vierhebige Trochäus, wobei „mit der sich daraus ergebenden strikten Alternierung von betonten und unbetonten Silben“[5] der Autor „zusätzlich leichte Komik [erzielt, K.S.], besonders deutlich z.B. [zu sehen in, K.S.] Vers 6“[6]. Außerdem ist der Trochäus „übrigens auch das Versmaß von Schillers ‚Lied von der Glocke’; ein mehr als zufälliger Bezug darauf erscheint bei dem Satiriker Erhardt möglich“[7].

Bevor ich die Analyse formaler Aspektgebung abschließe, möchte ich auf die Verteilung von Enjambements innerhalb des Werkers eingehen. Enjambements, also die Nichtkorrelationen von Vers- und Satzende, finden sich zwar fast im ganzen Gedicht, besonders prominent tritt ein Enjambement aber im Übergang von V. 14 zu V. 15 auf: Made junior aber schlich / hinterdrein; doch das war schlecht! ebenso wie in V. 17 zu V. 18: und verschlang die kleine, fade / Made ohne Gnade . Schade!

Fünf Stellen, die beachtet werden müssen, wenn das Gedicht einem Publikum vorgetragen wird, lassen sich für Die Made angeben: Als erstes muss auf rhetorischer Ebene ein Wechsel von V. 7 zu V. 8 erfolgen. Spricht bis zu V. 7 einschließlich noch ein lyrischer Erzähler, so beginnt ab V. 8 Mutter Made zu ihrem Kind zu sprechen. Die Stimme des Vortragenden muss sich also deutlich abheben von der zuvor durchgehaltenen Vortragsweise, denn ab V. 8 ist es nicht mehr ein Erzähler, der einer fiktive Zuhörerschaft ins Geschehen einführt, sondern eine Madenmutter, die ihr Kind über die baldige Essensbeschaffung aufklärt.

Eine zweite wichtige Stelle ist der zweite Teil von V. 10 So leb denn wohl! der zwar sehr kurz ist, aufgrund seiner Bedeutung als Abschied für immer (schließlich ist das Lebwohl keine Formel, die man gebraucht, wenn man sein Gegenüber wiedersehen wird) stimmlich mit einer gewissen Tragik versehen werden sollte.

Als drittes Beispiel für eine Aussprache-Regel seien VV. 11 und 12 genannt. Hier verfällt die Mutter in einen deutlich mahnenden Tonfall, der bei einer Präsentation vor Publikum auch dementsprechend wiedergegeben werden sollte.

Eine vierte Stelle, die hinsichtlich der Aussprache von Bedeutung ist, stellt das Enjambement von V. 14 zu V. 15 dar. Hier sollte der Vortragende die genannten Verse „in einem durch“ sprechen, gerade so, als spreche er ihn einer nicht-poetischen Situation des normalen Alltagslebens, denn andernfalls entstünde beim Publikum der Eindruck, ihm sei bei Durcharbeitung des Werkes nicht aufgefallen, dass es sich hier um ein Enjambement handelt. Dasselbe gilt für die fünfte und letzte hinsichtlich der Aussprache bedeutende Stelle: das Enjambement von V. 17 zu V. 18, für das eben Gesagtes natürlich entsprechend gilt.

Zu möglichen Variationen von Tempo, Lautstärke, Dynamik und Stimmgebung innerhalb des Gedichts ist folgendes zu bemerken: VV. 8-10 sollten, passend zum Inhalt, mit einer mütterlich-zärtlichen Stimmgebung in etwas niedrigerer, ruhiger Lautstärke und langsamen Tempo vorgetragen werden, da die Mutter ihrem Kind eröffnet, dass sich beide nie mehr wieder sehen werden. In ebenso langsamen Tempo, weil inhaltlich mahnend, sollte die Warnung in VV. 11-12 vorgetragen werden, jedoch kann hier aufgrund des überaus eindringlichen Appellcharakters die Lautstärke angehoben werden, beispielsweise beim imperativ gebrauchten Halt (V. 11). Gestisch untermalt werden kann dieser Warnhinweis von Mutter Made zusätzlich dadurch, dass der Redner beim szenischen Vortrag den mahnenden Zeigefinger hebt – eine Geste, die über die rein rhetorische Dimension hinaus noch die Wichtigkeit des Anliegens der Mutter anzeigt.

V. 16 schildert inhaltlich ein dramatisches Geschehen: Ein bunter Specht stürzt geradewegs auf die Made zu, die er dann – in VV. 17 und 18 – verschlingt. Dem Sturzflug des jagenden Spechts in V. 16, der auf Beute aus ist, ist ein stimmlich angepasster Vortrag angemessen, bei dem die Stimme lauter und schneller wird, wobei das schon als recht kurzes Adverb zackig, temporeich, laut und dynamisch artikuliert werden kann.

Ein tragischer Tonfall kann für die VV. 17 und 18 angeschlagen werden, da das narrative Geschehen hier auf seinen Höhepunkt, den Tod der kleinen Made, zusteuert. Ein entsprechend melancholisches, in Tempo und Lautstärke stark zurückgenommenes Stimmgebaren, das nichtsdestoweniger ein gewisses Pathos nicht vermissen lassen darf, ist hier unbedingt geboten. Um daran anschließend den komischen Effekt des Gedichtes erzielen zu können, sollte in V. 18 nach Gnade eine kurze Pause gelassen werden, um mit dem anschließenden Schade! genau das zuvor aufgebaute Pathos zu zerstören.

Gleichzeitig muss die Betonung des Schade! wiederum so ausfallen, dass dem Publikum nicht suggeriert wird, es würde sich bei diesem Vers um den Abschluss des Gedichtes handeln, denn schließlich folgen noch zwei weitere Verse, die zwar inhaltlich nicht mehr viel zur Handlung beitragen, aber keinesfalls „unter den Tisch fallen gelassen“ werden dürfen.

[...]


[1] Erhardt, Heinz: Hinter eines Baumes Rinde … Gedichte für Kinder. Illustriert von Christine Sormann.
2. Aufl. 2009. Oldenburg: Lappan, 2009. – Anmerkung des Verfassers dieser Arbeit: Dieses Bilderbuch enthält keine Seitenzählung. Das Gedicht Die Made würde sich, wären die Seiten nummeriert, auf den
S. 1-6 befinden – .

[2] Diese und weitere wichtige Hinweise verdanke ich:
o.V.: Lösungen zu den kognitiven Aufgaben „Sprachräume 1“. Sprachraum 10: Die Lyrik. Wien: Österreichischer Bundesverlag Schulbuch, 2012.
http://www.oebv.at/sixcms/media.php/229/SR1-Loesungen_q37r39.pdf, aufgerufen am 05.02.2013, 16:11 Uhr. S. 2.

[3] o.V.: Rhetorischer Grundkurs. o.J.
http://www.philologie.uni-bonn.de/personal/hintzen/kursmaterial/rhetmittel.pdf, aufgerufen am
05.02.2013, 16:35 Uhr.

[4] Quelle aus Fußnote 1, S. 2.

[5] Ebd.

[6] Ebd.

[7] Ebd.

Details

Seiten
12
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656465232
ISBN (Buch)
9783656468851
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v230556
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Centrum für Rhetorik, Kommunikation und Theaterpraxis
Note
1,0
Schlagworte
eine analyse gedichts made heinz erhardt unter gesichtspunkten

Autor

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