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Beratung von alten Menschen mit Diabetes mellitus Typ II zu Ernährung, Bewegung und Insulinapplikation

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 41 Seiten

Gesundheit - Pflegewissenschaft - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Einleitung

1 Erste Phase der Curriculumentwicklung
1.1 Allgemeiner Begründungsrahmen des Moduls
1.1.1 Analyse gesellschaftlicher Anforderungen
1.1.2 Verständigung über das berufliche Selbstverständnis
1.2 Verständigung über Bildungs- und Leitziele
1.2.1 Leitziele und übergeordnete Bildungsziele

2 Zweite Phase der Curriculumentwicklung
2.1 Analyse des beruflichen Handlungsfeldes
2.1.1 Klientenperspektive
2.1.2 Angehörigenperspektive
2.1.3 Pflegendenperspektive
2.2 Bedingungsanalyse
2.2.1 Analyse der Lernvoraussetzungen
2.2.2 Berufstypische Situation
2.2.3 Analyse der wissenschaftlichen Disziplinen
2.2.3.1 Objektiver Pflegeanlass
2.2.3.2 Subjektives Erleben und Verarbeiten
2.2.3.3 Interaktionsstrukturen
2.2.3.4 Tätigkeitsfelder und ihre kontextuelle Einbettung
2.2.3.5 Handlungsabläufe und Handlungsmuster
2.2.3.6 Pflegeprozess
2.2.3.7 Gesellschaftlicher Kontext

3 Dritte Phase der Curriculumentwicklung
3.1 Kompetenzen / Qualifikationen
3.2 Didaktische Überlegungen und Didaktische Reduktion
3.2.1 Didaktische Überlegungen
3.2.1.1 Formale Begründung
3.2.1.2 Inhaltliche Begründung
3.2.1.3 Exemplarische Bedeutung
3.2.2 Didaktische Reduktion
3.2.2.1 Vertikale Reduktion
3.2.2.2 Horizontale Reduktion
3.3 Modulplanung im Überblick
3.4 Planung der Unterrichtsreihe

4 Vierte Phase der Curriculumentwicklung
4.1 Lernergebniskontrolle
4.2 Evaluation
4.2.1 Interne Evaluation
4.2.2 Externe Evaluation
4.3 Ausblick

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Phasen der Curriculumentwicklung nach Knigge-Demal (2001) in Anlehnung an Siebert (1974)

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Modulplanung

Tabelle 2: Planung der Unterrichtsreihe – Stunden 1-3

Tabelle 3: Planung der Unterrichtsreihe – Stunden 4+5

Tabelle 4: Planung der Unterrichtsreihe – Stunden 6-9

Tabelle 5: Planung der Unterrichtsreihe – Stunden 10-13

Tabelle 6: Planung der Unterrichtsreihe – Stunden 14+15

Tabelle 7: Planung der Unterrichtsreihe – Stunden 16+17

Einleitung

Das vorliegende Teilcurriculum wurde im Rahmen des Moduls „Curriculumentwicklung und Evaluation“ des Master-Studiengangs „Berufspädagogik Pflege und Gesundheit“ der Fachhochschule Bielefeld konzipiert. Der Autor orientiert sich hierbei an den unten abgebildeten vier Phasen der Curriculumentwicklung nach Knigge-Demal in Anlehnung an Siebert (vgl. Siebert, 1974 zitiert nach Knigge-Demal, 2001).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Phasen der Curriculumentwicklung nach Knigge-Demal (2001) in Anlehnung an Siebert (1974)

Ziel dieses Teilcurriculums und seiner praktischen Anwendung ist es, die Schüler dazu zu befähigen, alte Menschen im Rahmen ihrer Ausbildung und späterer Berufstätigkeit professionell beraten zu können. Dargestellt wird dies am Beispiel des Typ II-Diabetes, der exemplarisch für alle chronischen Erkrankungen steht. Voraussetzung für dieses Teilcurriculum ist, dass das Teil-Lernfeld 1.3.5 der empfehlenden Ausbildungsrichtlinie für die Altenpflege für Nordrhein-Westfalen von Hundenborn & Kühn (2003) (bzw. das Krankheitsbild Diabetes mellitus) bereits bearbeitet wurde.

Darüber hinaus sollen die Schüler[1] befähigt werden den Stellenwert von präventiven Maßnahmen einzuschätzen. Konkretisiert wird dies durch das Reflektieren der eigenen Bewegungs- und Ernährungsgewohnheiten sowie der gesellschaftlichen Kompetenzen und Kapazitäten.

1 Erste Phase der Curriculumentwicklung

Diese erste Phase der Curriculumentwicklung besteht aus dem Allgemeinen Begründungsrahmen mit der Analyse der gesellschaftlichen Anforderungen und der Verständigung über das berufliche Selbstverständnis sowie der Verständigung über die Bildungs- und Leitziele.

1.1 Allgemeiner Begründungsrahmen des Moduls

1.1.1 Analyse gesellschaftlicher Anforderungen

Diabetes mellitus nimmt in Deutschland einen immer wichtigeren Stellenwert ein. Weltweit geht die Internationale Diabetesvereinigung bis zum Jahr 2030 von einem Anstieg der Neuerkrankungen um fast 2% auf 7,8% der Gesamtbevölkerung aus (vgl. International Diabetes Foundation, 2009a); das entspricht einem Anstieg der an Diabetes erkrankten Menschen um etwa 153.000.000 (vgl. International Diabetes Foundation, 2009b). Für Deutschland hat das Robert-Koch-Institut einen Anstieg der Prävalenz um 2,5% auf 9,3% bei Frauen und um 2,8% auf 8,2% bei Männern der Jahre 2003 gegenüber dem Jahr 2009 festgestellt (vgl. Robert-Koch-Institut, 2011); im Jahr 2003 waren etwa ein Drittel aller Bundesbürger über 60 Jahre bereits Diabetiker (vgl. Pfizer, 2006). Das bedeutet, dass bereits jetzt etwa jeder zehnte Bundesbürger an Diabetes mellitus erkrankt ist, was etwa der weltweiten Prognose für das Jahr 2030 entspricht. Im Jahr 2001 sind allein in Deutschland durch die Behandlung von Diabetes mellitus Kosten in Höhe von knapp 30 Milliarden Euro entstanden (vgl. Köster, 2004), die zum Großteil von den gesetzlichen Krankenkassen getragen wurden.

Bezogen auf die Risikofaktoren von Typ II-Diabetes decken verschiedene Untersuchungen alarmierende Zahlen für Deutschland auf: Etwa jeder zehnte Bundesbürger zwischen 20 und 30 Jahren ist adipös (vgl. bpb, 2008). Bezogen auf die Gesamtbevölkerung gab es laut OECD (2011) in Deutschland im Jahr 2009 15,7 % adipöse Männer und 13,8 % Frauen, welche an Adipositas leiden – damit liegt Deutschland nur knapp unter dem OECD-Durchschnitt (vgl. ebd.). Bewegungsmangel und falsche Ernährung, ebenfalls sehr wichtige Risikofaktoren, treffen auf etwa ein Drittel aller Deutschen zu (vgl. DAK, 2009).

Diese Zahlen sind zwar erschütternd, nicht jedoch verwunderlich, bedenkt man den gesellschaftlichen Wandel der letzten 40-50 Jahre. Heutzutage sind aufgrund der Zunahme großer Supermarktketten mit ihren langen Öffnungszeiten alle Lebens- und Genussmittel jederzeit in ausreichender Stückzahl verfügbar. Saisonal verfügbare Lebensmittel gibt es durch den weltweiten Import fast nicht mehr, sodass die Ernährungsgewohnheiten und Vorlieben nicht länger der Verfügbarkeit angepasst werden müssen, sondern grundsätzlich jeder Bürger seine favorisierten Nahrungsmittel jederzeit verfügbar hat. Darüber hinaus haben Freizeitaktivitäten aller Art nicht nur quantitativ zugenommen, sondern innerhalb der Gesellschaft auch einen höheren Stellenwert (vgl. Leonhardt, 2001), was die Zeit für andere Dinge wiederum einschränkt (für das Kochen einer Hauptmahlzeit hat heutzutage kaum noch jemand Zeit – außerdem sind Haupt- und Zwischenmahlzeiten mittlerweile jederzeit zugänglich und darüber hinaus häufig noch erheblich billiger als ein Lebensmitteleinkauf). Hinzu kommt die große Nachfrage nach sog. Fertigprodukten, deren Portionsgrößen häufig großzügig bemessen sind und einen heterogen verteilten Nährstoffgehalt aufweisen (vgl. Lammer, 2010; Elrott, 2003).

Aber auch die Lebensformen haben sich verändert. Seit einigen Jahren ist (v.a. im Alter) eine Zunahme der Singularität zu beobachten, junge Menschen leben häufiger in eheähnlichen Verhältnissen oder binden sich nur für kurze Zeit, (Ehe-)Paare bekommen weniger Kinder oder sind beide Berufstätig (vgl. Beck-Gernsheim, 2000). All diese Faktoren haben jedoch Einflüsse auf die Ernährungsgewohnheiten (vom umgangssprachlich viel zitierten „Für mich alleine lohnt sich das Kochen nicht“ über das schnelle - und häufig bewusst ungesunde - essen von Zwischenmahlzeiten zwischen Tür und Angel bis hin zur Generation Pizza Taxi, also den vorwiegend jungen Menschen, die abends zu erschöpft zum Kochen sind, keine Lust dazu haben oder gar das Kochen von Mahlzeiten nie gelernt haben (vgl. Brombach, 2005). Dass besagte Zwischen- oder Hauptmahlzeiten (insbesondere von einschlägigen, weltweit agierenden Schnellrestaurants) umgangssprachlich als ungesund zu bezeichnen sind, ist mehrfach belegt (vgl. Dämon & Widhalm, 2005).

Dass, bedingt durch die genannten gesellschaftlichen Veränderungen, ein Anstieg der an Diabetes erkrankten Menschen zu verzeichnen ist, verwundert daher kaum. Darüber hinaus tritt jedoch ein Typ-II-Diabetes in den letzten Jahren vermehrt bei jungen Menschen auf (vgl. Hauner, Landgraf, Schulze, Spranger & Standl, 2005). Die bis vor einigen Jahren in der Fachliteratur gängige Bezeichnung Altersdiabetes, bedingt durch die Entstehung der Krankheit aufgrund jahre- bis jahrzehntelanger falscher Ernährung, wurde inzwischen revidiert (vgl. Menche, 2011; Bremer-Roth et al., 2011).

1.1.2 Verständigung über das berufliche Selbstverständnis

Nicht nur die Gesellschaft, sondern auch die Pflegenden sowie der Pflegeberuf selber haben sich in den letzten Jahren verändert. So bieten die Pflegeberufe mittlerweile viele verschiedene Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten an, auch im akademischen Bereich. Dass diese von den Pflegenden gesehen und genutzt werden, wird durch das Pflege-Thermometer 2009 (vgl. Isfort, Weidner, Neuhaus, Kraus, Köster & Gehlen, 2010) unterstrichen. Darüber hinaus verändert sich auch die Ausbildung: Erste duale Studiengänge, die sowohl eine Pflegeausbildung als auch ein Bachelor-Studium beinhalten, sind bereits an ersten deutschen Hochschulen implementiert. Über diesen Weg werden derzeit etwa 10 % aller Auszubildenden im pflegerischen Bereich ausgebildet.

Das die Pflegeberufe nicht nur psychomotorische Kompetenzen erfordern sondern viel umfassender sind wird schon in den gesetzlichen Grundlagen deutlich - so fordern z.B. sowohl das Altenpflege- als auch das Gesundheits- und (Kinder)Krankenpflegegesetz (AltPflG & KrPflG) eine Anbahnung von Kommunikations- und Beratungskompetenzen (vgl. AltPflG §3, 2003; & KrPflG §3, 2003). Insbesondere im Setting der ambulanten Pflege wird diese Beraterfunktion deutlich, da sie meist erste Ansprechpartner für jegliche fachliche Fragen seitens der Klienten[2] sind (vgl. Kaminsky, 2012). Darüber hinaus werden Klienten von Ärzten bzgl. ihrer Erkrankung häufig unzureichend beraten. Dies äußert sich nicht nur zeitlich, sondern u.a. auch dadurch dass die Beratung mittels vieler Fachbegriffe stattfindet, was einigen Patienten regelrecht Angst vor konkretem Nachfragen bereitet (vgl. ebd.).

Außerdem ist für die Pflegenden - bezogen auf das vorliegende Teilcurriculum - ein einheitliches Verständnis von Diabetes mellitus allgemein und von Typ II-Diabetes im Speziellen notwendig. Da es viele verschiedene Definitionen gibt, orientiert sich der Autor an dieser Stelle an der Definition von Brückel & Kerner (2011). Demnach ist ein Typ-II-Diabetes ein „Sammelbegriff für heterogene Störungen des Stoffwechsels, deren Leitbefund die chronische Hyperglykämie ist. Ursache ist entweder eine gestörte Insulinsekretion oder eine gestörte Insulinwirkung oder auch beides.“.

1.2 Verständigung über Bildungs- und Leitziele

Im Folgenden werden bereits bestehende Bildungs- und Leitziele aufgeführt. Zum einen lassen sich aus der empfehlenden Richtlinie für die Altenpflegeausbildung für das Land Nordrhein-Westfalen einige Ziele auf dieses vorliegende Teilcurriculum übertragen. Gemäß dieser Richtlinie sollen die Schüler lernen „die Kompetenzen alter Menschen (körperliche Funktionsfähigkeit, kognitive Leistungsfähigkeit, psychosoziale Kompetenz) erhalten helfen […] [sowie] Klienten und deren Angehörige als Kooperationspartner sehen, die ein Recht auf Selbstbestimmung und unabhängige Entscheidung haben.“ (Garms-Homolová, 2000. In: Hundenborn & Kühn, 2003).

Zum anderen sind dem Gesetz über die Berufe in der Altenpflege die folgenden Ziele entnommen, die sich auf das vorliegende Teilcurriculum übertragen lassen. In §3 wird einleitend die allgemeine Ausbildungszielsetzung beschrieben. Hier heißt es: „Die Ausbildung in der Altenpflege soll die Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten vermitteln, die zur selbständigen und eigenverantwortlichen Pflege einschließlich der Beratung, Begleitung und Betreuung alter Menschen erforderlich sind.“ (AltPflG, §3 Abs. 1). In den folgenden Sätzen wird dieses Ziel weiter konkretisiert. Auf dieses Teilcurriculum lassen sich hiervon vier Ziele übertragen: „die Mitwirkung bei der Behandlung kranker alter Menschen einschließlich der Ausführung ärztlicher Verordnungen“, die „Mitwirkung an qualitätssichernden Maßnahmen in der Pflege, der Betreuung und der Behandlung“, die „Gesundheitsvorsorge einschließlich der Ernährungsberatung“ und die „Anregung und Begleitung von Familien- und Nachbarschaftshilfe und die Beratung pflegender Angehöriger“ (AltPflG, §3 Abs. 1, Satz 2, 4, 5 und 10).

1.2.1 Leitziele und übergeordnete Bildungsziele

Die Leitziele und übergeordneten Bildungsziele dieses Teilcurriculums sind dem transnationalen Pflegecurriculum entnommen (vgl. Knigge-Demal, Nauerth & Lammers 2001). Die jeweiligen Kompetenzen bzw. Qualifikationen wurden anhand des Bezuges auf das vorliegende Teilcurriculum ausgewählt.

Bezogen auf den gesellschaftlichen Auftrag ergibt sich das Bildungsziel „die Sorge für die Selbstständigkeit, Selbstbestimmung und Selbstfürsorge des Betroffenen sowie deren Erhalt, Unterstützung und Förderung“ (ebd.).

In Hinblick auf das berufliche Selbstverständnis sollen die Schüler „einer am individuellen Pflegebedarf und an Pflegezielen orientierte und geplante Pflege einschließlich der Erhaltung, Förderung und Wiedergewinnung von Ressourcen und Kompetenzen bei den betroffenen Personen und deren Bezugspersonen / Angehörigen“ (ebd.) sowie „der Übernahme von Aufgaben und Aktivitäten im Bereich der Prävention und Gesundheitsförderung“ (ebd.) qualifiziert werden.

2 Zweite Phase der Curriculumentwicklung

Die zweite Phase der Curriculumentwicklung beinhaltet die Analyse des beruflichen Handlungsfeldes und die Bedingungsanalyse. In ersterer wird das berufliche Handlungsfeld sowie die Perspektiven der beteiligten Akteure analysiert, während in der Bedingungsanalyse die Lernvoraussetzungen sowie die wissenschaftlichen Disziplinen auf der Grundlage einer berufstypischen Situation analysiert werden.

2.1 Analyse des beruflichen Handlungsfeldes

Die ambulante Pflege hat insbesondere in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts viele (politische) Veränderungen überwinden müssen. Zum einen war dieses Arbeitsfeld zunächst den Wohlfahrtsverbänden vorbehalten, zum anderen wurde es in den Krankenpflege-Curricula von 1957 und 1965 nicht beachtet, d.h. Krankenschwestern hatten keine Gelegenheit sich im Rahmen ihrer Ausbildung über dieses Berufsfeld zu informieren. Bis Mitte der 1980er Jahre gab es Bundesweit nur etwa 1600 ambulante Pflegedienste. Nach Einführung der Pflegeversicherung 1995 hat sich die Anzahl der Pflegedienste jedoch verdreifacht. Da diese allerdings nicht an lokale Bedarfsplanungen gebunden sind, gibt es auch heute noch eine heterogene Verteilung der Pflegedienste (v.a. im ländlichen Bereich). Darüber hinaus kamen über die Jahre immer mehr Aufgabengebiete hinzu, sodass die Pflegedienste heute viele Leistungen aus dem SGB V und XI übernehmen (hier sind jedoch die Vergütungen bundesweit uneinheitlich). Da die Leistungen des SGB XI jedoch an den Pflegebedürftigkeitsbegriff gekoppelt sind, entstehen Versorgungslücken, die durch eine quantitative Zunahme an Demenzen, chronischen Erkrankungen, psychischen Erkrankungen, Behinderungen, Singularität und zu Pflegenden mit Migrationshintergrund zurzeit auftreten und in Zukunft vermehrt zu erwarten sind (vgl. Büscher, 2011).

Daher wird dem berufliche Handlungsfeld ambulante Pflege eine bedeutende Rolle zugemessen, was zusätzlich dadurch bestärkt wird, dass es mittlerweile im Rahmen der Pflegeausbildung möglich ist den praktischen Teil der Ausbildung in einer ambulanten Pflegeeinrichtung zu absolvieren. Es ist jedoch anzumerken, dass dies nach wie vor ein Setting ist, in dem zum Großteil Altenpfleger beschäftigt sind (vgl. Oestermann & Rais Parsi, 2011).

2.1.1 Klientenperspektive

Von den etwa 2,3 Mio. Pflegebedürftigen Menschen in Deutschland werden etwas über zwei Drittel (69 %) zu Hause versorgt (vgl. Pfaff, 2011). Der Grundsatz Ambulant vor stationär hat zwar auch ökonomische Ansätze, zielt jedoch in erster Linie auf die (Rest-)Fähigkeiten eines Pflegebedürftigen, die es zu erhalten und zu fördern gilt (vgl. Schaeffer & Ewers, 2002). Hierzu ist das persönliche Umfeld am besten geeignet. Vor allem hinsichtlich der örtlichen Orientierung sowie des Wohlbefindens ist die eigene Wohnung bzw. das eigene Haus die sinnvollste Option. Zwar sind unter Umständen die örtlichen Begebenheiten dem Alltag nicht in optimaler Weise entsprechend angepasst (bspw. durch eine nicht barrierefreie [Wohn-] Raumgestaltung), da die Menschen jedoch i.d.R. schon seit Jahren bis Jahrzehnten in ihrem gewohnten Umfeld leben, ist dies auch im Alter nicht immer zwingend notwendig. Die Vorteile den Krankheitsverlauf in den eigenen vier Wänden zu durchleben, überwiegen an dieser Stelle (vgl. Haarhaus, 1993). Darüber hinaus ist es auch das soziale und familiäre Umfeld, das Menschen beim Krankheits- bzw. Gesundungsprozess unterstützen kann. Dies fängt beim nicht zu unterschätzenden empathischen Mitfühlen und Unterstützen an, und reicht bis hin zu Nachbarn die bspw. Einkäufe erledigen oder die Betroffenen bei Behördengängen begleiten (vgl. ebd.).

Vor allem aber bietet die eigene Wohnung sowohl einen vertrauten Raum als auch die Möglichkeit jederzeit Besuch empfangen zu können. Letzteres ist insbesondere für Angehörige die z.B. keinen eigenen PKW und somit keine Möglichkeit haben täglich für einen Besuch in eine andere Stadt zu fahren relevant, während ersteres insofern den Krankheitsverlauf dahingehend unterstützen kann, dass Pflege und Therapie nach Hause kommen. Die Assoziation, dass sich Krankheit und Therapie zu Hause abspielen und somit Bestandteil des Alltags werden, kann vor allem Betroffenen mit einer chronischen Erkrankung dahingehend helfen, als dass sie von Anfang an lernen die Erkrankung als einen Bestandteil ihres (täglichen) Lebens anzuerkennen. Hierbei kann eine „[…] baldige Rückkehr zur gewohnten Normalität“ (Moers & Schaeffer, 2008) unterstützend wirken, die Erkrankten sollten jedoch dabei unterstützt werden, die faktische Bedeutung einer chronischen Erkrankung zu begreifen (vgl. ebd.).

Vor allem für Beratungsgespräche bietet sich die eigene Wohnung als ein ruhiger und vertrauter Raum an. Da hier nicht das hektische Treiben eines Stationsalltages herrscht, haben die Klienten die notwendige Ruhe ebenso wie die Pflegenden, die die Versorgung übernehmen. Die Betroffenen wissen außerdem wann die Pflegenden kommen und können sich entsprechend darauf vorbereiten und sich ggf. Fragen aufschreiben und bereit legen.

2.1.2 Angehörigenperspektive

Für die Angehörigen bietet die Versorgung im ambulanten Bereich dahingehend Vorteile, als dass sie sowohl die örtlichen Begebenheiten als auch die Akteure (z.B. den Hausarzt) kennen und somit nicht jedes Mal einen anderen -gerade Diensthabenden- Ansprechpartner haben. Auch wenn sie berufstätig - und damit zumeist den Tag über nicht erreichbar - sind, bietet das Setting der ambulanten Versorgung die Möglichkeit anstehende Termine o.ä. über Freunde oder Nachbarn zu organisieren. Darüber hinaus haben sie, wie oben bereits erwähnt, die Möglichkeit jederzeit zu Besuch kommen können und haben somit keine institutionellen Vorgaben, z.B. aufgrund des Zimmernachbars besonders leise sein zu müssen, zu berücksichtigen.

Der Krankenhausalltag stellt für Angehörige oftmals eine bedrohliche Situation dar, vor allem wenn viele medizinische und diagnostische Apparate in unmittelbarer Nähe der Patienten vorhanden bzw. aufgebaut sind (vgl. Geisler, 2007). Im häuslichen Umfeld hingegen kennen sie sich aus und fühlen sich nicht hilflos gegenüber der gleichen Instrumente und Apparate, da diese in den persönlichen Lebensraum integriert werden. Darüber hinaus sehen sie sich nicht als Störfaktor gegenüber dem pflegerischen Personal (vgl. Richter, 1999), denn hier gestaltet sich die Rollenverteilung umgekehrt: Das Pflegepersonal ist es, dass ins Haus kommt und sich zunächst nicht auskennt bzw. zurechtfindet. Die Angehörigen hingegen kennen alle Räumlichkeiten und Personen, z.B. Nachbarn die zu Besuch sind. Dass Angehörige für eine routinemäßige Pflegehandlung aus dem Raum gebeten werden, ist im ambulanten Bereich hingegen eher eine Ausnahme als der Regelfall.

Aber auch bzgl. der Beratungsgespräche und –prozesse ist die eigene Wohnung [die der Betroffenen] von Vorteil: Die Angehörigen fühlen sich weder fremd noch haben sie das Gefühl die Pflege zu stören, sodass auch für sie die vertraute Wohnung genug Ruhe bietet um Beratungsgespräche zu führen.

2.1.3 Pflegendenperspektive

Eines der bedeutendsten Merkmale der ambulanten Pflege ist, dass Pflegende im Regelfall auf sich allein gestellt sind. In allen anderen Institutionen, in denen Pflege verortet ist, ist eine Pflegekraft niemals wirklich allein; sie kann im Zweifelsfall immer jemanden (z.B. von der Nachbarstation) hinzu rufen. Natürlich geht das in der heutigen Zeit, in denen fast jeder Mensch jederzeit ein Handy oder Telefon in unmittelbarer Nähe zur Verfügung hat, auch. Maßgeblich ist hier jedoch die Zeit bis wirklich eine andere Pflegekraft eintrifft (in einer Großstadt kann bei dichtem Verkehr und Parkplatzmangel keine unmittelbare Hilfe erfolgen).

Darüber hinaus werden medizinische und pflegerische Hilfsmittel oder Geräte immer kleiner und portabler, eine so genannte mobile Station, die alle Hilfsmittel aus der stationären Pflege bietet, kann jedoch keine Pflegende im ambulanten Bereich mit sich führen. Somit müssen Pflegende bei der ambulanten Versorgung nicht nur abschätzen können, welche Hilfsmittel und Geräte sie bei welchem Klienten brauchen (könnten), sondern sie müssen vor allem improvisieren können (z.B. wenn bestimmte, speziell geformte Lagerungskissen nicht vor Ort sind).

Außerdem sind Pflegende im Rahmen der ambulanten Versorgung die einzigen Ansprechpartner, die in einer Situation vor Ort sind. Somit ist es wichtig dass sie nicht nur professionell agieren (sie repräsentieren schließlich den gesamten Pflegedienst), sondern sich empathisch auf den Klienten und seine Angehörigen einlassen. Dies beinhaltet auch sich entsprechend Zeit für die Pflege und Beratung zu nehmen. Pflegerische Maßnahmen müssen daher noch detaillierter geplant sein, schließlich kann eine Pflegekraft nicht spontan noch einmal zu einem Klienten zurückkehren weil sie etwas vergessen hat.

Beratungsgespräche im ambulanten Bereich zu führen ist für Pflegende häufig eine Angelegenheit die spontan und zwischen Tür und Angel stattfindet, zumal sie zeitlich unter Druck stehen, da sie auch beim nächsten Klienten pünktlich sein möchten / müssen. Aus der Perspektive der Pflege bietet der ambulante Bereich daher zunächst nicht die entsprechenden Rahmenbedingungen, die für ein effektives Beratungsgespräch notwendig sind. Werden sie spontan von den Klienten oder ihren Angehörigen zu einer umfassenden Thematik befragt oder ergibt sich ein spontanes Beratungsgespräch, müssen sie abschätzen inwieweit es der zeitliche Rahmen zulässt und ob es nicht sinnvoller wäre dieses Gespräch zu einem späteren Zeitpunkt ausführlich fortzusetzen. Hierauf kann sie sich dann nicht nur entsprechend vorbereiten, die (geplanten) Rahmenbedingungen lassen darüber hinaus eine entsprechende ruhige und entspannte Atmosphäre zu, was dem Beratungsprozess förderlich ist.

2.2 Bedingungsanalyse

Im Folgenden werden die Voraussetzungen der Lerngruppe sowie die wissenschaftlichen Disziplinen auf Grundlage einer berufstypischen Situation anhand der konstitutiven Merkmale von Hundenborn & Knigge-Demal (1998, in Anlehnung an Kaiser 1985) analysiert.

2.2.1 Analyse der Lernvoraussetzungen

Da das Themenfeld Beratung anhand einer berufstypischen Situation gelehrt und gelernt werden soll, ist es notwendig, dass die Schüler bereits über ein fundiertes Grundwissen bzgl. der fachlichen Thematik (in diesem Fall: Diabetes mellitus Typ II) verfügen. Hierzu muss ergo das Teil-Lernfeld 1.3.5 der empfehlenden Ausbildungslichtlinie für die Altenpflege von Hundenborn & Kühn (2003) bereits abgeschlossen sein. Es ist zwar eine kurze Wiederholung des Themas Diabetes mellitus zu Beginn der Lerneinheit vorgesehen, diese soll jedoch primär von den Schülern als Selbstlernaufgabe erfolgen und innerhalb des Unterrichts nicht vertiefend stattfinden.

Da die Lerneinheit für das dritte Ausbildungsjahr vorgesehen ist, kann davon ausgegangen werden, dass die Schüler im Laufe ihrer praktischen Ausbildung bereits bei Beratungsgesprächen anwesend waren oder sogar selbstständig verschiedene Beratungsgespräche durchgeführt haben. Da diese jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit zumeist spontan und ungeplant (und darüber hinaus ohne das theoretische Fachwissen bzgl. Beratungsformen und –konzepten) verlaufen sind, kennen sie aufgrund ihrer Erfahrungen bereits Schwachstellen und notwendige Rahmenbedingungen bzgl. eines Beratungsgesprächs.

Die meisten Schüler absolvieren die praktische Ausbildung nach wie vor im Bereich der stationären Altenpflege (etwa 90 %) (vgl. Görres, Panter & Mittnacht, 2006). Bedingt durch den schon lange bekannten Mangel an (examinierten) Pflegefachkräften sowie dem überdurchschnittlich hohen Krankenstand von Pflegekräften (vgl. AOK, 2011; DAK, 2005; DBfK, 2009) sind diese (fast kontinuierlich) einem Personalmangel sowie einem erhöhten Zeitdruck unterlegen. Darüber hinaus steigt die Zahl der Pflegebedürftigen Menschen -bedingt durch den demographischen Wandel - kontinuierlich an, wohingegen die Anzahl an Pflegenden rückläufig ist (vgl. DBfK, 2010). Diese Situation betrifft auch Institutionen in denen Schüler ausgebildet werden, sodass auch für die besondere (Lern-) Situation der Auszubildenden für Beratungsgespräche nur wenig Zeit bleibt. Um diese spezielle Form der Gesprächsführung jedoch wirkungsvoll und richtig in der praktischen Umsetzung einüben und lernen zu können, ist es notwenig, dass durch die Praxisanleitung ein Beratungsgespräch im Rahmen der praktischen Ausbildung systematisch eingeübt wird. Dies erscheint vor diesem Hintergrund (s.o.) als eine enorme Herausforderung, dessen Wichtigkeit und Nutzen sich die Praxisanleiter möglicherweise nicht bewusst sind. Daher sind die Kooperationsstrukturen zwischen beiden Lernorten zu berücksichtigen, sodass eine entsprechende Anleitung der Schüler nach dem Prinzip der vollständigen Handlung nach Dilger & Sloane (2007) erfolgen kann. Dies gilt ebenso für den Bereich der ambulanten Pflege, auch wenn hier die zeitlichen Ressourcen aufgrund der Tourenplanung von vornherein erschöpft sind und somit kaum einen Raum für spontane Beratungsgespräche bieten.

Im Kontext der Lerneinheit müssen die Schüler nicht nur fachliches Wissen erlernen, sondern vor allem auch Gesprächskompetenzen anbahnen. Da hierfür jedoch praktische Übungen notwendig sind, muss der Unterricht von vornherein nicht nur auf einem rein kognitiven Niveau angesiedelt sein, sondern auch Raum für die Umsetzung des Gelernten bieten. Hierzu bieten sich Rollenspiele an, in denen die Schüler sich gegenseitig zu, im Vorfeld festgelegten, Themen beraten. Damit dies gelingen kann, sind zum einen entsprechende Räumlichkeiten, die genug Rückzugsmöglichkeiten und eine entsprechend ruhige Atmosphäre bieten, notwendig. Darüber hinaus sollte für die Beratungsgespräche der Schüler ein Beobachter eingeplant werden, da die Reflektion und Identifizierung der gelungenen, wie auch der misslungenen, Anteile der Beratungen protokolliert werden müssen.

[...]


[1] In der vorliegenden Arbeit bezieht sich die Formulierung „Schüler“ sowie die Formulierungen der Berufsbezeichnungen immer auf beide Geschlechter. Für eine bessere Lesbarkeit wird hier nur die maskuline Form verwendet.

[2] Der Begriff „Klient“ ergibt sich aus dem Setting, da die betroffene Person weder ein „Patient“ noch ein „Bewohner“ ist, was den gängigen Titulierungen im Krankenhaus bzw. im Bereich der stationären Altenhilfe entspricht.

Details

Seiten
41
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656470977
ISBN (Buch)
9783656471424
Dateigröße
683 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v230702
Institution / Hochschule
Fachhochschule Bielefeld – Fachbereich Wirtschaft und Gesundheit / Lehreinheit Pflege und Gesundheit
Note
1,3
Schlagworte
Diabetes Diabetes mellitus Teilcurriculum Altenpflege

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Titel: Beratung von alten Menschen mit Diabetes mellitus Typ II zu Ernährung, Bewegung und Insulinapplikation