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Die Motive Mikwe, Leinwand und die jüdische Identität in Benjamin Steins 'Die Leinwand'

Hausarbeit 2011 16 Seiten

Judaistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Mikwen
Allgemeines zu Mikwen
Die Mikwe in „Die Leinwand“
Die Mikwe als Symbol für das menschliche Unterbewusstsein
Die Mikwe als Übergang in eine andere Identität

Jüdische Identität
Bezug zu „Die Leinwand“
Jan Wechsler
Identitätskrise durch Missachtung der eigenen Herkunft
Die „poetische Wahrheit“ und die „Wahrheit der Wissenschaftler“

Die Leinwand
Die Leinwand als Symbol für die Wahrheit
Die Leinwand als Projektionsfläche für das eigene Leben

Fazit
Zusammenfassung
Persönliches Schlusswort

Literaturverzeichnis

Einleitung

Diese Hausarbeit hat zum Ziel, sich eingehender mit drei ausgewählten Motiven aus „Die Leinwand“ von Benjamin Stein auseinanderzusetzen, um insgesamt ein tieferes Verständnis für den Roman und den darin behandelten Themen zu vermitteln.

Das Buch ist in zwei Hälften unterteilt, die eine Hälfte wird aus der Sicht von Amnon Zichroni erzählt, die andere Hälfte aus der Sicht von Jan Wechsler. Den Seitenzahlen von Amnon Zichroni ist im Buchjeweils ein „Z“ vorgestellt, den Seitenzahlen von Jan Wechsler jeweils ein „W“. Diese Unterscheidungsmethode habe ich in meiner Zitierweise beibehalten.

Zu manchen Themen bezüglich des Judentums war kaum Sekundärliteratur vorhanden, die ich hätte verwenden können. Aus diesem Grund habe ich oftmals auf das Internet zurückgegriffen, was sich in meinem Literaturverzeichnis widerspiegelt. Als zusätzliche Quelle wandte ich mich per E-Mail an Benjamin Stein persönlich. Freundlicherweise nahm er sich die Zeit, mir einige Fragen zu seinem Roman zu beantworten.

Aufgrund der Vielfalt an Motiven und Themen, die in „Die Leinwand“ aufgegriffen und verwendet werden, musste ich mich auf die drei Motive beschränken, die mir am wichtigsten erschienen.

Auf die Mikwe fiel meine Wahl, weil sie an allen entscheidenden Stellen des Buches vorkommt und in mehrerlei Hinsicht interpretiert werden kann. Näheres dazu lässt sich im ersten Kapitel dieser Hausarbeit nachlesen.

Die „jüdische Identität“ wird im zweiten Kapitel genauer untersucht, weil es sich bei den drei Hauptpersonen des Romans um Juden handelt, die auf unterschiedliche Weise unter Identitätsproblemen leiden.

Die Bedeutung der Leinwand im gleichnamigen Roman zu beleuchten erschien mir interessant, weswegen sich das letzte Kapitel mit dem Motiv der Leinwand befasst, das vor allem in Bezug auf Minsky eine Rolle spielt.

Mikwen

Allgemeines zu Mikwen

Ein zentrales Motiv in „Die Leinwand“ stellt die Mikwe (hebr. für „Wassersammelbecken“) dar. Dabei handelt es sich um ein rituelles Tauchbad, das mit Friedhöfen und Synagogen zu den drei Dingen gehört, die für ein traditionell jüdisches Gemeindeleben unverzichtbar sind. Die Mikwe dient der rituellen Reinigung von Menschen und Geräten, die sich durch Verunreinigungen im Zustand der Tumah (rituelle Unreinheit) befinden. Um wieder in den Zustand der Taharah (rituelle Reinheit) zu gelangen, ist ein vollständiges

Untertauchen in der Mikwe, die Tevilah (hebr. Für „Tauchbad“), notwendig. Anlässe, zu denen eine Tevilah von Menschen vollzogen wird, sind z.B.: „nach jedem Geschlechtsverkehr, Pollution, Menstruation und Geburt, dem Verzehr verbotener Speisen, der Berührung von Aas wie Toten und vor der Teilnahme an Gotteskriegen. [...] vor Trauung und Glaubensübertritt.“[1]. Auch Geräte und Stoffe (wie z.B. Schächtgeräte und Felle) müssen teilweise der Tevilah unterzogen werden.

Der Bau einer Mikwe erfordert die Einhaltung strenger religiöser Vorschriften. Dabei ist es vor allem wichtig, dass es sich bei dem Wasser, mit dem die Mikwe gefüllt ist, um „lebendiges“ Wasser handelt, was durch strenge Kriterien festgelegt ist (z.B. muss ein regelmäßiger Wasseraustausch stattfinden, die Zuleitungsrohre dürfen nicht aus Metall sein, da es sich um eine von Menschen unberührte Quelle handeln muss etc.).

Die Mikwe in „Die Leinwand“

In „Die Leinwand“ wird die Mikwe an mehreren Stellen als Motiv eingesetzt:

Jan Wechsler kommt zunächst bei seiner Umkehr von einem eher westlich geprägten Lebensstil zu einem religiösen, jüdischen Leben mit einer Mikwe in Berührung. Eine erste Tevilah steht sowohl bei einer Konversion zum Judentum, als auch bei einer Rückkehr zu den eigenen jüdischen Wurzeln als symbolischer Akt am Anfang eines neuen Lebens, in dem alles anders ist als zuvor.[2] Diese Tevilah ermögliche laut Arisal[3] außerdem die Seelenwanderung einer Seele, die auf ihre Rückkehr in die Welt warte,[4] was bei Jan Wechsler eine entscheidende Rolle spielt (vgl. Kapitel: „Die Mikwe als Übergang in eine andere Identität“).

Amnon Zichroni berichtet von seinem Freund Eli Rothstein, der durch eine Tevilah in einer Mikwe in einem Wäldchen in Moza in derNähe Jerusalems von seinem Krebsleiden befreit wurde.

Nach seiner ersten Tevilah, die in Deutschland stattgefunden hat, empfindet Jan Wechsler zwar ein „Gefühl der Befreiung“, möchte aber „nach einer Mikwe [...] suchen, die vor Erinnerungen und Funken anderer Seelen geradezu überfließt.“[5] Seine Wahl fällt schließlich auf eine Mikwe in einem Wäldchen bei Moza in der Nähe Jerusalems. Es handelt sich um dieselbe Mikwe, in der einst Eli Rothstein geheilt wurde.

Jene Mikwe in Moza ist es auch, die Jan Wechsler und Amnon Zichroni nach Ausgang des Schabbats gemeinsam besuchen. Während Jan Wechsler eine Tevilah vollzieht, wird Amnon Zichroni von seinem Gefühl des Zorns überwältigt und drückt Jan Wechslers Kopf unter Wasser. Danach gilt er als verschwunden. Als Jan Wechsler mit dem Polizisten Gavriel Ben-Or in das Wäldchen fährt um zu seiner Erinnerung zurückzufinden, möchte er erneut untertauchen, um zu seiner Identität zurückzufinden. Er springt hinein und stellt dann fest, dass die Mikwe leer ist.

Die Mikwe als Symbol für das menschliche Unterbewusstsein

Das Motiv der Mikwe nimmt in „Die Leinwand“ mehrere Funktionen ein:

Benjamin Stein schrieb mir dazu im Zuge unserer E-Mail-Korrespondenz: „In der Psychoanalyse ist das Wasser das Unbewusste. Das macht für mich die Mikweh als Symbol so interessant: Man taucht vollständig unter im Wasser und taucht 'gereinigt' wieder auf. Auch in der Analyse muss man sich vollständig ins Unterbewusste begeben, um 'geheilt' wieder auftauchen zu können.“[6]

Während seiner Krankheitsphase ist Eli Rothstein zunächst wütend auf seinen Gott und hadert mit seinem Schicksal. Nach einem Gespräch mit seinem Rabbiner beginnt er damit, sich eingehend mit dem Talmud­Traktat „Mikwaot“ auseinanderzusetzen. Er gelangt dadurch zu der Überzeugung, dass es die Todesangst ist, die ihn verunreinigt hat und nicht die Krankheit selbst.

Auf S. Z.71/72 wird eine Parallele erwähnt, die Eli zwischen dem Lernen der Mischna und dem Untertauchen in einer Mikwe zieht: „So, wie die Berührung des Todes die ganze Seele durchdringt, muss auch das von ihr reinigende Wasser uns ganz umschließen. Für das Lernen [...] musste das gleiche gelten wie für den Tikkun durch Untertauchen in einer Mikwe.“

Ebenso verhält es sich mit der Psychoanalyse: Es genügt nicht, gewisse Teilaspekte zu analysieren. Eine vollständiges Untertauchen in das eigene Unterbewusstsein ist notwendig, um eine Heilung der eigenen Psyche zu erzielen. Nachdem Eli zu der Überzeugung gelangt ist, dass das, was ihn eigentlich krank macht, die Angst vor dem Tod ist, und nachdem er sich dieser Angst gestellt hat, besiegelt er das Ende seiner Krise durch eine Teviiah in der Mikwe in Moza. Er glaubt daran, dass die eigentliche Heilung seines Krebsleidens in seiner Psyche stattgefunden und sich daraufhin auf seinen Körper ausgewirkt hat. Aus seiner Sicht war die Mikwe lediglich als Katalysator eines zuvor abgeschlossenen psychischen Prozesses dienlich. Die Mikwe, die Eli und sein Begleiter in der Dämmerung erreichen, wird als „tiefe schwarze Löcher unter einem Spiegel.“[7] beschrieben. Den Blick in den „Spiegel des Wassers“ beschreibt Carl Gustav Jung als erste, abschreckende Begegnung mit unserem „wahren Gesicht“[8]. Diese Begegnung wird als unangenehm wahrgenommen, da die Konfrontation mit dem inneren Selbst das Projizieren der eigenen negativen Eigenschaften auf das persönliche Umfeld verhindert. Eli blickt während seiner Krankheitsphase jedoch nicht nur in den Spiegel. Er ist auch dazu bereit, sich vollständig seinem Unterbewusstsein zu stellen und taucht durch die Teviiah in die „tiefen schwarzen Löcher“ ein. Auch bei Jan Wechsler wird die Oberfläche der Mikwe einmal als Spiegel beschrieben, worauf ichjedoch weiter unten eingehen werde.

Der Prozess, den Eli durch seine Krankheit zu durchlaufen gezwungen war, hat ihn nicht nur körperlich geheilt - er hat dadurch auch einen Reifegrad erlangt, der ihn Amnon Zichronis Meinung nach zu „einem Knappen, wenn nicht sogar zu einem Ritter des Ewigen“ werden ließ.[9]

Eli wird also dadurch geheilt, dass er sich einer Konfrontation mit seinem Innersten stellt und somit seine Angst vor dem Tod besiegt, die er als Ursache für seine Krankheit betrachtet. Die Teviiah in der Mikwe in Moza hat hier den gleichen Effekt erzielt, wie es im Idealfall auch eine Psychoanalyse getan hätte: Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Unterbewusstsein hat eine heilende Wirkung und setzt einen Reifungsprozess der eigenen Persönlichkeit in Gang.

Jan Wechsler sucht sich bei seiner Rückkehr zum Judentum den Namen Arieh (Hebr. für „Löwe“) Liew (Jidd. für „Löwe“) aus. Als er seine erste Teviiah vollzieht, fürchtet er sich vor einem Angriff dieser beiden Löwen. Die Löwen sind hier als Symbol für Jan Wechslers Vergangenheit (insbesondere bzgl. des Skandals um Minsky) zu verstehen. Er fürchtet sich also davor, von dieser eingeholt zu werden, wenn er in sein Unterbewusstsein (also die Mikwe) eintaucht. Dies ergibt vor allem auch im Hinblick auf die Schlussszene Sinn, in der er Amnon Zichronis Hände, die ihn unter Wasser drücken, als Löwenpranken interpretiert: Durch die Begegnung mit Amnon Zichroni muss er sich zwangsweise seiner Vergangenheit stellen, auch wenn ihm das zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst ist. Dass Jan Wechsler nach seiner Teviiah in Moza die Mikwe mit einem „finsteren, aufgerissenen Löwenmaul“ vergleicht, das ihm „entgegenfauchte“[10], verstärkt diese Annahme.

Eine weitere Rolle spielt in Jan Wechslers Hälfte des Buches die Schlangengrube im Tempel des Asklepios im antiken Epidaurus[11], deren Konzept mit dem der Mikwe verglichen wird: Psychotiker sollen dort, in Grabgewändern an ein Brett gefesselt, in einen Brunnen voller Schlangen hinabgelassen worden sein. Diese Konfrontation mit dem Tod habe sie letztlich dazu bewogen, zurück zur Realität zu kehren, um der Schlangengrube zu entfliehen. In seiner Gefängniszelle stellt Jan Wechsler anhand dieses Beispiels fest, dass er sich in derselben Lage befindet: „Jetzt sitze ich in einer solchen Falle.“[12]. Er erkennt, dass er nicht länger vor seiner Vergangenheit davonlaufen kann.

Die Mikwe als Übergang in eine andere Identität

Bei Jan Wechslers Rückkehr zum Judentum nimmt die Mikwe neben der psychoanalytischen Bedeutung jedoch auch noch eine andere ein: Für ihn ist vor allem bedeutend, dass die Mikwe den Übergang in ein neues Leben ermöglicht, in welchem er nicht mehr mit den Erinnerungen an seine eigenen Fehler konfrontiert wird, was vor allem auf S. W. 171 deutlich wird.[13]

[...]


[1] http://www.historische-eschbom.de/

[2] STEIN (2006), S.W. 148: „Wenn jemand wie ich zum Ewigen zurückkehre, sei das Untertauchen in der Mikwe, als stünde man mit den Vorvätern am Berg Sinai, als sie die Torah empfingen. Nichts würde gelten von dem, was gewesen war. Aus dem Wasser steige man auf als ein neuer Mensch.“

[3] Abk. für „der göttliche Rabbiner Isaak Gesegneten Andenkens“, geb. 1534, berühmter Mystiker der Stadt Safed, Israel.

[4] Vgl. STEIN (2006), S.W.148

[5] Vgl. STEIN (2006), S.W.171

[6] Siehe Anhang

[7] Vgl. STEIN (2006),S.Z.75

[8] Vgl. JUNG (1992)

[9] Vgl. STEIN (2006),S.Z.77

[10] Vgl. STEIN (200б), S.W.203

[11] Vgl. STEIN (200б), S.W.188/189

[12] Vgl. STEIN (2006), S.W.189

[13] STEIN (2006), „Man kann sich nicht reinwaschen von Scham und Schande. Aber wenn die Mikwe ein Tor in ein anderes Leben ist, gibt es doch einen Ausweg - eine Möglichkeit, der Erinnerung an die eigenen Fehler zu entkommen.“

Details

Seiten
16
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656471639
ISBN (Buch)
9783656471677
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v230730
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
2,0
Schlagworte
motive mikwe leinwand identität benjamin steins

Autor

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Titel: Die Motive Mikwe, Leinwand und die jüdische Identität in Benjamin Steins 'Die Leinwand'