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Was veranlasst Eltern zu physischer Gewalt in der Erziehung?

Beobachtungen der Erziehungsstile italienischer und deutscher Eltern unter Berücksichtigung der Bedeutung religiöser Argumente

Bachelorarbeit 2012 56 Seiten

Didaktik - Theologie, Religionspädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Gesetz zur Ächtung der Gewalt in der Erziehung
1.1 Geschichtlicher Hintergrund
1.2 Gesetzesinhalt
1.3 Zielsetzung

2. Fallbeispiele
2.1 Silvia Teil I
2.2 Fabiola Teil I

3. Gewalt in der Erziehung
3.1 Definition von Erziehung
3.1.1 Erziehungsbedürftigkeit des Menschen
3.1.2 Drei Grundlegende Bedürfnisse für eine gesunde körperliche und geistige Entwicklung
3.1.2.1 Das Bedürfnis nach Existenz (existence)
3.1.2.2 Soziale Bindung und Verbundenheitsbedürfnis (relatedness)
3.1.2.3 Wachstumsbedürfnis (growth)
3.1.3 Erziehungsstile
3.1.3.1 Autoritärer Erziehungsstil
3.1.3.2 Demokratischer Erziehungsstil
3.1.3.3 Laissez-faire oder permissive Erziehungsstil
3.2 Definition Gewalt
3.3 Formen von Kindesmisshandlung
3.3.1 Psychische Misshandlung
3.3.2 Sexueller Missbrauch
3.3.3 Vernachlässigung
3.4 Kindesmisshandlung vs. Kindeswohlgefährdung
3.5 Einstellungen der Bibel zu Körperstrafen

4. Erklärungsansätze der Ursachen von Kindesmisshandlungen
4.1 Das psychopathologische Erklärungsmodell
4.2 Das soziologische Erklärungsmodell
4.3 Das sozial – situationale Erklärungsmodell
4.4 Resümee Kindesmisshandlung
4.5 Erklärungsansätze erklärt am Fallbeispiel „Fabiola Teil. I.“

5. Körperliche Gewalt
5.1 Definition des Begriffes „körperliche Gewalt“
5.2 Gesundheitliche Folgen und Auswirkungen der physischen Gewalt
5.3 Die Resilienz

6. Wie gehen ehemalige misshandelte Kinder mit ihren Kindern um?
6.1 Fallbeispiel Teil II. Silvia
6.2 Fallbeispiel Teil II. Fabiola

7. Italien
7.1 Die Studie: Viele Welten Leben
7.2 Rolle und Bedeutung der Familie
7.2.1 Begriffsklärungen
7.2.2 Erziehung der Kinder wird in Solidarität vollzogen
7.3 Deutschland – Italien im Vergleich der Familien Erziehungs- vorstellungen

8. Was veranlasst Eltern zu physischer Gewalt in der Erziehung?

9. Zusammenfassung und Fazit

10. Literaturverzeichnis

ANHANG

Einleitung

Im Jahr 2006, wurde ein weiterer Fall über Kindesmisshandlung in den deutschen Medien, bekannt. Es handelte sich um den Fall Kevin, ein zweijähriger Junge, der nach dem Tod der Mutter, trotz der Hinweise auf Misshandlungen, in die Obhut des Stiefvaters gegeben worden ist. Im Oktober 2006 wurde Kevin in dessen Kühlschrank gefunden.[1]

Bei der Obduktion stellten die Gerichtsmediziner neue und ältere Knochenbrüche und Verletzungen an den Genitalien fest.[2]

Hierbei kommen Fragen auf wie: Was geht im Kopf eines solchen Menschen vor? Was hat den Stiefvater dazu bewegt, Kevin zu Tode zu bringen? Wie konnte dieser Mann monatelang an den Kühlschrank gehen, sich seine Lebensmittel herausnehmen, wissend, dass in der Mülltüte der leblose Körper des zweijährigen Kevin befand.

Dieser Fall, den ich im Jahre 2006 intensiv mitverfolgte, brachte mich zu meinem Thema der physischen Gewalt in der Erziehung. Schwerpunkt dieser Arbeit wird, wie oben bereits angedeutet, sich mit der Frage auseinandersetzen, aus welcher Motivation heraus sich Eltern für die körperliche Gewalt in der Erziehung entscheiden. Darüber hinaus, möchte ich die beiden mir bekannten Kulturen Italien – Deutschland vergleichen. Ich möchte sehen, ob es einen Unterschied gibt zwischen italienischen und deutschen Eltern, die in ihrer Kindheit Gewalt erfahren haben und wie diese sich auf die Erziehung der eigenen Kinder auswirken. Dazu habe ich im Rahmen dieser Arbeit mit zwei Elternteilen aus beiden Kulturen, in Deutschland lebend, Gespräche durchgeführt. Die befragten Personen, die aufgrund des sensiblen Themas, anonym bleiben wollten, lehnten jegliche Art von Aufnahme der Gespräche ab. Die Gespräche erfolgten in einem dyadischen gegenübersitzenden Gespräch, mit einem daraus entstandenen schriftlichen und überprüften Protokoll. Die Namen der beiden Personen werden aus datenschutzrechtlichen Gründen geändert. Im Anschluss an den Vergleich der beiden Kulturen, möchte ich einen Bezug zu den religiösen Argumenten nehmen. Diese ist mir ebenfalls besonders wichtig, denn häufig passiert der Fehler, durch das nicht verstehen biblischer Abschnitte die Gewalt in der Erziehung auf die Bibel verwiesen wird mit der Aussauge: „Wer sein Kind liebt, züchtigt es.“

Zu Beginn dieser Arbeit werde ich mich mit den theoretischen gesetzlichen Grundlagen, dem „Gesetz zur Ächtung der Gewalt in der Erziehung“, auseinandersetzen. Durch die geführten Gespräche mit den Elternteilen beider Kulturen, entstanden durch deren Aussagen zwei Fallbeispiele. Diese werde ich in zwei Teile zerlegen: Die Erlebnisse der eigenen Kindheit stelle ich in Kapitel zwei dar, während der zweite Teil, im Kapitel sechs, sich mit der Erziehung der eigenen Kinder beschäftigt.

Im mittleren Teil der Arbeit geht es um die Themen von Gewalt und Erziehung, wobei der inhaltliche Schwerpunkt auf der Gewalt liegt. Da das Thema Gewalt ein sehr breit gefächertes Themengebiet ist, gehe ich besonders auf die körperliche Misshandlungsform ein.

Das Kapitel vier beschäftigt sich mit der Entstehung von Gewalt, wobei auf das psychopathologische, das soziologische und das sozial - situationale Modell näher eingegangen wird.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist im Kapitel fünf zu finden: die Folgen von physischer Gewalt bei Kindern und die Resilienz.

Wie bereits oben genannt beschäftig sich das Kapitel sechs mit den Fallbeispielen der beiden Eltern und der Erziehung mit den eigenen Kindern. Das siebte Kapitel wird sich mit der die Studie: „Viele Welten Leben“ beschäftigen und eine Annäherung der Erziehungsvorstellungen von Eltern aus Italien, die in Deutschland leben, aufzeigen. Im Kapitel 3.5 hingegen werde ich einen Bezug zur Bibel nehmen und zeigen welche Stellung die Religion zu Körperstrafen einnimmt. Wie der Artikel 1 im BGB besagt, soll keiner wegen seines Geschlechtes ausgeschlossen werden, deswegen werden mit dem Begriff „Kinder“, „Personen“ und „Eltern“ beide Geschlechter gemeint. Es gibt viele Verschiedene Begriffe, die sich mit der elterlichen Erziehung auseinandersetzen und dessen Erziehungsmaßnahmen. Ich werde mich auf den alten Begriff der „Kindesmisshandlung“ beschränken.

1. Gesetz zur Ächtung der Gewalt in der Erziehung

Jedes Kind, egal welcher Herkunft, Religion oder politischer Weltanschauung hat das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung. Bevor ich weiter auf die inhaltlichen Aspekte dieses Gesetz eingehe, muss zum Verständnis, die Entstehung erläutert werden. Im Anschluss daran werde ich auf den Inhalt und die Zielsetzung eingehen.

1.1 Geschichtlicher Hintergrund

In Deutschland ist bzw. war die Gewalt in der Erziehung eine sehr weit verbreitete Praxis, das Kind zur „Vernunft zu bringen“ oder sie von einem gezeigten „unerwünschtes Verhalten“ abzubringen. Die Eltern sahen Gewalt in der Erziehung als rechtens an und auch von der Umwelt wurde der „Klaps auf den Po“ die „Ohrfeige“ und die „berechtigte tracht Prügel“ in allen Schichten der Gesellschaft geduldet.[3]

Die Geschichte des §1631 Abs. 2 des BGB geht in das Jahr 1896 zurück. Er gab dem Vater die Erlaubnis „angemessene Zuchtmittel“ gegenüber dem Kind einzusetzen. Durch das Inkrafttreten des Gleichberechtigungsgesetz im Jahre 1957 wurde die Züchtigung durch den Vater aufgehoben und beiden Eltern zugesprochen, wenn die „Züchtigung“ nur zu Erziehungszwecken und nur in geringen Maßen angewandt wurde.[4]

Aufgrund dieser langjährigen entwürdigenden Erziehungsmaßnahme wurde im Jahre 1979 durch die UN das Jahr des Kindes ausgerufen und eine Kommission erstellt, die sich mit den Rechten der Kinder befassen sollte. Die UN verabschiedete im Jahre 1989 die UN- Kinderrechtskonvention. In dieser waren alle Staaten, mit einigen Ausnahmen, vertreten mit der Verpflichtung im Falle eines Nichtbeachtens, gesetzliche Maßnahmen zu ergreifen, um das Kind vor physischer und psychischer Gewalt zu schützen. Diese Verankerung der Vertragsstaaten und dessen Verpflichtung ist im Artikel 19 der UN – Kinderrechtskonvention verschriftlicht worden.[5]

Am 6. Juli 2000 wurde, mit entsprechender Mehrheit, das „Gesetz der „Ächtung der Gewalt in der Erziehung“ im §1631 Abs. 2 des BGB im deutschen Bundestag verabschiedet.[6]

1.2 Gesetzesinhalt

„Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.“[7]

Dies ist das Gesetz der „Ächtung der Gewalt in der Erziehung“ das am 6. Juli 2000, im Bundestag verabschiedet worden ist. Dieses Gesetz stellt sich auf die Seite der Kinder und gewährleistet ihnen ohne Gewalt aufzuwachsen. Dadurch hat der Staat Teil an der Kindlichen Erziehung, indem er den Eltern die Gewaltausübung verbietet. Auf dem ersten Blick steht in diesem Gesetz die Gewalt im Vordergrund. Schaut man jedoch näher hin, so erkennt man, dass neben der körperlichen Gewalt, auch die psychische Gewalt zu unterlassen sei. Das Spektrum der psychischen Gewalt ist sehr weit, u. a. finden sich unter der psychischen Gewalt die Verweigerung mit dem Kind zu Sprechen, das Kind zu erniedrigen aber auch das Kind vor jemanden bloßzustellen.

Durch die Ausübung von psychischer Gewalt wird ein Kind stärker in seiner Persönlichkeit und in seinem Stolz verletzt, als durch die Ausübung von körperlicher Gewalt.[8][9]

1.3 Zielsetzung

Mit dem Gesetz stellt sich die Frage, was durch dieses erreicht werden soll.

Einerseits soll das Gesetz in der Bevölkerung den Blick schärfen, dass Gewalt kein angemessenes Erziehungsmittel ist und neben den erhofften positiven Auswirkungen, negative, wie weitere Gewalt und Aggressionen entstehen. Die Bevölkerung soll, wenn der Verdacht einer Kindeswohlgefährdung besteht, den Blick nicht abwenden, sondern eingreifen. Andererseits muss auch die Einstellung der Eltern dem Kind gegenüber verändert werden. Diese Veränderung ist allerdings nur durch die Gesetzgebung nicht möglich. So soll durch dieses Gesetz versucht werden, die Eltern zu motivieren bei Überforderung mit der Erziehung eines Kindes, sich an die Kinder- Familien- und Jugendhilfe zu wenden. Durch die Kooperation mit den Jugendämtern soll zusammen mit den Familien eine Lösung für eine gewaltfreie Erziehung bzw. Konfliktbewältigung gefunden werden.[10]

Sowohl im Jahr 2001/2002 als auch 2005 fand dazu unter der Leitung von Prof. Dr. jur. Kai-D. Bussmann, für das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend eine Begleitforschung statt, mit der Zielsetzung, die Praxis des Gesetzes in der Erziehung zu untersuchen und zu schauen, ob diese im familiären Kontext zurückging oder gleich blieb. Dazu wurden 1000 Eltern von minderjährigen Jugendlichen und 1000 Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren bundesweit befragt. Die Ergebnisse dieser Befragung wurden mit anderen Begleitforschungen von 1992 bis 1996 verglichen.[11]

2. Fallbeispiele

Die folgenden Fallbeispiele, entstanden aus den Protokollen, die im Anhang zu finden sind, erhellen die eigene Kindheit der beiden befragten weiblichen Elternteile.

2.1 Silvia Teil I.

„Ich bin Silvia, komme aus Hannover und bin 26 Jahre alt. Ich bin ein Kind einer ungewollten Schwangerschaft zwei deutscher Eltern. Meine Mutter war, als sie von meiner Existenz erfuhr 16 Jahre alt. Mein biologischer Vater hingegen 25. Er fühlte sich zu jung für eine Familie und verlangte von meiner Mutter den Schwangerschaftsabbruch. Bis zum achten Lebensjahr wuchs ich bei meinen Großeltern auf. Meine Großmutter war ein liebevoller Mutterersatz. Zwei Tage vor meinem Geburtstag kam es zum Streit zwischen meiner Mutter und meiner Großmutter. Daraufhin verließen wir, meine Mutter und ich, ihre Wohnung ohne uns von ihr zu verabschieden. Ich fand, bei unserer Rückkehr am Nachmittag, meine Großmutter leblos auf ihrem Bett liegen. Nach dem Tod meiner Großmutter, nahm meine Mutter mich zu sich. Meine Mutter hatte einen festen Partner, der jedoch von meiner Existenz nichts wusste. Einen Beruf hatte sie nicht erlernt. Auch einer geregelten Arbeit ging meine Mutter nicht nach, aber eine Party lies sie nicht ausfallen. Mein Großvater wollte, dass meine Mutter anfängt für ihren Lebensunterhalt und den ihrer Tochter aufzukommen. Somit setze er uns auf die Straße. Zum Glück meiner Mutter, hatte ihr Partner ein Haus in dem er uns aufnahm. Ich bekam ein kleines Zimmer in dem gerade einmal ein Bett hineinpasste. Meine Kindheit schien dem des Zauberjungen Harry Potter sehr ähnlich. Kurz nach dem Einzug wollte meine Mutter von ihrem Partner Nachwuchs, der jedoch Jahre auf sich warten lies. Ich war Schuld an der nicht eintretenden Schwangerschaft meiner Mutter. Ihrer Meinung nach war sie durch mich starken psychischen Belastungen ausgesetzt. Mit der Geburt von Baby Angela, veränderte sich die Situation zuhause drastisch. Ich kam immer an zweiter Stelle und Angela wurde immer bevorzugt. Um etwas haben zu dürfen, musste ich es mir durch gutes Benehmen und Arbeiten im Haushalt „verdienen“. Wenn ich mal etwas nicht machen wollte, bekam ich Schläge, wenn Angela außer Sichtweite war, kamen Bisse und Kochlöffel hinzu. Weitere Schläge gab es, wenn mein Stiefvater abends von der Arbeit nach Hause kam und meine Mutter ihm erzählte, ich sei nicht „artig“ gewesen. Ich war für alles verantwortlich, auch wenn meine Schwester etwas anstellte. So erinnere ich mich an die Situation als meine Schwester vor Wut eine Packung Wein auf den Boden warf. Ich wurde von meiner Mutter an den Haaren ins Badezimmer gezerrt und mit Händen, Füßen und Holzschuhen misshandelt. Hinzukamen Sätze der Demütigung wie: „Du bist mal wieder an allem Schuld. Aus dir wird nie etwas werden, hätte ich dich doch damals einfach abgetrieben, so hätte ich heute nicht solche Probleme.“[12] Als wäre das nicht genug gewesen musste ich nach der Tracht Prügel den Boden aufwischen. Wenn es meiner Mutter nicht schnell genug ging, kam erneut der Kochlöffel zum Einsatz. Oft sprach meine Mutter Stundenlang nicht mehr mit mir, manchmal auch Tagelang. Das einzige, das mir ein wenig Kraft gab, war die Schule. Es war der einzige Ort, an dem ich keine Prügel bekam, niemand mich demütigte und sagte, ich sei ein nichts und könne nichts und zu dem war es die einzige Zeit, wo ich meine Mutter nicht sehen musste. Nach dem Ableben meiner Großmutter hatte ich niemanden mehr zum Reden, mein Großvater wusste zwar was vor sich ging, griff aber nicht ein. „Im Sportunterricht sahen viele die Blauen Flecken, auch die Lehrer, mich darauf anzusprechen, warum ich denn so viele blaue Flecke habe, haben sie nicht gewagt.“[13] Oft hatte ich das Bedürfnis von Zuhause wegzulaufen, aber die Hoffnung, dass meine Mutter mir durch die geleistete Arbeit Liebe abgäbe, war immer präsent.

Hätte ich die Möglichkeit die Zeit zurückzudrehen. würde ich mit dem Bewusstsein, den ich heute habe, meine Mutter zur Rede stellen und Fragen, warum sie mich so behandelt hat, denn wenn ich sie damals danach gefragt habe, bekam ich zur Antwort eine Gegenfrage wie: „Hast du schon den Müll runter gebracht.“[14] oder „Wer sein Kind liebt der züchtigt es, so steht es in der Bibel geschrieben“[15]. „Alle Kinder aus meiner Klasse haben sich auf die Wochenenden und auf die Ferien gefreut. Ich allerdings habe sie gehasst. Zuhause war es katastrophal, ich war alleine und hatte Angst vor der nächsten Tracht Prügel. Ich habe das Wochenende mit Hausaufgaben der Schule verbracht: Manchmal habe ich manche Aufgaben drei- bis viermal wiederholt, damit ich nicht an die Aufgaben im Haushalt ran gezogen wurde, das war meine Entspannung, Freunde hatte ich nur in der Schule“

2.2 Fabiola Teil I.

„Ich bin Fabiola, bin 42 Jahre alt und wurde von meinen Eltern regelrecht misshandelt. Ich denke nicht gerne an meine eigene Kindheit zurück, weil es gar keine gab. Jahre lang erlitt ich physische als auch psychische Gewalt. Ich bin in Caserta/Italien als zweites Kind von 12 Kindern, zweier streng katholischer Eltern geboren und wohne nun seid drei Jahren in Deutschland.

Ich habe eine ältere Schwester, zwei jüngere und acht jüngere Brüder. Meine Schulausbildung endete mit der vierten Klasse, ab da an brauchte meine Mutter mich bei der Erziehung der Kinder und im Haushalt. Ich wollte immer Krankenschwester werden, doch aufgrund des Geldmangels und der zu versorgenden Familie durfte ich die Ausbildung nie anfangen. Ich habe bei meiner Mutter Schneiderin gelernt. Meine Eltern stritten regelmäßig, weil mein Vater statt Geld nur den Ertrag der Ernte nach Hause brachte.

Ich war 13 Jahre alt, als ich zu arbeiten anfing, um meine Familie mit Geld zu versorgen und morgens tat ich was meine Mutter von mir verlangte.

Als ich einmal von der Arbeit nicht bezahlt worden bin, wurde mir unter Schlägen unterstellt das Geld behalten zu haben. In meiner Familie gab es eine klare Rollenverteilung, wir Mädchen und meine Mutter mussten uns um den Haushalt kümmern und um die Kinder, mein Vater war Bauer und arbeitete auf dem Land. Meine Brüder hingegen, bis sie nicht alt genug waren, um meinem Vater auf dem Land zu helfen, durften ihre Kindheit genießen Es musste gegessen werden, was auf den Tisch kam, aus dem Ertrag der Ernte. War die Ernte schlecht, gab es weniger zu essen, war sie hingegen gut, passierte es, dass die Lebensmittel auch schlecht wurden, da wir keinen Kühlschrank hatten. Auch gab es tagelang nur hartes Brot in Wasser aufgeweicht, mit ein wenig Öl, bis Nachbarn uns etwas zu essen brachten. Wollten wir die verdorbenen Lebensmittel nicht Essen, so wurden wir grün und blau geschlagen, sodass wir uns manchmal tagelang nicht bewegen konnten.

Ich versuchte so wenig wie möglich Schläge einzustecken, versuchte das zu machen, was meine Mutter wollte. Das war ein enormer Druck. Der Tagesablauf war durchstrukturiert. „Um 10 Uhr morgens musste das ganze Haus von oben bis unten geputzt, die Wäsche aufgehängt und Kinder gewaschen sein.“[16].

Um 13 Uhr musste das Essen für meine Brüder auf dem Tisch sein und gleichzeitig das Essen beim Vater auf dem Land sein: „Meine Schwestern waren oft zu faul, somit musste ich jeden Tag, in der Mittagshitze meinem Vater, das Mittagessen auf das 10 Kilometer entfernte Land, zu Fuß, bringen. Und wehe ich kam zu spät oder das Essen war kalt, dann gab es richtig Ärger und zwar solchen, dass ich Tagelang nicht sitzen konnte.

Ich hatte nie Freizeit und wenn ich Freizeit hatte, dann musste ich meine Großmutter besuchen, um ihr dort im Haushalt zu helfen. Ich hatte keine Freunde und auch keine richtige Kindheit, denn ich wurde von Anfang an, als eine „kleine Erwachsene“ gesehen.

Ich arbeitete wie eine Maschine, hatte kaum eine Pause. „Meine Mutter war eine Gebärmaschine und mein Vater hatte nichts Besseres zu tun, als meine Mutter einmal im Jahr zu schwängern. Ein Kind folgte dem nächsten, für die Erziehung war ich mit meiner Schwester zuständig. Meine Mutter stillte die kleinsten, die anderen gab sie in unsere Verantwortung ab. Ich war 10 Jahre alt und kümmerte mich schon um 6 jüngere Geschwister.“[17]

Ich musste die Verantwortung für meine Brüder tragen, wenn diese etwas anstellten, so musste ich immer den Kopf hinhalten. Ich wurde mit Besenstilen und großen Kochlöffeln, selten aber mit den bloßen Händen geschlagen. Wenn meine Geschwister geschlagen wurden, haben diese geschrieen und Widerworte von sich gegeben, meiner Mutter passte dies nicht und Schlug fester zu. Um meine Geschwister zu beschützen bin ich oft dazwischen gegangen. Eine Situation werde ich nie vergessen: als ich meine Geschwister beschützen wollte, hat meine Mutter mir einen Besenstiel auf dem Rücken zerbrochen. Auch wurde mir dabei immer wieder die Schuld gegeben: schlagen: „Ich schlage dich nicht gerne, aber du lässt mir keine andere Wahl, du bist dumm und nutzlos“ Wie ich mich dabei gefühlt habe, konnte ich meinem Eltern nicht sagen, geschweige denn zeigen. Nach dem Akt der Gewalt lies meine Mutter von uns ab und lies uns alleine. Das war die schlimmste Zeit, denn es war keiner da, der uns tröstete: eher tröstete ich meine Geschwister, ich wurde nie getröstet. Meine Eltern hatten einen sehr strengen Erziehungsstil uns gegenüber. Zwischen Eltern und Kindern herrschte eine Hierarchie. Bis heute habe ich von meinen Eltern nie ein Lob oder ein Danke erhalten, meine Hilfe war für diese eine Selbstverständlichkeit. Meine Eltern haben immer das sagen gehabt, wir durften keine Meinungen äußern, auch nicht im Erwachsenenalter: „Solange du deine Füße unter meinem Tisch hast…“[18] Wir mussten immer alles aufessen, nie widersprechen. Gespräche zwischen uns gab es selten, alles was unseren Eltern nicht passte wurde mit „den Händen geklärt“[19][20]

3. Gewalt in der Erziehung

In den Medien hört man nicht selten von Kindern, die von ihren Eltern misshandelt werden. Hierbei stellt sich die Frage, was ist unter Misshandlung zu verstehen und was bedeutet Gewalt. Im folgenden Kapitel werde ich näher auf diese beiden Themengebiete eingehen und die Begriffe „Gewalt“ und „Misshandlung“ darstellen. Bevor ich in die Thematik einsteige muss jedoch erst der Erziehungsbegriff definiert werden.

3.1 Definition von Erziehung

Überall wo Kind und Erwachsene zusammentreffen findet Erziehung statt. Die Erziehung ist eine alltägliche Aufgabe, die in Interaktion stattfindet.[21]

Erziehung ist somit eine soziale Interaktion zwischen zwei Personen, bei dem der Erwachsene den Edukanden planvoll und zielgerichtet, unter Berücksichtigung der kindlichen Bedürfnisse, versucht die Persönlichkeit des Kindes und erwünschtes Verhalten zu entfalten und zu stärken. Die Erziehung ist ein Bestandteil des Sozialisationsprozesses. Der Erwachsene versucht in den Prozess der Persönlichkeitsbildung des Kindes einzugreifen mit der Intention das Kind zu einem selbstständigen, leistungs- und verantwortungsvollen Menschen zu bilden.[22]

Die Erziehung sollte nicht nur ein intentionelles Umgehen mit den Kindern sein, sondern sollte den Kindern auch die Möglichkeit bieten, neue Lebensräume zu eröffnen, in denen er Erfahrungen sammeln, das eigene Verhalten erproben, Beziehungen gestalten und Identifikation ermöglichen kann. Die Funktion des Erziehers ist vielfältig und widersprüchlich zugleich. Der Erzieher begleitet, unterstützt, fördert, leitet an, vermittelt, ermöglicht Erfahrungen, animiert, provoziert und korrigiert. Das Kind soll als kompetenter Gestalter der eigenen Entwicklung und als unterstützungsbedürftiges Wesen gesehen werden. Die Kinder sollen nicht als der werdende Mensch gesehen werden, sondern als vollwertiger Mensch mit eigenen Bedürfnissen, mit einem eigenen Bewusstsein und Wahrnehmungen.[23] Eltern, die ihren eigenen Lebensentwurf mit dem des Kindes vereinbaren und diese akzeptieren, können dem Kind eine Entwicklungsfördernde Unterstützung geben. Der Erwachsene muss dem Kind emotionale Wärme ,wie Liebe und Respekt entgegen bringen, mit dem Kind in Kooperation stehen, dem Kind eine Struktur bieten, wie Regeln, die beidseitig eingehalten werden und die Förderung seiner Stärken durch die bereitete Umgebung. Diese Eigenschaften der Erziehung werden auch die „fünf Säulen der Erziehung“ genannt.[24][25] Im Alltag findet keine klare Unterscheidung dieser entwicklungsfördenden Umgangsweisen statt, sondern fließen ineinander über.[26]

[...]


[1] Vgl. http://www.pantucek.com/bremen_kevin.pdf (10.07.2012).

[2] Vgl. http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/fall-kevin-toedlich-verletzt-nicht-

ermordet/v_print/1249720.html (10.07.2012).

[3] Vgl. http://www.fzpsa.de/Recht/Fachartikel/familienrecht/gewaltfrei/gewaltfreischleicher

(11.07.2012).

[4] Vgl. Ebd. (12.07.2012).

[5] Vgl. BMFSFJ, 1992, S. 15.

[6] Vgl. http://www.gewaltfreie-erziehung-in-

koeln.de/files/ksb_koeln_pfitzner_informationen_argumente.pdf (11.07.2012).

[7] Zit. BGB, 2008, §1631 Abs. 2.

[8] Vgl. Dorlöchter, Heinz, 1997, S. 344f.

[9] Vgl. http://www.berlin.de/imperia/md/content/lb-

lkbgg/bfg/nummer29/11_krappmann.pdf?start&ts=1193649457&file=11_krappmann.pdf

(11.07.2012).

[10] Vgl. SGB VIII, §16 Abs. 1, 2008.

[11] Vgl. Bussmann, Kai, 2005, S. 3.

[12] Zit. Gesprächsprotokoll vom 26.06.2012 (Silvia) im Anhang S. 2.

[13] Zit. Ebd.

[14] Zit. Ebd.

[15] Zit. Gesprächsprotokoll vom 26.06.2012 (Silvia) im Anhang S. 2.

[16] Zit. Gesprächsprotokoll vom 01.0.2012 (Fabiola) im Anhang S. 4

[17] Zit. Gesprächsprotokoll vom 01.0.2012 (Fabiola) im Anhang S. 5

[18] Zit. Gesprächsprotokoll vom 01.0.2012 (Fabiola) im Anhang S. 5.

[19] Vgl. Ebd.

[20] Vgl. Gesprächsprotokoll vom 01.0.2012 (Fabiola) im Anhang S. 4f.

[21] Vgl. Dorlöchter, Heinz, 2005, S.43.

[22] Vgl. Dorlöchter, Heinz, 2005, S.42.

[23] Vgl. Dorlöchter, Heinz, 2005, S. 47.

[24] Vgl. Dorlöchter, Heinz, 2005, S.43f.

[25] Vgl. Tschöpe-Scheffler, Sigrid, 2007, S. 43-74.

[26] Vgl. Tschöpe-Scheffler, Sigrid, 2007, S. 76.

Details

Seiten
56
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656482437
ISBN (Buch)
9783656482444
Dateigröße
603 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v230798
Institution / Hochschule
Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin
Note
1,3
Schlagworte
Erziehung Italien Gewalt

Autor

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