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Zwangssterilisation im Nationalsozialismus. Gesetz und Praxis

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 17 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neueste Geschichte, Europäische Einigung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Gesetz zur Legitimierung von Zwangssterilisationen
2.1. Die praktische Umsetzung des Gesetzes

3. Proteste in der Gesellschaft

4. Resümee

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit soll sich mit dem recht heiklen Thema „Gesetz und Praxis der Zwangssterilisation im Nationalsozialismus“ befassen. Das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vom 14. Juli 1933 (GzVeN) gehörte zu einem dem ersten und wichtigsten Gesetze der nationalsozialistischen Zeit. Nach diesem Gesetz, welches um die Bevölkerung nicht zu beunruhigen nicht Sterilisationsgesetz, sondern Erbkrankheits- oder auch Erbgesundheitsgesetz genannt wurde, sterilisierten Ärzte im Zeitraum von 1934 bis 1945 ca.

400.000 Menschen. Ziel des Gesetzes war es „die Rasse in den Mittelpunkt des allgemeinen Lebens zu setzen“ und „für ihre Reinerhaltung zu sorgen“ [1]. Tausende Menschen, hauptsächlich Frauen, kamen bei den Operationen, die zur Sterilisation nötig waren ums Leben. Unfruchtbarmachung nach dem GzVeN wird daher und wegen der Tatsache, dass tausenden Menschen die Chance zur Vermehrung genommen wurde, von vielen

zeitgenössischen Autoren als ein Teil der nationalsozialistischen Mordpolitik gesehen. Sie zählt, ebenso wie die systematische Tötung in Konzentrationslagern, zur eugenischen Rassenpolitik des Nationalsozialismus und diente der Ausschaltung biologisch angeblich minderwertigen Erbguts, auch wenn sie vielleicht weniger präsent in der Wahrnehmung der Bevölkerung ist. Dies könnte an der geringeren Opferzahl liegen, denn immerhin behielten die Menschen, die sich einer Sterilisation unterziehen mussten in der Regel noch ihr Leben. Auch wurde der Eingriff oft aus Scharm und aus Angst vor der gesellschaftlichen Ausgrenzung verschwiegen. Im Gegensatz zu dieser Ideologie der „Ausmerzung“ stand der

Zwang zur Fortpflanzung in einer reinrassigen, „erbgesunden“ Ehe.[2]

Zuerst sollen durch Auswertung der wichtigsten Literatur die Gesetze näher betrachten werden, die zur Legitimierung von Zwangssterilisationen führten. Dabei werden zunächst die unmittelbaren gesetzlichen Vorläufer des Sterilisationsgesetzes, dann die konkrete Entwicklung, die zur Einführung des GzVeN führte, und schließlich der Inhalt des Gesetzes selbst beschrieben, um einen Überblick über die rechtliche Lage zu verschaffen.[3] Das Gesetz vom 14. Juli 1933 wurde in seiner Geschichte mehrfach geändert. Auf diese Änderungen und auf ihre Auswirkungen auf die Sterilisationspolitik soll anschließend eingegangen werden. Darauffolgend wird die konkrete Realisierung und Umsetzung des GzVeN dargestellt, welche in den verschiedenen Verordnungen zur Ausführung des Gesetzes zur Verhütung erbkranken

Nachwuchses festgehalten wurde. In Anbetracht des geringen Umfangs dieser Arbeit sei hier gezielt auf das Verfahren einzugehen, das zur Sterilisation führte. Die medizinischen Details werden dabei außen vor gelassen. Der darauf folgende Abschnitt beschreibt den Widerstand und Protest gegen das Sterilisationsgesetz. Sowohl Betroffene, als auch Nicht-Betroffene übten mehr oder weniger öffentliche Kritik an dem GzVeN und an dessen Umsetzung. Auf die Frage inwiefern dieser Protest, den Widersachern schadete soll dabei genauso eingegangen werden, wie auf die Reaktion der Regierung, die auf angebliche Freiwilligkeit bei der Sterilisationspolitik plädierte. Außerdem werden die Tatsachen näher beleuchtet, die dazu führten, dass der Frauenanteil bei Sterilisationen deutlich höher lag, als der Anteil der Männer. Anschließend folgt ein abschließendes Resümee, welches nochmal die verschiedenen Gruppen der zu sterilisierenden beschrieben wird.

Besonders hingewiesen werden sollte auf das Vokabular dieser Arbeit. Um die Grausamkeit und die drastischen Maßnahmen, die während der NS-Zeit in Folge von Sterilisationen durchgeführt wurden, zu verdeutlichen, wird die Wortwahl dieser Zeit verwendet. Wendungen wie „Ausmerzung minderwertigen Erbguts“ oder „Aufartung der arischen Rasse“, welche aus dem heutigen Sprachgebrauch weitestgehend verschwunden sind, werden bewusst eingesetzt und durch Anführungszeichen gesondert gekennzeichnet.

2. Das Gesetz zur Legitimierung von Zwangsterilisationen

Der Entstehung des nationalsozialistischen Sterilisationsgesetzes gehen mehrere, um die Jahrhundertwende erschienene, Veröffentlichungen voraus, die sich mit den Begriffen Rassenhygenie und Eugenik beschäftigten. Diese Veröffentlichungen können drei Gruppen von Befürwortern zugeordnet werden. Auf der einen Seite gab es einige Einzelpersonen, die sich wünschten unfruchtbar gemacht zu werden. Als Grund für ihr Anliegen nannten sie den Wunsch Geschlechtsverkehr zu vollziehen ohne mögliche Folgen zu fürchten oder auch die Möglichkeit die Kinderzahl, aus Angst vor einer schwierigen finanziellen Lage, zu begrenzen. Auf der anderen Seite stand die Fürsorge, welcher daran gelegen war, dass Menschen die nicht in der Lage waren Kinder aufzuziehen, nicht die Möglichkeit hatten sich fortzupflanzen. Die dritte und treibende Kraft, die sich für ein Sterilisationsgesetz einsetze, war die Gruppe der Eugeniker, die eine Verschlechterung des Volkes durch Fortpflanzung „minderwertiger

Menschen“ fürchtete.[4] Dies galt es zu verhindern, um somit die Kosten zu verringern, die durch die Versorgung und Betreuung „minderwertiger Menschen“ verursacht wurden. Der Sozialmediziner Alfred Grotjahn, der selbst als praktizierender Arzt tätig war und somit täglich mit dem Leid erbkranker Menschen konfrontiert wurde, war einer der Befürworter der Unfruchtbarmachung aus eugenischen Gründen. Bereits 1926 prophezeite er:

„Die Unfruchtbarmachung wird sich als eugenisches Mittel langsam durchsetzen und in der Gesetzgebung ihren Niederschlag finden, nachdem die öffentliche Meinung mehr als gegenwärtig auf sie vorbereitet worden ist." [5]

1927 schlug Gortjahn dann dem Preußischen Landesgesundheitsrat vor, dass eine Sterilisation, die der Erhaltung des deutschen Erbguts dienen sollte, keine strafrechtliche Ermittlung zur Folge haben sollte. Zu diesem Zeitpunkt fand sein Vorschlag allerdings noch keine Zustimmung.[6] Ein Jahr später plädierte dann Adolf Hitler in seiner Abschlussrede auf dem Nürnberger Parteitag für die „Beseitigung der Schwächsten“:

Würde Deutschland jährlich 1 Million Kinder bekommen und 700000 - 800000 der Schwächsten beseitigen, dann würde am Ende das Ergebnis vielleicht sogar eine Kräftesteigerung sein. Das Gefährlichste ist, daß wir selbst den natürlichen Ausleseprozeß abschneiden ... Das geht soweit, daß sich eine sich sozial nennende Nächstenliebe um Einrichtungen bemüht, selbst Kretins die Fortpflanzungsmöglichkeiten

zu verschaffen ... Verbrecher haben die Möglichkeit ihrer Fortpflanzung ... Das Entsetzlichste ist, daß wir nicht die Zahl vermindern, sondern tatsächlich den Wert." [7]

Hitlers hartnäckiges Einsetzen für rassenhygienische Sterilisationen fand viel Anklang. In allen Parteien hatte sich der rassenhygienische Gedanken etabliert, doch die NSDAP forderte an radikalsten Konsequenzen. Zahlreiche Vertreter rassenhygienischer Forderungen traten in die NSDAP ein. So z.B. auch die Sterilisationspolitiker Herbert Linden, Ernst Rüdin, Falk Ruttke und

Arthur Gütt.[8] Doch trotz dieser in allen Parteien vertretenen, rassenhygienischen Vorstellung konnte

sich die Forderung nach Zwangssterilisation vor der Machtergreifung Hitlers nicht durchsetzen. 1928 reichte der Sächsische Landes-Gesundheitsrat einen Entwurf zur Legitimierung von

[...]


[1] Hitler, Adolf: Mein Kampf, Bd. II: Die nationalsozialistische Bewegung. München 1927. S. 36.

[2] Anm.: Im Zuge dieser Ausführung wird dieser Punkt allerdings vernachlässigt, da es den Rahmen dieser Arbeit sprengen und auch nur indirekt zum Thema passen würde.

[3] Anm.: Die komplette Betrachtung aller Gesetze wurde den Umfang dieser Arbeit bei weitem übersteigen und ist für das deren Ziel auch nicht erforderlich.

[4] Vgl.: Leppmann, Friedrich: Das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses, in: Zeitschrift für Kinderforschung 1 (1934), S. 264.

[5] Grotjahn, Alfred.: Die Hygiene der menschlichen Fortpflanzung: Versuch einer praktischen Eugenik. Berlin

Wien 1926. S.321.

[6] Vgl.: Koch, Thomas: Zwangsterilisation im Dritten Reich – Das Beispiel der Universitätsfrauenklinik Göttingen. Frankfurt 1994. S. 11.

[7] Zitiert nach: Bock, Gisela: Zwangssterilisation im Nationalsozialismus – Studien zur Rassenpolitik und Frauenpolitik. Opladen 1986. S. 23.

[8] Vgl.: Ebd., S. 25.

Details

Seiten
17
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656469896
ISBN (Buch)
9783656469940
Dateigröße
592 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v230968
Note
2,3
Schlagworte
zwangssterilisation nationalsozialismus gesetz praxis

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Titel: Zwangssterilisation im Nationalsozialismus. Gesetz und Praxis