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Die somatischen Dimensionen von Sozialisationsprozessen

Essay 2013 6 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Der Begriff ‚Sozialisation[1] ‘ beschreibt die Entwicklung des Individuums in seinem Verhältnis zur Umwelt. Im heute allgemein vorherrschenden Verständnis wird mit Sozialisation der Prozess der Entstehung der menschlichen Persönlichkeit in Abhängigkeit von und in Auseinandersetzung mit den sozialen und den dinglich-materiellen Lebensbedingungen verstanden, die zu einem bestimmten Zeitpunkt der historischen Entwicklung einer Gesellschaft existieren. Sozialisation bezeichnet den Prozess, in dessen Verlauf sich der mit einer biologischen Ausstattung versehene menschliche Organismus zu einer sozial handlungsfähigen Persönlichkeit bildet, die sich über den Lebenslauf hinweg in Auseinandersetzung mit den Lebensbedingungen weiterentwickelt (vgl. Hurrelmann 1993: 14). Sozialisation ist somit „ein emergenter Prozess (…), in den Biologisches und soziale Erfahrung eingehen und sich untrennbar verbinden“ (Bilden 2002: 29).

Der Terminus ‚Körpersozialisation‘ umschreibt speziell den somatischen Prozess der Anpassung an sowie die Aneignung von gesellschaftlichen sozialen Normen durch den Menschen, welche über und durch den menschlichen Körper erfolgt. Für die Sozialwissenschaften ist eine Untersuchung des Körpers unentbehrlich, da dessen Bewegung „als die kleinste Einheit der sozialwissenschaftlichen Analyse verstanden werden kann“ (Alkemeyer 2003: 331). Der Soziologe Robert Gugutzer beschreibt den menschlichen Körper in Bezug auf Sozialisation gar als ‚soziales Phänomen‘, da er der Ansicht ist, dass sämtliche Körperpraktiken, Körpervorstellungen und Körperbewertungen von der jeweiligen Kultur, Gesellschaft und Epoche abhängig sind und geprägt werden, in der sie auftreten (vgl. Gugutzer 2007:4). Für Gugutzer ist der menschliche Körper demnach kein ‚natürliches‘ Produkt der Biologie, sondern ein gesellschaftliches Konstrukt, welches durch Sozialisation geformt wird.

Es stellt sich nun die Frage, welche somatischen Dimensionen von Sozialisationsprozessen in der Empirie beobachtet werden können. Um dies zu beantworten, soll im Folgenden auf zwei populäre Theoriekonzepte eingegangen werden, welche die Wirkmächtigkeit der Gesellschaft mit dem Fokus auf die Körperlichkeit des Individuums analysieren: Der konstruktivistische Ansatz des ‚doing gender‘, welcher vor allem im Feld der Geschlechterforschung eine bedeutende Rolle spielt, sowie das Habitus-Konzept von Pierre Bourdieu, welches als einer der wichtigsten Bausteine in Bourdieus soziologischem Theoriekonstrukt gilt. Anhand von zweckdienlichen Beispielen aus dem Alltag sollen beide Analyseansätze im Zuge ihrer theoretischen Erläuterung sowohl empirisch veranschaulicht als auch soziologisch erklärt werden.

[...]


[1] Der Begriff lässt sich im Englischen und Französischen auf die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts zurückverfolgen, wo er im Oxford Dictionary of the English Language als „to render social, to make fit for living in society“ definiert wurde.

Details

Seiten
6
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656465447
ISBN (Buch)
9783656466284
Dateigröße
546 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v231021
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Soziologie
Note
1,7
Schlagworte
bourdieu west zimmerman habitus hexis doing gender doing sozialisierung sozialisation soma somatisierung sozialisationsprozess

Autor

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Titel: Die somatischen Dimensionen von Sozialisationsprozessen