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Das Konzept "Doing Gender“. Geschlecht als ein Produkt performativer Tätigkeiten

Essay 2013 6 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Das Konzept "doing gender“ stellt einen aktionsorientierten Analyseansatz dar, welcher „Geschlecht“ als ein Produkt performativer Tätigkeiten auffasst. Von der Systematik her ist das Konzept in der interaktionstheoretischen Soziologie zu verorten. Der Ansatz des „doing gender“ geht davon aus, dass der Mensch bei sämtlichen Tätigkeiten des Alltags stets auch sein sozial erlerntes und erwartetes Geschlecht konstruiert, was in einer Verfestigung der bestehenden Geschlechterverhältnisse resultiert. Geschlecht und Geschlechtszugehörigkeit sind demnach nicht als Eigenschaft oder Merkmal von Individuen zu betrachten, sondern als Produkt sozialer Prozesse, in denen „Geschlecht“ als sozial folgenreiche Unterscheidung hervorgebracht und reproduziert wird (vgl. Gildemeister 2004: 137).

Der Begriff „doing gender“ geht auf den gleichnamigen Aufsatz[1] (1987) der beiden Soziolog_innen Candace West und Don H. Zimmerman zurück, welcher stark durch ethnomethodologische Studien beeinflusst wurde. Einen Schwerpunkt ihres Konzepts bildet die dreigliedrige Neufassung der “sex-gender“ Unterscheidung, welche das Kriterium der Reflexivität beachtet und ohne „natürliche“ Vorgaben auskommt. Demnach unterscheiden West und Zimmerman die Begriffe „sex“, „sex-category“ und „gender“. Während es sich bei „sex“ um die Geburtsklassifikation des körperlichen Geschlechts auf Basis sozial vereinbarter biologischer Kriterien handelt, stellt „sex-category“ die soziale Zuordnung zu einem Geschlecht aufgrund der sozial geforderten Darstellung einer erkennbaren Zugehörigkeit dar. Wichtig ist hierbei der Umstand, dass diese soziale Zuordnung nicht zwangsläufig auch der Geburtsklassifikation entsprechen muss. Als dritten Begriff ihres Theoriekonstrukts führen West und Zimmerman den Ausdruck „gender“ ein. Darunter verstehen sie die intersubjektive Validierung in Interaktionsprozessen durch eine situationsadäquate Handlungs- und Verhaltensweisen im Lichte normativer Vorgaben. Des Weiteren müssen Handeln und Verhalten stets unter Berücksichtigung der Tätigkeiten stattfinden, welche der in Anspruch genommenen Geschlechtskategorie angemessen erscheinen (vgl. Gildemeister 2004: 138).

West und Zimmerman beziehen sich bei ihrer Arbeit unter anderem auf Harold Garfinkels "Agnes-Studie" (1967), welche die Absicht verfolgt, die gesellschaftlichen Konsequenzen einer Verletzung der diskursiv entstandenen Normen von Geschlechterunterscheidung aufzuzeigen. Garfinkel beschreibt, wie sich die Transsexuelle Agnes nach ihrer Umwandlung zur Frau auf allen Ebenen des Verhaltens dem kulturellen Dasein einer Frau im Kalifornien der sechziger Jahre anpasst. Transsexualität lässt sich in diesem Zusammenhang als natürliches Krisenexperiment betrachten, da sie einen „innergesellschaftlichen Zugang zur Kontingenz unserer Geschlechterwirklichkeit [darstellt]“ (Hirschauer 1989: 102). Im Kontext der Transsexualität werden die Hervorbringung des Geschlechts sowie die damit verbundenen, notwendigen Praxen, als ein Geschlecht wahrgenommen zu werden, besonders deutlich. Aus diesem Grund werden transsexuelle Personen als Expert_innen der Geschlechtskonstruktion gesehen, da die Irritation des Geschlechtswechsels sowohl die Wahrnehmungs- und Verhaltensroutinen der Transsexuellen, als auch ihrer Interaktionspartner_innen durcheinanderbringt, was eine interessante analytische Perspektive auf die Konstruiertheit von Geschlechterdifferenz bietet.

[...]


[1] Das Konzept entstand in einer expliziten und programmatischen Abgrenzung zur gängigen „sex-gender-Unterscheidung“, in welcher implizit von einem „natürlichen Unterschied“ ausgegangen und die kulturellen Ausprägungen von „gender“ lediglich als gesellschaftlicher Reflex auf Natur gefasst wurde.

Details

Seiten
6
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656465652
ISBN (Buch)
9783656468899
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v231026
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Soziologie
Note
1,0
Schlagworte
doing gender west zimmerman performativität geschlechtsdarstellung geschlechtsattribution

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Titel: Das Konzept "Doing Gender“. Geschlecht
als ein Produkt performativer Tätigkeiten