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Die hermeneutische Bedeutung des Zeitenabstandes in Hans-Georg Gadamers "Wahrheit und Methode"

Eine Schlüsselstelle in der Argumentation Gadamers

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 13 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhalt:

1. Der Textzusammenhang

2. Die Zirkelstruktur der hermeneutischen Bemühung

3. Das objektive und subjektive Moment des Zirkels bei Schleiermacher

4. Heideggers Wende : Verstehen als eigentlicher Vollzug des Zirkels

5. Der Vorgriff der Vollkommenheit

6. Der „wahre“ Ort der Hermeneutik

7. Der Zeitenabstand und seine Bedeutung für das Verstehen

8. „Überhaupt verstehen“ heisst „anders verstehen“

9. Der Zeitenabstand und die „wahren“ und „falschen“ Vorurteile

10. Die Naivität des „sogenannten Historismus“

11. Fazit

1. Der Textzusammenhang

Das im Folgenden zu untersuchende Kapitel „Die hermeneutische Bedeutung des Zeitenabstandes“ nimmt zwar nur wenige Seiten des Gesamtwerkes „Wahrheit und Methode“[1] in Anspruch, ist aber inhaltlich von wichtiger Bedeutung für das Verständnis der Gadamerschen Gesamtargumentation.

Von daher ist es sinnvoll, bevor mit einer genaueren Betrachtung des zu behandelnden Textes selbst begonnen wird, zunächst kurz auf den grösseren textlichen Zusammenhang einzugehen.

Ausgangspunkt der Argumentation Gadamers ist die Klärung der Frage nach der Wahrheit in der Kunst, die ihn zu der Feststellung führt: „Wir sehen in der Erfahrung der Kunst eine echte Erfahrung am Werke, die den, der sie macht, nicht unverändert lässt, und fragen nach der Seinsart dessen, was auf solche Weise erfahren wird. So können wir hoffen, besser zu verstehen, was es für eine Wahrheit ist, die uns da begegnet.“[2] M.a.W. : In der Erfahrung von Kunst begegnet Wahrheit, die verstanden werden kann.

Der folgende Satz ist bereits Programm für die weitere Entwicklung und Richtung der Argumentation: „Wir werden sehen, dass sich damit zugleich die Dimension öffnet, in der im ‚Verstehen’, das die Geisteswissenschaften betreiben, die Frage nach der Wahrheit sich neu stellt.“[3]

Dementsprechend trägt dann der zweite Hauptteil des Werkes, in dem sich auch der zu untersuchende Text findet, den Titel „Ausweitung der Wahrheitsfrage auf das Verstehen in den Geisteswissenschaften“.[4]

Hier beginnt Gadamer zunächst mit einer Untersuchung der historischen Entwicklung der Hermeneutik im geisteswissenschaftlichen Bereich, die ihn schliesslich zu einer scharfen Auseinandersetzung mit einem historistisch - methodisierenden Hermeneutikbegriff führt, den er insbesondere bei Dilthey verortet.

In seiner weiteren Argumentation knüpft Gadamer daher bei Heidegger an, bei dem Verstehen im Gegensatz zu Dilthey nicht mehr quasi die Methode ist, die Natur- und Geisteswissenschaften voneinander abgrenzt, sondern Existenzial, Grundbefindlichkeit des Da - Seins. Der Begriff des hermeneutischen Zirkels und seiner Wandlungen, auf die im Folgenden noch einzugehen ist, erhält mit Heidegger ontologische Struktur und einen ontologisch positiven Sinn. Der Zirkel des Verstehens besteht darin, dass alle Auslegung, die Verstehen hervorbringen soll, das Auszulegende schon verstanden haben muss. Nach Heidegger ist der Zirkel aber nicht einfach ein Kreis, in dem sich eine im Grunde beliebige Erkenntnisart bewegt, vielmehr ist er Ausdruck der existenzialen Vorstruktur[5] des Da – Seins selbst.

Diese Vorstruktur des Verstehens möchte Gadamer nun auf die Geschichtlichkeit des Verstehens anwenden und entwickelt im Folgenden sein wirkungsgeschichtliches Konzept von Hermeneutik, wobei er die Zirkelstruktur zunächst an einem positiv und produktiv verstandenen Vorurteil festmacht, wobei der Begriff des Vorurteils sowohl die wirkungsgeschichtliche Überlieferungstradition des Textes als auch die Vorerwartungen und Vorentscheidungen des Lesers / Auslegers umfasst.

Diese positive Wertung der Tradition als hermeneutischer Bedingung des Verstehens[6] führt Gadamer nun direkt zur Untersuchung der „hermeneutischen Bedeutung des Zeitenabstandes“ , dem im Folgenden nun im Einzelnen zu betrachtenden Text.

2. Die Zirkelstruktur der hermeneutischen Bemühung

Ausgehend von der Frage, was diese Zugehörigkeit von Text und Leser zu einer Tradition letztlich für das Verstehen bedeutet, weist Gadamer nun noch einmal auf die Zirkelstruktur des hermeneutischen Vorgangs hin, in dem das Ganze durch die Teile und die Teile durch das Ganze wechselseitig bestimmt werden. Dies verdeutlicht er am Beispiel der Übersetzung eines altsprachlichen Textes. Diese Übersetzung wird einerseits bestimmt durch das Konstruieren der einzelnen Worte und Satzglieder, andererseits aber auch gleichzeitig durch eine bereits vom vorangegangenen Text bestimmte „Sinnerwartung“.[7] Diese Erwartung muss sich allerdings dann möglicherweise im Fortgang der Übersetzung wieder ganz neu bestimmen lassen.

„Richtigkeit“ des Verstehens ist dann gegeben, wenn eine „Einstimmung“ von Einzelheiten und Ganzem vorliegt, anderenfalls ist das Verstehen gescheitert.[8]

3. Das objektive und subjektive Moment des Zirkels bei Schleiermacher

An dieser Stelle greift Gadamer zunächst noch einmal die Hermeneutik Schleiermachers auf, mit der er sich bereits an anderer Stelle des Werkes ausführlicher befasst hat,[9] dort allerdings insbesondere unter dem Aspekt der Ergänzung der traditonellen grammatikalischen durch eine psychologisch - technische Textauslegung.[10]

Hier nun geht es Gadamer demgegenüber insbesondere um Schleiermachers Differenzierung des hermeneutischen Zirkels hinsichtlich einer objektiven und einer subjektiven Seite.

Unter der „objektiven“ Seite des Zirkels versteht Schleiermacher den Zusammenhang des Einzeltextes mit dem Gesamtwerk des Schriftstellers und dieses wiederum in seiner Beziehung zu einer literarischen Gattung bzw. der Literatur insgesamt.

Unter dem Aspekt der „subjektiven“ Seite gehört der gleiche Text aber auch „als Manifestation eines schöpferischen Augenblicks in das ganze des Seelenlebens seines Autors“.[11] Verstehen vollendet sich nach Schleiermacher erst in der Ganzheit der objektiven und subjektiven Seite.

Diesen Ansatz lehnt Gadamer in zweierlei Hinsicht ab. Insbesondere der subjektive Aspekt „...darf wohl ganz beiseite gesetzt werden“[12], weil wir uns beim Versuch des Verstehens eines Textes gerade nicht in die seelische Verfassers des Autors zurückversetzen, sondern allenfalls „... in die Perspektive, unter der der andere seine Meinung gewonnen hat “.[13] Letztlich geht es nach Gadamer ja darum, das sachlich Sinnhafte des Textes zu verstehen und nicht die subjektive Disposition des Verfassers. Das „Wunder des Verstehens“[14], das die Hermeneutik aufklären soll, ist eben „...nicht eine geheimnisvolle Kommunikation der Seelen, sondern eine Teilhabe am gemeinsamen Sinn...“.[15]

[...]


[1] S. 275 - 283 in dem über 500 Seiten starken Werk ( Gadamer, H.-G. : Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik , 2.Aufl., Tübingen 1965 ). Die folgenden Seitenangaben der nicht näher spezifizierten Fussnoten beziehen sich auf diese Ausgabe.

[2] S.95

[3] ebd.

[4] S. 162 - 360

[5] S.250ff

[6] vgl. S.275

[7] S.275

[8] S.275

[9] S.172 - 185

[10] vgl. S.174

[11] S.275

[12] S.276

[13] S.276

[14] ebd.

[15] ebd.

Details

Seiten
13
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656473749
ISBN (Buch)
9783656474098
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v231089
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Philosophie
Note
1.0
Schlagworte
Hermeneutik

Autor

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