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Jakob Wassermanns Roman "Die Juden von Zirndorf". Romantische Merkmale und Motive

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 28 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Romantische Merkmale und Motive

3. Romantische Merkmale und Motive in Jakob Wassermanns „Die Juden von Zirndorf“
3.1 Transzendentalpoesie
3.2 Fragmentcharakter
3.3 Progressive Universalpoesie
3.4 Übernatürliches, Phantastisches und Aufhebung der Logik
3.5 Schreckensromantik
3.6 Traditionsbesinnung und das Motiv des Mittelalters
3.7 Das Seelenmotiv
3.8 Das Spiegelmotiv
3.9 Das Motiv der Religion
3.10 Das Traummotiv
3.11 Der Naturbezug
3.12 Das Sehnsuchtsmotiv
3.13 Das Nachtmotiv

4. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Ich liebe nämlich die Nacht“[1]

Diese Aussage scheint ein Leitspruch des Romans „Die Juden von Zirndorf“ zu sein. Mit Leidenschaft spricht Jeanette, die Tochter eines reichen Juden, diesen Satz zu Agathon, der sich zum Messias berufen fühlt. Jakob Wassermann, Dichter der Jahrhundertwende, ist wohl ebenfalls von der Nacht begeistert, denn er verwendet in seiner Erzählung auffallend oft dieses romantische Motiv.

Ebenso evident ist die Verwendung weiterer romantischer Merkmale und Motive. Ob Transzendentalpoesie, Fragmentcharakter, Übernatürliches, das Motiv der Seele oder des Traums - nahezu alle Charakteristika romantischer Schriften sind in Jakob Wassermanns Text „Die Juden von Zirndorf“ zu finden. Inwiefern dabei die Vorstellungen romantischer Poetologie von Wassermann übernommen oder verfremdet werden, gilt es zu untersuchen. Dabei soll nachgewiesen werden, dass die Nacht das dominierende Motiv des Romans darstellt.

Dafür werden die romantischen Merkmale und Motive zunächst kurz erläutert. Anschließend widmet sich eine genaue Betrachtung mit zahlreichen Bezügen zum Text der Analyse der verschiedenen Merkmale sowie ihrer Bedeutung und Funktion. So werden zunächst die Transzendentalpoesie und der Fragmentcharakter des Werkes untersucht. Anschließend wird der Gebrauch der progressiven Universalpoesie, des Übernatürlichen und Phantastischen, der Schreckensromantik und der Traditionsbesinnung nachgewiesen. Inwieweit das Motiv der Seele, des Spiegels, der Religion, des Traums, der Natur und der Sehnsucht Verwendung findet, wird anschließend analysiert. Abschließend widmet sich ein umfangreiches Kapitel dem Nachtmotiv. Mit einer zusammenfassenden Darstellung der Ergebnisse wird die Betrachtung von Jakob Wassermanns Roman „Die Juden von Zirndorf“ abgeschlossen.

2. Merkmale und Motive der Romantik

Damit in Jakob Wassermanns Roman „Die Juden von Zirndorf“ romantische Merkmale und Motive nachgewiesen werden können, werden hier die wichtigsten zunächst kurz erläutert. Dabei muss beachtet werden, dass selbstverständlich nicht jeder romantische Text in gleicher Form und Ausprägung alle Merkmale und Motive verwendet, selbst wenn verschiedene Formulierungen dies implizieren könnten.

Ein wesentliches Merkmal der Romantik stellt die Transzendentalpoesie dar. Diese bezeichnet die Selbstreflexion romantischer Texte. Sie wird dadurch erzeugt, dass der Autor Überlegungen, Reflexionen und Eindrücke formuliert.[2] Er kann dadurch eigene Positionen und Anschauungen darstellen. Daher handelt es sich bei der Transzendentalpoesie „um die Vermischung von philosophischer Reflexion und ästhetischer Anschauung.“[3]

Die Transzendentalpoesie wird aber nicht nur auf inhaltlicher Ebene sondern auch auf der strukturellen Ebene des Textes deutlich. So ist ein weit verbreitetes Merkmal romantischer Werke die Mischung von Textgattungen. Dies äußert sich zum Beispiel darin, dass in einem Prosatext ebenfalls Gedichte, also lyrische Elemente, verwendet werden. Dabei gilt der Roman als idealste Textsorte, um andere Gattungen integrieren zu können.

Wichtig ist zudem das Merkmal der Ironie. Dabei ist jedoch nicht nur gemeint, dass eine Aussage intendiert wird, die der wörtlichen Bedeutung des Gesagten entgegensteht. Vielmehr bedeutet romantische Ironie, dass entgegengesetzte Positionen, Meinungen oder Deutungsmöglichkeiten dargestellt werden und nicht deutlich wird, welche die korrekte ist.

Ein weiteres Merkmal der Romantik ist der Fragmentcharakter der Werke. Das heißt, dass die romantischen Texte unabgeschlossen bleiben sollen. Dabei sind die Fragmente in sich zwar abgeschlossen, bilden aber nur in Verbindung mit anderen Texten ein „Bild des Ganzen“[4].

Dadurch werden Werke der Romantik insgesamt als Fragmente konzipiert, zugleich aber auch innerhalb der Texte Auslassungen und Kürzungen vorgenommen.

Ein ebenfalls prägendes Merkmal romantischer Texte ist die progressive Universalpoesie.

Friedrich Schlegel formuliert diese folgendermaßen:

„Die romantische Poesie ist eine progressive Universalpoesie. [...] Die romantische Dichtart ist noch im Werden; ja das ist ihr eigentliches Wesen, dass sie ewig nur werden, nie vollendet sein kann.“[5]

Romantische Dichtung ist demnach nie abgeschlossen und kann immer fortgedacht werden. Dabei arbeitet die Romantik an der „Erzeugung einer eigenen Wirklichkeit“[6].

Damit wird zugleich intendiert, dass die Mimesis als Form der Imagination eingesetzt werden soll. So werden literarische Arbeiten mit Anschauungen und Erkenntnissen aus Philosophie, Kunst und Wissenschaft verbunden. In romantischen Texten finden sich daher oftmals detaillierte Beschreibungen wissenschaftlicher Vorgänge.

Eines der wesentlichsten Merkmale romantischer Texte ist zudem das Vorkommen von Übersinnlichem, Phantastischem, imaginären Welten und Ereignissen, die der rationalen Logik offensichtlich widersprechen. Auffällig ist dabei, dass diese Geschehnisse wie selbstverständlich passieren und von den Protagonisten nicht bestaunt, geschweige denn angezweifelt oder hinterfragt werden.

In Zusammenhang mit der Verwendung irrationaler Vorkommnisse steht die Schreckensromantik. Als Merkmal der romantischen Literatur verwendet sie ebenfalls phantastische Elemente, ist jedoch vor allem dadurch gekennzeichnet, dass beim Leser Furcht erzeugt wird. Als Beispiel können hier viele Texte des Romantikers E.T.A. Hoffmann dienen, der deshalb auch als „Gespenster-Hoffmann“ bezeichnet wurde.

Wichtig ist für die Romantik zudem der Naturbezug. Die Natur wird dabei als rein und ursprünglich dargestellt und bildet somit einen Rückzugs- und Zufluchtsort vor der Zivilisation und ihrer Laster.

Über die genannten Eigenschaften hinaus ist zudem die Traditionsbesinnung romantischer Texte, die sich insbesondere in der Verwendung von mittelalterlichen Motiven und der Würdigung dieser Epoche äußert, als markantes Merkmal zu nennen.

Ein wichtiges Motiv der Romantik ist das Seelenmotiv, bei dem vor allem der Wert der menschlichen, unsterblichen Seele betont wird. Weiterhin wird in romantischen Texten mehrfach das Motiv des Spiegels verwendet. Dadurch werden oftmals nicht offensichtliche, meist negative Eigenschaften der Protagonisten deutlich gemacht.

Weitere prägende Motive der Werke der Romantik stellen das Nachtmotiv und das Traummotiv dar. Viele Handlungen finden in romantischen Texten daher oftmals in der Nacht statt und haben eine besondere Bedeutung. Die Nacht gilt dabei meist als „Symbol des Todes und der Gottesferne, der Verderbens und Unheils, der Unwissenheit und des Irrtums, aber auch für die Befreiung und Offenbarung.“[7] Oftmals wird die Nacht zudem in Verbindung mit der Schreckensromantik genutzt.

Ähnliches gilt für das Traummotiv, das in der überwiegenden Mehrheit ebenfalls zu nächtlicher Zeit spielt. Die Protagonisten erhalten durch Träume meist neue, wichtige Erkenntnisse, Informationen oder Handlungsempfehlungen, verstehen diese aber nicht immer richtig zu deuten.

Darüber hinaus kommt der Religion in romantischen Texten eine besondere Bedeutung bei. Sie wird häufig thematisiert und dabei überwiegend als positiv und notwendig bewertet.

Nachdem die wesentlichen Merkmale und Motive der Romantik hiermit kurz vorgestellt wurden, wird im folgenden Kapitel auf diese Merkmale eingegangen und mit zahlreichen Textbelegen erläutert, inwiefern sie in Jakob Wassermanns Roman „Die Juden von Zirndorf“ nachzuweisen sind.

3. Romantische Merkmale und Motive in Jakob Wassermanns „Die Juden von Zirndorf“

3.1 Transzendentalpoesie

Wie beschrieben wurde, stellt die Transzendentalpoesie ein wesentliches Merkmal romantischer Texte dar. Auch in Jakob Wassermanns „Die Juden von Zirndorf“ lässt sich diese Besonderheit an zahlreichen Stellen nachweisen.

So kann mit Textbelegen gezeigt werden, dass der Autor eine Bewertung abgibt beziehungsweise das Geschehen kommentiert und somit eine Selbstreflexion des Textes erfolgt. Das gilt für die Vorgeschichte ebenso wie für den Hauptteil des Romans. Mit den Sätzen

„Niemand erkannte Zirle in dem jungen Mädchen. Wer sie auch vorher bei den Zigeunern gesehen hatte, würde sie nicht wiedererkannt haben.“

und dem nachträglichen Kommentar „oft scheint die ganze Seele in den Formen einer Frauenhand zu liegen“[8] wird schon zu Beginn des Romans die Nutzung der Transzendentalpoesie deutlich. Der auktoriale Erzähler erklärt zunächst, warum Zirle nicht erkannt wird und gibt dann eine Meinung wieder, die für die Handlung des Romans irrelevant ist.

Deutlicher wird die Transzendentalpoesie auch in dem Kommentar

„Die Weiber begannen ein herzzerreißendes Weinen; das Schluchzen muß tief in den Schoß der Erde gedrungen sein, denn noch heute hört man es zur Nachtzeit in den Wäldern dorten.“[9]

zu erkennen. Auch hier bewertet der Autor das Geschehen und gibt Hinweise auf seine gegenwärtige Zeit, die für die Handlung wiederum nicht von Bedeutung ist. Zugleich wird mit dem Gegenwartsbezug eine scheinbare Authentizität erzeugt, da diese Angabe zumindest theoretisch überprüfbar ist.

Noch offensichtlicher wird die Transzendentalpoesie, wenn der Autor philosophische Betrachtungen formuliert. So werden unter anderem in ganzen Absätzen Überlegungen zur menschlichen Natur wiedergegeben.[10]

Mit Fragen an den Leser, wie „Oder wäre es nichts dergleichen gewesen?“[11], und der Beantwortung derselben wird die romantische Transzendentalpoesie erneut sichtbar: Der Autor macht damit deutlich, dass es sich um ein literarisches Werk handelt, dass er im Text mit dem Leser kommuniziert und diesen zum Nachdenken anregen will. Zugleich formuliert der Autor seine eigenen Ansichten zu diesen Fragen und reflektiert darüber.

Am deutlichsten wird die Transzendentalpoesie womöglich am Ende der Vorgeschichte. Zunächst wird mit dem Satz „ Bei ihnen blieb Thelsela […] mit ihrer Tochter und ihrem Enkel, der der Stammvater jenes denkwürdigen Menschen wurde, von dem in den folgenden Blättern die Rede ist.“[12] eindeutig formuliert, dass es sich hier um einen literarischen Text handelt. Anschließend wird über eine lange Passage über das Wesen der Juden philosophiert. Dies dient nicht dem Verlauf, sondern gibt lediglich die Position des Autors zu dieser Thematik wieder.

Nicht ganz so ausgeprägt wie in der Vorgeschichte ist diese Form der Transzendentalpoesie im Hauptteil. Dennoch lassen sich viele Stellen belegen, in denen der Autor eine Bewertung oder einen Kommentar formuliert. So werden einige Ansichten zu Frauen[13], Naturerscheinungen[14] und Metaphysischem[15] dargestellt. Zudem wird vermehrt von „unserer Provinz“[16] oder von „den Annalen unserer Stadt“[17] berichtet. Dies bezieht sich nicht nur auf die Geografie innerhalb des Romans sondern auch auf die Situation des Autors.

Die Transzendentalpoesie, welche sich auf den Inhalt bezieht, kann also in „Die Juden von Zirndorf“ nachgewiesen werden. Noch offensichtlicher gilt dies auf der strukturellen Ebene. So wird in der Vorgeschichte ebenso wie im Hauptteil sehr stark mit Gattungsmischungen gearbeitet.

Bereits zu Beginn des Romans wird während eines Festes von einer jungen Frau ein Lied gesungen, das in Gedichtform wiedergegeben ist.[18] Das Ende des Festes bildet wiederum ein „Sprüchlein“ aus vierzehn Versen, gesprochen von einer Greisin.[19] Die Transzendentalpoesie in Form der Gattungsmischung bildet hier also den Rahmen für das Fest.

Auch weiterhin bilden Gedichte und Lieder einen festen Bestandteil des Romans: Sabbatai Zewi singt ein Lied[20], bei einem weiteren Lied wird zumindest die erste Zeile wiedergegeben[21], es wird ein Spruch über einem Hauseingang erwähnt[22] oder ein Märchen erzählt.[23] Dabei bilden die Gedichte und Lieder oftmals den Rahmen für Handlungseinheiten. So umschließen die einzelne Liedzeile und die Gebäudeinschrift Rahels Aufenthalt im Gebäude der Burschenschaft.[24]

Diese Nutzung unterschiedlicher Gattungen bezog sich bisher lediglich auf die Vorgeschichte in „Die Juden von Zirndorf“, jedoch finden sich auch im Hauptteil zahlreiche Beispiele für diese Form der Transzendentalpoesie. Hier schreiben oder rezitieren oftmals die Protagonisten Gedichte und offenbaren damit ihre Gedanken und Ansichten. Die Mischung der Gattungen hat demnach den Zweck, die Figuren zu charakterisieren. So wird die Gedankenwelt von Monika[25], dem Dichter Gudsticker[26], Agathon und Käthe[27], mehrfach auch von Bojesen[28] und letztlich von Cornely[29] durch Gedichte, Sprüche und Lieder offenbart. Auch Nieberding vermittelt während einer nächtlichen Wanderung seine Gefühle durch ein von Gudsticker geschriebenes Gedicht:

„Mühsam ist der Pfad und lang,

Und kein fetter Pfaffe schreit

Ein versöhnliches Gebenedeit,

Wenn dein Fuß im Dunkel vorwärts drang.“[30]

Die Transzendentalpoesie ist demnach ein wesentlicher Bestandteil von Wassermanns Roman „Die Juden von Zirndorf“. Während dieses Merkmal romantischer Literatur auf inhaltlicher Ebene dazu dient, die Ansichten und die Weltsicht des Autors mitzuteilen, umrahmt sie auf struktureller Ebene die Handlungsabläufe, charakterisiert die Protagonisten und offenbart deren Gedankenwelt.

3.2 Der Fragmentcharakter

Neben der Transzendentalpoesie stellt der Fragmentcharakter ein wesentliches Merkmal romantischer Texte dar. In „Die Juden von Zirndorf“ lässt sich dieses Element ebenfalls nachweisen.

Der Roman beginnt bereits mit einem Fragment, schließlich wird die Entwicklung der „letzten zweihundert Jahre[n]“[31] zusammengefasst. Auch die Ereignisse in Europa, die sich aufgrund des Erscheinens des vermeintlichen Messias ergeben, werden zusammengefasst und fragmentarisch dargestellt.[32]

Auch im weiteren Verlauf des Romans wird immer wieder auf das Mittel des Fragments zurückgegriffen. So beginnt der Hauptteil mit der Zusammenfassung der Ereignisse des Jahres 1885.[33] Anschließend werden wiederholt größere Zusammenhänge fragmentarisch dargestellt. Dies gilt für Ausschnitte aus Bojesens Leben[34], mehreren Abschnitten aus Agathons Wanderung[35] und den Verlauf der Jahreszeiten.[36]

Eine Szene, die den Fragmentcharakter deutlich belegt, ist zudem der Auszug der Waisenkinder aus dem Heim unter Führung Agathons. Hier wird lediglich berichtet, dass dieser die Knaben in den Wald führt und dort offensichtlich, wie aus späteren Äußerungen Agathons deutlich wird, etwas Wunderbares passiert:

„Bojesen, zu erstaunt, um nach Gründen zu raten, beschloß, dem Zug zu Folgen. […] ‚Was geschieht hier, Agathon?’ fragte Bojesen. […]

‚Nichts Unrechtes, Herr Bojesen,’ entgegnete Agathon und heftete den Blick fest in den des Lehrers. ‚Diese alle sind sehr unglückliche, verlassene Knaben. Sie gehen mit mir, und ehe es Tag wird, kehren sie zurück.’ […]

Am andern Tag, als er über die Wiesen spazierenging, sah er Agathon von ferne. […] Agathon ging langsam mit in sich gekehrtem Blick; seine Kleider waren etwas beschmutzt.“[37]

Mehr als diese wenigen Angaben, abgesehen von einigen Gemütsregungen Bojesens, erfährt der Leser nicht. Das Treffen im Wald bleibt ein geheimnisvolles Fragment.

Das Fragment ist also ein stilistisches Mittel in „Die Juden von Zirndorf“. Noch mehr Bedeutung erfährt es, wenn man sich folgende Tatsache bewusst macht:

Wie bereits gezeigt wurde, sind die Anfänge von Vorgeschichte und Hauptteil jeweils als Fragment gestaltet, indem Ereignisse eines größeren Zeitraums zusammengefasst dargestellt werden. Darüber hinaus sind aber auch die jeweiligen Enden als Fragment konzipiert.

Die Vorgeschichte endet dadurch, dass fragmentarisch die Zukunft von Zacharias Narr und Zirle beschrieben wird. Daran schließen sich Entwicklungen des Judentums an, deren Folgen und Abschluss nicht abzusehen sind:

„Zacharias Narr und Zirle blieben für immer verschwunden. Ihr Leben verlor sich in eine Folge von Sagen, und schließlich wurden auch ihre Taten märchenhaft. Geschlecht auf Geschlecht erstand und verblühte, und eine neue Zeit kam. Und das Kommende war immer größer, freier und vollendeter als das Vergangene , und der Jude, anfänglich nur ein Knecht, wert genug, den Fußtritt des überlgelaunten Herrn zu empfangen, tat seine Augen auf und erspähte die Schwächen und erriet die Geheimnisse dieses Herrn. Da ergriff er alsbald hinein in die Maschinerie der Völker und ihrer Gerichte und ihrer Kriege. […] Der Jude wurde ein Kulturmensch, und manche sagen zum Schein. […] Gott allein weiß es.“[38]

Ebenso ist auch das Ende des Hauptteils und damit des gesamten Romans als Fragment gestaltet. Agathon weist darauf hin, dass die Äpfel noch nicht reif seien, sie Zeit bräuchten und man warten müsse. Diese Aussage, als Gleichnis für die Gesellschaft, weist daraufhin, dass die Geschichte nicht endgültig abgeschlossen ist, sie kann fortgedacht werden. Das entspricht ganz dem Ideal der romantischen Literaturtheorie. Wassermann scheint dies bewusst verwendet zu haben, um aufzuzeigen, dass die Geschichte Agathons und damit stellvertretend die der Juden, ihre innere Entwicklung und äußere Emanzipation, noch nicht abgeschlossen ist.

Da also die Vorgeschichte und der Hauptteil und damit der gesamte Roman jeweils zu Beginn und vor allem zum Ende als Fragment konzipiert sind, stellt dieses Merkmal der Romantik einen wesentlichen Aspekt in „Die Juden von Zirndorf“ dar.

[...]


[1] Wassermann (1996), 233

[2] Für alle Merkmale: Vgl. Nünning (2008), 632ff

[3] Vgl.Kremer (2004), S. 584

[4] Nünning (2008), 634

[5] zitiert nach ebd., 633

[6] Ebd., 635

[7] Butzer (2008), 244

[8] Wassermann (1996), 33

[9] Ebd., 57

[10] Vgl. Wassermann (1996), 61

[11] Ebd., 62

[12] Ebd., 63

[13] Vgl. ebd., 74

[14] Vgl. ebd., 85

[15] Vgl. ebd., 184

[16] Ebd., 219

[17] Ebd., 224

[18] Vgl. ebd., 11

[19] Vgl. Wassermann (1996), 13

[20] Vgl. ebd., 16

[21] Vgl. ebd., 46

[22] Vgl. ebd., 48

[23] Vgl. ebd., 49

[24] Vgl. ebd., 46ff

[25] Vgl. ebd., 163

[26] Vgl. ebd., 136

[27] Vgl. ebd., 169

[28] Vgl. ebd., 128; 155; 205

[29] Vgl. ebd., 253

[30] Ebd., 183

[31] Wassermann (1996), 7

[32] Vgl. ebd., 23f

[33] Vgl. ebd., 67

[34] Vgl. ebd., 211; 217

[35] Vgl. ebd., 228; 263

[36] Vgl. ebd., 254; 273

[37] Ebd., 184f

[38] Wassermann (1996), 63f

Details

Seiten
28
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656470045
ISBN (Buch)
9783656470717
Dateigröße
549 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v231090
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Germanistische Literaturwissenschaft
Note
2,0
Schlagworte
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Titel: Jakob Wassermanns Roman "Die Juden von Zirndorf". Romantische Merkmale und Motive