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Memoria und Legitimation. Die Fresken des Panteón de los Reyes in Leon und ihre Datierung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 36 Seiten

Kunst - Kunstgeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung:

2. Leon als Königsstadt:

3. San Isidoro in Leon:
3.1 Das Panteón de los Reyes:

4. Der Freskenzyklus des Panteón:
4.1 Beschreibung der Fresken:
4.2. Deutung des Zyklus:

5. Datierung:
5.1. San Juan de la Pena:
5.2. Das „Liber Testamentorum":
5.3. Königin Uracca von Kastilien und Leon:

6. Resümee:

Liste der in dieser Arbeit erwähnten Könige Leons:

Literaturliste:

Abbildungsverzeichnis:

Abbildungsteil:

1. Einleitung:

In Leon finden sich im Panteón de los Reyes einer der eindrucksvollste und am besten erhaltene Freskenzyklus der spanischen Romanik. Er ist eine Kunstschöpfung höchsten Ranges und schmückt die Grablege der Könige von Leon. In ihm manifestiert sich der Machtanspruch des aufsteigenden Königreichs von Leon und Kastilien. Doch ist um die Baugeschichte und die Datierung der Fresken eine weitreichende und unüberschaubare Diskussion entstanden.

2. Leon als Königsstadt:

Nach dem Ende des Römischen Reiches_wurde die römische Stadt, aus der Leon hervorging, bei der Invasion der Westgoten durch ihren König Leovigild erobert. 712 wurde dann Leon im Zuge der Eroberung Spaniens durch die Mauren eingenommen. 856 erfolgte nach der Rückeroberung unter König Ordono I. von Asturien der Wiederaufbau der Stadt. Sein Sohn Ordono II. machte Leon 914 erstmalig zur Hauptstadt seines Königreiches Leon und damit für ca. 200 Jahre zur wichtigsten christlichen Stadt auf der iberischen Halbinsel. Während eines Feldzugs 987 zerstörte der maurische Heerführer Al Manzur die Stadt. Sie wurde anschließend durch Alfonso V. (*994 - 11028) wiedermals zurückerobert, wiederaufgebaut und zur Hauptstadt seines Reiches gemacht. Neben einem wirtschaftlichen Aufbau mit Ansiedlung von Bevölkerung wurde in der Stadt durch Alfonso V. um 1022 eine Kirche gestiftet, die der direkte Vorgängerbau des heutigen Baus San Isidoro ist. Der Historiker Tudense überlieferte hierzu folgendes: „Er (Alfonso V.) schuf auch die Kirche San Juan Bautista in dieser Stadt (Leon) aus Kalk und Ziegeln, und nahm alle Knochen aller Könige und Bischöfe, die in dieser Stadt begraben waren und begrub sie in dieser Kirche.“[1] Der Ort an denen diese Gebeine zentral gesammelt wird im Atrium also im westlichen Bereich vor der Kirche, vermutet.[2]

3. San Isidoro in Leon:

Die Kirche Alfonso V. war eine dreischiffige Anlage mit rechteckigen Chorabschlüssen und folgt damit dem sogenannten asturischen Typ2. Der Rückgriff auf den eigentlich schon veralteten Bauentwurf lässt sich als Betonung und eine bewusste Anknüpfung an die westgotische Tradition verstehen, die auch in dem Nachfolgerbau dieser Kirche seines Sohnes Fernando I. (*1018 - 11065) von Leon und Kastilien zum Ausdruck kommt.

Femando I. vereinte die Herrschaftsgebiete des Fürstentum Asturien, des Königreiches Leon und des Königreiches Kastilien unter seiner Herrschaft. Er begründete damit die neue Königsdynastie des Hauses Jimenez und ließ sich am 22 Juni 1038 nach westgotischen Ritus zum König von Leon und Kastilien krönen.[3]

Mit diesen Rückbezug und der Anlehnung an das vergangene christliche Reich der Westgoten wird ein imperialer Anspruch auf die Herrschaft in ganz Spanien formuliert. Die Keimzelle des Königreiches Leon ist das Fürstentum Asturien im äußersten Norden Spaniens. Es widersetzte sich erfolgreich der Eroberung der iberischen Halbinsel durch die Mauren und ist das Ausgangsgebiet der Reconquista. Der Gründer dieses Fürstentums ist der westgotische Adlige Pelayo, der mit der Königsfamilie des westgotischen Reichs der verwandt gewesen sein soll, so dass sich die Könige Leons konsequent auf dieses Reich und diese Familie zurückführten. Somit wird der Anspruch des Königreiches von Leon auf eine Nachfolge des Westgotischen Reichs mit diesen Argument legitimiert. Es setzte sich sogar die Vorstellung eines spanischen Kaiserreiches durch, zu dessen Kaiser sich Fernando I. 1055 auf einem Reichskonzil ausrufen ließ. Seine Nachfolger führten von nun an den Titel „imperator totius hispaniae“. Dieser Anspruch ist zum einen gegen die maurischen Teilstaaten in Spanien gerichtet und wendete sich zum anderen gegen die benachbarten autonomen christlichen Herrschaftsgebiete im Norden Spaniens.

König Fernando I. errichtete an der Stelle der Kirche Alfons V. eine Kirche aus Stein (Leon I) die am 21. Dezember 1063 geweiht worden ist und bestattete in ihr die Gebeine des westgotischen Gelehrten und Heiligen Isidor von Sevilla. Von dieser Erneuerung der alten Kirche berichtet eine Inschrift, die sich jetzt an der östlichen Stirnwand des Pantheons befindet und sie nennt die Frau Ferdinando I. Königin Dona Sanca als Vollenderin der Bauarbeiten.[4]

Die Ausmaße von Leon I entsprachen dem Vorgängerbau aus Lehm und Ziegeln, wie bei Ausgrabungen 1908/09 und 1917 nachgewiesen werden konnte.[5] Leon I. wiederholte den dreischiffigen und mit rechteckigen Apsiden formulierten neo-asturischen Bautyp der Vorgängerkirche.[6]

Im westlichen Bereich vor der Kirche entstand danach der Bau des Panteóns de los Reyes. Im Untergeschoss[7] wurde die Grablege angelegt und im Obergeschoss[8] wird ein tonnengewölbter Vorraum, der zu einer Empore im Kirchenraum führt, errichtet. Dieser Bau verbindet die Palastkirche mit dem Palast, der im nordwestlichen Bereich lag und im Westen an Reste der römischen Stadtmauer angebaut ist.

Diese Anlage aus Palast, Vermittlungsbau und Palastkirche wurde in der ersten Hälfte des 12. Jh. weiter ausgebaut. Die Palastkirche wird mit dem Bau Leon II erweitert und grundlegend für die Bedürfnisse einer Pilgerkirche umgebaut.[9] Der zunehmende Pilgerstrom nach Santiago de Compostela machte diese Maßnahme sowohl notwendig als auch lukrativ. Die dreischiffige Basilika St. Isidoro wurde in mehreren Bauphasen mit einem Querhaus und einem gestaffelten apsidialen Chorabschluss versehen. Diese Umbauten wurden wohl 1090 begonnen und waren 1149 beendet, da in diesem Jahr diese Basilika geweiht wurde.[10]

Die Westwand und Teile des nördlichen Seitenschiffes von Leon I wurde beibehalten, jedoch die Zugangssituation zwischen Pantheon und Kirche verändert.

3.1 Das Panteón de los Reyes

Die Grablege in Leon besteht aus drei Schiffen, die zur Kirche hin orientiert sind, und setzt sich pro Schiff aus zwei Jochen zusammen. Nach Norden und Westen hin ist der Raum in Arkaden geöffnet und nach Süden ist er durch eine Mauer begrenzt, in deren Mitte sich eine Wendeltreppe in das Obergeschoss befindet.

Das mit Fresken bemalte Kreuzgratgewölbe wird in der Mitte von zwei freistehenden Marmorsäulen getragen und jeweils zwei kleineren und größeren kantonierten Pfeilern im Westen und Norden. Halbrunde und eckige Wandvorlagen nehmen das Gewicht an der Ost und Südwand auf. Der ursprüngliche Zugang in die Kirche lag im mittleren Joch, wurde jedoch im Zuge des Umbaus von Leon II um ein Joch nach Süden verlegt, da durch die Verbreiterung des Mittelschiffs der alte Zugang nicht mehr in der Hauptachse der Basilika lag.

Die Begräbnisstätte in Leon steht unzweifelhaft in der Tradition nordspanischer Grab legen.[11] Repräsentative Grabanlagen wurden aufgrund eines Bestattungsverbotes, von dem nur Heilige und Könige ausgenommen waren, innerhalb des Kirchenbereiches in einem separaten Anbau meist im westlichen Bereich der betreffenden Kirche vollzogen. Durch die Grablege wird auch der Rang der Palastkirche als ein dynastisches Zentrum des Königreiches klar ersichtlich.

Die Zeitabfolge des Verhältnisses der Errichtung von Panteón und Leon I ist umstritten, aber umso wichtig zur chronologischen Einordnung der auf ihm befindlichen Fresken. Als zwei Positionen seien hier Frank Seehausen und John Williams herausgegriffen.

Frank Seehausen schlägt eine zeitnahe bzw. gleichzeitige Errichtung des Pantheons und der Palastkirche vor.[12] Als Argumente bringt er die gleiche Qualität der Mauerung, ähnliche Mauerdicke beider Bauten an und liefert einen stilistischen Vergleich zweier Kapitelle. Am Portal der Empore im Obergeschoss in den Innenraum der Kirche hat sich ein Kapitell erhalten. Dieses zeigt einen Mann mit erhobenen Armen, der seitlich von zwei Schlangen bedrängt wird.[13] Dieses wird mit einer Konsolfigur am nördlichen Seitenschiff verglichen.[14] Diese Konsole ist in situ erhalten und stammt aus dem Bau Leon I, da ja Teile des nördlichen Seitenschiffes in den Bau von Leon II integriert wurden. Beide Figuren ähneln nachvollziehbar einander stark in der Formulierung der Nasen und Augenbrauen, der mandelförmigen als herausstehenden Wulst gearbeitet Form der Augenlider und der schematischen Wiedergabe der Haare.

John Williams geht von einer nachträglichen Errichtung des Pantheons im Bezug auf Leon I aus und schlägt die Jahre um 1080 vor.[15] Dabei bezieht er sich auf das Epitaph der Infantin Uracca “[...] Dona Uracca, amplified this church as we learn from her epithaph from 1101“[16] [17] und schlägt sie als Stifterin des Baus des Panteóns und der Nordgalerie vor.

Die Infantin Uracca von Zamora (* 1033-t 1101) war die Tochter Fernando I. und ist durch ihre umfangreichen Stiftungen an kostbaren liturgischen Geräten für die Palastkirche bekannt. Das zu diesen Stiftungen auch der Anbau an Leon I gehörte ist durchaus denkbar.

Als ein archäologisches Argument bringt Williams die Entdeckung bei einer Restauration des Pantheons einer dreifachen Abtreppung und ein vorspringender Strebepfeiler an, die in der südlichen Wand der Nordgalerie vermauert gewesen ist an.[18] Die vermeintliche Außenwand Leons I wurde durch diese Strebepfeiler gegliedert, wie es für Fassaden der Romanik üblich ist. Die Nordgalerie und der Bau des Panteóns sind unzweifelhaft gleichzeitig entstanden, wie der aus gleicher Bildhauerschule stammende Kapitellschmuck beweist.[19] Das würde bedeuten, dass die Nordgalerie an die vollendete nördliche Außenfassade von Leon I angebaut worden ist.

Eine sinnvolle Synthese beider Vorschläge ist eine sehr zeitnahe Errichtung des Pantheons in Bezug auf Leon I. Die von Williams entdeckte Profilierung der Wand der Palastkirche ist mit der konsequenten Ausführung des Bauplans zu erklären und widerspricht m. E. einen verzögerten Beginn der Bauarbeiten am Pantheon und Nordgalerie nach Abschluss der Bauarbeiten an der Nordmauer der Palastkirche nicht.

Dem stilistischen Arguments Seehausens bezüglich des Kapitells an dem Zugang zur Empore ist zu entgegnen, das sich im Bereich des Panteóns sehr wahrscheinlich ein Vorgängerbau mit Empore für die Königsfamilie befand.[20] Für eine zeitverzögerte Errichtung des Zwischenbaus sprechen auch die Dimensionen des Baukörpers. Betrachtet man die Rekonstruktion von Williams, ist augenfällig, dass der Anbau die Palastkirche um einiges überragt und auch die Arkadenstellungen auf der Südseite nicht harmonisieren. So ist m. E. in dem vorgeschlagenen Zeitraum zwischen 1067 und 1080 der spätere Zeitansatz von Williams vorzuziehen.

Auch die genauere Betrachtung der in dem Panteón bestatteten Personen bringt leider keine weitere Gewissheit über die Chronologie. In der zeitgenössischen Chronik der Historia Silense wird nur allgemein von einer königlichen Grablege gesprochen. Da neben Alfonso V. auch mehrere seiner Vorgänger im Panteón bestattet sind ist davon auszugehen, dass diese aus anderweitigen Bestattungsorten umgebettet wurden.[21] Die Vermutung, dass die Kirche Alfons V. ebenfalls im Atriumbereich eine Grablege hatte, ließ sich aber bis jetzt nicht archäologisch nachweisen.[22]

4. Der Freskenzyklus des Pantheóns

Die Gewölbe der Grablege sind mit einem umfangreichen Freskenzyklus ausgeschmückt. Dieser ist unübertroffen ist in der Qualität seiner Ausführung und dem Erhaltungszustand im nördlichen Spanien.

Dargestellt sind Leben und Passion Christi, sowie Teile der Apokalypse. Die Fresken befinden sich auf den Gewölben innerhalb der sechs Joche und auf den Wandflächen im Osten und Süden.[23] Sie sind chronologisch geordnet und beginnen mit der Verkündigung an Maria auf der Südwand des südwestlichen Jochs, der Verkündigung an die Hirten im Gewölbe dieses Joches und der Geburt Christi auf der Ostwand. Im südwestlichen Joch ist auf der Südwand die Flucht der heiligen Familie nach Ägypten und auf dem Gewölbe der Bethleheminische Kindermord geschildert. Schreitet man nun ein Joch nach Norden, kann man das Letzte Abendmahl im Gewölbe sehen und ein Joch weiter nördlich die Passion Christi. Wendet man sich nun nach Osten erblickt man die Kreuzigung Christi auf der Ostwand des Pantheons und im Gewölbe des nordöstlichsten Jochs Christus als Richter. Der Höhepunkt des Zyklus befindet sich im östlichen Joch des mittleren Schiffes. Über den ehemaligen Eingang zur Palastkirche befindet sich das Apokalyptische Lamm und in dem Gewölbe sehen wir Christus als Pantokrator.

Die Darstellungen sind in ein verbindendes System eingebunden. Die Gurtbögen sind mit breiten Ornamentbändern verziert, die Ranken oder geometrische Flechtbandmuster zeigen. Die figürlichen Darstellungen selbst sind meist in gemalte Architekturen eingestellt und somit werden die Szenen voneinander getrennt, als auch gegliedert.

4.1 Beschreibung der Fresken:

Gemäß der chronologischen Ordnung beginnt der Zyklus mit der Verkündigungsszene im großen mittleren Bogen.[24] Zu sehen sind hier Maria und der Erzengel Gabriel. Sie werden durch die Beischriften „MARIA“ und das Bibelzitat „AVE MARIA GRACIA PLENA DOMINUS TECVUM“ gekennzeichnet. Scheinarchitektur in Form von Arkaden trennt diese Szene von der Heimsuchungsszene rechts ab. Auch hier befand sich neben den beiden Personen eine bezeichnende Inschrift. Diese ist jedoch kaum noch zu erkennen. Bei den sich umarmenden Personen handelt es sich um Maria und Elisabeth mit Nimbus. In der linken und rechten Ecke des Blendbogens sind, ebenfalls durch gemalte Bögen getrennt, zwei weitere sitzende Personen zu erkennen. Sie werden zur Linken als Anna und zur Rechten identifiziert. Unterhalb dieser Szene sieht man noch die Reste weiterer Figuren, jedoch sind sie im Laufe der Zeit größtenteils zerstört worden. Es sind noch zwei Reiter rechts und linke zu erkennen, hier wäre mit Vorbehalt vielleicht an die Heiligen Drei Könige zu denken, deren Darstellung von der Erzählung der Bibel chronologisch sinnig wäre und in Nordspanien eine starke Tradition besitzt.

Die Geburt Jesu ist auf dem östlichen Blendbogen platziert.[25] Getrennt von einer Säule sehen wir den Jesusknaben in der Krippe, beäugt von Ochs und Esel und auf der anderen Seite Maria. Jesus ist mit der Beischrift „ PRESEPIO DOMINI“ seine Mutter mit „VIRGO MARIA“ versehen. Der Rest der Bemalung ist durch die Verlegung des Portals infolge des Umbaus von Leon II zerstört. Im Gewölbe des südöstlichen Joches folgt eine große gut erhaltene Darstellung der Verkündigung an die Hirten.[26] Die Figuren sind zur Mitte hin orientiert und stehen auf angedeuteten Bogenlinien. Drei Hirten blicken zu einem Engel, der mit seiner rechten Hand und dem Zeigefinger auf die benachbarte Geburtsszene verweist. Die Beischrift „ANGELUS A PASTORES“ lässt an der Identifikation der Szene keine Zweifel. Die Hirten waren, bevor sie den Engel erblickten, mit alltäglichen Tätigkeiten des Landlebens beschäftigt. Der eine füttert seinen Hund, der sich für die himmlische Erscheinung wenig zu interessieren scheint, der andere spielt auf einer Panflöte. Umgeben sind die Hirten von ihren Tieren. Schafe, Rinder, Ziegen und Schweine umgeben sie. Interessanterweise scheinen sie gottesfürchtiger als ihr Hütehund. Die Tiere sind meist in Gruppen dargestellt, wovon mindestens ein Tier sich auf das Futter konzentriert, aber eins den Kopf hebt und die Erscheinung des Engels zu bemerken scheint.

Im nächsten Blendbogen des nächsten Joches ist die Flucht der heiligen Familie nach Ägypten dargestellt.[27] Joseph führt die Gruppe an, auf einem Esel folgt der junge Messias und seine Mutter folgt als letzte. Unter dieser Szene sind zwei weitere stark zerstörte Bildfelder, deren Bildthemen nicht mehr sicher identifiziert werden können.

Auf der Decke des Gewölbes ist der Bethleheminische Kindermord zu sehen.[28] König Herodes thront mittig, umgeben von Soldaten, die auf verschiedene, dennoch durchgängig brutale Weise die Kleinkinder töten. Auch hier sind die Personen durch Bogenstellungen getrennt und zwei Beischriften sind zu sehen. Eine Inschrift direkt am Thron des Herodes „GEROSO LIMEN CUM EO“ lokalisiert die Szene in Jerusalem, die andere bei zwei Soldaten, bezeichnet die gesamte Szene „ISTI SUNT INNOCENTES QUI PROPTER DEUM OCISI SUNT“. Unterhalb des thronenden Herodes ist nochmal eine Szene geschildert, welche die Dramatik und Brutalität schildert. Einer Mutter wird ihr nackter Knabe von einem Soldaten entrissen, der schon mit dem Schwert zum Hieb ausholt. Auch diese Unterszene ist mit einer Beischrift versehen „RAHEL PLORANS FILIOS SUOS“.

Im nächsten Joch ist das Letzte Abendmahl dargestellt.[29] Das Bildfeld wird mittig von der Tafel durchschnitten und ober und unterhalb von ihr ist Stadtarchitektur angegeben, die diese Szene in den Innenraum eines Gebäudes verortet. An der Tafel drängen sich die Jünger, die alle durch die Beischriften identifiziert werden können. In der Mitte sitzt Christus, aus dem Bild herausschauend, mit Nimbus versehen. Er reicht Judas, der entsprechend der Darstellungsstradition vor der Tafel sitzt, ein Stück Brot. Die Jünger essen, trinken und reden gestenreich miteinander. In den Ecken des Bildfeldes bereiten Aposteln Speis und Trank. Auffällig ist die Darstellung eines „MARCIALIS PINCERNA“, der nach der Bibel der Wirt des Gasthauses des Letzten Abendmales war.[30] Er wird seit dem 10 Jh. in Leon besonders verehrt und wurde von zwei Konzilen in dieser Stadt als Apostel erklärt.[31] Die erklärt die ungewöhnliche Darstellung. In der rechten Ecke kündet ein Hahn von den nächsten Szenen, er ist für zoologisch unkundige, aber lesefreudige Zeitgenossen mit „GALLUS“ identifiziert.

Das Gewölbe des nächsten Joches hat die Gefangennahme Christi als Hauptthema.[32] In der Mitte des Bildfeldes ist Jesus zu erkennen, der von Judas, links neben ihn stehend geküsst wird. Von Rechts wird er schon von den Schergen am Arm ergriffen, die im Hintergrund mit Stangen und Lanzen bewaffnet, heraneilen. Links des Judaskusses schlägt Petrus Malchus sein Ohr ab. Neben dieser Szene steht mit der Beischrift „CIRENENSE“ Joseph von Kyrene das Kreuz auf seinen Schultern tragend. Dies ist ein versatzstückartiger Verweis auf das weitere Geschehen, der Verurteilung und Passion Christi. Diese weiteren Szenen werden durch die Darstellung der Handwaschung des Pontius Pilatus, mit der Beischrift „PILATUS PONTIFEX PRINCES IUDEORUM“, ergänzt. Um diese Hauptszene herum befinden sich Nebenszenen, welche die Verleugnung und Reue Petri zum Thema haben. Neben Pilatus wendet sich Petrus von einer Frau ab, die ihn nach seiner Gefolgschaft zu Jesus befragte die er verneinte. Dieser Dialog wird auch in der Beischrift benannt „MULIER ANCILLA“ „ET TU CUM GALILEOS ERAS“ „NON SUM“. Durch den Grat des Gewölbes getrennt ist als pars pro toto der Hahn für eine weitere Verleumdung Christi durch Petrus angegeben. Er ist mit den Worten „ET CUNTRISTATUS EST PETRUS“ versehen. Auf der anderen Seite des Gewölbes ist die Konsequenz aus diesen Verleumdungen zu sehen. Petrus hat seinen Kopf in die Hand gelegt und die Beischrift kündet „PETRUS FLEVIT“. Im nächsten Joch sehen wir auf dem Blendbogen nach Osten hin die Kreuzigung.[33] In der Mitte ist Christus am Kreuz dargestellt. Über den Kreuzarmen links die Sonne und rechts der Mond. Unter den Kreuzarmen stößt der Soldat Longinius seine Lanze in die Seite des Gekreuzigten. Auf der anderen Seite steht ein Soldat mit einem Gefäß, in dem sich das in der Bibel beschriebene Essigwasser befand. Am Bildrand stehen nach links und rechts mit Nimbus versehen Maria und Johannes. Unterhalb der Kreuzigungsszene knien zwei Figuren am Fels, in den das Kreuz gerammt worden ist. Die linke männliche Figur ist mit der Beischrift „FERNANDO REX“ versehen und somit als ein König Fernando zu identifizieren. Neben der weiblichen Figur ist von der Beischrift lediglich noch ein „CA“ lesbar. Ihre gehobene Stellung wird auch durch die Dienerin hinter der Königin und dem Soldaten hinter dem König, von dem noch Schild und Lanze erkennbar ist, deutlich. Diese beiden Figuren sind durch den Fels in dessen Mitte der Schädel Adams zu erkennen ist, in das Bildfeld der Kreuzigung mit eingebunden.

[...]


[1] Gonzales 2008, S. 2.

[2] zum asturischen und neo-asturischen Bautyp siehe: Seehausen 2009: Wege zum Heil, S. 4.

[3] Seehausen 2009: Baugeschichte als dynastisches Konstrukt, S. 200.

[4] „Diese Kirche des Johannes dem Täufer, die du betrachtest, bestand früher aus Tuffstein. Jüngst wurde sie von Sr. Exzellenz König Ferdinand und Königin Sancha aus Stein gebaut. Danach überführten sie, am Tag der Einsegnung dieses Tempels, am 21. Dezember 1063 von Sevilla den Körper des Bischofs Isidoro. [...] In demselben Jahr kam der genannte König an einem Samstag an diesen Ort vom Krieg zurück. Am Dienstag, den 27. Dezember 1065 verschied er. Die Königin Sancha, die ihr Leben dem Herrn widmete, vollendete das Werk.“ Übersetzung nach Gonzales 2008, S. 45.

[5] Gonzales 2008, S. 7.

[6] Vgl. Abb. 1.

[7] Vgl. Abb. 2

[8] Vgl. Abb. 3

[9] Vgl. Abb. 4

[10] Williams 1973, S. 173 und Martin 2006, S. 194 ff.

[11] Krüger 2003, S. 33-59.

[12] Seehausen 2009: Baugeschichte als dynastisches Konstrukt, S. 203 ff. und Seehausen 2009: Wege zum Heil, S. 23.

[13] Vgl. Abb. 5a

[14] Vgl. Abb. 5b

[15] Williams 1973, S. 170-184.

[16] Ebenda, S. 171.

[17] Ebenda, S. 178-179.

[18] Vgl. Abb. 6

[19] Williams 1973, S. 176.

[20] Gonzales 1995, S.49-54.

[21] Vgl. Abb. 7

[22] Krüger 2003, S. 37.

[23] Vgl. Abb. 8

[24] Vgl. Abb. 9

[25] Vgl. Abb. 10

[26] Vgl. Abb. 11

[27] Vgl. Abb. 12

[28] Vgl. Abb. 13

[29] Vgl. Abb. 14

[30] Vgl. Abb. 23

[31] Gonzales 1995, S. 26.

[32] Vgl. Abb. 15

[33] Vgl. Abb. 16

Details

Seiten
36
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656465614
ISBN (Buch)
9783656466734
Dateigröße
11.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v231134
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Kunsthistorisches Seminar und Kustodie
Note
1,0
Schlagworte
memoria legitimation fresken panteón reyes leon datierung

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Titel: Memoria und Legitimation. Die Fresken des Panteón de los Reyes in Leon und ihre Datierung