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Hybride Identitäten im Religionsunterricht

Hausarbeit 2012 18 Seiten

Theologie - Didaktik, Religionspädagogik

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Hybride Identitäten nach Stuart Hall

3. Definition Hybride Identitäten

4. Desintegration
a. Sozial-Strukturelle Ebene
b. Institutionelle Ebene
c. Personale Ebene

5. Folgen der Desintegration

6. Auswirkungen auf den Religionsunterricht
a) Modelle interreligiösen Lernens
i. Narrativer Ansatz
ii. Evangelische Religionspädagogik in interreligiöser Perspektive
iii. Projekt Weltethos
iv. Anlehnung an “A gift to the child“
v. Religionsunterricht für alle
vi. „Alltagserfahrungen im Kontext interreligiösen Lernens“
vii. Konfessionelle Kooperation in einer Fächergruppe
b) Grenzen interreligiösen Lernens

7. Chancen und Grenzen der Hybridität

8. Literatur

1. Einleitung

Zum Glück hat der Mensch schon als Individuum keine scharfen Ränder. Identität ist eine plastische Größe; jeder von uns lebt mit mehreren Hüten und kann seine Loyalität verteilen, ohne sie oder sich zu verraten. (Adolf Muschg)

Der Schweizer Schriftsteller entkräftet mit diesen Worten die Vorstellung einer homogenen Identität. Muschg verdeutlicht mit diesem Ausspruch seine Ansicht, dass noch nicht jeder angenommen und verstanden hat, dass hybride Identitäten in unserer gegenwärtigen Gesellschaft eine tragende Rolle spielen.

Hybride Identitäten sind allgegenwärtig und ein stets präsentes Thema. Nahezu überall sehen wir uns mit Migranten1 konfrontiert, die sich mindestens zwei verschiedenen Kulturen zugehörig fühlen. Ich finde dieses Thema besonders interessant und wichtig, da ich als angehende Deutsch- und Religionslehrerin im Raum Berlin vermutlich häufig mit den Trägern hybrider Identitäten konfrontiert sein werde. Bereits jetzt, als Nachhilfe- und Aushilfslehrerin an diversen Schulen im Brennpunkt-Bezirk Wedding, bin ich häufig Menschen begegnet, die sich sowohl der deutschen als auch ihrer heimatlichen Kultur zugehörig fühlen, die stets interessierte Fragen zu einem typisch deutschen und in meinem Fall auch christlichen Leben haben. Aufgrund dieser Tatsache möchte ich mich mit diesem Thema eingehender auseinander setzen und mein bisheriges Wissen, was primär auf Erlebnissen mit Schülern2 beruht, theoretisch fundieren.

Zunächst werde ich dazu auf den Ursprung von kulturell unterschiedlichen Identitäten eingehen, indem ich die Theorien von Stuart Hall zu Hybridität3 näher erläutere. Damit wird die Basis geschaffen, um zu verstehen, wie das „Anders sein“ von Trägern hybrider Identitäten gedacht ist, und um eine Definition des Begriffs Hybridität und hybride Identitäten zu wagen. Eng im Zusammenhang damit steht die Desintegration, welche eine Folge von dem Leben als Träger einer hybriden Identität sein kann. Daraus ergeben sich die Folgen und Herausforderungen für den Religionsunterricht in Deutschland, mit denen sich ein Religionslehrer4 konfrontiert sieht. Abschließend möchte ich erläutern, welche Chancen und Möglichkeiten sich durch Hybridität ergeben können und wie man diese nutzen kann, aber auch, welche Grenzen die Möglichkeiten haben.

2. Hybride Identitäten nach Stuart Hall

Die völlig vereinheitlichte, vervollkommnete, sichere und kohärente Identität ist eine Illusion.

Mit diesem Zitat von Stuart Hall aus seinem Werk „Rassismus und kulturelle Identität“ wird deutlich, was Hall unter Identitäten versteht. Diese These zieht sich durch sein ganzes Werk: er benennt die unterschiedlichen Arten von kulturellen Identitäten, erläutert wie diese sich im Laufe der Jahrzehnte entwickelt haben und weiterhin entwickeln werden. Zunächst unterscheidet er drei verschiedene Konzepte von Identitäten: Konzepte des Subjekts der Aufklärung, Konzepte des soziologischen

Subjekts und Konzepte des postmodernen Subjekts.5 Um die Thematik hybrider

Identitäten nachzuvollziehen, ist vor allem das dritte Konzept entscheidend: das des postmodernen Subjekts. Laut Hall sind die Menschen, die dieser Kategorie zuzuordnen sind, „ohne anhaltende Identität konzipiert“6 Er vertritt die These, dass Identitäten sich stetig entwickeln und nicht statisch sind. Je nach Situation greifen Individuen auf ihre jeweiligen Identitäten zurück und dabei können diese auch widersprüchlich erscheinen.7 Die Bildung der eigenen Identität bezeichnet Hall als einen „Mangel an Ganzheit“8. Dieser Mangel wird mit den Bildern gefüllt, die andere von uns haben. Wir bedienen uns dieser Bilder und fügen „die verschiedenen Teile unseres gespaltenen Ichs zu einer Einheit“9 zusammen.

Hall äußert sich ausführlich zu den sogenannten Nationalkulturen, da sie seiner Meinung nach die „Hauptquellen kultureller Identität“10 darstellen. Weiterhin stellt er sich die Frage, was mit den kulturellen Identitäten innerhalb der Spätmoderne geschieht, ob sie verdrängt oder angegriffen werden.11 Fragt man jemanden danach, wer er sei, bekommt man zwar häufig die Nationalität genannt, aber damit ist die Frage nach der Identität nicht beantwortet. Den meisten Menschen scheint es aber wichtig zu sein, zu erwähnen, woher sie kommen und so hört man nur allzu oft

Antworten wie: „Ich bin Engländer“, „Ich bin Deutsche“ oder Ähnliches. Für unsere kulturelle Identität scheint also das Herkunftsland von uns selbst oder unseren Vorfahren eine große Rolle zu spielen und das, obwohl sie keineswegs genetisch verankert ist.12 Dennoch scheint eine Nation, in die man hineingeboren wurde, eine Sicherheit und auch Macht für das einzelne Individuum darzustellen. Hall erklärt dieses Gefühl damit, dass eine Nation eine symbolische Gemeinschaft darstellt und diese dem Menschen Halt verleiht.13 Dass eine Gemeinschaft den Menschen Sicherheit und Macht verleiht liegt daran, dass Menschen den Drang haben, sich an ihr kulturelles Erbe zu erinnern, das Verlangen haben zusammenzuleben und das Erbe fortzusetzen.14 Erstaunlich ist jedoch die Tatsache, dass die meisten Kulturen

„aus disparaten Kulturen“15 bestehen. Sie haben also einen langen Prozess verschiedener Kulturen und Herrschaften durchlaufen und sind stetig im Wandel. Diesen beweglichen Gebilden fühlen wir uns zugehörig und sind uns meist gar nicht darüber bewusst, wie viele verschiedene Einflüsse die aktuelle Kultur bereits durchlebt hat. Hinzu kommt, dass Nationen immer „aus verschiedenen sozialen Klassen, den Geschlechtern und ethnischen Gruppen zusammengesetzt“16 sind. Insbesondere „West-Europa hat keine Nation, die nur aus einem Volk, einer Kultur oder einer Ethnizität besteht. Alle modernen Nationen sind kulturell hybrid.“17 Stuart Hall vertritt die Meinung, dass insbesondere wenn Individuen verunsichert sind, das Schwanken zwischen mindestens zwei Kulturen deutlich wird. Entgegen vieler Meinungen und Hoffnungen, dass im Zuge der Globalisierung eine Entscheidung zwischen Ursprung und Assimilation möglich ist, lässt sich immer häufiger beobachten, dass sich Menschen sowohl zu ihrem imaginierten Ursprung als auch zu dem Land, in dem sie leben, zugehörig fühlen. Diese Menschen gehören nach Hall den Kulturen der Hybridität an.18

3. Definition Hybride Identitäten

Der Begriff „Hybridität“ ist heutzutage in Deutschland eher negativ konnotiert.

Kerstin Hein formuliert es in ihrem Werk „Hybride Identitäten“19 folgendermaßen:

Es ist vielschichtig und unabgeschlossen. Es meint Vermischung, auch Anerkennung von Differenzen. Es ist Kreuzung, Bastardisierung und Unreinheit, aber diskursive kulturelle Strategie. Hybridität ist Widerstand, aber auch Konformität. Hybridität ist Bastelei, Collage und Patchwork.

Diese Schlagwörter zeigen, mit was für Vorwürfen und Vorurteilen die Träger hybrider Identitäten unter Umständen konfrontiert werden. Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass Hybridität „als empathische Überhöhung des Konzepts der kulturellen Differenz belächelt und dem ideellen Konstrukt der Kosmopolitisierung

gleichgestellt“20 wird. Ebenfalls häufig bemängelt wird, dass der Begriff der

Hybridität als „semi-wissenschaftlicher Begriff abgewertet“21 wird, da er auf mehreren Ebenen Anwendung findet: denn sowohl in der Biologie, der Chemie und der Botanik, als auch in der Sozialwissenschaft wird dieser Begriff häufig gebraucht. Ebenfalls wird der Begriff im Bereich der Medien, der Kunst, der Medizin und der Literaturwissenschaft verwendet.22 Von großer Bedeutung, um zum Verständnis des Begriffs Hybridität beizutragen, sind die Kategorien der Biologie, insbesondere der Botanik und der Sozialwissenschaft.

Im biologischen Sinne meint Hybridität lediglich eine Pflanze oder ein Tier, das aus mehreren Arten entstanden ist.23 Schnell ging man dazu über, diesen Begriff auch für Menschen zu verwenden, deren Eltern unterschiedlicher Herkunft waren.

Innerhalb der Geistes- und Sozialwissenschaften bekam diese Begrifflichkeit insbesondere ab dem 19. Jahrhundert einen negativen Aspekt, er stand in einem engen Kontext mit rassistischen Vorstellungen.24 Aus der Biologie übertragen, wurde die Frage diskutiert, ob alle Völker von einer einzigen Menschheit (Monogenese) abstammen oder von unterschiedlichen Menschen (Polygenese). Es wurde

[...]


1 Aufgrund des besseren Leseflusses werde ich im Folgenden stets von Migranten sprechen, womit aber natürlich Migranten- und Migrantinnen gemeint sind.

2 Aufgrund des besseren Leseflusses werde ich im Folgenden stets von Schülern sprechen, womit aber

natürlich Schüler- und Schülerinnen gemeint sind.

3 Vgl. Stuart Hall: Rassismus und kulturelle Identität. Ausgewählte Schriften 2. Hamburg 2000.

4 Aufgrund des besseren Leseflusses werde ich im Folgenden stets von Religionslehrern sprechen, womit aber natürlich Lehrer- und Lehrerinnen gemeint sind.

5 Vgl. Stuart Hall: Rassismus und kulturelle Identität, Ausgewählte Schriften 2. Hamburg 2000. S. 181.

6 Ebd., S. 182.

7 Vgl. Ebd., S. 183.

8 Ebd., S. 196.

9 Ebd.

10 Ebd., S. 199.

11 Vgl. Ebd., S. 199.

12 Vgl. Ebd., S. 199.

13 Vgl. Ebd., S. 200.

14 Vgl. Ebd., S. 205.

15 Ebd.

16 Ebd.

17 Ebd., S. 207.

18 Vgl. Ebd., S. 218.

19 Vgl. Kerstin Hein: Hybride Identitäten. Bastelbiografien im Spannungsverhältnis zwischen Lateinamerika und Europa. Bielefeld 2006, S. 27.

20 Naika Foroutan, Isabel Schäfer: Hybride Identitäten – muslimische Migrantinnen und Migranten in

Deutschland und Europa. Erschienen in: APuZ 5/2009. S. 12.

21 Ebd., S. 12.

22 Vgl. Kerstin Hein: Hybride Identitäten. Bastelbiografien im Spannungsverhältnis zwischen Lateinamerika und Europa. Bielefeld 2006, S. 27.

23 Vgl. Ebd., S. 54.

24 Vgl. Ebd

Details

Seiten
18
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656475927
ISBN (Buch)
9783656476788
Dateigröße
435 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v231170
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
2,0
Schlagworte
Religionspädagogik Hybridität hybride Identitäten Religionsunterricht

Autor

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