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Das Bild der Türken in "Des Turken Vasnachtspil" von Hans Rosenplüt

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 23 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Kapitel 1: Fastnachtspiele
1.1 Der Ort
1.2 Die Spieler
1.3 Das Publikum

Kapitel 2: Zweck der Fastnachtspiele
2.1 Belustigung durch Obszönität
2.2 Belustigung durch Wiedererkennung
2.3 Belustigung durch Verkehrung
2.4 Moral und Belehrung

Kapitel 3: Des Turken Vasnachtspil
3.1 Einführung
3.2 Hans Rosenplüt

Kapitel 4: Analyse des Turken Vasnachtspils
Das Bild der Türken

Quellen

Literatur

Einleitung

Mit der Niederlage bei Nikopolis im Jahre 1369[1] und spätestens durch die Eroberung Konstantinopels 1453, die das Ende des byzantinischen Reiches bedeutete,[2] wurde der christlichen Gemeinschaft mit aller Deutlichkeit vor Augen geführt, dass die Osmanen zu einer ernsthaften Bedrohung geworden waren[3] und für lange Zeit bleiben sollten. Die Menschen fühlten ihren Besitz bedroht und hatten Angst um ihr Leben.[4]

In dieser Zeit und verstärkt nach der erfolglosen Belagerung Wiens durch Sultan Süleyman I., gab es mehr und mehr Dichter, die der Türkenthematik Raum in ihren Werken einräumten.[5] Balthasar Mandelreiß, Peter von Renz oder auch Michel Beheim riefen in ihren Dichtungen zum Kampf gegen die Osmanen auf. Sie forderten die christliche Bevölkerung auf, innere Streitigkeiten und Kriege zu beenden, um mit der vereinten Macht der Christenheit den osmanischen Feind besiegen zu können. In der Realität herrschten allerdings viele innerchristliche Streitigkeiten und auch Probleme zwischen den Obrigkeiten der Kirche und des Adels machten ein geeintes Auftreten gegen den Feind unmöglich.

In den Texten der Zeit finden sich genaue Schilderungen über die, von den Osmanen begangenen, Grausamkeiten der Bevölkerung gegenüber und es wurden bestimmte Stereotypen aufgerufen.[6] Auch Dramatiker wie Hans Sachs und Jakob Ayrer verarbeiteten die Türkenmotivik[7] und schließlich entstanden auch einige Fastnachtspiele zum Thema.

Hier soll es nun um das Stück Des Turken Vasnachtspil vom Nürnberger Dichter Hans Rosenplüt gehen, bei dem das Bild der Türken auf den ersten Blick viel positiver erscheint als es zeittypisch der Fall war.[8] Zunächst werdeneinige Grundlagen zum Thema Fastnachtspiel allgemein auf das Stück von Rosenplüt im Besonderen hinführen. Im Mittelpunkt der Arbeit soll eine genaue Analyse Des Turken Vasnachtspils stehen, bei der wichtige Beobachtungen bezüglich der Türkendarstellung gemacht werden. Schließlich werden die Erkenntnisse ausgewertet und im Vergleich mit der Meinung unterschiedlicher Forscher zusammengefasst. Es soll gezeigt werden, dass die Ambivalenz des türkischen Sultans „eine ernsthafte Adelskritik ermöglicht, ohne dass dem Spiel die Lust an der verkehrten Welt der Fastnacht verginge.“[9]

Im Folgenden soll unter den Begriffen Osmanen und Türken das gleiche Volk verstanden werden, greifen die Worte doch einmal den historisch korrekten und einmal den zeitgenössischen Wortlaut der Feinde der Christenheit auf.

Kapitel 1: Fastnachtspiele

Im 15. und 16. Jahrhundert begannen sich die weltlichen von den kirchlichen Schauspielen abzugrenzen,[10] auch wenn sich die Forscher über deren genaue Herkunft nicht einig sind. John Nowé führt die weltlichenSpiele teilweise auf alte naturreligiöse Kultspiele zurück.[11] Diese Annahme gilt mittlerweile aber als überholt[12] und ist, wenn überhaupt, nur ein möglicher Ursprung der Stücke, die entweder als Reihen- oder als Handlungsspiel auf die Bühne kamen.[13] Es ist „weniger von einem Ursprung als von einer Summe möglicher Einflüsse auszugehen.“[14] Die Spiele wurden dann vorrangigzur Fastnacht aufgeführt, da diese begrenzte Zeit es erlaubteRegeln zu überschreiten. Man konnte sich verkleiden und tanzend und singend durch die Straßen ziehen.[15]

Das Fastnachtspiel war jedoch nicht die einzige Fastnachtstradition und so gab es das sog. Gesellenstechen und junge Patrizier führten den Geschlechtertanz auf.[16] Am bekanntesten ist allerdings der Schembartlauf. Dieser, von Metzgern initiierte Lauf, galt lange Jahre als Konkurrent der Fastnachtspiele.[17] Die neuere Forschung, unter anderem Samuel L. Sumberg ist aber davon überzeugt, dass der Schembartlauf die Entwicklung der Fastnachtspiele nicht beeinflusste.[18]

Bekannte Autoren der Fastnachtspielhauptstadt Nürnberg sind Hans Folz, Hans Sachs und Hans Rosenblüt, um den es später noch gehen wird. Viele andere Autoren sind leider heute nicht mehr bekannt.Die Spiele handelten größtenteils von „Prahlerei und Verhöhnung, [...] Lüge und Betrug, [...] Streit und Prügel,“[19] und gabenihre Inhalte in einer doppeldeutigen, obszönen Sprache wieder.Den Rahmen, der meist auf eine Aufführungsdauern von 20 bis 30 Minuten begrenzten Stücke, bildete der Herold, der als Einschreier das Spiel ankündigte und esals Ausschreier beendete.Die Fastnachtspiele lassen sich in unterschiedliche Stücke wie z.B. das Frühlingsspiel Vom Streit zwischen Herbst und Mai oder in die große Gruppe der Neidhartspiele klassifizieren. Außerdem gibt es Revuespiele, Werbespiele, Gerichtsspiele und Stücke, deren Inhalt der Literatur entnommen wurde und die z.B. König Artus thematisieren.

Auch regional existieren Unterschiede zwischen den Spielen. Die Schweizer Spiele z.B. beinhalten häufig politische Themen, während Lübeck sich mehr auf moralische Inhalte konzentriert. Ganz allgemein sollte betont werden, dass nicht von "dem Fastnachtspiel" gesprochen werden kann, da sich selbst deutschsprachige Fastnachtspiele in ihrer Entwicklung und ihren Inhalten stark unterscheiden. Die Fastnachtspiele gehören zu den wenigen Gattungen, die aus der mittelalterlichen Stadtkultur hervorgegangen sind.[20]

1.1 Der Ort

Die Fastnachtspiele konnten als Einkehrspiele in Gasthäusern oder Privathäusern zur Aufführung kommen. Die öffentlichen Spiele hingegen spielten auf dem Marktplatz oder wie beim Beispiel des Schweizer Autors Pamphilus Gengenbach auf dem Fisch- oder Kornmarkt.[21] Wichtig war, dass der Aufführungsort zentral in der Stadt lag, am besten in der Nähe des Rathauses oder einer belebten Straßenkreuzung.[22]

1.2 Die Spieler

Ein weiterer Punkt, an dem Uneinigkeit in der Fastnachtspielforschung herrscht, sind die Spieler. In Lübeck sollen, laut Thomas Habel, die Spiele von Patriziern veranstaltet worden sein, während wohlhabende Handwerker die Träger der Nürnberger Fastnachtspiele waren.[23] Eckehard Simon ist der Ansicht, dass die weltlichen Schauspiele von jungen Männern und Schülern unter der Leitung ihres Lehrers zur Aufführung kamen, wie es z.B. beim St. Pauler Neidhartspiel von 1370 belegt ist.[24] Auch einfache Handwerksgesellen konnten als Darsteller fungieren, aber erst nachdem sie sich das Einverständnis des Stadtrates geholt hatten.[25]

Da sich Spieler ihre Kostüme und Requisiten wohl selbst anschaffen mussten, geht Eckehard Simon außerdem davon aus, dass eher wohlhabende Personen als Schauspieler in Frage kamen. Die Ärmeren konnten sich dies nicht leisten.[26] Auch Theodor Hampe zeigt, dass „[...] junge[] erbern gesellen, [...] ein spil mit pauernwerk zu der vastnacht ze uben vorhaben.“[27] Diese„erbern gesellen“sind vermutlich Personen, die nicht arm waren und eventuell sogar über Mitspracherecht im Rat verfügten.[28] Wichtig ist außerdem zu erwähnen, dassdie Frauenrollen von Männern übernommen wurden,[29] worin ein großer Reiz der Fastnachtspiele, aber auch ganz allgemein aller Theaterstücke,lag.

1.3Das Publikum

Feste Theatergebäude waren im 15. Jahrhundert eine Seltenheit und so vermischten sich bei der Aufführung auf öffentlichen Plätzen Menschen unterschiedlichster Stände.Handwerker konnten sich zur Fastnachtzeit von ihren täglichen Zwängen loslösen und Kontakt zum anderen Geschlecht aufnehmen,[30] während die adlige Schicht zu Repräsentationszwecken an den Festivitäten rund um die Fastnacht teil nahm.[31]

Der Herold des großen Neidhartspiels spricht in seiner Einleitung deswegen auch viele unterschiedliche Personen an:

„Schweiget hört vnd vernemet alle

Lat euch diese red wohl gefalle

Fürsten grauen wo die sind

Heren ritter vnd ritters kind

Auch kauflewt die mit hübschait […]“[32]

Ein großer Teil der Zuschauer wohnte vermutlich im selben Umkreis. Sie

„verfügen also über vergleichbares geographisches und soziales Alltagswissen. Der gemeinsame Wissenshorizont von Spielern und Publikum ermöglicht es, dass Verweise auf Regionalspezifika gewürdigt, dass Verkehrungen von stadtspezifischen Normen als solche überhaupt wahrgenommen und dass zeitbezogene Tendenzen mit lokaler Ausrichtung erkannt werden können.“[33]

[...]


[1] vgl. Erkens, Franz-Reiner (Hrsg.): Europa und die osmanische Expansion im ausgehenden Mittelalter, Berlin 1997, S. 11.

[2] vgl. Ehrstine, Glenn: Fastnachtsrhetorik. Adelskritik und Alterität in „Des Turken Vasnachtspil“, In: Werkstattgeschichte 37 (2004), S. 7 - 23, S. 11.

[3] vgl. Erkens: Europa und die osmanische Expansion, S. 59.

[4] vgl.Kissling, Joachim: Türkenfurcht und Türkenhoffnung im 15./16. Jahrhundert. Zur Geschichte eines „Komplexes“, In: Südost-Forschungen 23 (1964), S. 1 - 18, S. 2.

[5] vgl.Ackermann, Christiane: Dimensionen der Medialität. Die Osmanen im Rosenplütschen „Turken Vasnachtspil“ sowie in den Dramen des Hans Sachs und Jakob Ayrer, In: Ridder, Klaus (Hg.): Fastnachtspiele. Weltliches Schauspiel in literarischen und kulturellen Kontexten, Tübingen 2009, S. 189 - 220, S. 194f.

[6] vgl. Ebd. S. 190.

[7] vgl. Ebd.

[8] vgl.Ebd. S. 189.

[9] Ehrstine: Fastnachtsrhetorik, S. 12.

[10] vgl. Nowé, Johan: Wir wellen haben ein spil. Zur Geschichte des Dramas im deutschen Mittelalter, Leuven 1997, S. 123.

[11] vgl. Ebd. S. 124.

[12] vgl. Kindermann, Heinz: Das Theaterpublikum des Mittelalters, Salzburg 1980, S. 74.

[13] vgl. Nowé: Wir wellen haben ein spil, S. 124.

[14] Habel, Thomas: Fastnachtspiele, In: Kurt Ranke (Hrsg.): Enzyklopädie des Märchens, Bd. 4, Berlin, New York 1984, S. 886-900, S. 887.

[15] vgl. Nowé: Wir wellen haben ein spil, S. 136.

[16] vgl. Ridder, Klaus: Fastnachtstheater. Städtische Ordnung und fastnächtliche Verkehrung, In: Ridder, Klaus: Fastnachtspiele. Weltliches Schauspiel in literarischen und kulturellen Kontexten, Tübingen 2009. S. 65 - 81, S.75.

[17] vgl. Berthold, Margot: Weltgeschichte des Theaters, Stuttgart 1968, S. 228.

[18] vgl. Roller, Hans-Ullrich: Der Nürnberger Schembartlauf. Studien zum Fest- und Maskenwesen des späten Mittelalters, Tübingen 1965, S. 143.

[19] Ebd.

[20] vgl.Brett-Evans, David: Von Hrotsvit bis Folz und Gengenbach. Eine Geschichte des mittelalterlichen deutschen Dramas , Bd. II, Berlin 1975, S. 142.

[21] vgl. Simon, Eckehard. Die Anfänge des weltlichen deutschen Schauspiels 1370 – 1530. Untersuchungen und Dokumentation, Tübingen 2003, S. 110.

[22] vgl. Ebd.

[23] vgl. Habel: Fastnachtspiele, S. 895.

[24] vgl. Simon: Die Anfänge des weltlichen deutschen Schauspiels, S. 49.

[25] vgl. Roller: Der Nürnberger Schembartlauf, S. 145.

[26] vgl. Simon: Die Anfänge des weltlichen deutschen Schauspiels, S. 85.

[27] Hampe, Theodor: Die Entwicklung des Theaterwesens in Nürnberg von der zweiten Hälfte des 15 Jahrhunderts bis 1806, Nürnberg 1900, S. 97.

[28] vgl. Roller: Der Nürnberger Schembartlauf, S. 147.

[29] vgl. Linke, Hans Jürgen: Aspekte der Wirklichkeits-Wahrnehmung im weltlichen deutschen Schauspiel des Mittelalters, In: Ridder, Klaus (Hrsg.): Fastnachtsspiele. Weltliches Schauspiel in literarischen und kulturellen Kontexten, Tübingen 2009, S. 11 - 61, S. 60.

[30] vgl. Krohn, Rüdiger: Der unanständige Bürger. Untersuchungen zum Obszönen in den Nürnberger Fastnachtspielen des 15. Jahrhunderts, Kronberg Taunus 1974, S. 94.

[31] vgl. Simon: Die Anfänge des weltlichen deutschen Schauspiels, S. 84.

[32] Margetts, John (Hrsg.): Neidhartspiele. Gratz 1982, S. 17-111, S. 17.

[33] Ridder: Fastnachtstheater, S.76.

Details

Seiten
23
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656474524
ISBN (Buch)
9783656474739
Dateigröße
567 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v231184
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
2,0
Schlagworte
bild türken turken vasnachtspil hans rosenplüt

Autor

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