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Bildungsungleichheit und Migrationshintergrund: Schulleistung

Seminararbeit 2007 19 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretische Begründungen
2.1 Humankapitaltheorie und Bildungsinvestitionen
2.2 Ethnische Diskriminierungen
2.2.1 Diskriminierungspräferenzen
2.2.2 Informationsdefizite

3 Empirische Befunde
3.1 Datensätze
3.2 Untersuchung der ethnischen Diskriminierungen

4 Diskussion und Ausblick

5 Zusammenfassung

6 LITERATURVERZEICHNIS

1 Einleitung

In der modernen Gesellschaft stellt die schulische und berufliche Ausbildung von Kindern und Jugendlichen eine zentrale Ressource für deren zukünftige Chancen auf dem Arbeitsmarkt und dementsprechend auch auf dem gesellschaftlichen Positionsmarkt dar.

Somit hat die Bildung für die Lebensperspektiven junger Menschen eine herausragende Bedeutung: abhängig von den Bildungsabschlüsse werden die intellektuelle und kulturelle Ausstattung der Person geschätzt und der Karriereaufbau geplant. Für die Kinder aus Zuwandererfamilien spielt der Erwerb schulischer und beruflicher Bildungsqualifikationen zusätzlich eine entscheidende Rolle im sozialen Integrationsprozess. In der Regel können Kinder aus Zuwandererfamilien nur über Bildungsabschlüsse langfristig attraktive und gesellschaftlich anerkannte Positionen im Einwanderungsland einnehmen und im Kontext der Einwanderungsgesellschaft aufsteigen (vgl. Kristen, 2003, S.26).

Die Schulbildung als die erste Stufe des Institutes der Bildung ist ein wichtiges Element der Verwirklichung von Chancengleichheit in einer Gesellschaft, die auf dem Grundsatz aufbaut, dass höherwertige Bildung nur von den individuellen Fähigkeiten eines Menschen abhängen sollte, nicht jedoch von seinem sozioökonomischen oder ethnischen Hintergrund (vgl. Büchel & Wagner, 1996, S. 80). In diesem Zusammenhang wird in der vorliegenden Arbeit das Problem der ethnischen Ungleichheiten im deutschen Bildungswesen, das sich in einer nachteiligen Position der Jugendlichen und Kinder mit Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem widerspiegelt, betrachtet. Cornelia Kirsten und Nadia Granato (2004) beschreiben diese Situationslage, in der sich die Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund befinden, folgendermaßen:

Kinder aus Zuwandererfamilien erzielen im deutschen Schulsystem schlechtere Bildungsqualifikationen als gleichaltrige Deutsche. Sie verlassen die Schule weitaus häufiger ohne jeglichen Bildungsabschluss und konzentrieren sich vor allem in den Hauptschulen, während sie an den Realschulen und den Gymnasien deutlich geringere Anteile aufweisen. Aus dieser nachteiligen Positionierung im Bildungssystem ergeben sich entsprechende Konsequenzen für ihre späteren Ausbildungschancen und in der Folge auch für die Stellung auf dem Arbeitsmarkt. Vor allem türkische und italienische Kinder schneiden im deutschen Schulsystem besonders schlecht ab, während andere Gruppen wie beispielweise griechische Migranten vorteilhafte Ergebnisse erzielen (Kirsten & Granato, 2004, S. 123).

Diese Überlegungen werden von einer ganzen Reihe an empirischen Arbeiten, die sich mit der Positionierung von Zuwanderern im deutschen Schulsystem beschäftigen, unterstützt. Die hierzu angelegten Datensätze, beispielweise Mikrozensus, das Sozioökonomische Panel (SOEP) oder die PISA Studie (Programme for International Student Assessment) tragen zur vielseitigen Einschätzung der Problematik bei.

Doch warum erzielen Kinder und Jugendliche aus Zuwandererfamilien solch nachteilige Ergebnisse im Vergleich mit den einheimischen Mitschülern? Was sind die Ursachen des ungleichmäßigen schulischen Abschneidens in den diversen ethnischen Gruppen? Wodurch werden die Übergangsmustern der Schüler unterschiedlicher Herkunftsgruppen in die sekundären Bildungszweige bestimmt?

Vom sozioökonomischen Standpunkt aus liegt es an der ursprünglichen Differenz in der zur Verfügung stehenden Ressourcen, Eigenschaften, Positionen und Güter, die Individuen zur Erzielung bestimmter Bildungsergebnisse einsetzen. Aufgrund unterschiedlicher Ausgangsbedingungen unterscheiden sich Migranten von der einheimischen Bevölkerung in den Möglichkeiten, den Schulerfolg ihrer Kinder wirksam abzusichern. Aus diesen migrationsspezifischen Unterschieden in der Ressourcenausstattung verschiedener Bevölkerungsgruppen heraus ergeben sich die unterschiedlichen Strategien der Bildungsinvestitionen der Familien, die sich wiederum in den schulischen Ergebnissen der Kinder widerspiegeln (vgl. Kristen & Granato, 2004).

Das nachteilige Abschneiden von Kindern aus Zuwandererfamilien wird auch regelmäßig mit ethnischen Diskriminierungen seitens der Schule in Verbindung gebracht. Diskriminierungen von Schülerinnen und Schülern aus Migrantenfamilien aufgrund einer anderen ethnischen Zugehörigkeit im schulischen Alltag, so die Vermutung, seien im Wesentlichen dafür verantwortlich, dass Kinder aus zugewanderten Familien im deutschen Schulsystem deutlich schlechtere Resultate erzielen als gleichaltrige Deutsche.

In diesem Beitrag zu gegebenem Thema werden in einem theoretischen Teil zuerst die sozioökonomischen Ursachen ungleicher Bildungsbeteiligung wie beispielweise Verteilung der bildungsrelevanten Ressourcen in zugewanderten und deutschen Familien betrachtet. Weiterhin wird auf andere Aspekte der Erklärung für die Bildungsungleichheit eingegangen, die sich mit den eventuellen Diskriminierungen von Migrantenkindern in ihrer schulischen Laufbahn beschäftigen. Anschließend werden im empirischen Teil der Arbeit die Datensätze zur Schulleistung und den Übergangsmustern ethnischer Gruppen sowie die Ergebnisse der standardisierten Leistungsmessungen in unterschiedlichen Fähigkeitsbereichen präsentiert. Dafür werden Daten verschiedener Mikrozensen herangezogen sowie die Ergebnisse der empirischen Studie von Cornelia Kristen, die auf der Basis des DFG- Projekts „Bildungsentscheidungen in Migrantenfamilien“ aufbaut, betrachtet. Dabei werden die eventuellen Diskriminierungspräferenzen seitens der Lehrkräfte als Einflussfaktor in Betracht gezogen. Abschließend werden die Ergebnisse der sekundären Datenanalyse diskutiert und die zentralen Ideen eingeordnet.

2 Theoretische Begründungen

2.1 Humankapitaltheorie und Bildungsinvestitionen

Das ökonomische Konzept der Humankapitaltheorie, die in den frühen sechzigen Jahren entwickelt wurde, erklärt die Bildungsnachfrage in Hinblick auf künftige Erträge: Bildung wird nachgefragt, wenn sie sich unter Berücksichtigung der entstehenden Kosten lohnt. Die Investitionen richten sich immer auf bestimmte Ziele und werden jeweils mit der Rücksicht auf die künftigen Erträge vorgenommen (vgl. Becker, 1993). In Bezug auf das Bildungsverhalten und die Schulleistung besagt die Humankapitaltheorie, dass Humankapital, welches die Qualifikationen, Fähigkeiten und Kenntnisse impliziert, von den verschiedenen Individuen in unterschiedlichem Ausmaß eingesetzt wird und die Produktivität somit vielseitig beeinflusst. Die Bildungserwerbsmöglichkeiten unterscheiden sich also danach, welche Mengen und welche Kombinationen von Ressourcen die sozialen Akteure jeweils kontrollieren und welche Ziele sie anstreben. Erzielte Bildungsabschlüsse werden im Folgenden als Resultat einer Vielzahl von Investitionen aufgefasst, die im Laufe einer individuellen Schulkarriere getätigt werden.

Mit Blick auf die Humankapitalinvestitionen in den unterschiedlichen Familien kann angenommen werden, dass Zuwanderer genauso wie Einheimische von dem Bildungserfolg ihrer Kinder profitieren, da der erreichte Schulabschluss die Möglichkeiten für die zukünftige Hochschulbildung eröffnet, wodurch die zukünftigen Chancen auf eine gute Position auf dem Arbeitsmarkt steigen. Deshalb stellt die gute schulische Ausbildung vermutlich in beiden Gruppen gleichermaßen ein bedeutsames Ziel dar.

Die Zuwanderer unterscheiden sich jedoch von der einheimischen Bevölkerung in ihren Möglichkeiten für den Bildungserwerb, denn für sie ist es schwieriger die effektiven Investitionsstrategien auszuarbeiten. Cornelia Kristen und Nadia Granato (2004) gehen hier auf die Gründe der unterschiedlichen Ressourcenausstattung bei den verschiedenen Bevölkerungsgruppen ein.

Durch Migration verändert sich oftmals die Bedeutsamkeit und damit die Produktivität bestimmter Kapitalien. Dies betrifft das spezifische Humankapital, dessen Geltung von einem bestimmten gesellschaftlichen Kontext abhängig ist. Da der Erwerb spezifischer Ressourcen sich meist auf das Herkunftsland orientiert, verlieren die entsprechenden Ressourcen nach der Migration an Wert. Als Beispiel seien die Sprachkenntnisse genannt, die für einen Aufstieg im Bildungssystem unerlässlich sind. Diese müssen in einem neuen Land nämlich erst einmal neu erworben werden. Oder man denke an die Gültigkeit von Bildungszertifikaten, die sich im Einwanderungsland in der Regel nicht ohne weiteres in gleichwertige Qualifikationsbescheinigungen übertragen lassen. Die Entwertung vormals bedeutsamer Ressourcen führt dazu, dass die Migrantenfamilien, was ihre Ausstattung mit bildungsrelevanten Ressourcen angeht, von einer nachteiligen Position aus starten. Die anfänglichen Kapitaldefizite behindern die Akkumulation zusätzlicher Ressourcen, was einen zweiten wichtigen Grund darstellt, weshalb es für die Zuwandererfamilien ungleich schwieriger ist, ihre Kinder in ähnlicher Weise wie die einheimische Bevölkerung im Schulsystem zu unterstützen. Da die Akkumulation auf vorausgegangenen Investitionen basiert, gefährdet die fehlende anfängliche Ausstattung auch zukünftigen Erwerb der bildungsrelevanten Ressourcen. Die Investitionsmöglichkeiten von Migranten und einheimischen Familien spielen für die Entstehung ethnischer Unterschiede im Bildungserfolg also eine wichtige Rolle.

Eine der wichtigsten Ressourcen im Bereich der Bildungsinvestitionen ist die von den Eltern gesammelte eigene Bildungserfahrung, die die Verfügbarkeit einer Vielzahl von Ressourcen, die zur Unterstützung des Bildungserfolgs der Kinder beitragen können, sichert. Das Wissen über die Struktur des Bildungssystems erlaubt den Bildungserfolg nachhaltig zu unterstützen und eröffnet den Familien die Möglichkeit, strategisch geschickt zu agieren. Die bildungsrelevanten Informationen über den Aufbau des Bildungssystems, über Bedeutung von Noten für die Übergangschancen auf eine weiterführende Schulart oder über die Leistungsanforderungen unterschiedlicher Bildungswege sind für den Schulerfolg der Kinder von zentraler Bedeutung.

Außerdem können die Eltern, die selbst einen höheren Bildungsabschluss haben, eher eine kompetente Hilfe bei Hausaufgaben oder bei der Vorbereitung auf Klassenarbeiten leisten, sie sind in der Lage auftretende Schwierigkeiten frühzeitig zu erkennen und zu beheben. Im Vergleich mit den einheimischen Familien verfügen Migrantenfamilien über unzureichendes bildungsrelevantes Wissen und darüber hinaus ist es für sie schwieriger ihre Kinder im außerschulischen Lernprozess kontinuierlich und konsequent zu unterstützen. Die Ausgangsdefizite werden häufig durch fehlende Sprachkenntnisse verschärft, was die nachhaltige schulische Hilfestellung verhindert. Dadurch ergeben sich für die Migranten deutlich schlechtere Startbedingungen.

Die berufliche Positionierung und Berufserfahrung der Eltern spielen für die Bildungsinvestitionen ebenfalls eine wichtige Rolle. Die Eltern, die vorteilhafte Arbeitsmarktpositionen einnehmen, können die grundlegende Bedeutung von Bildung für den Arbeitsmarkterfolg realistisch einschätzen. Sie wissen, welche Qualifikationen für bestimmte Positionen erforderlich sind und liefern den Kindern einen wichtigen Orientierungspunkt.

Auch in dieser Hinsicht unterscheiden sich Migrantenfamilien aufgrund ihrer nachteiligen Ausgangspositionierung auf dem Arbeitsmarkt von der einheimischen Bevölkerung, was die individuellen Überzeugungen der Kinder für persönliche Erfolgsaussichten negativ beeinflusst.

Besonders in der Diskussion um Einwanderungsminderheiten wird oft argumentiert, das diese aus ländlichen Gebieten in wenig industrialisierten Ländern stammen und deshalb im Einwanderungsland in die unteren Stufen des Arbeitsmarktes gelangen. Aufgrund der ungünstigen sozioökonomischen Ausgangslage sind die Kinder dieser Einwanderer im Bildungswesen weniger erfolgreich, auch wenn sie im Einwanderungsland aufgewachsen und seinen Gelegenheitsstrukturen ausgesetzt sind (vgl. Alba, Handl & Müller, 1994, S. 211)

Darüber hinaus gehören die vorhandenen finanziellen Ressourcen der Familie zu den Investitionsmöglichkeiten. Die Kosten, die mit dem Besuch höherer Bildungswege verbunden sind, fallen desto mehr ins Gewicht, je schlechter die Familie ökonomisch gestellt ist. Dies betrifft auch die Zeitressourcen, die für direkte Unterstützungsleistungen bereitgestellt werden. Die Familien mit Migrationshintergrund unterscheiden sich in diesem Zusammenhang von der einheimischen Bevölkerung dadurch, dass sie über unzureichende Ressourcenausstattung verfügen und im Bildungsverhalten eine nachteilige Startposition einnehmen, was sie wiederum daran hindert, entsprechende Bildungsinvestitionen zu tätigen.

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Details

Seiten
19
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783656476016
ISBN (Buch)
9783656476450
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v231204
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Soziologie und Empirische Sozialforschung (Schwerpunkt Arbeitsmarktsoziologie)
Note
2,0
Schlagworte
bildungsungleichheit migrationshintergrund schulleistung

Autor

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Titel: Bildungsungleichheit und Migrationshintergrund: Schulleistung