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Imaginäre Gefährten im Kindesalter

Positive Funktionen aus entwicklungspsychologischer Sicht

Bachelorarbeit 2012 63 Seiten

Psychologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theorie der Funktionen imaginärer Gefährten
2.1 Adaptive Funktionen
2.2 Weitere entwicklungspsychologische Funktionen
2.3 Fragestellung

3 Die Literaturrecherche
3.1 Ein- und Ausschlusskriterien
3.2 Datenbanken
3.3 Schlagwörter

4 Ergebnisse
4.1 Förderung der Sprachentwicklung
4.1.1 Sprachgebrauch
4.1.2 Auditive Vorstellungskraft und Sprachgefühl
4.1.2.1 Studie I
4.1.2.2 Studie II
4.1.3 Visuelle und auditive Vorstellungskraft und sprachliche Fertigkeiten
4.1.4 Referentielle Kommunikation
4.1.5 Erzählerische Fertigkeiten
4.2 Angstbewältigung
4.2.1 Die Huggy-Puppy-Intervention
4.2.1.1 Studie I
4.2.1.2 Studie II
4.2.2 Nachtangst
4.2.3 Das Teddybärkrankenhaus

5 Diskussion

6 Literaturverzeichnis

7 Pressemitteilung

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Gegenüberstellung der Stichproben in den Studien zur Förderung der Sprachentwicklung durch imaginäre Gefährten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Ergebnisse in der Sprechkomponente und Anzahl der Redundanzen

Abbildung 2: Ergebnisse im Hörverstehen und Anzahl redundanter Nachfragen im Hörverstehen

Abbildung 3: Ergebnisse in Geschichtenverständnis, Erzählqualität in Geschichtenwiedergabe und in Beschreibung eines vergangenen Ereignisses

Abbildung 4: Ergebnisse der Subkategorien in der Geschichtenwiedergabe

Abbildung 5: Ergebnisse der Subkategorien in der Erzählung eines zurückliegenden
Ereignisses

Abbildung 6: Stressreaktionen der Kinder im Kriegsgeschehen

Abbildung 7: Effekt der HPI auf Stressreaktionen im Verlauf der Intervention in
Studie I

Abbildung 8: Effekt der HPI auf Stressreaktionen im Verlauf der Intervention in
Studie II

Abbildung 9: Ausmaß der Nachtangst in beiden Interventionsgruppen im Verlauf der Intervention

Abbildung 10: Angst vor einem Krankenhausaufenthalt vor und nach der
Intervention

1 Einleitung

Imaginäre Gefährten (IG) hatten es nicht immer leicht in ihrem Dasein. Davor kaum beachtet, weckten sie erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Interesse einiger weniger Forscherinnen und Forscher auf dem Gebiet der Psychologie, darunter Hall (1914) und Harvey (1918). Da die überschaubaren Forschungsarbeiten sich alsdann eher auf den klinischen Bereich konzentrierten, wurden imaginäre Gefährten hauptsächlich mit pathologischen Formen wie Persönlichkeits- oder Verhaltensstörungen in Verbindung gebracht (Ames & Learned, 1946; Svendsen, 1934) und wie es Taylor (1999, S. 3) treffend beschreibt: Sie bekamen eine „bad press“. Erst um 1980 beschäftigt sich die Forschung gezielt mit breiteren Fragestellungen zu Formen und Funktionen der imaginären Gefährten, sowie zu Persönlichkeitsmerkmalen der Kinder, die sich einen imaginären Gefährten schaffen (Klausen & Passmann, 2007).

Was ist unter einem imaginären Gefährten zu verstehen? Svendsen (1934) fasste in einer der ersten empirischen Studien dazu folgende Merkmale zusammen:

[A pretend companion] is an invisible character, named and referred to in conversation with other persons or played with directly for a period of time, at least several months, having an air of reality for the child. This excludes that type of imaginative play in which an object is personified, or in which the child himself assumes the role of the person in the environment. (S. 988)

Demnach ist dieser in der Fantasie des Kindes entstandene unsichtbare Freund in allerlei Gestalt und Wesensart nur für das Kind, das es ihn für sich schafft, sichtbar. Andere Forscherinnen und Forscher erweiterten den Begriff des imaginären Gefährten auf personifizierte Objekte wie Kuscheltiere oder Spielzeug (Singer & Singer, 1990) und auf Impersonisation, der Verkörperung fiktiver Charaktere (Ames & Learned, 1946). Diesen drei Arten der imaginären Gefährten ist gemeinsam, dass ihre Anwesenheit vom Kind wahrgenommen wird, mit ihnen über einen längeren Zeitraum eine persönliche Beziehung gepflegt, mit ihnen geredet oder gespielt wird. Meist sind sie daher auch vom Kind mit einem Namen bedacht. Sie fungieren als Spielkamerad, Gesprächspartner, stummer Begleiter, aber auch als unangenehmer Gegner, an dem es sich zu messen gilt (Taylor, 1999). Gleason, Sebanc und Hartup (2000) beschreiben unsichtbare Freunde von Kindern als in der Regel recht freundlich, wohlwollend und gesellig, wobei personifizierte Objekte eher umsorgt werden. Wichtig anzumerken ist, dass bei nicht-pathologischen Formen imaginärer Gefährten auch eine gewisse Kontrolle über sie ausgeübt wird und sie nicht bedrohend oder gar verängstigend wirken. Ein Kind, das beispielsweise der Anwesenheit seines unsichtbaren Freundes überdrüssig ist oder ihn schlichtweg nicht mehr braucht, kann ihn einfach für sich verschwinden lassen (Taylor, 1999; Seiffge-Krenke, 2009).

Es wird davon ausgegangen, dass sich Kinder etwa ab dem dritten Lebensjahr, nach Winnicott (1973) sogar bereits mit 12 Monaten, einen oder auch mehrere imaginäre Gefährten schaffen, wobei der Höhepunkt auf dem Alter von vier Jahren liegt und circa ab dem siebten Lebensjahr, dem Zeitpunkt der Einschulung, wieder abnimmt, beziehungsweise sie vom Kind gerne geheim gehalten werden. Manche behalten ihn noch bis ins Jugendalter oder erschaffen ihn sich erst im Schulalter, wobei nicht zu vernachlässigen ist, dass auch Erwachsene einen imaginären Gefährten haben können. Unter Einbeziehung aller drei Arten der imaginären Gefährten, sei es ein unsichtbarer Freund, ein personifiziertes Objekt oder ein personalisierter Charakter, wird die Häufigkeit, mit der Kinder sich einen imaginären Gefährten zulegen, auf 65% geschätzt (Taylor, 1999).

Unter dem Aspekt dieser hohen Zahl sind die Beweggründe von Bedeutung, warum sich Kinder mit imaginären Gefährten beschäftigen, warum sie sich einen unsichtbaren Freund schaffen, ihr Lieblingskuscheltier oder ihre Puppe für sich zum Leben erwecken und warum sie in eine imaginative Identität schlüpfen. Marjorie Taylor, eine Pionierin in der Erforschung imaginärer Gefährten, hat 1999 die bis dato erforschten Fakten unter Einbezug eigener Studien zusammengetragen. In Kapitel zwei der vorliegenden Arbeit werden diese zu den Theorien und dem aktuellen Forschungsstand zu imaginären Gefährten dargestellt. Die Funktionen, die imaginäre Gefährten für Kinder ausüben, sind, wie aus Kapitel zwei ersichtlich wird, vielfältig. Dahingehend beschränkt sich die unter Kapitel drei dargestellte Literaturrecherche schwerpunktmäßig auf zwei ausgewählte Funktionsbereiche. Zu diesen werden im Ergebnisteil der Literaturarbeit Studien zu neueren Erkenntnissen vorgestellt: die Hypothesen der Autorinnen und Autoren, die Beschreibung der Stichproben, wie die Untersuchungen durchgeführt worden waren und die Ergebnisse der Untersuchungen. Die Diskussion und Interpretation der Ergebnisse der Literaturrecherche hierzu findet sich in Kapitel fünf.

Die vorliegende Arbeit beschränkt sich auf die positiven, nicht-pathologischen Funktionen imaginärer Gefährten. Imaginäre Gefährten sind ein Thema in der klinischen Psychologie (z.B. Putnam, 1993; Sanders, 1992), in dieser Arbeit jedoch sind ausschließlich die positiven Funktionen Recherchegegenstand. Es wird der Fragestellung nachgegangen, ob es, ausgehend von Taylors Forschung und Sichtung der Befundlage neue Erkenntnisse zu den positiven Funktionen imaginärer Gefährten gibt, beziehungsweise ob diese Funktionen durchweg als ebenso positiv angesehen werden können, wie sie von Taylor (1999) beschrieben werden.

2 Theorie der Funktionen imaginärer Gefährten

Taylor (1999) berichtet von Eltern, die besorgt ihre Sprechstunde aufsuchen, weil ihr Kind keinen imaginären Gefährten hat. Sie fragen sich unter anderem, ob es ihrem Kind an etwas mangelt, ob es zum Beispiel nicht ausreichend Fantasie für einen imaginären Gefährten besitzt. Die Forschung legt folgende Theorien nahe, welche Funktionen imaginäre Gefährten bei Kindern ausüben:

2.1 Adaptive Funktionen

Zwar wird imaginären Gefährten auch ein deutlicher Spaßfaktor zugeschrieben, unbestritten ist jedoch, dass Kinder ihre Fantasie nutzen können, um mit emotionalen wie sozialen Problemen in ihrem jungen Leben umzugehen und sie zu verarbeiten (Taylor, 1999). Imaginäre Gefährten erfüllen somit folgende adaptive Funktionen:

Bewältigung von Einsamkeit. Nagera (1969) fand heraus, dass Kinder, die sich einsam fühlen, sei es aus Mangel an Spielkameraden, aber auch aus einem Gefühl der Vernachlässigung oder Zurückweisung, sich zum Ausgleich einen imaginären Freund ausdenken, der ihnen Gesellschaft leistet, sie tröstet oder bestärkt. Taylor (1999) berichtet von Kindern, die sich als Einzelkind einen imaginären Gefährten an ihre Seite denken und wenn sie sich die Aufmerksamkeit der Eltern mit Geschwistern teilen müssen.

Kompetenzerleben. Nach Harter und Chao (1992) unterscheiden sich hier die imaginären Gefährten bei Mädchen und Jungen: So sind sie unter den Mädchen überwiegend unbeholfene oder hilfebedürftige Freunde, denen sie selbst als kompetenter gegenüberstehen. Die imaginären Freunde der Jungen hingegen zeigen sich oft als wahre Helden, denen sie nacheifern können.

Sündenbock. Gerade im Vorschulalter, wenn es um das Erlernen von Regeln geht, sind imaginäre Gefährten beliebte Mittel für Kinder, sich in Selbstkontrolle, Moral- und Regelverständnis zu üben und Grenzen auszutesten. Dementsprechend können sie zum einen ihren unsichtbaren Freund für gespielte Missetaten maßregeln oder aber ihn als Verursacher für unerwünschte Taten vorschieben und hoffen, auf diese Weise der Strafpredigt der Eltern zu entgehen (Taylor, 1999).

Umgang mit Lebenseinschränkungen. Darunter fallen beispielsweise körperliche Gebrechen oder psychische Störungen, die einem Kind den normalen Umgang mit Gleichaltrigen erschweren. Demzufolge haben beispielsweise blinde Kinder meist imaginäre Freunde, die sehen können (Singer & Streiner, 1966). Dorothy Singer (1993) führt desweiteren als Beispiel einen Jungen an, der unter einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und unter retardierter Sprachentwicklung litt. Er konnte nur mit seinem imaginären Freund unbeschwert kommunizieren. Lebenseinschränkungen müssen nicht nur physischer oder psychischer Natur sein: Burlingham und Freud (1944) beschreiben dahingehend einen Jungen, der sich als imaginären Gefährten einen Vater schuf, als den Vater, den er nie kennengelernt hatte und Wickes (1927) ein Mädchen, deren Familie in Armut geraten war. Ihr imaginärer Gefährte lebte in Wohlstand, sein Vater konnte ihm jeden Wunsch erfüllen. Diese Beispiele zeigen, wie Kinder durch ihre imaginären Gefährten mit schwierigen und zum Teil nicht lösbaren Situationen umgehen können (Taylor, 1999).

Angstbewältigung. Im Umgang mit Angst behandeln Kinder ihre imaginären Gefährten unterschiedlich. Die einen fühlen sich durch sie beschützt und bewacht (Anna Freud, 1936/1966), andere projizieren ihre Angst auf den imaginären Freund. Sie trösten diesen und somit sich selbst oder erarbeiten sich in ihrer Fantasie mit dem Freund einen Lösungsweg (Gottmann & Parker, 1986). Wickes (1927) berichtet von einem Kind, das sich als imaginären Gefährten einen unangenehmen und beängstigenden unsichtbaren Freund schuf, dem es bewusst gegenübertrat und in seiner Vorstellung bei sich führte, um so seine Ängste vor ihm unter Kontrolle bringen zu können. Christian, Russ und Short (2011) fiel auf, dass Kinder, wenn sie Angst haben oder ihnen Angst eingeflößt wird, in ihrem imaginären Spiel betont positive Affekte darstellen und somit ihre negativen Gefühle besser handhaben. Nach Bouldin und Pratt (2002), die gezielt Ängste und Ängstlichkeit bei Kindern mit imaginären Gefährten untersuchten, sind diese Kinder nicht als besonders ängstlich zu sehen. Sie wiesen in dieser Untersuchung im Vergleich zu andern Kindern zwar bezogen auf generelle Ängstlichkeit höhere Werte auf, diese lagen aber alle noch im Normbereich. Dass Kinder im Laufe ihrer Entwicklung Ängste haben und diese durchstehen, gilt größtenteils als normal. So haben Kinder oft, wenn sich ihr Aktionsradius vergrößert, sei es durch das Laufenlernen, den Beginn des Kindergartens oder durch den Schuleintritt, durchaus Trennungsängste und Angst vor dem Verlust des Schutzes durch die Eltern (Lohaus, Domsch & Fridrici, 2007). Nach einer Studie von Hobara (2003) halten sich japanische Kleinkinder, die im Vergleich zu amerikanischen Kindern mehr Zeit mit der Mutter verbringen und auch öfter im Elternbett oder im Zimmer der Eltern schlafen, deutlich weniger an ein trostspendendes und beruhigendes Kuscheltier oder benötigen dahingehend keines.

Traumabewältigung. Wenn Kinder bei einschneidenden Lebensereignissen wie Krieg, Trennung der Eltern, schwerer Erkrankung oder gar Tod eines Elternteils, beim Erfahren von körperlicher Gewalt oder sexuellen Missbrauchs einen imaginären Gefährten aufweisen, der ihnen beisteht oder in dessen Rolle sie schlüpfen, ist dies für klinische Psychologinnen und Psychologen unter Umständen ein Symptom für dissoziative Störungen (Sanders, 1992). Kinder, die unter einer solchen Persönlichkeitsstörung leiden, zeigen unter anderem eine mangelnde Kontrolle über ihre Wahrnehmung, ihre Erinnerung und über ihr Verhalten (Putnam, 1993). Taylor (1999) weist auf einen wichtigen Unterschied der positiven Funktionen eines nicht besorgniserregenden imaginären Gefährten hin: Das Spiel mit ihm bereitet dem Kind Spaß, ist einfallsreich, tut dem Kind gut, lenkt ab und hilft ihm, mit derart belastenden Situationen umzugehen.

Kommunikationsmittel. Manchmal ist es für ein Kind unangenehm oder peinlich, seine Gefühle zu äußern. Der imaginäre Gefährte dient hier als dankbares Medium um diesen Gefühlen Ausdruck zu verleihen und stellvertretend für ein Kind anderen mitzuteilen. Andererseits kann der imaginäre Gefährte auch von Eltern benutzen werden, um indirekt Empfinden oder Gefühle ihres Kindes in Erfahrung zu bringen, eine Technik, der sich auch die Psychotherapie bei Kindern bedient (Taylor, 1999). Medizinstudentinnen und Medizinstudenten nutzen Veranstaltungen wie das Teddybärkrankenhaus, um ihrerseits als angehende Ärztinnen und Ärzte die Kommunikation mit Kindern zu üben. Über den Teddybär als Patienten kann somit auch indirekt auf Fragen, Besorgnisse und Verständnis der Kinder eingegangen werden (Stadlober, Wasserbauer & Egger, 2010).

Umgang mit einem erlebten oder unbekannten Ereignis. Wenn sich Kinder ein Erlebnis oder ein ihnen noch nicht bekanntes Ereignis erklären wollen, sich Gedanken über Ursachen und Bedeutung machen, benutzen sie hierfür mitunter das „So-tun-als-ob“-Spiel mit ihrem imaginären Gefährten. So kann er sich beispielsweise durch einen Unfall zuhause den Arm gebrochen haben, muss nun im Krankenhaus behandelt werden und mit einem Gips versorgt werden (Taylor, 1999). Erlebt ein Kind eine Beerdigung mit und spielt diese zuhause mit seinem imaginären Gefährten nach, kann es sich auf diese Weise erklären, was Tod und Beerdigung bedeuten (Wickes, 1927).

2.2 Weitere entwicklungspsychologische Funktionen

Ein imaginärer Gefährte muss nicht nur der Anpassung an äußere, physische oder emotionale Umstände dienen. In der Entwicklungspsychologie werden ihm ebenfalls wichtige Funktionen zugeschrieben: als Übergangsobjekt, zur Förderung der Sprachentwicklung, zur Entwicklung eines gesunden Sozialverhaltens und Selbstbildes.

Übergangsobjekt. Dieser von Winnicott (1953, 1973) geprägte Begriff weist insbesondere personifizierten Objekten wie Kuscheltieren eine Art sicheren Zwischenstopp oder Anker zu, wenn Kinder sich im Laufe ihrer Entwicklung von der Mutter entfernen, mobiler und selbständiger werden. Sind sie in dieser Entfernung noch unsicher oder ängstlich, gibt das Kuscheltier ihnen die Geborgenheit und den Halt, den sie sonst von der Mutter erfahren. Winnicott selbst beschreibt die Funktion folgendermaßen: „Die Verwendung eines Objektes symbolisiert die Einheit der jetzt voneinander getrennt erlebten Wesen Kind und Mutter an der Stelle in Raum und Zeit, wo sich ihre Trennung vollzieht.“ (Winnicott, 1973, S. 112).

Förderung der Sprachentwicklung. Andere Forscherinnen und Forscher konnten zeigen, dass Kinder mit imaginären Gefährten über ihren Entwicklungsstand hinausgehende Sprachfertigkeiten und über eine verfeinerte Sprachqualität verfügen (Bouldin & Pratt, 2001; Manosevitz, Prentice & Wilson, 1973; Singer & Singer, 1981, 1990; Somers & Yawkey, 1984). Singer und Singer (1981) beschreiben diese nicht nur durch die Menge verwendeter Wörter, sondern auch anhand der Richtigkeit verwendeter Zeitformen wie Präsens oder Vergangenheit, anhand dem Stellen von Fragen, der Verwendung von Adjektiven sowie Personal- und Possessivpronomina. Allerdings fanden sie in ihrer Untersuchung auch einen nicht zu unterschätzenden Zusammenhang mit dem Alter und dem Geschlecht der Kinder heraus: ausgereiftere sprachliche Fähigkeiten fanden sie hauptsächlich bei den älteren Kindern ihrer Studie und generell bei Mädchen. In den die Funktion der Sprachentwicklungsförderung bestätigenden Untersuchungen wird ihr Ergebnis unter anderem durch den Übungseffekt, den Gespräche mit imaginären Gefährten darstellen, erklärt (Singer & Singer, 1981, 1990; Somers & Yawkey, 1984). Taylor, Carlson, Maring, Gerow und Charley (2004) sehen hier zudem einen Zusammenhang mit dem Verständnis von Emotionen des Gesprächspartners.

Sozialverhalten. Kinder tauschen sich mit ihrem imaginären Gefährten aus, sie gehen auf ihn ein, können das Verständnis von Regeln und den Umgang mit anderen üben. Einige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erklären sich so ihre Forschungsbefunde, wonach Kinder, die einen imaginären Gefährten haben, als kooperativer, zugänglicher und weniger schüchtern wirken (Manosevitz, Prentice & Wilson, 1973; Mauro, 1991; Partington & Grant, 1984). Zwar können Kinder, wie unter 2.1 beschrieben, ihre Einsamkeit mit einem imaginären Gefährten kompensieren (Nagera, 1969), dies bedeutet nach Gleason (2004a) aber nicht unbedingt, sie hätten aus Mangel an Beliebtheit keine oder nur wenige Freunde. Nach ihren Ergebnissen haben allenfalls Kinder, die ein personifiziertes Objekt als imaginären Gefährten hegen, Probleme, von Gleichaltrigen akzeptiert zu werden. Die Frage nach dem Grund für diesen Befund bleibt allerdings noch offen. Von Gleichaltrigen abgewiesen oder ausgegrenzt zu werden, kann für Kinder, die einen imaginären Ersatzfreund haben auch von Vorteil sein. So zeigt eine Längsschnittstudie von Taylor, Hulette und Dishion (2010) an hoch verhaltensauffälligen Jugendlichen, dass diejenigen mit einem imaginären Gefährten, in ihrer Kindheit oder auch noch bestehend, weniger negatives oder delinquentes Verhalten aufwiesen, trotz des geringeren sozialen Status´ innerhalb der Clique. Sie waren somit auch weniger in kriminelle Machenschaften der Clique verwickelt.

Selbstbild. Schließlich bietet ein imaginärer Gefährte nach Hoff (2005) auch die Gelegenheit, verschiedene Persönlichkeiten oder Geschlechterrollen auszuprobieren: für Jungen beispielsweise, indem ihr imaginärer Gefährte einen Kuchen bäckt oder indem sie zwei imaginäre Gefährten unterschiedlichen Charakters und Temperaments aufleben lassen, sich mit diesen auseinandersetzen und testen, welcher ihnen am ehesten entspricht. Nach Hoff sind diese Spiele, in denen Kinder potentielle Selbstbilder ausprobieren, bedeutsam für die Entwicklung ihrer eigenen Selbstbilder.

2.3 Fragestellung

All diese Funktionen sind durchweg positiv dargestellt. Die Frage ist, ob diese Darstellung pauschal gelten kann oder ob die Funktionen etwaigen Bedingungen unterliegen. Zur Beantwortung dieser Frage konzentriert sich die nachfolgende Recherche auf zwei Funktionsbereiche imaginärer Gefährten: der Angstbewältigung und der Förderung der Sprachentwicklung. Kann man also generell behaupten, imaginäre Gefährten fördern die Sprachentwicklung? Gibt es erforschte Interventionen zur Angstbewältigung mit imaginären Gefährten? Funktionieren alle Auftretensarten imaginärer Gefährten gleich, sei es als unsichtbarer Freund, als personifiziertes Objekt oder als impersonalisierter Charakter? Und profitieren alle Kinder von einem imaginären Gefährten?

3 Die Literaturrecherche

Die vorliegende Arbeit wurde als Literaturrecherche konzipiert. Diese wurde folgendermaßen durchgeführt:

3.1 Ein- und Ausschlusskriterien

Die Auswahl der für die Fragestellung der Bachelorarbeit relevanten Studien verlief streng nach der eingangs dargestellten Definition eines imaginären Gefährten. In etlichen Studien, die unter den nachfolgend unter 3.3 genannten Suchbegriffen, insbesondere unter pretend play, gefunden wurden, erfüllte das Schlüsselwort in seiner methodischen Anwendung nicht die Definition des imaginären Gefährten, sei es als unsichtbarer Freund, personifiziertes Objekt oder als Impersonisation. Somit wurden beispielsweise Studien ausgeschlossen, die imaginäre Gefährten nur als kurzzeitige Beschäftigung, lediglich über ein paar Minuten und mit einem fremden Spielzeug operationalisierten.

Forschungsbefunde, die sich auf Störungsbilder, psychische Erkrankungen oder andere pathologische Erscheinungsformen imaginärer Gefährten beziehen, wurden hinsichtlich der Fragestellung nach positiven Funktionen imaginärer Gefährten ebenfalls ausgeschlossen.

Um der Recherche einen zeitlichen Rahmen zu geben, wurde nur nach Forschungsarbeiten recherchiert, die im Zeitraum der letzten 10 Jahre, also seit 2002, veröffentlicht worden waren.

Die Fragestellung der Literaturrecherche zu positiven Funktionen imaginärer Gefährten konzentrierte sich auf die beiden Schwerpunktthemen Angstbewältigung und Förderung der Sprachentwicklung. Dahingehend kamen Forschungsberichte zu anderen Funktionen nicht in die Literaturauswahl.

3.2 Datenbanken

Durch Zugang über die Universitätsbibliothek der FernUniversität in Hagen und der dortigen digitalen Bibliothek, sowie der Fachbibliothek der Psychologie, Pädagogik und Soziologie an der Universität München wurde nach relevanten Studien unter 3.1 genannter Kriterien gesucht. Die Recherche konzentrierte sich anfangs auf Fachdatenbanken der Sozialwissenschaften und der Psychologie: PsycArticles, Psychology and Behavioral Sciences Collection, PsycInfo, PsyJournals und Psyndex.

Desweiteren wurden als Datenquelle die Fachdatenbanken aus Naturwissenschaft und Technik zur Recherche hinzugezogen. Hier ergaben sich englischsprachige Datenbanken medizinischer Artikel als ergebnisreich: PubMed und Medline, zwei Datenbanken der U.S. National Library of Medicine, sowie HealthSTAR, die Datenbank ebenfalls der U.S. National Library of Medicine und der American Hospital Association.

Als eine weitere Datenquelle erwiesen sich Literaturverzeichnisse gesichteter Studien, die ihrerseits Hinweise auf inhaltliche Relevanz bezüglich der Fragestellung der Bachelorarbeit boten. Ebenso wurde nach weiterführenden Studien ausgewählter Autoren gesucht. Diese waren entweder ebenfalls in den oben genannten Datenbanken oder über die elektronische Zeitschriftenbibliothek (EZB) der Universitätsbibliothek zugänglich.

3.3 Schlagwörter

Imaginäre Gefährten werden in der Literatur auch als Fantasiegefährten, unsichtbare Freunde oder Übergangsobjekte bezeichnet. Die für diese Bachelorarbeit benötigten Studien ergaben unter deutschsprachigen Suchwörtern eine sehr übersichtliche und wenig aktuelle Anzahl an Treffern. Somit wurde in oben genannte Datenbanken gezielt auch nach englischsprachigen Ausdrücken recherchiert, die mit dem Thema imaginärer Gefährte in Verbindung stehen, zumal diese Trefferlisten aufgrund ins englische übersetzter Schlagwörter auch deutschsprachige Artikel anzeigen: imaginary companion, imaginary friend, invisible friend, make-believe friend, pretend friend, impersonisation, pretend play, imaginative play, role play, child, child development, coping, transitional objects, language, verbal skills, verbal ability.

Unter Eingabe der Schlagwörter fear, anxiety, loneliness, stress, distress und communication, alle in Kombination mit child, fanden sich insbesondere in den Datenbanken der Naturwissenschaft Forschungsarbeiten zu imaginären Gefährten, welche aber nicht explizit als solche benannt wurden . Bei diesen Veröffentlichungen ergaben oft erst Inhalt und Beschreibungen durchgeführter Interventionen eine Darstellung imaginärer Gefährten nach definitionsgemäßen Kriterien.

Somit kamen Studien, die nach Sichtung sowohl infrage kommender Abstracts als auch nach kompletter Durchsicht ausgesucht worden waren, in die engere Wahl um der Fragestellung zu positiven Funktionen imaginärer Gefährten nachzugehen.

4 Ergebnisse

Im Anschluss werden als für die Fragestellung relevant angesehene Forschungsberichte zu den Funktionsbereichen Sprachentwicklungsförderung und Angstbewältigung vorgestellt.

4.1 Förderung der Sprachentwicklung

Zu diesem Thema finden sich Untersuchungen zur Art und Weise, wie Kinder, die imaginäre Gefährten aufweisen, sprechen. Desweiteren, ob sie über eine besondere auditive und visuelle Vorstellungskraft verfügen, das heißt ob sie sich das, was sie hören beispielsweise als Wörter vorstellen und wie sie sich ihren imaginären Gefährten in ihren Gedanken bildhaft vor Augen führen können. Es wurde getestet, inwieweit sich diese Vorstellungskraft der Kinder auf ihre Sprache auswirkt. Letztendlich untersuchten Studien zudem spezielle sprachliche Fähigkeiten bei Kindern mit imaginären Gefährten.

4.1.1 Sprachgebrauch

An investigation of the verbal abilities of children with imaginary companions (Bouldin, Bavin & Pratt, 2002)

In einer eigenen Studie hatten Bouldin und Pratt (2001) den Eindruck, Kinder mit imaginären Gefährten geben sich in ihrer Unterhaltung mit Erwachsenen sicherer als Kinder ohne diesen. Bouldin, Bavin und Pratt (2002) gingen anschließend der Frage nach, um welche weiterentwickelten verbalen Fähigkeiten es sich bei Kindern mit imaginären Gefährten eigentlich handelt: Sie stellten in ihrer Untersuchung die Hypothese auf, dass Kinder mit imaginären Gefährten über eine reifere Sprache verfügen. Als reifere Sprache bezeichneten sie die dem Alter der Kinder vorausgehende Verwendung komplexerer Satzstrukturen, zusammenhängender Satzgefüge und Modalverben.

Stichprobe. 80 Kinder nahmen an der Studie teil, die je zur Hälfte in eine Gruppe mit imaginären Gefährten (IG) und ohne diese (non-IG) eingeteilt wurden. Jede Gruppe bestand aus 24 Mädchen und 16 Jungen. Als Voraussetzung für die Teilnahme in einer der beiden Gruppen galt die Übereinstimmung in den Aussagen der Eltern und ihrer Kinder, ob letztere einen unsichtbaren Freund hatten oder nicht. Die Kinder, alle aus der zum Teil auch gehobeneren Mittelschicht, waren 4;0 bis 7;11 Jahre alt (M = 5;4 Jahre, ohne Angabe einer Standardabweichung), besuchten den Kindergarten oder eine der ersten beiden Grundschulklassen. Um im Laufe der Untersuchung auch Alterseffekte zu erfassen, wurden beide Gruppen nochmals nach dem Alter unterteilt: die Kinder der jüngeren IG- und non-IG-Gruppe waren 4;0 bis 5;11 Jahre alt (M = 4;5 Jahre, ohne Angabe einer Standardabweichung) und bestand aus 14 Mädchen und acht Jungen, beziehungsweise aus 14 Mädchen und sieben Jungen. In der älteren IG- und non-IG-Gruppe waren die Kinder im Alter von 6;0 bis 7;11 Jahren (M = 6;5 Jahre, ohne Angabe einer Standardabweichung) und darin eingeteilt 10 Mädchen und acht Jungen, beziehungsweise 10 Mädchen und neun Jungen.

Untersuchungsdurchführung. Ein Versuchsleiter, dem die Gruppeneinteilung des jeweiligen Kindes nicht bekannt war, forderte die Kinder einzeln auf, ein Monster zu beschreiben und stellte ihnen Fragen, inwieweit es für sie auch in der Wirklichkeit existieren könne. Die Antworten wurden aufgezeichnet und wortgetreu transkribiert, sowie nach folgenden Kategorien kodiert und gezählt: der Verwendung von modalen Hilfsverben, von Adverbial-, Relativ-, Komplementsätzen und von verbundenen Sätzen unter dem Gebrauch der Konjunktionen „und“ und „aber“. Letztere verbinden Ideen und Gedankengänge. Modale Hilfsverben können zum einen eine Vermutung oder Einschätzung widerspiegeln (epistemisch), zum anderen dem Erkennen eines Erfordernisses oder einer Verpflichtung für etwas Ausdruck verleihen (deontisch) (Bybee & Fleischman, 1995). Beispiele hierfür sind: „Probably the monster“ („Vielleicht das Monster“, Übers. v. Verf.) oder „It must be the monster“ („Es muss das Monster sein“, Übers. v. Verf.). Adverbialsätze, die zum Beispiel mit „als“ oder „weil“ beginnen, geben Auskunft über Zeit, Ort, Ursache. Relativsätze beziehen sich auf ein zuvor genanntes Objekt aus dem Hauptsatz, liefern mehr Information zu diesem oder grenzen mögliche Erklärungen ein [Beispiel: „The things that were in the tent“ („Die Sachen, die im Zelt waren“, Übers. v. Verf.)]. Komplementsätze unterstützen das Verb der Hauptaussage und fangen häufig mit „dass“ oder „ob“ an [Beispiel: „I wanted to see if the shadows were real“ („Ich wollte nachsehen, ob die Schatten wirklich da waren“, Übers. v. Verf.)]

[...]

Details

Seiten
63
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656484707
ISBN (Buch)
9783656486442
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v231424
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,5
Schlagworte
funktionen gefährten kindesalter update

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Titel: Imaginäre Gefährten im Kindesalter