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Das Konzept der vorurteilsbewussten Erziehung

Möglichkeiten und Grenzen des Einsatzes in Kindertagesstätten

Bachelorarbeit 2013 58 Seiten

Pädagogik - Kindergarten, Vorschule, frühkindl. Erziehung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vor
urteile und Stereotype
2.1 Begriffsdefinitionen
2.1.1 Vorurteile
2.1.2 Stereotypisierung, Abgrenzung zum Begriff des Vorurteils
2.2 Entwicklung von Vorurteilen und Stereotypen
2.2.1 Entwicklung von Vor-Vorurteilen
2.2.2 Vorurteilsentwicklung durch direkte Erfahrungen
2.2.3 Bedeutung der Gesellschaft fur die Vorurteilsentwicklung
2.2.4 Weitere Einflussfaktoren auf die Vorurteilsbildung
2.3 Funktion von Vorurteilen und Stereotypen
2.4 Problematik und Folgen von Vorurteilen
2.5 Prevention von Vorurteilen

3. Diskriminierung und Rassismus
3.1 Begriffsklarungen
3.2 Verschiedene Formen von Diskriminierung
3.3 Stufen der Diskriminierung

4. Der Anti-Bias-Ansatz
4.1 Entstehung des Konzeptes
4.2 Ziele des Anti-Bias-Ansatzes
4.3 Zentrale Elemente des Ansatzes
4.3.1 Leitbild und Grundannahmen
4.3.2 MaGnahmen und Handlungsprinzipien fur die Anti-Bias-Praxis

5. Das Projekt Kinderwelten
5.1 Inhalt
5.2 Adaptions- und Entwicklungsprojekt
5.3 Verbreitungsprojekt
5.4 Projekt zur Fachkraftqualifikation

6. Moglichkeiten und Grenzen des Einsatzes
6.1 Materialien und Gestaltung der Einrichtung
6.2 Padagogische Fachkrafte
6.3 Umsetzung der Handlungsstrategien
6.4 Arbeit mit Persona Dolls
6.5 Zusammenarbeit mit den Eltern

7. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Welch triste Epoche, in deres leichter ist, ein Atom zu zertrummern als ein Vorurteil!“ (Albert Einstein)

Dieses von mir zum Einstieg in das Thema gewahlte Zitat lasst erahnen, welche Komple- xitat sich in der Vorurteilsforschung verbirgt. Doch wie ist der Begriff des Vorurteils zu definieren? Welche Faktoren tragen zur Entstehung eines Vorurteils bei? Das Zitat des Relativitatstheoretikers Einstein macht zuerst einmal deutlich, dass sich Vorurteile durch ihre enorme Hartnackigkeit auszeichnen. Aber weshalb ist es so schwer, Vorurteile abzu- bauen? Welche Auswirkungen haben sie fur die fruhkindliche Bildung und Entwicklung? Und wie ist es moglich, sowohl bei Kindern als auch Erwachsenen, einen bedachten Um- gang mit Vorurteilen im Kindergartenalltag zu entwickeln?

Auf all jene Fragen mochte ich in dieser Arbeit eingehen. Zu Beginn soll geklart werden, was sich hinter den zentralen Begriffen „Vorurteile“ und ..Stereotype" verbirgt und inwie- fern sie voneinander abzugrenzen sind. Dies schafft die Grundlage fur die darauffolgen- den Kapitel, die sich mit Vor-Vorurteilen sowie der Entwicklung von Vorurteilen im Klein- kindalter und durch eigene Erfahrungen auseinandersetzt. Weiterhin werde ich auf die verschiedenen Faktoren eingehen, die die Vorurteilsbildung beziehungsweise deren An- eignung bedingen, wobei dem Einfluss der Gesellschaft eine besonders groBe Bedeutung beigemessen wird. Funktionen und Gefahren in Bezug auf die Vorurteilsbildung werden ebenfalls Thema meiner Arbeit sein, bevor ich erlautern werde, aus welchem Grund pra- ventive MaBnahmen von grower Bedeutung fur das Aneignen einer vorurteilsbewussten Haltung sind.

Jeder Mensch ist in seinem Leben schon einmal mit Diskriminierung konfrontiert worden, wenngleich er vielleicht nicht selbst direkt davon betroffen war. Es gibt unterschiedliche Formen und AusmaBe, in denen Ausgrenzung und Herabsetzung vorkommen konnen. Im zweiten Kapitel sollen daher die fur die ErschlieBung des Themas ebenfalls auBerst rele- vanten Begriffe .Diskriminierung" und „Rassismus“ definiert und erklart werden, was eine Erlauterung der einzelnen Stufen, die sich durch ihre Intensitat voneinander unterschei- den, mit einschlieBt. Auch auf die verschiedenen Ebenen, auf denen diskriminierende Handlungen gezeigt werden, mochte ich dabei eingehen.

Die zweite Halfte meiner Arbeit widmet sich den konkreten Grundlagen und Handlungs- ma&nahmen zur Umsetzung vorurteilsbewusster Erziehung in Kindertagesstatten. Der Anti-Bias-Ansatz aus Kalifornien, dessen Entstehung, Inhalte und Ziele ich in der Ausar- beitung umfangreich thematisieren werde, bietet Kindertagesstatten eine Moglichkeit, sich aktiv gegen Diskriminierung einzusetzen und dabei gleicherma&en Respekt und Wert- schatzung von Vielfalt und Diversitat zu erzielen, in dem er sich dem Ausgleich von Schieflagen widmet. Dieser Ansatz bot zugleich die Grundlage fur das deutsche Projekt Kinderwelten, welches im Anschluss diskutiert wird.

Am Ende dieser Arbeit sollen neben den Chancen, die die Implementierung des Konzepts vorurteilsbewusster Erziehung mit sich bringt und den Hurden, welche es dabei zu uber- winden gilt, Losungsansatze stehen, die den Umgang mit voreingenommenen Haltungen und Vorurteilen in der Kindertagesstatte erleichtern. Die Moglichkeiten und Grenzen in der Praxis, in der die Wertschatzung und Berucksichtigung der Individualitat im Mittelpunkt steht, sollen dabei nicht nur in Bezug auf die Handlungsstrategien, Materialien und Me- thoden aufgezeigt werden, sondern vor allem auch die Kompetenzen der Fachkrafte be- treffend, deren Weiterentwicklung und Professionalisierung das Konzept der vorurteilsbe- wussten Erziehung hervorhebt und mit einschlie&t.

2. Vorurteile und Stereotype

2.1 Begriffsdefinitionen

Die vorliegende Arbeit beschaftigt sich mit einem Erziehungsansatz, der auf der Erkennt- nis beruht, dass die Entwicklung und Ubernahme von Vorurteilen und Stereotypen in der Gesellschaft durchgehend aktuell ist. Da die Begriffe „Vorurteil" und „Stereotyp" aus die- sem Grund in den folgenden Kapiteln haufig erwahnt werden, sollen sie zunachst definiert und voneinander abgegrenzt werden.

2.1.1 Vorurteile

Wie das Wort „Vorurteil" selbst schon aussagt, wird dabei uber eine Person, eine Gruppe oder einen Sachverhalt geurteilt, bevor selbst eigene, eventuell gegenteilige Erfahrungen gemacht werden konnten. Dies fuhrt oft zu falschen Schlussfolgerungen bezuglich Cha- raktereigenschaften oder Verhaltensweisen einer Person oder einer Personengruppe. Der amerikanische Psychologe Gordon W. Allport bezeichnet ein solches, schnell gefalltes Urteil als Vorausurteil und grenzt diesen Begriff somit vom Begriff des Vorurteils ab. Erste- res wird schnell gefallt und kann durch den Erwerb von Wissen und berichtigenden Infor- mationen, die der urteilsfallenden Person bisher nicht bekannt waren, revidiert werden. Ein Vorurteil dagegen bleibt auch entgegen aller Klarungen und Begrundungen uber die Unwahrheit des Urteils aufrechterhalten (vgl. Allport 1971, S. 23ff).

Meist beziehen sich diese Vorausurteile und Vorurteile auf Menschengruppen, denen be- stimmte Eigenschaften zugeschrieben werden. Zudem zeigen sie oftmals eine abwerten- de Haltung dieser Gruppe gegenuber auf. Kategorisierende Zuschreibungen dieser Art bezeichnet Allport mit dem Begriff der „ethnischen Vorurteile" und definierte sie als „ab- lehnende oder feindselige Haltung[en] gegenuber einer Person, die zu einer Gruppe ge- hort und deswegen dieselben zu beanstandenden Eigenschaften haben soll, die man die­ser Gruppe zuschreibt" (ebd., S. 21).

Die Ursachen und Wurzeln von Vorurteilen liegen in der Vergangenheit und sind mit den geschichtlichen Hintergrunden verschiedener Kulturen und Religionen sowie dem gesell- schaftlichen Handeln und Verhalten verbunden. Auch wenn sich seit Zeiten der Sklaverei oder der Menschenvernichtung bereits vieles verandert und weiterentwickelt hat, gibt es doch noch ausreichend Annahmen und Spekulationen aus vergangener Zeit, auf die im- mer wieder zuruckgegriffen wird. Dies ist damit zu begrunden, dass bestimmte Bilder und Zusammenhange aus der Vergangenheit fest in den Kopfen der Menschen verankert sind (vgl. Preissing 2003, S. 28).

Da der Begriff „Vomrteil“ nach einer unwahren Tatsache klingt, ist er meist mit einer n ega- tiven Bedeutung konnotiert. Allport erlautert in seinem Werk Die Natur des Vorurteiis je- doch, dass ebenso Vorurteile im positiven Sinne existieren konnen: Durch unsere person- lichen Werte praferieren wir gewisse Personen und Dinge und stellen sie uber andere. Dies wiederum kann insofern ein Problem darstellen, dass die Bevorzugung einer Gruppe automatisch die Benachteiligung beziehungsweise Herabsetzung einer anderen Gruppe nach sich zieht (vgl. Allport 1971, S. 39). Darauf, in welche Richtungen sich Vorurteile weiterhin entwickeln konnen und welche Folgen dies fur betroffene Personen bezie­hungsweise Menschengruppen haben kann, werde ich in Kapitel drei ausfuhrlicher einge- hen.

2.1.2 Stereotypisierung, Abgrenzung zum Begriff des Vorurteils

Deutet man den Begriff „Stereotyp“, in dem man die Teilbegriffe „stereo“ und „typos“ wort- lich aus dem Griechischen ubersetzt, erhalt man die Definition „starres Muster", welches eine treffende Bezeichnung fur eine vorhandene Vorlage, die Menschen fur die Verarbei- tung sozialer Situationen oder die Beurteilung anderer Personen verwenden, ist. Perso­nen, auf die sie treffen, werden als Teil einer Gruppe mit bestimmten Eigenschaften ge- sehen und demnach in ein bereits bestehendes Merkmal- oder Verhaltensmuster ge- presst. Diese Kategorisierung und Generalisierung erleichtert das Verarbeiten von Situati­onen und der Zuteilung von Personen in die Eigen- oder eine Fremdgruppe. Laut Klauer dienen Stereotypisierungen auch der Deutung „moglicherweise zweideutige[r] und unkla- re[r] Geschehnisse" (Klauer 2008, S. 24). Stereotype erwecken den Anschein, Verhal- tensweisen und Eigenschaften bestimmter Personen aufgrund des subjektiven Wissens uber ihre Kategorie schon im Voraus zu kennen. Auch ein Experiment zur sozialen Kate­gorisierung zeigte, dass eine solche Zuordnung auf eine spontane Verarbeitungsweise, welche auf kategorischem Denken basiert, zuruckzufuhren ist (ebd., S. 23ff).

Zwar beruhen Stereotype meist auf eigenen Erfahrungen, jedoch beeinflussen die bereits vorhandenen Bilder und Vorstellungen im Kopf die menschliche Wahrnehmung so stark, dass auch Dinge, die von einer Person noch nie gesehen oder personlich erfahren wur- den, definiert und vermeintlich gekannt werden. Typisierungen finden nicht nur gegenuber anderen Personen in der Gesellschaft, sondern sogar bei jedem Menschen sich selbst gegenuber statt, was ihn bei der Entwicklung seiner eigenen Identitat unterstutzt (vgl. Schmid Mast/Krings 2008, S. 42ff).

Ein pragnanter Aspekt, der die Begriffe „VorurteN“ und „Stereotyp“ voneinander abgrenzt, ist die Emotionalitat. Wahrend Stereotype eher eine Art kognitive Uberzeugung uber eine Kategorie darstellt, sind bei der Au&erung von Vorurteilen oft Empfindungen und Gefuhle involviert. Ob etwas eine emotionale Reaktion in einem Menschen auslost, hangt damit zusammen, ob ihn der Sachverhalt interessiert oder gar direkt betrifft. Eine Rolle dabei spielt auch, auf welchem Gebiet seine Interessen und Neigungen liegen und an welchen Dingen eine Person Gefallen findet. Das Au&ern vermeintlichen Wissens uber eine Per­son oder Gruppe, fur die weder besonderes Interesse noch emotionale Verbindungen bestehen, kann folglich als Stereotyp bezeichnet werden (vgl. Forster 2008, S. 22ff).

2.2 Entwicklung von Vorurteilen und Stereotypen

Durch die vorangegangenen Definitionen ist zu erkennen, dass Vorurteile und Stereotype aufgrund von Kategoriendenken entstehen, das auf Zuordnungen bestimmter Eigenschaf- ten basiert. Doch wie konnen voreingenommene Haltungen und Vorstellungen uber be- stimmte Sachverhalte bei einem Kleinkind entstehen, dessen Erfahrungsraume noch stark begrenzt sind? Wovon hangt es ab, welche Vorurteile Kinder entwickeln?

2.2.1 Entwicklung von Vor-Vorurteilen

Geht man von lerntheoretischen Ansatzen aus, eignen sich Kinder Vorurteile - genauso wie jegliches anderes Wissen - aus den Erfahrungen mit und in ihrer Umgebung an. Auch wenn sie zum Zeitpunkt ihrer Geburt noch vorurteilsfrei sind, konnen sich so schnell An- satze voreingenommener Haltungen zeigen (vgl. Meier 2010, S. 6). Die amerikanische Professorin Derman-Sparks vertritt ebenfalls die Meinung, dass Kinder Vorurteile entwi­ckeln konnen, ohne bereits mit den betreffenden Personen oder Gruppierungen in Kontakt gestanden zu haben:

„Man lernt Vorurteile aus dem Kontakt mit den vorherrschenden Einstellungen in einer Gesellschaft, nicht aus dem Kontakt mit Einzelnen" (Wagner 2001, S. 2).

Mit dieser These beschreibt sie die Entwicklung von Vorurteilen als ein Erlernen und somit einer Ubernahme der Meinungen und Haltungen, die in der unmittelbaren Umgebung ei- nes Kindes vertreten sind. Sie betont auch, dass jene Urteile, die von Kindern ubernommen werden, nicht zwingend der Wahrheit entsprechen, sondern „gesellschaft- lich gemacht" (ebd.) sind.

Die Entwicklung von Voreingenommenheit stellt einen Prozess dar, der im Kleinkindalter beginnt und sich dann uber mehrere Jahre hinweg fortsetzt. Ulich stellt dazu fest: „Im Vergleich zu alteren Kindern oder Erwachsenen reagieren jungere Kinder tatsachlich un- mittelbar auf die jeweilige konkrete Situation, aber sie bilden gleichzeitig verallgemeinern- de Konzepte" (Ulich 2001, S. 64). Diese sogenannten Vor-Vorurteile entstehen bei Kin­dern im Alter von etwa drei Jahren durch die vielen indirekten Erfahrungen mit Vielfalt in ihren Lebenswelten aber auch mit Ausgrenzungen und Etikettierungen, die sie im Alltag sammeln. Eine gro&e Rolle spielen in diesem Zusammenhang auch Medien, wie zum Beispiel Bucher oder Filme, welche sich oftmals verschiedenartiger Vorstellungen, Kli- schees und Stereotypen bedienen, die bereits in der Gesellschaft verbreitet und fest ver- ankert sind. Beobachtet man Kinder bei ihren spielerischen Aktivitaten, kann man au&er- dem erkennen, dass sie auch schon in jungen Jahren dazu in der Lage sind, Praferenzen, Ausschlusse oder Hervorhebungen nicht nur unbewusst auf-, sondern tatsachlich aktiv wahrzunehmen. Sie bringen Erlebnisse und Erfahrungen des Alltags, die mit vorurteilsbe- haftete Handlungen oder Au&erungen der Personen ihres Umfeldes verbunden sind, in ihr Spiel mit ein. Auf diese Weise setzen sich Kinder mit den Erfahrungen auseinander und verarbeiten sie. Eine solche Selbstkonfrontation au&ert sich beispielsweise wahrend des Spielverlaufs durch Abweichungen des regularen Verhaltens gegenuber einer Person und in den darauf bezogenen Rechtfertigungen und Begrundungen. Dies richtet sich dabei vor allem gegen Personen, die sich von ihren Familienmitgliedern und von den Kindern selbst unterscheiden (vgl. Trisch/Winkelmann 2007, S. 112).

Feststellen konnen Kinder Differenzen und von der Norm abweichende korperliche Merk- male laut einer Untersuchung in den USA schon ab dem ersten Lebensjahr, was ihren Aussagen und Fragen zu entnehmen ist. Mit zunehmendem Alter werden die Kinder neu- gieriger und mochten in Erfahrung bringen, wie diese Unterschiede zustande kommen. Aufgrund dessen beginnen sie in dieser Entwicklungsphase, eigene Thesen und Vermu- tungen uber das Vorhandensein von Vielfalt aufzustellen (vgl. Derman-Sparks 2011, S. 7).

2.2.2 Vorurteilsentwicklung durch direkte Erfahrungen

Im Laufe ihrer ersten Kita- und Kindergartenjahre machen Kinder eigene, direkte Erfah­rungen mit Kindern, die aus unterschiedlichen Nationen kommen, eine andere Hautfarbe als sie selbst haben oder eine fur sie noch unbekannte Sprache sprechen.

Ob es nun Au&erungen anderer Kinder, Verhaltensweisen von Elternteilen in Anwesen- heit der Kinder oder auch stereotype Handlungsmuster der Erzieherinnen und Erzieher gegenuber Kindern aus anderen Kulturen sind: Dass Kinder schon im Vorschulalter selbst Unterschiede wahrnehmen und auf diese reagieren, wurde durch Forschungen in den USA nahgelegt. Die Diplom-Padagogin Petra Wagner hat zusammengefasst, welche Er- kenntnisse die Erziehungswissenschaftlerin Glenda Mac Naughton in Bezug auf die Ent- wicklung von Identitat und Haltung gegenuber anderen durch Untersuchungen in australi- schen Kitas erlangen konnte: Zu den ersten Merkmalen, die Kinder differenzieren und bewerten konnen, zahlen optische Unterschiede und Eigenschaften, die auf ein anderes Herkunftsland schlie&en lassen, wie z.B. Hautfarbe, Haarstruktur oder Sprache. Dies kann schon ab einem Alter von etwa neun Monaten der Fall sein. Bei Kindern ab etwa drei Jahren macht es sich bemerkbar, dass wei&e Hautfarbe positiv sowie schwarze Haut­farbe negativ bewertet wird. Dies ist bei allen Kindern gleicherma&en zu erkennen, unab- hangig davon, welche Hautfarbe sie selbst haben. Diese Praferenz bleibt auch weiterhin erhalten. Kinder im Alter von funf bis acht Jahren au&erten sich bei den Untersuchungen nicht nur negativ uber anderssprachige Personen, sondern schatzten Hellhautige auch mehr als Schwarze. Solche Einstellungen und Vor-Vorurteile sind auch dann vorhanden, wenn Kinder mit verschiedenen Hautfarben oder sonstigen au&eren Merkmalen, die von der Mehrheit abweichen, die Einrichtung besuchen (vgl. Wagner 2009).

Bei Gruppen, in denen Kinder mit korperlichen Besonderheiten und Behinderungen an- wesend waren, wurde zwar beobachtet, dass sich die Kinder bei freier Wahl der Spiel- partner eher an nicht-behinderte Kinder halten, jedoch wurde auch sichtbar, dass Kinder positivere Haltungen und annehmendes Verhalten eher zeigen, je ausfuhrlicher korperli- che Besonderheiten und Beeintrachtigungen in der Kita thematisiert wurden. Im sozio- okonomischen Bereich ergaben die Forschungen, dass Kinder die Unterschiede ebenfalls erkennen und die anderen grob den Extremen ,arm‘ und ,reich‘ zuordnen. Dabei sind auch jene Kinder, die fur wohlhabender gehalten werden, beliebtere Spielpartner als solche, die einen niedrigeren soziookonomischen Status aufweisen (ebd.).

Dass Kinder schon ein Bild davon haben, welche Erwartungen die Gesellschaft an Mad- chen bzw. Jungen bezuglich ihres Handelns gestellt werden, ist zum Beispiel an ihren Verhaltensweisen in gewissen Situationen oder an der Auswahl ihrer spielerischen Aktivitaten zu beobachten. Mit der Entwicklung ihrer geschlechtlichen Identitat lernen Kin­der nicht nur Unterschiede und Merkmale kennen, sondern grenzen sich auch zuneh- mend von Kindern des anderen Geschlechts ab. Ebenfalls sichtbar wurde in den Untersu- chungen Mac Naughtons, dass Kinder dem mannlichen Geschlecht eine hohere Stellung in der Gesellschaft zuweisen als Frauen. Dieses Ergebnis kann allerdings auch durch das beeinflussende Verhalten der Erzieherinnen, das bei den Untersuchungen eine ge- schlechterabhangige Ungleichbehandlung aufzeigte, zustande gekommen sein. Die Bilder und Haltungen, die die Kinder schon im Kindergartenalter entwickeln und verinnerlichen, verfestigen sich mit der Zeit immer mehr und werden zu eigen gemacht (vgl. Wagner 2009).

2.2.3 Bedeutung der Gesellschaft fur die Vorurteilsentwicklung

Bei der Suche nach Grunden fur die Vorurteilsentwicklung ist es von grower Bedeutung, den Blick nicht nur auf einen Menschen im Einzelnen, sondern auch auf den gesellschaft- lichen Kontext zu richten. Jedes Individuum wird beeinflusst vom jeweiligen Umfeld, in dem es sich von Geburt an bewegt und aufhalt. Zahlreiche unterschiedliche Einflussfakto- ren - seien es Personen, Institutionen oder politische Verhaltnisse - wirken durch Au&erungen oder Handlungen auf das Denken und Verhalten jedes Menschen ein. Es kommt haufig vor, dass sich diese Einzelpersonen, Gruppen oder Systeme voreinge- nommen au&ern oder praferierende beziehungsweise unterdruckende Handlungen ausu- ben. Dadurch wird das Individuum auf verschiedene Art und Weisen sowie in mannigfalti- gen Situationen mit Vorurteilen konfrontiert und es kann zu einer Ubernahme der Denkstrukturen oder Verhaltensweisen kommen. Weiterhin gibt es verschiedene Gruppie- rungen in unserer Gesellschaft, deren Zugehorigkeit durch bestimmte Eigenschaften fest- gelegt wird. Dabei kommt es zu Einstufungen, so dass manche Gruppen einen hoheren sozialen Status einnehmen als andere. Durch hohes Ansehen werden Personen mit Zu- gehorigkeit zu bessergestellten Gruppen nicht nur in vielerlei Hinsicht bevorzugt, sondern verfugen auch uber eine gewisse Macht und konnen somit festlegen, welche Einstellun- gen, Sichtweisen und Werte geltend sind. Das konkrete Definieren und Festsetzen dieser Werte und Normen sowie das Bewerten und Herabstufen derer, die davon abweichen, sorgt fur die Entstehung und Aufrechterhaltung von Vorurteilen. Unterstutzt wird dies durch verschiedene Einflusse wie Medien, Gesetze und Systeme aber auch durch alltagli- che Gesprache mit Freunden und Bekannten, bei denen Vorurteile immer wieder bestatigt und stabilisiert werden, so dass sie weiterhin in unserer Gesellschaft verankert bleiben (vgl. Trisch/Winkelmann 2007, S. 112ff).

Die Einstufung durch Gruppenzugehorigkeit in unserer Gesellschaft stellt in der Vorur- teilsproblematik den Beginn eines aussichtslosen Kreislaufes dar. Denn: Wer wenig Macht besitzt, kann nur schwer etwas andern. Dadurch bleiben die Machtpositionen in der Gesellschaft und somit auch die entwickelten Vorurteile, die meistens als Grund fur die Herabsetzung von Meinungen und Personen fungieren, erhalten.

2.2.4 Weitere Einflussfaktoren auf die Vorurteilsbildung

Wie im vorigen Kapitel erlautert, ist die Gesellschaft ein bedeutender Faktor hinsichtlich der Vorurteilsentwicklung. Welche Ursachen und Elemente ebenfalls dazu beitragen, mochte ich anhand der Dissertation von Heinemann deutlich machen, die die Einflussfak­toren auf die Vorurteilsbildung im individuellen sowie im sozialen Kontext - in Bezugnah- me auf die Ergebnisse mehrerer Meta-Analysen - zusammenfasst. Heinemann nennt sowohl den Einfluss von Emotionen als auch den Verlauf der kognitiven Entwicklung als Grund fur die phasenweise verstarkte Vorurteilsbildung. Die Ubernahme von Vorurteilen bei Kindern findet also nie ganzlich ohne Reflexion statt. Kinder verknupfen die vorgeleb- ten Vorurteile mit bestimmten, vorausgegangenen Ereignissen oder Erfahrungen, aus welchem Grund voreingenommene Au&erungen immer auch als Zeichen kognitiver Reife zu sehen sind (vgl. INA/ISTA 2012d).

Im Prozess der Weltaneignung stromen viele Einflusse und Reize auf ein Kind ein, welche es durch Gruppenbildung zu sortieren versucht. Dabei werden diese Zuordnungen in der fruhen Kindheit, in der die Kognitionsentwicklung noch nicht sonderlich weit fortgeschritten ist, anhand der offensichtlichen und sichtbaren Merkmale getatigt. Je nachdem, wie nahe das Kind selbst einer Gruppe steht, beurteilt es deren Eigenschaften als positiv oder ne- gativ. So fallen jene Eigenschaften und Gefuhle, die mit Bindungspersonen verknupft werden, deutlich positiver aus als Attribute, die Kinder mit Fremden verbinden. Die als negativ bewerteten Eigenschaften sind meist der Ausgangspunkt fur die Bildung von Vor­urteilen. Bei Kindern ab einem Alter von etwa sieben Jahren nimmt diese jedoch wieder ab, da sich im Laufe der Jahre die Fahigkeit, individuelle Eigenschaften einer Person wahrzunehmen, durch die Weiterentwicklung ihrer kognitiven Strukturen ausgebildet hat. Von da an spielen vor allem auch die Haltungen und Einstellungen der Eltern eine Rolle, durch welche die Kinder stark beeinflusst werden (vgl. Heinemann 2012, S. 26f).

Diesbezuglich ist auch die Familie ein Einflussfaktor bei der Bildung von Vorurteilen. Auf- grund der Vorbildfunktion, die Eltern fur ihre Kinder verkorpern, orientieren sich die Kinder an deren Verhalten und ubernehmen oft deren Meinungen und Einstellungen. Dies trifft ebenso auf negative Urteile und voreingenommene Haltungen zu. Ein Grund fur diese Ubernahme ist das Ernten von Lob und Anerkennung (vgl. Heinemann 2012, S. 36). Ein weiterer wichtiger Aspekt, der im Kontext der menschlichen Vorurteilsbildung zu be- trachten ist, ist die Empathie. Sie kann sich in Form von kognitiver Empathie insofern auswirken, dass es zu einer Vorurteilsabnahme kommt, weil ein Kind dazu in der Lage ist, sich in eine andere Person hineinzuversetzen und so dessen Denken und Handeln nach- vollziehen kann. Emotionale Empathie dagegen bewirkt einen Abbau von Vorurteilen durch emotionale Regungen, die bei dem Kind selbst durch das Mitfuhlen bei Erfahrungen anderer ausgelost werden. Anhand der Ergebnisse der Meta-Analyse von Raabe und Beelmann belegt Heinemann, dass auch der soziale Status von Kindern eine Auswirkung auf die Bildung von Vorurteilen hat (vgl. Heinemann 2012, S. 28f).

Zusammenfassend ist zu sagen, dass Kindern der sozialen Mehrheit im Altersabschnitt der fruhen Kindheit der sozialen Minderheit gegenuber verstarkt Vorurteile entwickeln, wohingegen dies umgekehrt erst im Altersabschnitt ab etwa sechs Jahren der Fall ist (vgl. Heinemann 2012, S. 24f). Neben den beschriebenen kognitiven und sozial-kognitiven Einflussfaktoren auf die Vorurteilsentwicklung sind laut Fleischhacker zusatzlich neurobio- logische Ursachen fur die Entwicklung von Vorurteilen anderen Personen gegenuber ver- antwortlich, welche jedoch auch mit den menschlichen Emotionen sowie der Kognition zusammenhangen. Neue Reize, auf die der Mensch trifft, wirken auf das limbische Sys­tem ein. Die dortige Bewertung und das Verbinden mit bestimmten Emotionen zeigen sich anschlie&end durch eine emotionale oder physiologische Reaktion des Korpers. So kommt es, dass Menschen oft negativ oder gar angstlich auf Unbekanntes reagieren, da in den Hirnstrukturen noch keine positiven Erfahrungen oder Gefuhle mit diesen Personen oder Eigenschaften verknupft sind (vgl. Fleischhacker 2007, S. 25ff).

Weitere Erklarungen fur die Vorurteilsbildung liegen durch den psychodynamischen sowie den konflikttheoretischen Ansatz vor: Wahrend ersterer die Vorurteilsentwicklung mit der Kompensation von Frust und Arger einer Person durch die Projektion auf eine weitere erklart, geht der konflikttheoretische Ansatz davon aus, dass negative Haltungen und die Entstehung von Vorurteilen dadurch zustande kommen, dass sich aufgrund unvereinbarer Interessen konkurrierendes Verhalten zwischen einzelnen Gruppierungen entwickelt (vgl. Geschke 2012; Meier 2010).

2.3 Funktion von Vorurteilen und Stereotypen

Neben den Ursachen fur die Entwicklung von voreingenommenen Haltungen und Stereo­typen bleibt nun noch zu klaren, welchen Zweck Vorurteile erfullen und welche Auswir- kungen auf unsere Psyche sie nach sich ziehen. Durch Forschungsergebnisse in den Bereichen Diskriminierung und Rassenforschung konnten vier verschiedene psychologi- sche Funktionen von Vorurteilen definiert werden (vgl. Bergler 1976, S. 104):

1. Wissens-Funktion (..knowledge function")

Diese Funktion besagt, dass Vorurteile als Hilfestellung dazu dienen, die Komplexitaten der Welt einzuordnen und erklaren zu konnen. Durch Kategorisierung nimmt Unwissen Struktur an und die Geschehnisse des alltaglichen Lebens konnen besser kontrolliert werden. Dies hat fur den Menschen zwar eine entlastende Funktion, jedoch leidet die Ob- jektivitat bei der Begegnung bisher unbekannter Personen und Situationen darunter, da die Urteilsbildung durch bestehende Annahmesysteme beeinflusst wird (vgl. Bergler 1976, S. 104ff). Durch das schnelle Zuordnen von Personen spart der Mensch vor allem Zeit und Anstrengung, da er sich nicht mit den aktuellen Umstanden beschaftigen muss, son- dern auf Erfahrungen seines bisherigen Lebens zuruckgreifen kann und ihm somit jegli- che weitere Auseinandersetzung mit der Situation erspart bleibt. Aus diesem Grund uber- tragt eine Person Erlebnisse mit einzelnen Personen und Erfahrungen gewisser Situatio­nen auf alle anderen Mitglieder dessen Gruppe (vgl. Forster 2008, S. 268f).

2. Anpassungs-Funktion (.adaptive function")

Wie schon im vorigen Kapitel erwahnt, hat die Bildung von Vorurteilen mit sich zusam- menschlie&enden Gruppen von Menschen mit gleicher Einstellung beziehungsweise ahn- lichen Eigenschaften und folglich auch mit identischen Vorurteilen zu tun. Durch die Be- schaftigung, Ubernahme und Identifikation der einzelnen Gruppenmitglieder mit diesen Meinungen beginnt ein Prozess der Annaherung und des Einfugens in die Gruppe. Die Motivation hierfur kommt durch Aussicht auf eine Belohnung, z.B. die zu gewinnende An- erkennung der bereits bestehenden Gruppe, zustande (vgl. Thomas 2006).

3. Selbstdarstellungs-Funktion („self-expressive function")

Durch das Ausdrucken unserer Meinungen und Einstellungen, was im Ubrigen auch non­verbal durch z.B. Plakate oder Schriftzuge auf der Kleidung moglich ist, wird die eigene Identitat behauptet und kundgetan. Die Motivation dafur, bereits bestehende Einstellun­gen und Vorurteile einer Gruppe zu ubernehmen, sind positive Resonanz und die Aner- kennung der anderen Gruppenmitglieder (ebd.).

4. Selbstbehauptungs-Funktion („ego-defensive function")

Einmal angenommene Meinungen und Vorurteile einer Person werden stabilisiert und verteidigt, wenngleich auch die Falschheit einer Information erkannt wird. Die Selbstbe- hauptungsfunktion hilft dabei, Erkenntnisse, die der bisherigen Einstellung widersprechen, unbeachtet zu lassen. Dadurch sind Aussagen und Handlungen, aufgrund derer sich Per- sonen schlecht - eventuell sogar schuldig - fuhlen, einfacher zu rechtfertigen (vgl. Zick 2006).

Diese Kategorisierungen, von denen in den vier Vorurteils-Funktionen die Rede ist, sind laut Allport fur den menschlichen Denkprozess notwendig. Sie bilden die Grundlage von Vorurteilen und haben verschiedene Merkmale.

Zum einen wird das Denken und Handeln bei jedem Menschen durch Kategorien gesteu- ert: Durch Kategorien und die zugehorigen Eigenschaften entwickeln sich bestimmte Er- wartungen, die sich auf Situationen, vor allem aber auf Personen beziehen. Von diesen Erwartungen beeinflusst, passen sich diese an und verhalten sich entsprechend den Er- wartungshaltungen ihnen gegenuber. Daruber hinaus ist das Nutzen von Kategorien aus Grunden der Bequemlichkeit zuruckzufuhren. So werden beim Erleben neuer Ereignisse und Begegnungen Assimilationen mit den bereits bestehenden Kategorien getatigt, so dass Unstimmigkeiten fur den Einzelnen schnell gelost und somit erledigt sind. Ein weite- res Merkmal der Kategorien sind die Gefuhlsebenen, die mit ihnen verbunden sind. Mit Kategorie-Begriffen, die durch Zuordnungen entstehen, werden immer auch bestimmte Emotionen, Neigungen und Eindrucke verbunden. Dadurch werden diese Empfindungen bei alle Dingen und Personen, die dieser Kategorie zugeordnet werden, ausgelost (vgl. Allport 1971, S. 34f). Auch das rasche Identifizieren bestimmter Dinge bei der Begegnung im Alltag wird durch Kategorien ermoglicht, was Allport in einer zusammenfassenden These erlautert: „Ihr ganzer Zweck scheint tatsachlich darin zu bestehen, Wahrnehmung und Verhalten zu erleichtern, oder anders ausgedruckt, unsere Anpassung an verschie­dene Situationen schnell, glatt und bestandig zu machen" (ebd., S. 35).

Weitere Funktionen von Vorurteilen werden durch die Anti-Bias-Werkstatt - eine Arbeits- gruppe in Berlin, die Anti-Bias-Seminare anbietet und sich mit der Weiterentwicklung des Ansatzes beschaftigt - definiert: Aufgrund voreingenommener Haltungen und Vorurteile konnen nicht nur Ausgrenzungen, sondern auch eine ungleiche Verteilung von Machtver- haltnissen in der Gesellschaft entstehen. Durch diese Unterdruckung und das Herabset- zen der Meinung anderer werten Mitglieder ubergeordneter Gruppen ihr Selbstbild auf und fuhlen sich infolgedessen stark und machtvoll gegenuber Minderheiten. Somit gren- zen sie sich ab und schaffen durch Vorurteile klare Verhaltnisse bezuglich der Gruppen- zugehorigkeit. Unstimmigkeiten, die eventuell auch innerhalb der eigenen Gruppe vor- handen sind, werden dabei ausgeblendet (vgl. Winkelmann et al., S. 4f). Auch jenes Ver- haltensmuster hat die Funktion der Selbstdarstellung. Vorurteile und Stereotype tragen so dazu bei, eigene Identitaten zu schaffen, und es kann durch sie definiert und zum Aus- druck gebracht werden, welche Dinge und Eigenschaften Menschen zusagen und gegen welche sie eine Abneigung verspuren (vgl. Forster 2008, S. 268).

Uberdies konnen Vorurteile auch dabei helfen, Gefuhle der Unsicherheit und der Angst in den Griff zu bekommen, die beim Treffen auf Unbekanntes des Ofteren ausgelost werden. Das Ausweichen und Umgehen wird dann durch das Vorurteil gerechtfertigt (vgl. Trisch/ Winkelmann 2007, S. 113).

2.4 Problematik und Folgen von Vorurteilen

Wahrend der Mensch als Individuum auf die Entstehung und Entwicklung von Vorurteilen keinen besonderen Einfluss hat, liegt die kritische Auseinandersetzung und Uberprufung von Vorurteilen bei jedem Menschen im Einzelnen. Die Problematik dabei ist, dass die Berichtigung eines Vorurteils beziehungsweise das Ablegen von vorlaufigen oder schlichtweg falschen Urteilen prinzipiell zwar moglich ist, jene jedoch oft so festgefahren und in der Gesellschaft verankert sind, dass sie trotz einer gegenteiligen Erfahrung be- standig bleiben. Nicklas nennt fur dieses nicht gelingende Ablegen der Vorurteile zwei verschiedene Grunde:

Zum einen vermeiden Menschen meist den Kontakt zu Personen der Gruppe, gegenuber der sie Vorurteile hegen, sodass es zu einem Abbau deren uberhaupt nicht kommen kann. Die zweite Erklarung basiert auf dem psychologischen Phanomen der selektiven Wahrnehmung, bei dem unser Bewusstsein alle Reize, die der menschliche Korper emp- fangt, aussortiert. Dabei nimmt er lediglich die relevanten sensorischen Reize auf, was sowohl von der Bekanntheit als auch von den mit dem Reiz verbundenen Emotionen ab- hangt. Hat man nun ein bestimmtes Vorurteil einem Menschen oder einer Sache gegen­uber, nimmt man - wenn auch nur ansatzweise - eine Bestatigung dessen viel eher wahr, als eine gegenteilige Uberzeugung. Neben dem Einfluss auf die Wahrnehmung bestim- men bereits gebildete Vorurteile ebenso das menschliche Interpretationsvermogen. Die Steuerung durch verschiedene Zuteilungen von Charakteristika und deren Bewertungen kann so stark sein, dass die Wahrheit von Fakten und Urteilen in den Hintergrund ruckt. Daraus resultiert ein dementsprechendes Verhalten und die voreingenommene Haltung bzw. das Vorurteil kann nicht berichtigt oder gar abgebaut werden (vgl. Nicklas 1989).

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Details

Seiten
58
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656475774
ISBN (Buch)
9783656476122
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v231454
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Karlsruhe
Note
1,5
Schlagworte
vorurteilsbewusste Erziehung Anti-Bias Kinderwelten Derman-Sparks Multikulturalität Diversity Vielfalt Vourteil Stereotype Rassismus Diskriminierung

Autor

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Titel: Das Konzept der vorurteilsbewussten Erziehung