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Humor der Klasse

Eine Einführung in die Soziologie des Humors für Lehrer

Examensarbeit 2013 101 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Humor der Klasse – Eine Einführung in die Soziologie des Humors für Lehrer
1.1 Einleitung
1.2 Aufbau und Fragestellungen der Arbeit

2 Humor als Untersuchungsgegenstand
2.1 Historische Perspektiven auf den Humor und das Lachen
2.1.1 Antike
2.1.2 Mittelalter Erster Narrenspiegel: Karneval/ Fest der Narren, Narrenvereinigungen, Hofnarrentum
2.1.3 Moderne
2.2 Traditionelle Theorien des Humors
2.2.1 Überlegenheitstheorien
2.2.2 Entspannungstheorien
2.2.3 Inkongruenztheorien
2.3 Verwandte Begriffe und ihr Bezug zum Humor
2.3.1 Humor und Komik
2.3.2 Ausgewählte Formen der Komik
2.4 Lachen und Lächeln
2.4.1 Lachen
2.4.2 Lächeln

3 Konsequenzen für eine Soziologie des Humors

4 Ausgewählte Theorieelemente einer Soziologie des Humors
4.1 Theorie der Zivilisation
4.1.1 Wirkungen der Fremd- und Selbstzwänge auf Humor und Komik
4.1.2 Zivilisierter Humor und zivilisierte Komik
4.1.3 Sozialisation von zivilisierter Komik und zivilisiertem Humor
4.1.4 Sozialisationskontexte und ihre Auswirkungen auf die Zivilisierung von Humor und Komik
4.2 (Körper-)Disziplinierung und Macht
4.2.1 Humor und Komik als Elemente der Sub-Justiz
4.2.2 Humor und Komik als abweichendes Verhalten
4.2.3 Normierende Sanktionen und Humor und Komik
4.3 Theorie der Kunstwahrnehmung
4.3.1 Komikwahrnehmung als Kunstwahrnehmung
4.3.2 Sozialisation von Komikwahrnehmung als Kunstwahrnehmung
4.3.3 Sozialisationskontexte und ihre Auswirkung auf Komikrezeption und –produktion Zweiter Narrenspiegel: Narrentum des 21. Jahrhunderts – Sinn und Stil der modernen Narretei in den Medien

5 Soziologische Perspektiven und ihre Konsequenzen für den Humor in der Schule

6 Humor und Komik in Schule und Unterricht
6.1 Schule – Ernst des Lebens?
6.2 Humor und Komik der Lehrenden und Lernenden
6.2.1 Bedeutung und Funktion des Humors für Lehrende
6.2.2 Humorentwicklung von Kindern und Jugendlichen
6.2.3 Herausforderung des Kinder- und Jugendhumors für Bildung und Erziehung
6.3 Pädagogischer Humor im Klassenzimmer
6.3.1 Pädagogischer Humor und Unterrichtsqualität
6.3.2 Pädagogischer Humor und Unterrichtsdisziplin
6.3.3 Humor als Unterrichtsgegenstand
6.4 Herausforderungen und Grenzen pädagogischen Humors
6.4.1 Herausforderungen pädagogischen Humors
6.4.2 Grenzen des pädagogischen Humors Dritter Narrenspiegel: Klassenclown vs. Klassennarr

7 Humor im Klassenzimmer - Zwischenfazit
7.1 Pädagogischer Humor als erfolgreiches didaktisches Mittel
7.2 Negativer Humor als ungeeignetes Mittel in Bildung und Erziehung

8 Zusammenfassung und Ausblick
8.1 Zusammenfassung
8.2 Ausblick

Literaturverzeichnis

1 Humor der Klasse – Eine Einführung in die Soziologie des Humors für Lehrer

1.1 Einleitung

Humor, Komik und Lachen sind alltägliche Begleiter des Menschen. Es sind soziale Phänomene, die als Elemente menschlichen beziehungsweise gesellschaftlichen Miteinanders auftreten (vgl. Bergson 2011: 14; Kuipers 2006: 365; Keith-Spiegel 1972: 21). Die Bedeutung und Relevanz eines Sinns für Humor wird meist erst dann erkennbar, wenn er jemandem (scheinbar) fehlt. Menschen wirken zu seriös, zu ernst und meist auch unsympathisch, wenn mit ihnen nicht gespaßt oder gelacht werden kann. Andererseits erscheinen auch Situationen befremdlich in denen Menschen einen Witz nacheinander erzählen, aber nur wenige Anwesende wirklich mitlachen möchten oder können. Insgesamt wirken Menschen mit Humor sozial attraktiver als jene ohne einen erkennbaren Sinn für Humor(vgl. Höfner/Schachtner 2010: 52; Kuipers 2006: 1). Doch was steckt hinter Zustimmung zum Humor der einen und Ablehnung von Humor der anderen Art?

„Was haben die Grimasse eines Clowns, ein Wortspiel, eine Verwechslung in einem Schwank, eine geistvolle Lustspielszene miteinander gemein? Wie destillieren wir die immer gleichbleibende Substanz heraus, die so vielen verschiedenen Dingen entweder einen aufdringlichen Geruch oder ein zartes Aroma verleiht?“ (Bergson 2011: 13)

Hinter dem alltäglichen Humor versteckt sich offenbar ein kompliziertes Gebilde (vgl. Keith-Spiegel 1972: 4), das erst deutlich wird, wenn eine bewusste Auseinandersetzung mit dem Phänomen und seinen Begleiterscheinungen gewagt wird. Viele scheuen jedoch eine sozialwissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Humor. Es ist zu vermuten, dass die Furcht davor selber komisch zu wirken, häufig schwerer wiegt als das Interesse der Wissenschaftler (vgl. Prommer 2012: 124).

Bisher haben sich überwiegend Philosophen, Psychologen sowie Kommunikations-, Sprach- und Literaturwissenschaftler an diese Thematik gewagt. Mit den Werken Good Humor. Bad Taste. von Giselinde Kuipers (2006) und Humor als Kommunikationsmedium von Jörg Räwel (2005) liegen nur zwei aktuellere soziologische Werke vor, die sich dem Humor in der Gesellschaft ausführlich widmen.[1] Dennoch zeigt sich gerade bei näherer Betrachtung der philosophischen und psychologischen Ausführungen über Humor und Komik eine Vielzahl soziologisch relevanter Aspekte. Treffender wäre es, bei manchen Werken sogar davon zu sprechen, dass es sich um soziologische Analysen und Interpretationen handelt, die irrtümlich dem Bereich der Psychologie oder Philosophie zugeordnet wurden.[2] Die Herausforderung ist es, diese versteckten soziologischen Elemente des Untersuchungsgegenstandes auch sozialwissenschaftlich greifbar zu machen.[3] Die vorliegende Arbeit versucht diesen gordischen Knoten zu lösen, indem sie den Humor als „Sammelbegriff eines Mixtum Compositum“ (Sindermann 2009: 16)[4] entzerrt. Es wird darum gehen, verschiedenste soziale Funktionen und Wirkungen sowie objektive Erscheinungsformen von Humor und Komik zu beschreiben, die Rückschlüsse auf milieutypische Unterschiede der Humorwahrnehmung erlauben. Diese theoretischen Annahmen gilt es im Anschluss auf erfolgreiche, pädagogische Strategien in Erziehung und Bildung zu übertragen.

Diese Arbeit kann und soll für die Nutzbarmachung humorvoller Potenziale in Zusammenarbeit mit Kindern und Jugendlichen sensibilisieren und nicht zuletzt Möglichkeiten aufzeigen, den Belastungen des Berufsalltags bewusst positiv(er) zu begegnen.

1.2 Aufbau und Fragestellungen der Arbeit

Schon ein erster Blick in die umfangreiche Literatur zum Thema Humor lässt ein weites Spektrum vielfältiger Auseinandersetzungen erkennen. Die Wissenschaft bedient sich dabei diverser Zugänge, um der Beschaffenheit und Aufgabe von persönlicher Heiterkeit auf die Spur zu kommen (vgl. Prommer 2012: 110; Schindler 1986, zitiert nach Knop 2007: 45). Im Rahmen dieser Arbeit wird es zunächst darum gehen, den Untersuchungsgegenstand Humor vorzustellen, um eine eigene Begriffsdefinition zu konstruieren, die einer soziologischen Beschäftigung mit dem Thema hilfreich ist. Einen Überblick über die vielfältigen Verflechtungen, (historischen) Deutungen und Wertungen des Humors, der Komik sowie des Lachens gibt das zweite Kapitel dieser Arbeit. Dabei werden hinsichtlich des historischen Überblicks, wie auch in Bezug auf die konkreten Komikformen, nur ausgewählte Aspekte[5] behandelt.

Vor dem Hintergrund dieser exemplarischen Ausführungen soll im dritten Kapitel die Frage beantwortet werden, w elche Elemente des Untersuchungsgegenstandes für eine soziologische Auseinandersetzung mit dem Thema wertvoll und nützlich sind. Die Antwort auf diese Frage wird die Konsequenzen für eine soziologische Betrachtungsweise von Humor und Komik aufzeigen und als Grundlage der theoretischen Transfers dienen. Im vierten Kapitel werden schließlich drei ausgewählte Theorieelemente vorgestellt, die Erklärungsansätze für eine Soziologie des Humors bieten.

Das zuerst behandelte Theorieelement in Kapitel 4.1 beschäftigt sich mit der zunehmenden Affektkontrolle des Menschen als Folge sozialer Verflechtungen. Hierfür wird der Entwurf einer Theorie der Zivilisation aus Norbert Elias‘ Werk Über den Prozess der Zivilisation für einen Transfer auf Humor und Komik herangezogen. Innerhalb seiner Ausführungen beschreibt Elias den sozialstrukturellen Wandel sowie die ökonomischen Wandlungsprozesse innerhalb der Gesellschaft, um dessen Auswirkungen auf den zivilisationsgeschichtlichen Prozess zu interpretieren. Der Soziologe bietet mit dieser Beschreibung eine umfassende Theorie über die menschliche Natur und die Entwicklung einer sozialen Handlungsweise (vgl. Honneth/ Joas 1980: 115f.). Das Kapitel 4.1 beschäftigt sich deshalb mit der Frage, welche Bedeutungen Humor und Komik für das menschliche Handeln haben und welchen Einfluss die gesellschaftlichen Verflechtungen auf das Er- und Ausleben von Humor und Komik nehmen. Das Interesse gilt außerdem milieutypischen[6] Unterschieden, die in Hinblick auf die theoretischen Ausführungen gefolgert werden können.

Da Elias seine Annahmen überwiegend historisch-anthropologisch begründet, widmet sich das Kapitel 4.2 den strukturalistisch fundierten Ausführungen Michel Foucaults, um eine weitere Perspektive auf das soziale Handeln zu zulassen (vgl. Honneth/ Joas 1980: 123f.). In diesem Rahmen werden insbesondere Foucaults Deutungen von Macht, Disziplin, abweichendem Verhalten und normierenden Sanktionen relevant sein. Es wird darum gehen, die Funktion von Humor und Komik innerhalb gesellschaftlicher Strukturen vor dem Hintergrund der vier genannten soziologischen Begriffe zu interpretieren. Für die Analyse und ihren Zusammenhang mit Humor und Komik ist insbesondere das dritte Kapitel Disziplin aus Foucaults Werk Überwachen und Strafen(1975) für den Transfer relevant.[7] Dieses Kapitel der Arbeit setzt sich deshalb mit der Frage auseinander, ob und inwiefern Humor und Komik als abweichendes Verhalten oder aber auch als normierende Sanktionen verstanden und als Instrumente der Macht genutzt werden können.

Das Kapitel 4.2 bildet innerhalb des vierten Kapitels eine Ausnahme, da es weniger auf milieutypische Merkmale von Humor und Komik eingeht. Dagegen thematisiert Foucault die Anordnung von Rängen innerhalb von Institutionen, die insbesondere für den dritten schulbezogenen Teil dieser Arbeit von Bedeutung sein werden.

Das dritte Theorieelement in Kapitel 4.3 befasst sich mit den Annahmen Pierre Bourdieus über die Kunstwahrnehmung innerhalb der Gesellschaft. Die Ausführungen des Soziologen werden dabei auf die Wahrnehmungsformen von Humor und Komik (Produktion und Rezeption) übertragen. Speziell das fünfte Kapitel Elemente einer soziologischen Theorie der Kunstwahrnehmung seines 1970 erschienenen Werks Zur Soziologie der symbolischen Formen ist dabei von Bedeutung. Bourdieu behandelt darin den Einfluss von Sozialisation sowie kulturellem Kapital auf die bewussten und unbewussten Encodierungsfähigkeiten von Kunst. Seine Ausführungen lassen im Kontext dieser Arbeit Schlüsse auf individuelle beziehungsweise milieutypische Komikwahrnehmungen zu.

Das fünfte Kapitel dient einer Zusammenfassung der theoretischen Annahmen des vorangegangenen Kapitels. Des Weiteren wird in diesem Abschnitt der Arbeit zu überprüfen sein, welche dieser sozialwissenschaftlichen Aspekte eine besondere Bedeutung für das Er- und Ausleben von Humor und Komik im Schulalltag haben.

Im sechsten Kapitel werden die soziologischen Erklärungen auf die Kommunikation und Interaktion in der Schule und speziell dem Unterricht übertragen. Demgemäß müssen die theoretischen Annahmen des vierten Kapitels, die in Bezug auf die Mesoebene getroffen wurden, auf die Mikroebene übertragen werden. Es ist anzumerken, dass Humor in der Schule und im Unterricht mehrere Bereiche umfassen und in unterschiedlichen Kontexten gegenwärtig sein können. Zum einen kann Humor die persönliche Disposition des Lehrenden beziehungsweise des Schülers[8] betreffen und ihre Einstellung zu Schule, Arbeit und Leistung beschreiben. Zum anderen sind Humor und Komik Bestandteil der Interaktion und Kommunikation im Klassenraum, die zwischen Schüler und Schüler wie auch zwischen Lehrer und Schüler stattfinden können.[9] Es gilt zu überprüfen, welche Wirkungen verschiedene Sozialisationskontexte und andere Eigenschaften, wie zum Beispiel das unterschiedliche Alter von Lehrenden und Lernenden, auf den Austausch humorvoller Kommunikation im Klassenraum haben. Die Fragen, die sich dahinter verbergen lauten: Welche Herausforderungen und Chancen bieten Humor und Komik im Unterricht? Wie gelingt Humorproduktion und -rezeption zwischen Lehrenden und Lernenden trotz unterschiedlicher Verständnisebenen und Geschmäcker? Warum scheitert humorvolle Kommunikation in diesem Kontext häufig? Hierüber liegen bislang keine empirischen Studien und Untersuchungen vor, weshalb in dieser Arbeit nur vage Vermutungen auf Grundlage der behandelten Theorieelemente formuliert werden können. Da wiederum eine relativ umfangreiche Literatur der Erziehungswissenschaften über Humor und Komik vorliegt, ist ferner zu überprüfen, welche soziologischen Erklärungsansätze die pädagogischen Erkenntnisse stützen können.

In einem anschließenden Zwischenfazit werden die Funktion und Bedeutung pädagogischen Humors mit denen eines unzweckmäßigen Humors im Unterricht verglichen.

Die vorliegende Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung und einem Ausblick ab. Es wird bewusst hervorgehoben, dass es sich aufgrund fehlender empirischer Belege um eine Zusammenfassung und kein konkretes Fazit handelt. Von einem Fazit zu sprechen, erscheint vor dem Hintergrund, dass alle getroffenen Annahmen und Vermutungen von einem theoretischen Transfer herrühren, nicht sinnvoll. Dennoch – oder gerade deshalb – wird es im Ausblick darum gehen, auf potenziell anknüpfende oder erweiternde Forschungsfragen wie auch Konsequenzen für die Lehreraus- und -weiterbildung hinzuweisen.

Zudem wird die vorliegende Arbeit von drei Narrenspiegeln[10] begleitet. Der erste Narrenspiegel beschreibt Funktion und Bedeutung des Karnevals, der Narrenvereinigungen und der Institution des (Hof-)Narren im Mittelalter. Der zweite Narrenspiegel widmet sich jenen Merkmalen dieser historischen Erscheinungen, die auch in der heutigen Zeit nicht an Relevanz verloren haben.[11] Der dritte und letzte Narrenspiegel untersucht, ob und inwiefern die Eigenschaften des Narren auf den Schülertyp des Klassenclowns übertragbar sind oder was sie gegebenenfalls unterscheidet. Wie die Institution des Narren am Hofe stellen auch die drei Narrenspiegel innerhalb dieser Arbeit eine wiederkehrende Randerscheinung und -bemerkung dar.

2 Humor als Untersuchungsgegenstand

„Dem Komischen mit seiner flüchtigen Natur kann man sich nur auf sorgfältigen Umwegen nähern. Man kann es nicht direkt attackieren, man muß darum herumgehen, immer wieder, herum und herum. Dann flieht es nicht verschreckt. Dann bleibt es vielleicht lange genug stehen, daß man ein wenig besser erkennen kann, was es unter seinen vielen Hüllen im Grunde sein mag“(Berger 1998: XVIII).

2.1 Historische Perspektiven auf den Humor und das Lachen

Sowohl der Humor als auch das Lachen haben im Laufe der vergangenen Jahrhunderte unterschiedliche Lesarten und Einschätzungen erfahren. Sozialer und gesellschaftlicher Wandel haben die Theorien dabei stark beeinflusst. Bevor diese theoretischen Annahmen zu einem späteren Zeitpunkt vorgestellt werden, sollen zunächst die verschie­denen historischen Perspektiven auf den Untersuchungsgegenstand durch einen kurzen Überblick tran­spa­rent gemacht wer­den.

2.1.1 Antike

Der Humor der Antike ist zwangsläufig mit der Komödie verbunden. Die Form des erheiternden Dramas geht auf den Dionysoskultus zurück. Dionysos, der Gott der Fruchtbarkeit und der Ekstase, stand für einen Bruch mit sämtlichen Konventionen des Anstandes. Der Kult um ihn wurde in dionysischen Riten konserviert, aus denen auch die frühe Komödie ihre ersten Inspirationen erhielt. Im Laufe der Antike domestiziert, wurden der „Komödie die Reißzähne gezogen“ (Berger 1998: 20). Die Komödie gefährdete zunächst die öffentliche Ordnung, da sie sich auch anmaßte, Heiliges, Hässliches und Widersprüchliches in einem lächerlichen Licht darzustellen. Die subversive Macht des Komischen wurde gefürchtet, da sie in gewisser Weise fähig war, die bestehende Gesellschaftsform zu kritisieren (vgl. Müller-Kampel 2012: 7; Räwel 2005: 206).

„Sie musste unter Kontrolle gebracht und in eine Art Freigehege gesperrt werden. Man könnte sagen, dass die Komödie auf dem Theater schon eine solche Eingrenzung des komischen Erlebens ist, eine Ritualisierung in gesell­schaftlich akzeptablen Formen innerhalb der Grenzen der Bühne. Die Zuschauer lachen, und das mag sie davon abhalten, im Bezirk der Religion und des Staates (und über diese) zu lachen“ (Berger 1998: 20f.).

Innerhalb der differenzierten Gesellschaftsform zur Zeit der Antike wurde jegliche Art abweichenden Verhaltens kritisiert, zu dem auch das Lachen zählte. Die Darstellung von abweichendem Verhalten in Form der Komödie und das dadurch ausgelöste Lachen waren deshalb stark negativ konnotiert: Lachen, Humor und Moral waren eng miteinander verknüpft. Lachen wurde als ein Spiel mit Überlegenheit interpretiert und dementsprechend als moralisch verwerflich beurteilt (vgl. Räwel 2005: 204). Die Komik bestand in der Herabsetzung und Demütigung jener, die nicht normkonform galten und in der Sprache von Aristoteles und Platon das Hässliche repräsentierten. Die Interpretationen der griechischen Philosophen finden sich zu einem späteren Zeitpunkt dieser Arbeit als Überlegenheitstheorien des Humors wieder. Neben der Instrumentalisierung in Bezug auf die Moral hat es jedoch auch zur Zeit der Antike schon spielerische Formen des Humors gegeben. Diese erfolgten auf Ebene der „Kommunikation um der Varianz und nicht der Moral […] willen“ (Räwel 2005: 205) in meist kleinem gesellschaftlichen Rahmen.

2.1.2 Mittelalter

Das antike Denken, geprägt von moralischen Skrupeln, spielt auch später in der Übergangszeit zum europäischen Mittelalter eine Rolle. Das Lachen wich von den christlichen Vorgaben ab, das Leben und die Sünde zu beweinen, um sich die Freude für das Leben im Paradies aufzusparen (vgl. Berger 1998: 25; Fuchs 2002: 5). Peter Fuchs konstatiert, dass sich zu dieser Zeit „christlich geprägte Assimilationen antiker Traditionen beobachten [lassen], die im Prinzip darauf hinauslaufen, das Närrische theologisch als Gottesverneinung […] zu beschreiben […]“ (Fuchs 2002: 5). Das Närrische ist in Verbindung zu bringen mit einer schillernden Gestalt, die seinerzeit für Aufsehen sorgte: dem Narr. Sein Gesicht von einer Schellenkappe mit Eselsohren gerahmt und ein Zepter in der Hand, zeigte er sich den mittelalterlichen Menschen zunächst als Sinnbild des Bösen und des Irrsinns (vgl. Lever 1992: 29 u. 34). Diese theologische Perspektive auf den Narren ist in heutigen Auseinandersetzungen allerdings weitestgehend nicht mehr präsent (vgl. Mezger 1981: 24; Erster Narrenspiegel).

Die Gesellschaft des Mittelalters war ein geschlossenes System, das durch absolute Macht- und Autoritätsstrukturen geprägt war und im Rahmen einer Ideologie gerechtfertigt wurde. Abweichendes Verhalten, wie das Lachen, wurde dementsprechend auch in dieser Zeit als negativ sowie umstürzlerisch bewertet. Das Christentum, das die bestehenden Machtstrukturen legitimierte, wurde durch die Herrschenden verteidigt (vgl. Zijderveld 1976: 90). Das Bestreben aller Herrschenden lag in der Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Hierarchie, um letztlich den eigenen Rang zu wahren. Unhinterfragt und als gottgegeben legitimiert blieben die Machtverhältnisse dieser Zeit aufrechterhalten. Diese Hierarchie galt als stabil, da der nächsthöhere Rang nie in Frage gestellt wurde, wohingegen es in der Umkehr erlaubt war (vgl. Räwel 2005: 211). Die Stratifikation der Gesellschaft konnte durch starre Muster und Etikette stabilisiert werden, in denen abweichendes Verhalten seitens der Rangniederen nicht vorgesehen waren. Widerrede, Ungehorsam und Aufsässigkeit sowie das Lachen schließen sich auf Seiten der Höflinge und einfachen Bediensteten folglich aus (vgl. Räwel 2005: 208ff.). Feierlichkeiten, wie das Fest der Narren und des Karnevals, außerhalb der Höfe, die sich stark an den dionysischen Fruchtbarkeits- und Ekstaseriten orientierten und die Komik sowie das Lachen alljährlich überschwänglich zelebrierten, galt es deshalb einzudämmen (vgl. Berger 1998: 25). Auch von Seiten des hohen Klerus wurde durch meh­rere Konzile wiederholt ver­sucht diese Feierlichkeiten zu unterbinden. Wie erfolglos sie waren, zeigt sich in der bis heute andauernden Tradition des Karnevals (vgl. Zijderveld 1976: 100).

Erster Narrenspiegel: Karneval/ Fest der Narren, Narrenvereinigungen, Hofnarrentum

An dieser Stelle erscheint ein vertiefender Blick auf die mittelalterlichen Phänomene des Karnevals, der Narrenvereinigungen und der Gestalt des Hofnarren sinnvoll, da insbesondere der Narr rückblickend als Institution der Sozialgeschichte des Humors in Europa bezeichnet werden kann (vgl. Zijderveld 1976: 89). Wie zuvor erwähnt, war die mittelalterliche Gesellschaft ein geschlossenes System, das durch strenge Hierarchien und darauf abgestimmte Etikette stabilisiert wurde. Das Christentum legitimierte diese Hierarchie und verfolgte mit ihr jegliche Art heidnisch-magischer Traditionen. Ohnmächtig stand Rom jedoch immer wieder jenen halbstarken Herumtreibern gegenüber, die sich aus den Klöstern und Universitäten absetzten und als Gaukler, Minnesänger und Troubadours umherzogen. Um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können, sangen die Vagabunden anzügliche, derbe Lieder, die dem mittelalterlichen Volk Freude und Entspannung bereiteten. Die Kirche tolerierte in der Folgezeit dieses heidnische Treiben, aus dem sich letztlich das Fest der Narren beziehungsweise der Karneval entwickelte (vgl. Zijderveld 1976: 90f.). Mit diesen Festen, die vom niederen Klerus ausgerichtet wurden (vgl. Zijderveld 1976: 98), etablierte sich „eine Form, die, Kontingenz erzeugend, Abweichungen vom Konventionellen erlaubte“ (Räwel 2005: 214). Die Variation dieses Humors und seine unkonventionelle Art lagen in der Umkehr von Rangordnungen durch die teilnehmenden Männer und Frauen. Männer verkleideten sich beispielsweise als Frauen und diese wiederum zogen sich wie Männer an. Für ihre (Ver-)Kleidung waren verzerrte Proportionen genauso charakteristisch wie die Tatsache, dass sie diese meist mit der Innen­seite nach außen trugen (vgl. Fuchs 2002: 5f.; Räwel 2005: 214, Bachtin 1969: 35f. u. 48).

Die Umkehrung der Verhältnisse spiegelte sich auch in den festlichen Umzügen wider. Man saß mit der Blickrichtung zum Schwanz auf den Pferden, ging rückwärts oder lief auf den Händen. Des Weiteren funktionierte man üblicherweise die Waffen um und gab mit Geschirr und Besteck den Takt des Zuges an. Jörg Räwel bemerkt hierzu, „dass hier ein frühes Beispiel für die Positivierung von Abweichungen zu finden ist […][und diese] vermutlich nicht der Moral [dienten]“ (Räwel 2005: 215; Herv. i.O.). Was die Menschen außerhalb der Fürstenhöfe dazu brachte, auf den mittelalterlichen Marktplätzen einen solchen drastischen Bruch mit konventionellen Strukturen zu zelebrieren, kann nicht eindeutig geklärt werden, zumal auch die christlichen Messfeierrituale parodiert wurden, bei denen mitunter Exkremente eine entscheidende Rolle spielten, die etwa an Stelle von Weihrauch geschwenkt wurden (vgl. Fuchs 2002: 6; Räwel 2005: 216; Zijderveld 1976: 98).

Im 16. Jahrhundert entwickelten sich schließlich erste Narrenvereinigungen, die das festliche Treiben aus den Kirchen heraus auf die Straßen verlagerten. Diese Vereinigungen gehen zurück auf Jugendorganisationen der Dörfer. Oftmals waren es unverheiratete Männer, die über die Werte, Normen und Tugenden ihrer Dorfgemeinschaft wachten. Ehebrecher, Schläger, Pantoffelhelden, unverheiratete schwangere Frauen, alle wurden sie verlacht. Ziel der Narrenvereinigungen war es dabei nicht, die Werte und Normen umzukrempeln, vielmehr wollten sie an die bestehenden Tugenden ermahnen und erinnern. „Wenn sie zum Beispiel Jungvermählte verspotteten, die nicht innerhalb einer bestimmten Frist ein Kind bekommen hatten, wachten sie über die biologische Kontinuität der Gemeinschaft“ (Zijderveld 1976: 104).

Wie der Narr es letztlich von den Straßen und Dörfern hinter die Hofmauern schaffte, bleibt unklar. Es muss vergegenwärtigt werden, dass es sich bei der Lachkultur um eine Kultur handelte, die am Hof stark kontrolliert war. Mimik und Gestik wurden nur dort in moderater Art und Weise angewandt. Missgeschicke, die den König oder sein näheres Umfeld betrafen, hatten Rangniedere zu ignorieren, auch wenn der Augenblick zum Lachen einlud. Es wurde höchster Anspruch auf das Mitgefühl mit dem König beziehungsweise der Königin erhoben. Nicht zuletzt deshalb war der Alltag am Hofe überwiegend langweilig und trist. Das höfische Zeremoniell und die gepflegte Etikette waren frei von Lachen und Scherzen. Deswegen war es insbesondere die Institution des Hofnarren, die eine wesentliche Funktion in der Unterhaltung des Hofes übernahm (vgl. Schörle 2012: 92 u. 96).

Dem Narr am Hofe wurde die Narrenfreiheit erteilt. Er durfte den Monarchen duzen und verweigerte ihm jegliche Ehrenbezeugung (vgl. Ameluxen 1991, zitiert nach Räwel 2005: 209). Narren sind im Sinne sozialer Kontrolle Negativbeispiele (vgl. Räwel 2005: 209f.). Der Narr steht der Normalität und Konformität wie die Kehrseite einer Medaille gegenüber. Er darf Ursprünglichkeit und Ur-Authentizität repräsentieren, ohne dass sein Verhalten zwangsläufig als deviant eingestuft wird (vgl. Fuchs 2002: 4). Ein Grund, der für eine Etablierung des Narren am Hofe spricht, ist die Umdeutung seiner Gestalt im Laufe der Zeit. Wurde er zuvor, angelehnt an die Vorstellungen der Antike, als gottesfeindliches Wesen gesehen, identifizierte man seine Gestalt später als (gottes)kindliche Unschuld und Arglosigkeit (vgl. Fuchs 2002: 5). Zudem ist hervorzuheben, dass der künstliche Hofnarr sich von jenen Gauklern, Behinderten, Kleinwüchsigen und Debilen unterschied, die heutzutage zur Kategorie der natürlichen Narren[12] oder Volksnarren gezählt werden (vgl. Zijderveld 1976: 111 u. 116f.). Die Institution des künstlichen Hofnarren entwickelte sich infolgedessen aus den Bedürfnissen der Herrschenden heraus. Je absoluter die Macht des Herrschers wurde, desto höher war sein Informationsdefizit, wodurch seine Macht Gefahr lief, gemindert zu werden (vgl. Elias 1969: 69; Räwel 2005: 212). Der Hofnarr übernahm zunehmend die Funktion des Informanten und versorgte ranghöchste Personen mit ungeschönten, kritischen und reflektierten Auskünften über die gesellschaftlichen Umstände. Der Herrschende

„[wurde] konfrontiert […] mit Variationen des Konventionellen, mit Kritik, Widerspruch, Opposition. Die Institution des Hofnarren stabilisierte sich also nicht etwa deshalb über Jahrzehnte hinweg (und war in fast allen stratifikatorisch differenzierten Gesellschaften zu finden), weil auch der Herrscher ‚Negativbeispiele‘ zur ‚Bestätigung‘ seines (richtigen) Handelns brauchte […], sondern weil der Hofnarr für ‚absolutistisch‘ regierende Regime eine wichtige, funktionale Bedeutung hatte“ (Räwel 2005: 212, Herv. i. O.).

Der Hofnarr nahm innerhalb der gesellschaftlichen Ordnung demnach eine paradoxe Position ein. Auf der einen Seite würdigte man ihn und seine Vorstellungen mit einem immensen Gehalt und Adelstiteln, andererseits lief er stetig Gefahr, sich um Kopf und Kragen zu reden. Dadurch, dass der Hofnarr sich dem Herrscher gegenüber kritisch äußern durfte, kann man von einem gleichberechtigten Verhältnis sprechen. Doch darin lag auch eine gewisse Spannung: So konnte der Hofnarr dem Monarchen zwar willkürlich und variantenreich entgegentreten, aber er war auch immer auf dessen Wohlwollen angewiesen. Denn trotz der Kommunikation auf Augenhöhe war es letztlich der Monarch, der über negative Sanktionen gegen den Hofnarren entscheiden konnte (vgl. Räwel 2005: 212; Zijderveld 1976: 130f.).

Es erscheint dabei wenig erstaunlich, dass es den Hofnarren gelingen konnte, politisch sowie wirtschaftlich erheblich begünstigt und gefördert zu werden (vgl. Fuchs 2002: 6; Räwel 2005: 212), zumal sie in ihrer kritischen Beobachterposition und ihrem dadurch resultierenden Beobachtervorsprung auch für Spitzeldienste der politischen Gegner ihres Hofes engagiert wurden. Der Hofnarr „wurde deshalb vom Herrscher gemeinhin eifersüchtig behütet“ (Räwel 2005: 213). Die Figur des Hofnarren entwickelte sich zu einem Typus, der auch heute noch als standardisiertes Epochensymbol zum Beispiel in der Form des Till Eulenspiegel kopiert wird (vgl. Fuchs 2002: 6).

Die Zeit der Hofnarren endete im 17. Jahrhundert allerdings relativ rasch (vgl. Räwel 2005: 213; Zijderveld 1976: 127 u. 131). Mit der Wiederentdeckung der Antike und dem Einsetzen der Reformation musste die mittelalterliche Narrheit an Primitivität und Grobheit einbüßen. Der Humanismus ersetzte ungeziertes, schamloses Verhalten durch intellektuelle und raffinierte Finesse (vgl. Zijderveld 1976: 104).

„Durch die fixierte Schrift wurde es relativ einfach möglich […], Konventionelles zu variieren, Kontingenz aufzuzeigen, Abweichungen, Widerspruch, wenn vielleicht nicht durchzusetzen, so doch in Vorschlag zu bringen“ (Räwel 2005: 213).

Das bedeutet nicht, dass die Schriftkultur den Hofnarr direkt verdrängte. Vielmehr liegt der Grund für das Ende der Hofnarren in den zunehmenden kritischen Beobachtungen und Äußerungen, die auch der breiten Gesellschaft möglich und gestattet wurden. Die Menschen erkannten zunehmend ihre Situation innerhalb der sozialen Schichtung und begannen diese zu kommunizieren und zu reflektieren (vgl. Räwel 2005: 213f.). „Die Vernunft wurde zur absoluten Autorität erhoben, und der moderne, vernünftige Mensch begann sich selbst ernst zu nehmen“ (Zijderveld 1976: 105).

2.1.3 Moderne

Mit dem Einsetzen von Reformation und Aufklärung wurde die fürstliche absolutistische Macht verstärkt kontrolliert, da sie nicht mehr als gottgegeben akzeptiert und toleriert wurde (vgl. Zijderveld 1976: 127; Räwel 2005: 215). Die strukturellen Veränderungen forcierten die Vernunft des Menschen und appellierten an ihre Mündigkeit. In diesem Zusammenhang ist eine allgemeine Positivierung abweichenden Verhaltens festzustellen (vgl. Berger 1998: 31; Räwel 2005: 215 u. 222). Der moderne Humor, der durch Variation und Reflexivität gekennzeichnet ist, wurde zudem erst durch die zunehmende Schriftlichkeit und den Buchdruck ermöglicht. Ein facettenreicher, spielerischer Umgang mit Sprache gilt durch diese Etablierung gemeinhin als ungefährlich und gerade deshalb als positive Form der Abweichung. Neuerungen erwecken auch heutzutage nur noch eine geringe Skepsis. Die Gegenwart ist geprägt von Moden, die durch einen stetigen Wechsel und Variationen eine Normalität in Bezug auf abweichendes Verhalten etablieren. Neue und widersprüchliche Erscheinungen wollen vom modernen Bewusstsein der Menschen erforscht, erlebt und hinterfragt werden. Darum erscheint auch das Komische innerhalb moderner Gesellschaften plausibel und interessant (vgl. Berger 1998: 31; Kuipers 2008: 386).

„Auch wenn sich in der heutigen Gesellschaft Residuen vergangener Gesellschaftsstrukturen auffinden lassen, können wir daran festhalten, dass sich aus den geschichtlichen Quellen die Tendenz zur Positivierung von Abweichung (zur positiven Selektion von Variation des Konventionellen) ablesen lassen“ (Räwel 2005: 224).

Durch die Etablierung von Humor und Komik in der Gesellschaft sind diese in der heutigen Zeit nicht mehr an Ort und Zeit gebunden. Auch wenn der Karneval weiterhin eine regionale und saisonale Bedeutung hat, verbreitete sich die Variation und Originalität des Humors kontinuierlich. Dies zeigt sich unter anderem in der Stellung von Humor und Komik innerhalb von Kommunikation und Medien. Die subversive Wertung des Humors hat sich zunehmend in eine affirmative Betrachtungsweise gewandelt. Dies ist unter anderem auf die Abkopplung von Humor und Moral zurückzuführen. Das Lachen wird zum Beispiel nicht mehr vorrangig als Zeichen der Überlegenheit und Kritik gedeutet. Dennoch, so Räwel, zeige sich regelmäßig, dass Humor nicht vollständig ohne Moral auskommt. Insbesondere in Momenten, in denen einzelne Positionen innerhalb der gesellschaftlichen Ordnung in Gefahr geraten, wirken auch heutzutage noch Werte und Normen auf den Humor sowie auf die Beurteilung seiner komischen Phänomene ein. Für die meisten Menschen hört der Spaß in jenen Momenten auf, in denen sie den Humor als Kritik oder Überlegenheitsäußerung einer anderen Person gegenüber sich selbst deuten und ihn als indirekten Angriff verstehen (vgl. Müller-Kampel 2012: 7ff.; Räwel 2005: 228).

Zudem wird auch in der heutigen Zeit der Humor als verwerflich angesehen, sofern die breite Gesellschaft von einer selbstverstärkenden Betroffenheit erfasst worden ist. Als Beispiel hierfür dient die Zeit nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 sowie die Zeit nach der Flutkatastrophe in Südostasien im Dezember 2004. Jeweils nach diesen Ereignissen stand jegliche Form der Reflexion der Ereignisse, die ein Lachen hätten provozieren können „für etwa zwei Wochen in gesellschaftlicher Quarantäne“ (Räwel 2005: 178). Komische Bemerkungen wurden gemeinhin als geschmacklos und unoriginell bewertet (vgl. Räwel 2005: 179). Giselinde Kuipers stellt ebenfalls fest, dass eine starke öffentliche Betroffenheit den Humor und das Lachen zeitweise verdrängen kann. Jedoch ergänzt sie diese Feststellung durch die Beobachtung, dass in diesen Perioden der Betroffenheit eine Verlagerung von Humor und Komik in den anonymen, privaten Raum stattfindet (vgl. Kuipers 2002: 451).

Durch die zeitweise Verbannung dieser Themen aus der Öffentlichkeit bietet sich das Internet an, Witze über diese Ereignisse zu verbreiten. Dies spricht einerseits für die Bedeutung Neuer Medien in Bezug auf den Humor, deutet andererseits aber auch auf das innere Bedürfnis von Menschen hin, diese Katastrophen humoristisch zu verarbeiten. Wesentlich erscheint dabei die Kommunikation über das Internet, mit der eine öffentliche moralische Missbilligung des grenzüberschreitenden Scherzens umgangen werden kann (vgl. Räwel 2005: 177f.; Kuipers 2002: 451). Dies bedeutet, dass die Moral sogar dann noch Einfluss auf den Humor nehmen kann, solange Individuen und soziale Gruppen ihn als eine scheinbar subversive Gefahr interpretieren[13] oder aber eine breite gesellschaftliche Betroffenheit andere Verhaltensnormen erwartet (vgl. Räwel 2005: 175ff. u. 228).

2.2 Traditionelle Theorien des Humors

„Halten Sie’s für Humor:

a. wenn wir über Dritte lachen?
b. wenn Sie über sich selbst lachen?
c. wenn Sie jemanden dazu bringen, daß er, ohne sich zu schämen über sich selbst lachen kann?“ - Max Frisch

Die folgenden ausgewählten Theorien[14] tauchen in der Literatur als Theorien des Lächerlichen, des Lachens oder des Komischen auf.[15] Dennoch können die traditionellen Humortheorien drei Grundkategorien zugeordnet werden: der Überlegenheits-, der Inkongruenz- sowie der Entspannungstheorie.[16] Es handelt sich dabei um Klassifikationen und Ordnungen, die sicherlich auch anders denkbar gewesen wären (vgl. Keith-Spiegel 1972: 62). Die Wahl dieser Zuordnung ist jedoch in der Weise dienlich, als dass sie die Kommunikation über verschiedene Sichtweisen sowie Zugänge zur Thematik vereinheitlicht und vereinfacht (vgl. Keith-Spiegel 1972: 4). Hervorzuheben ist, dass es sich bei den zuvor genannten drei Theorien um traditionelle Theorien handelt, die in ihrer Trennschärfe zueinander nicht mehr gelten und auch nicht mehr als allgemeingültig angesehen werden. Gegenwärtige Annahmen über den Humor greifen jedoch einzelne Elemente dieser Theorien auf, weshalb sie im Kontext einer modernen Auseinandersetzung nicht an Relevanz verloren haben (vgl. Räwel 2005: 11).

2.2.1 Überlegenheitstheorien

Gemäß der Volksweisheit Schadenfreude ist die größte Freude sind die folgenden sozialen[17] Überlegenheitstheorien dadurch charakterisiert, dass sie dem Humor ein aggressives Element unterstellen. Der Theorie folgend, empfindet der Mensch insbesondere dann Freude und Vergnügen, wenn er mit den Schwächen anderer konfrontiert wird. Das Individuum lacht also, wenn es – durch die Schwächen anderer – ein Gefühl der Superiorität wahrnehmen kann. Besondere Hochgefühle stellen sich ein, wenn diese Überlegenheit gegenüber Feinden empfunden wird (vgl. Knop 2007: 46; Keith-Spiegel 1972: 7). Platon, als einer der bekanntesten Vertreter dieser Theorie, erkennt im Lachen hauptsächlich ein spöttisches Gefühl der Überlegenheit und wertet die Emotion als äußert unmoralisch und verwerflich. Diese Ansicht lässt sich aus dem Dialog Philebos ableiten, in dem er Sokrates sprechen lässt:

„When we laugh at what is ridiculous in our friends, our pleasure, in mixing with malice, mixes with pain, for we have agreed that malice is a pain of the soul, and that laughter is pleasant, and on these occasions we both feel malice and laugh“ (Platon o.A., zitiert nach Morreall 1987g: 13).

Platon war zudem der Auffassung, dass in den Komödien keine freien Männer als Darsteller fungieren dürfen. Die Nachahmung und Rollenübernahme der hässlichen Körper und Gedanken empfand der Philosoph als unwürdige Aufgabe, weshalb seiner Ansicht nach nur Sklaven als Komödienschauspieler in Frage kamen. Aristoteles bezeichnet das Lachen ebenfalls als negativ und ethisch verwerflich, argumentiert in seiner Analyse des Lächerlichen aber weniger fundamental als sein Lehrmeister.[18] Auch wenn Aristoteles (1982: 17) die Komödie zunächst noch ausschließlich als Darstellungsrahmen des Schlechten, Hässlichen und Unedlen bezeichnet und damit den Ansichten Platons folgt, wendet er sich zu einem späteren Zeitpunkt dennoch einem moralisch vertretbaren Umgang mit Humor zu. In der Nikomachischen Ethik plädiert Aristoteles (2009: 114) für eine mäßige Heiterkeit, die sich jeder erlauben dürfe, der gewisse moralische Regeln einhalte. Er macht außerdem deutlich, dass es sich bei Scherzen zwar um Arten der Beleidigung handle, aber auch diese vom Gesetzgeber nicht alle verboten seien. Zwar merkt er an, dass nicht jeder erlaubte Scherz ein gerechtfertigter oder erwünschter sein kann, jedoch solle das jeder selbst entscheiden. Kultivierten Menschen spricht er dabei die Fähigkeit zu, die Angemessenheit von Scherzen (im Sinne einer Moral gegenüber dem Verlachten) selbstständig einschätzen zu können. „Denn solche Scherze sind gleichsam Bewegungen des Charakters, des inneren Menschen, und wie man die Körper nach ihren Bewegungen beurteilt, so auch nach ihrer sittlichen Eigenart“ (Aristoteles 2009: 114). Es ist zu konstatieren, dass sich in der Antike hauptsächlich mit den moralischen und unmoralischen Seiten des Humors beschäftigt wurde. Des Weiteren ist zu ergänzen, dass Platon und Aristoteles insbesondere schwachen und machtlosen Menschen die Eigenart des Auslachens (mit dem Ziel der seltenen Wahrnehmung einer Überlegenheit) zuschrieben (vgl. Räwel 2005: 12). Die beschriebenen Gedanken der griechischen Philosophen sind jedoch nicht ausschließlich antike Denkweisen.

Auch Thomas Hobbes ist jenen Denkern zu zuordnen, die die Komik vor dem Hintergrund einer Überlegenheitstheorie analysierten. Deutlich wird dies in Hobbes‘ 1651 erschienenem Werk Leviathan, in dem er sich unter anderem mit den Gemütsbewegungen des Menschen auseinandersetzt und das Lachen als „Ausdruck des Triumphs“ (zitiert nach Räwel 2005: 12) charakterisiert. Hobbes, dessen Menschenbild insbesondere durch das Machtbestreben und den Kampf Jeder gegen Jeden negativ konnotiert war, versteht das mit dem Lachen verbundene Überlegenheitsgefühl als Ausdruck der Macht gegenüber Schwächeren. Seine Vorstellung vom Menschen im Naturzustand ließ ihn zu der Annahme kommen, dass Lachen nur entstehe, wenn etwas zu Gunsten eines Individuums verlaufe oder aber ein erkennbarer Makel des Gegenübers ein Gefühl der Superiorität aufkommen lasse.

Die Unvollkommenheit anderer zu erleben, provoziere demnach das überlegende Lachen. Dabei schreibt der Philosoph, ähnlich wie seine Vordenker in der Antike, die Eigenart des überheblichen Lachens insbesondere jenen Menschen zu, die sich ihrer eigenen intellektuellen Fähigkeit am wenigsten bewusst sind. Nur durch das abwertende Lachen gelinge es diesen Menschen, sich selbst wertzuschätzen (vgl. Hobbes 1839, zitiert nach Morreall 1987f: 19). Ebenso wie Platon und Aristoteles hebt Hobbes dabei die Rolle gebildeter[19] Menschen hervor. „For greater minds, one of the proper works is, to help and free others from scorn; and compare themselves only with the most able“ (Hobbes 1839, zitiert nach Morreall 1987f: 19). Hobbes teilt die Menschen im Umgang mit Komik, Lachen und Humor also in zweierlei Gruppen auf: Es gibt einerseits diejenigen, die ihre Überlegenheit ausspielen (schwache Geister) und andererseits jene, die seine – also Hobbes‘– verwerfliche Perspektive auf das Lachen über Schwächere teilten und sich nur mit gleich großen Geistern messen. Letzteres schließe das Ausleben einer Überlegenheit gegenüber Schwächeren in Form überheblichen Lachens konsequent aus. Damit erkennt Hobbes im Lachen die gleiche Gefahr wie Platon, der in Der Staat mahnt, dass herabsetzendes Lachen vermieden werden sollte, um sich nicht selbst herabzusetzen (vgl. Platon o.A., zitiert nach Knop 2007: 47).

Zusammenfassend hält Keith-Spiegel (1972: 6f.) fest, dass es plausibel erscheine, der Überlegenheitstheorie zu folgen, da der Mensch als soziales Wesen unbestritten immer dazu geneigt sei, schlauer, schöner, glücklicher und emotional gefestigter sein zu wollen als andere.

2.2.2 Entspannungstheorien

Vertreter der Entspannungstheorien deuten das Lachen primär als physiologischen Prozess emotionaler Befreiung und Entspannung des Menschen (vgl. Räwel 2005: 13; Knop 2007: 57). Mitunter knüpft diese Perspektive auf den Humor und das Lachen an Aristoteles‘ Annahmen über die kathartische Funktion des Lachens an (vgl. Morreall 1987d: 131). Als ein erster Vertreter dieser Theorie ist Herbert Spencer zu nennen (vgl. Morreall 1987a: 6; Morreall 1987c: 99; Keith-Spiegel 1972: 5). Der englische Philosoph und Soziologe publizierte im Jahre 1860 im Macmillians’s Magazine ein Essay mit dem Titel The Physiology of Laughter. Darin konstatiert er, dass das Lachen eine körperliche Reaktion in Form muskulärer Erregung sei. Als Ursprungsmomente des Lachens erkennt Spencer allerdings nicht (nur) lächerliche und spaßige Situationen. Vielmehr sieht er in innerlichem Schmerz, mentaler Qual und schwierigen Situationen die Ausgangspunkte des Lachens. Er nennt dabei Formen des hysterischen und sardonischen Lachens und sucht die Gründe für ihr Auftreten ausschließlich in Abfuhrreaktionen auf negative Umstände. Seiner Ansicht nach kann durch das Lachen ein Sieg gegen die eigenen negativen Gefühle errungen und auf diese Weise ein wohltuender Ausgleich gesichert werden (vgl. Spencer 1860).

Der wohl bekannteste Vertreter der Entspannungstheorie ist der Psychoanalytiker Sigmund Freud. 45 Jahre nach Spencers ersten Annahmen zum regulativen Charakter des Lachens veröffentlichte Freud 1905 sein Werk Der Witz und die Beziehung zum Unbewussten und weist in einer Fußnote darauf hin, dass ihm die Erklärungen Spencers „nicht glücklich gewesen zu sein [scheinen]“ (Freud 2010: 159). Im Jahre 1927 ergänzte er seine „nur vom ökonomischen Gesichtspunkt behandelt[e]“ (Freud 2010: 253) Analyse des Humors in Der Witz und die Beziehung zum Unbewussten durch den kurzen Aufsatz Der Humor. Darin beschreibt Freud das Lachen als wesentlichen Bestandteil des menschlichen Organismus. Die heitere Erregung könne einen emotionalen Gleichgewichtszustand herstellen und diesen stabilisieren, so der Psychoanalytiker. Das Lachen als Ausdrucksform des Humors interpretiert Freud als Ersatzreaktion für starke, aber nicht ausschließlich negative Gefühle: Schmerz, Wut, Trauer, Empörung und Enttäuschung seien Emotionen, die ein hohes Maß an Energie verbrauchen. Das Lachen beziehungsweise der Witz könne diese negative Energiebilanz aufhalten und wiederum das Potenzial der humoristischen Lust steigern, argumentiert Freud (2010: 254). Ferner ergänzt er seine Annahmen durch zwei konkrete Möglichkeiten des humoristischen Lustgewinns.

„Der humoristische Vorgang kann sich in zweierlei Weisen vollziehen, entweder an einer einzigen Person, die selbst die humoristische Einstellung einnimmt, während der zweiten Person die Rolle des Nutznießers zufällt, oder zwischen zwei Personen, von denen die eine am humoristischen Vorgang gar keinen Anteil hat, die zweite aber diese Person zum Objekt ihrer humoristischen Betrachtung macht“ (Freud 2010: 253).

Freud veranschaulicht seinen theoretischen Erklärungsversuch mit Hilfe eines Beispiels: Ein Delinquent wird an einem Montag zu seiner Hinrichtung geführt und kommentiert seinen Gang mit den Worten: ‚Die Woche fängt ja gut an!‘ Diese Aussage zeigt die humoristische Lust des Angeklagten und möglicherweise auch die der Zuschauer. Wesentlichen Einfluss auf den humorvollen Vorgang hat in diesem Fall die humoristische Einstellung des Verurteilten. Räwel fragt diesbezüglich mit Recht „wo […] hier die Lachen ermöglichende ‚Affektentbindung‘ zu sehen [ist]“ (Räwel 2005: 14). Freud selbst gibt darauf eine Antwort, indem er dem Humor nicht nur eine befreiende Wirkung, sondern auch etwas „Großartiges und Erhebendes“ (Freud 2010: 254) zuspricht.[20] Der humoristische Vorgang seitens der Zuschauer ist einfacher nachzuvollziehen. Die Zuschauer der Hinrichtung erwarten starke (negative) Emotionen seitens des Verurteilten, werden aber enttäuscht, da der erwartete Effekt nicht eintritt. Ihr Lachen wird in diesem Fall durch die humoristische Lust ausgelöst, die durch ihren ersparten Gefühlsaufwand erzeugt wurde (vgl. Freud 2010: 253; Keith-Spiegel 1972: 13 u. 20; Räwel 2005: 13f.). Die Entspannungstheorien unterstellen dem Humor und dem Lachen folglich eine regulative Wirkung auf den menschlichen Körper und seine Emotionen.

2.2.3 Inkongruenztheorien

Zahlreiche Modifikationen und Abhandlungen des Inkongruenz-Paradigmas bestimmen den überwiegenden Teil der wissenschaftlichen Literatur zum Thema Humor. Salvatore Attardo (1994, zitiert nach Knop 2007: 53) und Paul E. McGhee (1972: 64) zählen die Inkongruenztheorien zu den kognitiven Theorien, da zwei im Bewusstsein voneinander getrennte Vorstellungen oder Ideen miteinander in Verbindung gebracht werden.[21] Neben William Hazlitt, der als einer der ersten Philosophen in der Widersprüchlichkeit kommunikativer Handlungen einen Ursprung für humoristische Gefühle erkennt, ist vor allem Immanuel Kant ein früher Vertreter der Inkongruenztheorie. Hazlitt, wie auch Kant, setzen die „‚Widersinnigkeit‘ als Quelle des Lachens“ (Räwel 2005: 15) voraus. Keith-Spiegel (1972: 7) und Knop (2007: 54) interpretieren die Inkongruenz treffend als Spiel mit Ideen, das dem Menschen sinnliche Belohnung in Form eines komischen Vergnügens beschaffe. In Bezug auf das Theorem der Widersprüchlichkeit sei insbesondere auf folgende Textstelle aus Kants Kritik der Urteilskraft verwiesen, die neben Morreall (1987b: 47) in Teilen auch Knop (2007: 54) und Räwel (2005: 15) hervorheben.

„In everything that is to excite a lively convulsive laugh there must be something absurd […]. Laughter is an affection arising from the sudden transformation of a strained expectation into nothing” (Kant 1892, zitiert nach Morreall 1987b: 47).

Der Inhalt dieses Auszugs geht in seinem letzten Satz jedoch erkennbar über eine Reinform der Inkongruenztheorie hinaus, indem er sie mit der Entspannungstheorie verknüpft. Auch Arthur Schopenhauer nennt in Die Welt als Wille und Vorstellung den Widerspruch als auslösendes Moment des Lachens. Den Widerspruch selbst definiert er als „Nichtübereinstimmung von abstrakten Ideen oder Wissen von einer Sache und der Wahrnehmung oder dem Sinnlichen über dieselbe Sache“ (Schopenhauer 1818, zitiert nach Räwel 2005: 15, Herv. i. O.).

Jüngere Auseinandersetzungen, die den Humor vor dem Hintergrund der Widersprüchlichkeit analysieren, erfolgten durch McGhee im Jahre 1972. Der Psychologe nennt den Humor als eine von zahlreichen Reaktionen, mit denen der Mensch auf den Stimulus der Widersprüchlichkeit antwortet (vgl. McGhee 1972: 64ff.). Seine Annahme begründet er mit diversen Forschungsergebnissen des Entwicklungspsychologen Jean Piaget aus dem Jahr 1952. Sein Erkenntnisinteresse lag darin herauszufinden, wie Menschen sich verhalten, wenn sie mit einem Reiz konfrontiert werden, der vom erwarteten realen Schema abweicht. Die Ergebnisse zeigen, dass insbesondere Heranwachsende erst einmal lernen müssen, Widersprüchen mit einer humoristischen Einstellung zu begegnen.

Zudem müssen Kinder erkennen, dass nicht jede Abweichung vom real erwarteten Schema, wie zum Beispiel eine böse Grimasse, eine Gefahr in sich birgt und dass sie ihre starken Emotionen auch durch den Affekt des Lachens abbauen können (vgl. McGhee 1972: 66 u. 78). McGhee sah sich unter Bezugnahme auf diese Ergebnisse darin bestätigt, dass Humor auf Grundlage von Inkongruenz erlernt werden müsse. Eine Ansicht, die auch John Morreall teilt, wenn er schreibt: „Once the child has such a scheme of the ways things are supposed to be, and has operated with it for a while, he can begin to enjoy humor“ (Morreall 1987d: 135). Abschließend bleibt festzuhalten, dass die Inkongruenztheorien sehr stark auf psychologische Erklärungsansätze zurückgehen und dass sie Widersprüche als Hauptursache von Humor und Lachen betrachten.

2.3 Verwandte Begriffe und ihr Bezug zum Humor

Die folgenden Ausführungen beschäftigen sich mit Begriffen, die in einer Auseinandersetzung mit Humor häufig synonym füreinander gebraucht werden. Nach einem Versuch, die zentralen Begriffe Humor und Komik voneinander abzugrenzen und sich komischen Phänomenen im Alltag anzunähern, werden konkrete Formen der Komik vorgestellt.

2.3.1 Humor und Komik

2.3.1.1 Humor in Abgrenzung zur Komik

Eine Differenzierung von Humor und Komik kann an dieser Stelle der Arbeit zunächst einmal nur einen Versuch darstellen, da die beiden Termini auch in der bearbeiteten Literatur scheinbar willkürlich miteinander vermengt werden. Dies könnte einerseits auf eine wenig differenzierte Auseinandersetzung der Autoren zurückgeführt werden, andererseits aber auch auf eine Untrennbarkeit der beiden Phänomene schließen lassen. Peter L. Berger (1998: 3) schlägt diesbezüglich vor, sich zu Beginn einer Arbeit über den Humor mit einer provisorischen, herkömmlichen Antwort zu begnügen.

Der lexikalische Begriff Humor stammt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie Feuchtigkeit beziehungsweise Flüssigkeit. Generell steht er heutzutage aber für eine „heitere Gelassenheit gegenüber Unzulänglichkeiten von Welt und Menschen und den Schwierigkeiten des Alltags“ (Brockhaus 2006a: 789).[22] Die Bedeutung des Begriffs geht zurück auf Hippokrates und den römischen Arzt Galen,

„die das menschl[iche] Gemütsbefinden in Abhängigkeit vom Mischungsverhältnis der Körpersäfte (Blut, schwarze und gelbe Galle, Schleim) sahen. Auf der darauf bezogenen methaphor[ischen] Grundlage wurde H[umor] seit dem 18. J[ahrhundert] die Bez[eichnung] für 1) eine heitere Gemütsverfassung, 2) ein entsprechendes Verhalten und 3) eine adäquate ästhet[ische] Darstellung (Humor in der Kunst: u.a. Komik, Komödie, Comedy, z[um] T[eil] Karikatur, Humoresken in der Musik und Malerei)“ (Brockhaus 2006a: 789).

Folglich wird Humor zum einen als Gemütsverfassung (Eigenschaft) definiert, mit der ein Mensch den Wechselfällen des Lebens optimistisch, lebensbejahend und teilnehmend begegnen kann. Zum anderen aber auch durch eine zweite und dritte Bedeutung ergänzt, die den Humor als Fähigkeit beschreiben, diese Gemütsverfassung nach außen zu kommunizieren (vgl. Berger 1998: 4). Aus diesem Grund entzieht sich der Humor oftmals einer konkreten Deutung oder Weisung und „ist nur mit Bezug auf ein regionales Muster der Lebensführung hin verständlich“ (Brockhaus 2006a: 789).

Der Begriff Komik leitet sich vom griechischen Wort kōmikós ab und beschreibt

„jegl[iche] Art übertreibender, Lachen erregender Kontrastierung, sei es mit Mitteln des Wortes in Vers und Prosa, der Geste, des Tons, der Farbe oder des Stifts, der Bildnerei oder durch eine Handlung selbst“ (Brockhaus 2006b: 339).

Während in der Begriffsbeschreibung des Humors ein Bezug zur Komik hergestellt wird und dies eine gewisse Doppeldeutigkeit sowie Bedingtheit deutlich macht, kommt die Definition der Komik ohne einen Verweis auf den Humor aus. Daraus ergeben sich wesentliche Prämissen, die es im weiteren Verlauf dieser Arbeit zu belegen gilt. Als erstes ist festzuhalten, dass es sich bei Humor um eine optimistische Gemütshaltung und Eigenschaft handelt, die nicht nur in Situationen der Heiterkeit, sondern auch in Momenten der Konfrontation mit negativen Erlebnissen existiert, sowie eine Fähigkeit diese Eigenschaft zu (er)leben.

Die Komik geht im Gegensatz dazu ausschließlich auf aufheiternde, amüsante und unterhaltende Situationen zurück. Die Produktion dieses Moments kann Humor demgemäß voraussetzen, muss es aber nicht (vgl. Jahn 1904: 29). Ein Mann, der auf der Straße hinfällt, kann im Auge des Betrachters durchaus komisch sein. Er selbst als Objekt der Komik muss jedoch nicht zwangsläufig humorvoll sein. Zumal können auch Dinge und Tiere komisch sein, denen generell aber die Fähigkeit des Humors abgesprochen werden kann.

Des Weiteren wird per definitionem kein Zusammenhang zwischen Lachen und Humor hergestellt. Lachen wird einzig und allein als Reaktion auf das Komische gesehen. Dies impliziert, dass es zumindest in dieser ersten vorläufigen definitorischen Annäherung „ein Lachen ohne Humor und einen Humor ohne Lachen [gibt]“ (Palmer 1994, zitiert nach Prommer 2012: 110).

2.3.1.2 Perspektiven auf die Komik im Alltag

Die situative Komik im Alltag entsteht, wenn Dinge beziehungsweise Menschen bewusst oder unbewusst konventionelle Muster und Regelhaftigkeiten brechen. Dies muss wahrgenommen und reflektiert werden, damit ein komischer Moment entsteht (vgl. Berger 1998: 14). Da nicht jede Reflexion zwangsläufig etwas Komisches hat, bedarf es laut Zijderveld zudem einer Freude am Spiel, um das Komische zu erkennen: ein Spiel, das mit Sinninhalten institutioneller und struktureller Art ein originell-kreatives Unwesen treibt (vgl. Zijderveld 1976: 21ff.). Henri Bergson hingegen vermutet den Ursprung des Komischen in der Lächerlichkeit der menschlichen Natur (vgl. Bergson 2011: 22). Dinge wirken komisch, wenn sie das Lebendige verlieren und mechanisch wirken (vgl. Bergson 2011: 14).

Die Perspektive Bergsons lässt sich am Beispiel des stolpernden Mannes veranschaulichen: Im Laufen noch erscheint der Mann lebendig, im Moment des Fallens wird sein mechanisches Verhalten offensichtlich. Denn der Mann hätte genauso gut lebendig darauf achten könnten, ob ihm ein Stein im Weg liegt oder eine Unebenheit des Bodens eine Stolperfalle darstellt – hat er aber nicht. Das, was uns im Alltäglichen lebendig erscheint, wird im Moment des Missgeschicks als mechanisch entlarvt. Die Mechanik menschlichen Handelns wird reflektiert und bringt Menschen zum Lachen (vgl. Bergson 2011: 17f.). Das Komische liegt folglich auch in der Beobachtung der Unzulänglichkeit des Menschen, die ihre vermeintliche Natürlichkeit als Suggestion bloßstellt.[23]

In Bezug auf die Perspektiven Zijdervelds und Bergsons lässt sich festhalten, dass diese einerseits für die Plausibilität der Inkongruenztheorien sprechen, andererseits die beiden anderen traditionellen Theorien nicht gänzlich ausschließen (vgl. Critchley 2004: 20; Morreall 1987e: 117). Dadurch, dass Komisches den erwarteten Handlungs-, Verhaltens- oder Sinnerwartungen[24] widerspricht, weicht es vom Normalen ab und weist dadurch indirekt auf die Existenz gesellschaftlicher, sozialer Konventionen hin. Dies kann alltägliche Muster je nach Perspektive einerseits stören, auf der anderen Seite aber auch wesentlich bereichern (vgl. Berger 1998: 14).

Für die Verortung des Komischen formuliert der Soziologe Peter L. Berger folgende schlüssige Annahmen: Zunächst einmal habe jedes Individuum so etwas wie eine Zone des Komischen. In diese dringe es bewusst oder unbewusst ein und nehme den Moment mehr oder weniger flüchtig wahr. Folglich können sich Menschen längere Zeit bewusst in einer Komischen Zone aufhalten (Besuch eines komischen Films, Besuch im Kabarett) oder sie unbewusst in einem kurzen Moment der Erheiterung betreten (beiläufiger Scherz am Frühstückstisch). Dass jedes Individuum, jede Gruppe, jede Kultur eine spezifische Zone hat, lässt sich relativ schnell nachweisen, indem man die jeweiligen Menschen in einen anderen sozialen Kontext versetzt. Berger schlägt vor, sich gedanklich in die Mitte von chinesischen Bauern zu begeben, die sich lustige Anekdoten erzählen. Diese absurde Vorstellung mag innerhalb der eigenen Komischen Zone witzig erscheinen, aber an dem komischen Erleben – innerhalb der Komischen Zone der Bauern – wird man allein schon durch kulturelle und sprachliche Unterschiede nicht teilhaben können (vgl. Berger 1998:7).

Henri Bergson stimmt diesen Annahmen zu, wenn er schreibt, dass bestimmte Dinge nur in bestimmten Gemeinschaften und Kulturen komisch sind. Oftmals entscheidet sogar nur der Kontext darüber, warum wir etwas als komisch interpretieren (vgl. Bergson 2011: 16f.).[25] Der Grund und Auslöser für situative Komik hängt auch Zijderveld zufolge nicht allein von den Intentionen und Motiven eines Komödianten ab, „sondern […] von der Einschätzung der Situation durch Dritte sowie deren soziokulturelle Umgebung, die diese Einschätzung beeinflußt“ (Zijderveld 1976: 23).

Neben der Verortung im sozialen Kontext ergänzt Berger auch eine situative Abhängigkeit der Komik: Das Komische schleicht sich seines Erachtens zwischen ernste Momente und erscheint nur deshalb als unernste Angelegenheit. Komik werde deshalb häufig als anerkannte Antithese zum Ernst verstanden (vgl. Berger 1998: 7). Das Komische ist eine Art Intermezzo, ein Zwischenspiel, das so etwas wie eine Auszeit zwischen den Ernsthaftigkeiten des Alltags bietet (vgl. Berger 1998: 14 u. 16). Komische Phänomene im Alltag bauen folglich Inseln außerhalb der Realität, die der Mensch als Wirklichkeit wahrnimmt (vgl. Schütz o.A., zitiert nach Berger 1998: 9). Die Suspendierung der Skepsis und das Zulassen von Spontaneität und Selbstwahrnehmung sind wesentliche Voraussetzungen dafür, komische Momente erleben zu können (vgl. Berger 1998: 11).

Ob und inwiefern Komik auch als Kunstwerk verstanden werden könnte, ist die Ausgangsfrage, der sich Franz Jahn widmet. Seine Vermutung lautet, dass jeder, der Komik herstellt oder interpretiert, ein Künstler ist. Jahn argumentiert, dass es Komikern und Künstlern gleichermaßen gelingt, den Stoff des Lebens abzurunden.

„Jedes Kunstwerk stellt den aus dem Leben gegriffenen Stoff in einer Umformung dar, welchen er durch die Phantasie des Künstlers erhält […]. Die Abrundung zu einem typischen Bild des Lebens, zu einem beseelten, wird dadurch erreicht, daß Vorstellungen hinzugefügt werden, die der kausale Erfahrungszusammenhang als möglich zuläßt“ (Jahn 1904: 22).

Jahn zufolge regt das Leben förmlich dazu an, Komisches zu erschaffen. Je nach Umfeld des Künstlers beziehungsweise des Menschen kann die Komik sonderbar, selten oder alltäglich sein (vgl. Jahn 1904: 22). Die Ästhetik liegt in der Interpretationsaufgabe, die der Künstler hinterlässt. Die Komik bedarf ebenfalls einer Reflexion, die wiederum die Rätsel des Daseins durchschauen lässt. Demnach hat sie an sich keinen ästhetischen Wert, sondern bekommt diesen nur durch ihren Betrachter (vgl. Jahn 1904: 24).

Schließlich lässt sich in Bezug auf die Komik im Alltag festhalten, dass diese unbewusst wie auch bewusst wahrgenommen werden kann. Auch in einem zweiten wesentlichen Punkt überschneiden sich die Perspektiven auf das Komische, da grundsätzlich die Reflexion von Inkongruenzen als komisch definiert wird. Was Zijderveld als ein Spiel mit Sinninhalten bezeichnet, nennt Bergson die Wahrnehmung der Mechanik in scheinbar Lebendigem. Auch Franz Jahn meint mit der Umformung des Lebensstoffes und der Encodierung der Ästhetik nichts anderes als die Fähigkeit zur Reflexion von Wirklichkeit. Sowohl Zijderveld als auch Bergson und Berger heben zudem den sozialen und situativen Kontext hervor, der Komisches erst komisch und nicht sonderbar macht.

2.3.2 Ausgewählte Formen der Komik

In Hinblick auf die Entwicklung des Humors und seiner Wertung im historischen Kontext sowie seine flüchtige, alltägliche Gestalt erscheint es sinnvoll, unterschiedliche Komikformen näher zu beschreiben. Witz und Ironie sind zwei Beispiele für diese Formen und werden alltagssprachlich oft mit dem Humor gleichgesetzt. Diese Gleichsetzung ist unter Berücksichtigung der bisherigen Analyse jedoch ein Irrtum, da die Komikformen definitorisch als Elemente humorvoller Kommunikation, folglich als Bestandteil der Komik, bezeichnet werden müssen (vgl. Räwel 2005: 92f.).

Witz, Ironie, Sarkasmus, Komisches in den Neuen Medien wie auch in der Scherzkommunikation sind die greifbaren und ausgewählten Elemente der Komik im Alltag, die im Folgenden dargestellt werden. Im Rahmen dieser Arbeit soll ein interdisziplinärer Zugang dazu dienen, das weite Spektrum ihrer Voraussetzungen, Funktionen und Anlässe offenzulegen. Diese Herangehensweise bedeutet, dass zum einen die Strukturen und der Aufbau der Formen erläutert werden und zum anderen exemplarisch ihr Wirken im sozialen Kontext angerissen wird. Diese Hinweise werden als Anknüpfungspunkte für spätere inhaltliche Auseinandersetzungen der vorliegenden Arbeit hilfreich sein.

An diesem Punkt kann vorweggenommen werden, dass es trotz der Unterschiedlichkeit der einzelnen Komikformen ein Merkmal gibt, das sie vereint: die Reflexion. Es geht stets darum, „stereotype, redundante Formen zu variieren – und zwar um der Reflexion willen“ (Räwel 2005: 93f.). Die Formen der Komik dienen folglich dazu, eine Reflexion um der Reflexion willen im Gewand einer (suggerierten) Heiterkeit zu tarnen (vgl. Räwel 2005: 94). Räwels Annahmen stützen die erarbeitete These des vorangegangenen Kapitels, dass Komik von interpretierenden Gedankengängen der Individuen gegenüber ihrer wahrgenommenen Wirklichkeit abhängig ist.

2.3.2.1 Witz

Der Witz ist eine relativ junge Form der Komik. Die Entstehung und Entwicklung dieses Genres ist weitestgehend einheitlich auf die Zeit der beginnenden Industrialisierung und Verstädterung festgelegt (vgl. Kuipers 2006: 28).

„The joke as we know it seems to be a relatively new genre […]. Wickberg (1998) and Röhrich (1977) date the origins of the joke in the nineteenth century: they connect the origin of the joke with modernity. Röhrich points to the genre that he contrasts with the long-standing continuty of precursors such as the ‚jest‘. He calls the joke the genre of ‚present-day‘, ‚modern‘, ‚industrial society‘, belonging to ‚metropolitan surroundings‘“ (zitiert nach Kuipers 2006: 28).

Eine vereinfachte Beschreibung der Form des Witzes ist, dass es sich um einen kurzen fiktiven Text handelt, an dessen Ende eine inhaltliche Pointe steht (vgl. Knop 2007: 78). Mit dieser Laiendefinition wird ein wesentliches Merkmal des Witzes schon erfasst: seine standardisierte Form (vgl. Critchley 2004: 12; Kuipers 2006: 4f.). Eine spezifischere Annäherung an den Witz lässt, je nach gewähltem fachwissenschaftlichem Zugang, aber wesentlich weitreichendere Perspektiven auf das Alltagsphänomen zu.

Der Psychologe Albert Wellek (zitiert nach Wenzel 1989: 21) unterscheidet zwei Arten des Witzes: Zum einen nennt er den elementar-komischen und zum anderen den geistvollen Witz. Ersterer geht auf eine komische Irritation zurück. Der geistvolle Witz sei jedoch zusätzlich, durch die „Aufdeckung eines unvermuteten Zusammenhangs“ (Wellek 1955, zitiert nach Wenzel 1989: 21) charakterisiert. Damit es zur Aufdeckung und damit zum Effekt der Pointierung kommt, bedarf es zunächst einmal eines verdeckt vorliegenden Zusammenhangs.[26] Diese Voraussetzung muss gewährleistet sein, da es sonst zu keiner plötzlichen Erkenntnis oder Wahrnehmung einer Widersprüchlichkeit kommen kann. Johnson (1978, zitiert nach Wenzel 1989: 22) bezeichnet diesen Aufbau als two-clause-structure, die sich aus der Exposition und einer darauffolgenden Pointe zusammensetzt.

„Der Pointe muß stets eine expositorische Phase vorausgehen, die einen Vorstellungshorizont schafft, den die Pointe dann radikal verändern kann. Diese Phase der ‚Exposition‘ ist für das Gelingen der Pointierung ebenso unverzichtbar wie die Pointe selbst […]“ (Wenzel 1989: 22).

Die Sprachwissenschaftlerin Helga Kotthoff ergänzt die Struktur des Witzes um einen dritten Bestandteil und fügt zwischen Exposition und Pointe die Dramatisierung ein (vgl. Kotthoff 1998: 103). Durch die Witzerzählungen werden Konversationen kurzzeitig unterbrochen, weshalb ihnen außerdem noch eine gewisse kommunikative Originalität zu gesprochen wird. Dies impliziert, dass Witze nicht nur Konversationen unterbrechen,[27] sondern auch Konventionen durchbrechen. Witze als originelle Bestandteile der Kommunikation bilden folglich eine Ausnahme, weshalb sie überraschen und Aufmerksamkeit generieren (vgl. Räwel 2005:113).

[...]


[1] Weitere soziologische Werke, die sich mit dem Humor auseinandersetzen, sind Anton C. Zijdervelds Humor und Gesellschaft. Eine Soziologie des Humors und des Lachens(1976) sowie Peter L. Bergers Werk Erlösendes Lachen. Das Komische in der menschlichen Erfahrung(1998).

[2] Das Werk Das Lachen von Henri Bergson (zuerst erschienen 1900) und Über das Lachen und Weinen. Eine Untersuchung der Grenze menschlichen Verhaltens(zuerst erschienen 1941) sowie Das Lächeln(zuerst erschienen 1950) von Helmuth Plessner können an dieser Stelle als drei ausgewählte Beispiele genannt werden.

[3] Um dabei nicht ausschließlich auf die vier genannten soziologischen Werke zurückgreifen zu müssen, entwickelt diese Arbeit überwiegend eigenständige Erklärungsansätze und versucht diese mit Hilfe der umfangreichen philosophischen, psychologischen sowie kommunikations-, sprach- und literaturwissenschaftlichen Literatur zu belegen.

[4] Thorsten Sindermann wählt einleitend sehr bildhafte und treffende Worte, wenn er schreibt: „Am Anfang, da war es wüst – wüst und voll. Verschiedene Begriffe zeigten gleiche Sachen an. Gleiche Begriffe verschiedene Sachen. Ein begriffliches und phänomenales Tohuwabohu ließ die Welt des Humors erschaffen sein. Eine Welt, in der es wüst, nicht weil es leer, sondern in der es wüst, weil es voll war – an Bedeutung –, und daher doch wieder leer – an Bedeutung. Eine Welt mit vielen Möglichkeiten. Eine Welt mit vielen Wirklichkeiten. – Mit zu vielen“ (Sindermann 2009: 7).

[5] Es wird diesbezüglich kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben und darauf hingewiesen, dass ein anderer Zugang dementsprechend andere oder weitere Konsequenzen für eine soziologische Betrachtung hervorgebracht hätte.

[6] An dieser Stelle wird explizit darauf hingewiesen, dass die vorliegende Arbeit milieutypische Differenzen ermitteln möchte. Jedoch ergeben sich in Hinblick auf die verwendeten Termini der theoretischen Grundlagenliteratur Probleme: Norbert Elias, Michel Foucault und Pierre Bourdieu verwenden innerhalb ihrer Ausführungen überwiegend den Schicht - und Klassenbegriff, weshalb auch in dieser Arbeit die entsprechenden Termini eingesetzt werden. Im Falle ihrer Verwendung stehen sie immer synonym für den Begriff Milieu oder entsprechende milieutypische Eigenschaften.

[7] Der Transfer von Humor und Komik auf die theoretischen Annahmen Foucaults kann dem Leser in weiten Teilen plausibel erscheinen, muss aber nicht zwangsläufig als allgemeingültige Perspektive gewertet werden. Foucault wird im Rahmen dieser Arbeit bewusst als Denkwerkzeug genutzt und kommt damit der Aufforderung des Soziologen nach einer unabhängigen, freien – aber dennoch begründeten – Interpretation und Auslegung seiner Texte entgegen. Denn „‚Foucault‘ ist nicht nur der ausgetretene Platz einer geschwätzigen Vulgata, die mit fünf Zitaten und einer Handvoll Klischees auskommt, sondern, um eine Metapher aufzugreifen, die Foucault selbst empfohlen hat, eine große Werkstatt, in der mit Foucault und über Foucault hinaus gearbeitet wird“ (Sarasin 2005: 11).

[8] Aus Gründen der Übersichtlichkeit und besseren Lesbarkeit wird in der vorliegenden Arbeit das generische Maskulinum genutzt; ist beispielsweise von einem Schüler/ dem Lernenden oder den Schülern/ den Lernenden die Rede, kann es sich dabei sowohl um männliche Schüler/ Lernende als auch weibliche Schülerinnen/ Lernende handeln. Ebenso verhält es sich bei den Begriffen Lehrer/ Lehrender/ Lehrende.

[9] Humorvolle Kommunikation und Interaktion zwischen Lehrenden wird im Rahmen dieser Arbeit vollständig ausgeklammert.

[10] Der Spiegel in der Hand des mittelalterlichen Narren diente ihm zunächst der Selbstbespiegelung. Sein regelmäßiges ‚Aufhübschen‘ wurde dabei als Bestandteil seiner Selbstverliebtheit und närrischen Torheit verstanden. Im 18. Jahrhundert änderte sich die Bedeutung des Narrenspiegels und er wurde zunehmend als Zeichen der Mahnung, Aufforderung und notwendigen Kritik an der Gesellschaft verstanden, indem er dieser wortwörtlich den Spiegel vorhielt. Heute tragen noch viele Zeitschriften von Narrenvereinigungen den Titel Narrenspiegel, weshalb diese Bezeichnung bewusst für thematische Einschübe und Zusatzinformationen gewählt wurde (vgl. Narrenzunft Wangen 2013).

[11] Da zu diesem Thema beziehungsweise dieser thematischen Auslegung kaum wissenschaftliche Literatur vorliegt, muss im Zweiten Narrenspiegel zum Teil auf Pressemitteilungen oder andere journalistische Beiträge zurückgegriffen werden.

[12] Zurückgehend auf die Parasiten des Altertums handelte es sich bei den natürlichen Narren um Außenseiterfiguren, die sich wie Schoßhündchen verhielten und „während der Feste und Mahlzeiten [am Hofe] als besonderes Vergnügen […] nackt herum[liefen]“ (Zijderveld 1976: 116).

[13] Als ein jüngeres Beispiel für diese wahrgenommene Gefahr kann die einstweilige Verfügung des Vatikans gegenüber der Juli Ausgabe des Satiremagazins Titanic im Jahr 2012 genannt werden. Auf dem Titelblatt des Magazins war Papst Benedikt XVI. abgebildet, auf dessen Soutane ein gelber Fleck zu sehen war. In Anlehnung an den Vatileaks-Skandal wurde das Bild mit den Worten Hallelujah im Vatikan – die undichte Stelle ist gefunden! kommentiert. Die Rückseite des Heftes zeigte die Rückenansicht des Papstes, auf dessen Hinterteil ein brauner Fleck abgebildet war. Das Bild wurde um die Worte Noch eine undichte Stelle gefunden! ergänzt. Schon mehrmals ging die katholische Kirche zivilrechtlich gegen das Satiremagazin vor, da sie sich in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt sah. Die satirische Darstellung der Missbrauchsskandale stieß auf große Kritik seitens der katholischen Kirche und viele ihrer Anhänger. Beschwerden beim Beschwerdeausschuss des Deutschen Presserats wurden jedoch allesamt abgelehnt. Zivilrechtliche Verfahren zog die katholische Kirche in der Folge immer wieder zurück (vgl. Pohlmann 2012; Waehlisch/Jerabek 2012).

[14] Der Terminus Theorie steht oftmals synonym für Beschreibungen, Gedanken und Spekulationen zum Thema Humor (vgl. Keith-Spiegel 1972: 5).

[15] Knop (2007: 45) weist deshalb mit Recht auf eine begriffliche Unschärfe vieler wissenschaftlicher Auseinandersetzungen hin, die auch in der vorliegenden Arbeit zu konstatieren ist.

[16] In der Literatur lassen sich äquivalent dazu die englischsprachigen Begriffe Superiority-Theories(Überlegenheitstheorien), Relief-Theories(Entspannungstheorien) und Incongruity-Theories(Inkongruenztheorien) finden. Des Weiteren sei darauf hingewiesen, dass diese Theorien in diverse Unterkategorien gegliedert werden können. Diese spezifischen Formen sind im Rahmen der vorliegenden Arbeit jedoch irrelevant, weshalb sich (wie in Knop 2007 und Räwel 2005) auf die Vorstellung der Grundkategorien Morrealls (1987) beschränkt wird.

[17] Die Theorien gelten trotz ihres aggressiven Potenzials als sozial, da der Humor in diesem Fall immer von einem sozialen Gegenüber bedingt und generiert wird (vgl. Knop 2007: 46).

[18] Aristoteles‘ Ansichten über den Humor beziehungsweise das Lachen sind nur noch in Fragmenten erhalten geblieben. Ausführliche Abhandlungen des griechischen Philosophen über das Lächerliche gingen verloren, weshalb nur noch Teile seines Werks Poetik auf seine Annahmen schließen lassen (vgl. Aristoteles 1982; Nachwort von Manfred Fuhrmann: 146f.)

[19] Hobbes (1839, zitiert nach Morreall 1987f: 19) nennt diese Menschen „great minds“, Aristoteles (2009: 114) nennt sie „artig und gewandt“. M.E. ist es naheliegend, davon auszugehen, dass sich beide Philosophen auf gebildete, zivilisierte Menschen beziehen und dabei im Grunde nur sich selbst und ihre eigene Moral und Vernunft meinen.

[20] „Das Großartige liegt offenbar im Triumph des Narzißmus, in der siegreich behaupteten Unverletzlichkeit des Ichs. Das Ich verweigert es, sich durch die Veranlassung aus der Realität kränken, zum Leiden nötigen zu lassen, es beharrt dabei, daß ihm die Traumen der Außenwelt nicht nahegehen können, ja es zeigt, daß sie ihm nur Anlässe zu Lustgewinn sind“ (Freud 2010: 254). Zu einem späteren Zeitpunkt seines Aufsatzes konstatiert Freud, dass es „das Über-Ich ist, das im Humor so liebevoll tröstlich zum eingeschüchterten Ich spricht“ (Freud 2010:258). Wenige Zeilen später enden seine Ausführungen über den Humor. M.E. drängt sich die Vermutung auf, dass Freud die Entspannungstheorie mit Elementen der Überlegenheitstheorie (hier: die Überlegenheit des Über-Ichs gegenüber dem Ich) vermischt. Die soziologische Relevanz dieser Vermutung läge demnach im sozialen Ursprung der Fähigkeit zur Selbstüberlegenheit beziehungsweise Selbstdistanz und -reflexion des Einzelnen. Freud lässt eine solche Analyse leider offen, obwohl er bemerkt, dass „nicht alle Menschen [zu] der humoristischen Einstellung fähig [sind]“ (Freud 2010: 258).

[21] Knop (2007: 53) spricht in vereinfachter Form von einer Bedeutungskollision.

[22] Unzulänglichkeiten stehen in diesem Fall synonym für Versprecher, Verwechslungen, Irritationen oder individuelle Schwächen. Die heitere Gelassenheit wird in folgendem Beispieldialog aus Siebert (2003: 50) deutlich: „Was liest du denn da?“ – „Ich lese Das Kapital von Karl May.“ – „Aber das ist nicht von Karl May, sondern Karl Marx.“ – „Ach drum. Ich hab mich schon gewundert, warum so wenig Indianer darin vorkommen.“

[23] Anschaulich wird dies auch am Beispiel der Mode. Aktuelle Mode erscheint immer lebendig, weil sich die Individuen mit ihr identifizieren und an ihren Anblick gewöhnt sind. Über Bilder aus anderen Zeiten wird hingegen gelacht, weil die damalige Mode aus heutiger Perspektive wie eine Verkleidung erscheint. Es hat mit dem derzeit Lebendigen nichts zu tun und erscheint deshalb steif beziehungsweise unnatürlich. Der Mensch auf den Bildern erhält im Auge des Betrachters clowneske Züge (vgl. Bergson 2011: 35). Das Paradoxe daran ist, dass die aktuelle soziale Maskerade dabei selten bewusst wahrgenommen wird. Dabei wird auch diese aus späterer Perspektive mechanisch wirken (vgl. Bergson 2011: 39).

[24] Ein Beispiel hierfür: „Der Philosoph Hegel ließ einmal an der Tür des Hörsaals einen Zettel anheften: ‚Die Vorlesung von Prof. Hegel muß heute ausfallen, da Herr Professor mit dem Denken nicht fertig geworden ist‘“ (Siebert 2003: 50).

[25] Diese Beobachtung des Philosophen und Literaturwissenschaftlers vermittelt abermals den Eindruck, dass sein Werk Das Lachen(zuerst 1900) eine erhebliche soziologische Relevanz hat.

[26] Ein Beispielwitz entnommen aus Siebert (2003: 49): Vom dem Atomphysiker Niels Bohr wird erzählt, dass er ein Hufeisen als Glücksbringer über die Tür seines Ferienhauses angebracht hat. „Glauben Sie daran?“ fragt ihn ein Besucher. „Natürlich nicht!“ antwortet Bohr „Aber es soll auch Glück bringen, wenn man nicht dran glaubt.“

[27] Während jemand einen Witz erzählt, beansprucht er das volle Rederecht für sich. Dies „suspendier[e] [das] normale Turn-Taking-Verfahren“, fügt Kotthoff hinzu (1998: 102).

Details

Seiten
101
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656472865
ISBN (Buch)
9783656472902
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v231575
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
1,0
Schlagworte
humor klasse eine einführung soziologie humors lehrer

Autor

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Titel: Humor der Klasse