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Ist Euthanasie moralisch vertretbar?

Essay 2011 6 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Essay I

„Ist Euthanasie moralisch vertretbar?“

Der Begriff der Euthanasie weckt bei vielen Menschen nur die Assoziation, zu den unter diesem Begriff getarnten, systematischen Tötungen behinderter Menschen zu Zeiten des Nationalsozialismus in Deutschland. Folgt man diesem Gedankengang, so ist vom eigentlichen Begriff der Euthanasie nicht mehr viel übrig, bedeutet dieses griechische Wort doch in etwa so viel wie „schöner Tod“, was bei jenen Morden für die Opfer wohl kaum der Fall war. Nach der ursprünglichen Bezeichnung des Wortes trifft der heutige Begriff der Sterbehilfe wohl am ehesten den Kern der Bedeutung, was auch ein Teil der zeitgenössischen Bedeutung dieses Wortes abdeckt. Sterbehilfe ist in Deutschland und nahezu allen anderen Ländern der Welt gesetzlich verboten, wobei zum Beispiel die Niederlande, in der seit 2001 die aktive Sterbehilfe mit gesetzlichen Einschränkungen erlaubt ist, hier eine Vorreiterrolle einnimmt. Dort ist die aktive Sterbehilfe erlaubt. Hier soll also, wenn von Euthanasie die Rede ist, ausschließlich von der zuletzt genannten Begriffsdefinition ausgegangen werden und nicht von der ebenfalls im Wort Sterbehilfe enthaltenen Sterbebegleitung. Insbesondere soll also die Form der aktiven Sterbehilfe, bei welcher einem Menschen auf eigenen Wunsch hin eine tödliche Dosis Medikamente verabreicht wird, behandelt werden. Die nun aufgeworfene Frage ist also:

Ist Euthanasie moralisch vertretbar?

Die Beantwortung dieser Frage ist komplexer als eventuell vorher angenommen. Der Begriff der Euthanasie wurde nun schon erläutert, doch mit dem Wort „Moral“ befindet sich in der Fragestellung selbst ein weiterer Begriff, der ohne eine genaue Definition nicht auskommt. Doch jene Definition ist abhängig von der philosophischen Position, mit welcher man die Argumentation durchführen möchte. Das Moralverständnis, welches hier als argumentative Grundlage dienen soll, ist der Kant‘sche Moralbegriff, aufzufinden in seiner Schrift „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“.

Er macht allein die Intention einer Handlung und in keiner Weise ihre Folgen für die Beurteilung der selbigen verantwortlich. Daraufhin schließt er auch auf den Grundsatz, welcher als kategorischer Imperativ bekannt ist: “[...] ich soll niemals anders verfahren, als so, daß ich auch wollen könne, meine Maxime sollen ein allgemeines Gesetz werden.“[1]

Eine Handlung hat für ihn nur dann einen moralischen Gehalt, wenn sie der eigentlichen Neigung widerspricht. Ein Beispiel zur Veranschaulichung liefert Kant selbst:“ Dagegen, [...] wenn der Unglückliche, [...] den Tod wünscht, und sein Leben doch erhält, ohne es zu lieben, nicht aus Neigung oder aus Furcht, sondern aus Pflicht; alsdann hat seine Maxime einen moralischen Gehalt.“[2] Aus diesem, ja auch schon den freiwilligen Tod einer Person betrachtendem Beispiel, kann man schlussfolgern, dass ein Suizid, nach dem Kant‘schen Moralverständnis nicht geduldet werden würde. Kant spielt den Gedanken des Suizids in seinem Werk auch weiter und verwendet dazu den kategorischen Imperativ und fragt mit eben jenem ob solch eine Tat mit dem „obersten Prinzip aller Pflicht“[3] vereinbar ist. Er erkennt in jener Handlung die Maxime, dass die Selbstliebe mit der man das Leben antreiben sollte, selbiges zerstören würde, wodurch ein Paradoxon entstehen würde, das als Naturgesetz nicht möglich wäre.[4]

Doch hat dieser Standpunkt Auswirkungen auf die Frage, ob das Töten eines Menschen, wenn dieser es verlangt, moralisch vertretbar ist? Hierzu müssen die Unterschiede der Euthanasie und eines Selbstmordes näher beleuchtet werden. Schlussendlich führen beide zum selben Ergebnis, dem Individuum, welches nicht mehr leben möchte, wird das Leben genommen. Doch dies ist nur die Folge dieser Handlung und wie schon erklärt, ist es nicht auschlaggebend, welche Folgen eine Handlung herbeiführt, sondern nur aus welchen Gründen diese ausgeführt wurde. Kant schreibt dies so: „ Es liegt also der moralische Gehalt einer Handlung nicht in der Wirkung, die daraus erwartet wird, […] Denn alle diese Wirkungen […] konnten auch durch andere Umstände zu Stande gebracht werden, und es braucht also dazu nicht des Willens eines vernünftigen Wesens; worin gleichwohl das höchste und unbedingte Gut allein angetroffen werden kann.“[5]

Also darf man nicht auf das Endresultat, in diesem Fall den Tod, schauen, denn begründet man einen moralischen Standpunkt nur auf die Folgen einer Handlung, so sei ein Mord in jenem Bezug in der selben Sparte zu finden wie die beiden oben erwähnten Beispiele und auch der tödliche Angriff eines Tieres, also eines nicht vernunftbegabten Wesens würde zu selbigem Resultat führen. Nimmt man allerdings die Handlung beziehungsweise die zu jener Handlung führende Intention als Grundlage einer moralischen Beurteilung der selbigen, so kommt man hier auf einen anderen Gehalt der Moral, je nachdem welches der mittlerweile genannten Beispiele man näher betrachtet. Es sei also das Augenmerk auf den Grund der Handlung gelegt. Bei einer Tötung, mit welcher der Getötete nicht einverstanden ist, also einem Mord, wie das Wort im allgemeinen Sprachgebrauch genutzt wird, resultiert zwar der selbe Umstand, aber die Beweggründe, die schlussendlich zu der Handlung des Ermordens führen, sind nicht die aus einem guten Willen entspringenden, also dem einzig Guten, dass es in der Welt gibt wiedersprechend.[6] Auch würde es dem kategorischen Imperativ wiedersprechen, da die Maxime der Handlung als allgemeines Gesetz das Töten von Menschen aus niederen Gründen erlauben würde. Dies ist also, wie der Suizid auch, moralisch nicht haltbar.

[...]


[1] Kant, Immanuel (1983): Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. In: Werke in zehn Bänden, Band 6, Sonderausgabe. Herausgegeben von Wilhelm Weischedol. Darmstadt: Wissenschaftl. Buchgesellsch. S. 28

[2] Kant, Immanuel (1983): Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. In: Werke in zehn Bänden, Band 6, Sonderausgabe. Herausgegeben von Wilhelm Weischedol. Darmstadt: Wissenschaftl. Buchgesellsch S. 23

[3] Kant, Immanuel (1911): Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. In: Kants gesammelte Schriften, Band 4, Herausgegeben von der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaft, 2. Abschnitt S.422

[4] Kant, Immanuel (1991) s.o. S 422

[5] Kant, Immanuel (1983): Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. In: Werke in zehn Bänden, Band 6, Sonderausgabe. Herausgegeben von Wilhelm Weischedol. Darmstadt: Wissenschaftl. Buchgesellsch S. 27

[6] Vlg: Kant, Immanuel (1911): Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. In: Kants gesammelte Schriften, Band 4, Herausgegeben von der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaft, 1. Abschnitt S.393

Details

Seiten
6
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656474654
ISBN (Buch)
9783656474883
Dateigröße
403 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v231635
Institution / Hochschule
Universität Stuttgart
Note
1,0
Schlagworte
Philosophie Euthanasie Moral Ethik Sterbehilfe Kant Vernunft

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