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Mobbing im Sozialraum Schule

Masterarbeit 2012 31 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.0 Einleitung

2.0 Mobbing/Bullying
2.1 Gewalt
2.2 Frustration
2.3 Aggression und Aggressives Verhalten
2.4 Auszüge aus der Ursachenforschung
2.5 Resümee der vorangegangene Spezifizierungen

3.0 Stand der Forschung

4.0 Beteiligte am Mobbing/Gewaltprozess
4.1 Typologie eines Gewaltopfers
4.2 Typologie eines Gewalttäters
4.3 Folgen für die Opfer

5.0 Zielgruppe und Maßnahmen des AAT®
5.1 Das Verfahren im AAT®
5.2 Die Wirksamkeit des AAT®
5.3 Das KIP als Ableger des AAT®
5.4 Kritische Betrachtung des AAT® und KIP

6.0 Fazit

7.0 Literaturverzeichnis

8.0 Abbildungsverzeichnis

1.0 Einleitung

„Die Gemeinschaft darf keine Maske sein

unter der einer lächelt und der andere weint“

(Georges Pompidou, *1911 - †1974, französischer Politiker)

Es ist kein Wagnis zu behaupten, dass nahezu jeder Mensch, wenn gleich aus differenzierten Perspektiven, eine Erfahrung mit dem Begriff „Mobbing“, oder der englischen Bezeichnung „Bullying“, verzeichnen kann. Dies beruht unter anderem auf der Tatsache, dass jeder Bundesbürger eine gewisse Dauer in einem Klassenverband verbracht hat und somit sehr wahrscheinlich mittelbarer oder unmittelbarer Zeuge, Täter oder Opfer von Hänseleien, Pöbeleien oder gar körperlichen Schikanen und Gewalt war. Dieser Umstand, welcher anscheinend nie an Bedeutung verliert, und mein Ziel, in naher Zukunft als Lehrkraft zu arbeiten, haben mich dazu veranlasst, die vorliegende Abschlussarbeit an diese Thematik anzulehnen. Es ist von unabdingbarer Notwendigkeit, dass besonders in Erziehungseinrichtungen und Bildungsanstalten eine Empathie dafür geschult und entwickelt wird, Täter zu entlarven und häufig verdeckt leidende Opfer zu identifizieren, denn erst dann kann interveniert werden. Im Zuge dieser intrinsischen Motivation soll der Fokus der Betrachtung zunächst auf die Typisierung und die Rolle des Opfers sowie des Täters gerichtet werden. Es wird hierbei die Leitfrage gelten, ob es sich um eine konstante Rollenzuweisung von „Gut“ und „Böse“ handelt und wie die konfrontative Pädagogik die Bedürfnisse beider Akteure berücksichtigt. Ziel ist es daher, beide Profile gegenüberzustellen und in Zusammenwirkung mit empirischen Befunden zu analysieren. Nach der Schaffung dieser problemorientierten Ansicht, soll auf die Grundidee und letztlich auf eine modifizierte, systemisch orientierte Form des AAT® (Anti-Aggressivitätstraining) eingegangen werden, denn wenn Präventionsmaßnahmen versagt haben, bleibt nur der Versuch, personenzentriert zu intervenieren. Das so genannte konfrontative Interventionsprogramm (KIP) versucht sich an dieser Problematik, weist jedoch ebenfalls Lücken in der Berücksichtigung von Täter und Opfer auf. Im abschließenden Fazit erfolgt eine persönliche Stellungnahme, welche den Gesamteindruck zu verbinden versucht. Da in Presse und Medien stets unterschiedliche Konnotationen verwendet werden, befasst sich der nachfolgende Teil der Arbeit zunächst mit der Schaffung einer Ausgangsbasis, die eine Definition der häufig verwendeten Begriffe von Mobbing/Bullying, Gewalt, Frustration, Aggression und Aggressivität, sowie einen Auszug aus der Ursachenforschung präsentiert.

2.0 Mobbing/ Bullying

Lage eines Kindes, welches bereits bisher Opfer non-verbaler Angriffe wurde: Das aus dem englischen Stammende Wort „Mobbing“ leitet sich ab von „to mob“, was letztlich neben Pöbeln und Drangsalieren, auch das Fehlverhalten beschreibt, bei dem „[…]ein einzelner einen anderen Quält, und die, in der eine Gruppe die Quälerei gemeinschaftlich begeht.“(Olweus 2006, S. 22). Der ebenso häufig verwendete Begriff des „Bullyings“ inkludiert laut Scheitauer et al. (2008) speziell das Gewaltphänomen in Sozialräumen wie denen eines Klassenverbandes und meint „spezifische schädigende Handlungsweisen“, gegenüber dem Opfer (vgl. S. 38). Der folgende Auszug aus einem Kinderblog verdeutlicht die prekäre

„Jeder kennt es: Mal wird man nur einmal ausgelacht, weil die Kleidung nicht zusammenpasst. Aber manchmal wird es mehr als nur einmal auslachen.Denn dann wird man wegen nur jeder Kleinigkeit ausgelacht und beleidigt. Ich selbst wurde auch in der Schule gemobbt. Zuerst dachteich(!) das wäre einmalig, als sie mich wegen meines ,ausegewöhnlichem'(!) Kleidungsstil auslachten.Doch dann fingen sie nach der Zeit an, mich als Hure, Schlampe und so weiter zu beleidigen. Doch als sie mich als fett und hässlich bezeichnet haben, wolle ich nur noch sterben[…]“(URL: http://www.sowieso.de)

Dass dieses Kind unbestritten unter der gegenwärtigen Situation leidet, und seelische Gewalt erfährt, wird deutlich. Olweus (2006) stellt hierbei die Anwendung von Gewalt auf eine Defintionsebene mit der des Mobbens, woraus sich ergibt, dass ein Schüler oder eine Schülerin „[…]Gewalt ausgesetzt oder gemobbt[wird], wenn er oder sie wiederholt und über eine längere Zeit den negativen Handlungen eines oder mehrerer anderer Schüler oder Schülerinnen ausgesetzt ist.“(Zitat verändert, S. 22) und wenn ein „Ungleichgewicht der Kräfte“ vorliegt (Ebd.).

Dieser Umstand sei auch dann gegeben, wenn neben verbalen auch körperliche Angriffe stattfinden (Ebd.). Jannan (2010) verdeutlicht hierzu: „Nicht jede Gewalt ist Mobbing, aber Mobbing ist immer Gewalt“ (S.22).

Da ersichtlich ist, dass die Abgrenzung beider Begriffe (Mobbing/Bullying) schwierig, fließend und bislang umstritten ist, sollen im Rahmen dieser Arbeit Mobbing und Bullying synonym verwendet werden und die Definition des Mobbens als Form von Gewalt gelten. Doch was genau ist Gewalt? Dem vorangegangenen Umriss soll nun ein genauerer Definitionsversuch folgen.

2.1 Gewalt

Der Begriff der Gewalt ist wie bereits deutlich geworden, ein sehr schwieriges gesellschaftliches Phänomen, denn es stellt sich stets die Frage, wo sie letztlich beginnt und wo sie endet (vgl. Hacker 1971, S. 15). Im Alltagsverständnis suggeriert Gewalt „einen durgehend negativen Bedeutungsgehalt[…]“ (Melzer et al. 2011, S. 45) und kann daher als normativ inakzeptable Handlungsweise zwischen Individuen unter Einbezug von Macht als Instrumentarium zur Durchsetzung eigener Interessen gelten (eigene Definition). Betrachtet man diesen Begriff deutlich differenzierter, so kann unterschieden werden zwischen „personaler Gewalt“, welche die Schädigung zwischen Personen mit ungleichem Machtverhältnis sowie die Schädigung von Sachen zum Einen beschreibt, und zum Anderen „strukturelle Gewalt“, welche die Schädigung von Personen aufgrund von institutionellen oder gesellschaftlichen Bedingungen (Bsp. Schulpflicht) beschreibt. Des Weiteren kann zwischen „expressiver Gewalt“ und „instrumenteller Gewalt“ unterschieden werden. Erstere, auch als psychische Gewalt zu bezeichnen, dient der Selbstdarstellung und dem Ausdruck von negativen Gefühlen und letztere der Durchsetzung von Zielen (Martin 2003, S. 9). Metaphorisch, aber für den Kontext der Schule sehr charakteristisch, erscheinen zehn Assoziationen, die „die Gestalt der Gewalt“ (Heilemann 2011, S. 7) skizzieren. Aus der Täterperspektive bedeutet dies „Selbstbestimmung wegnehmen, Überlegenheit suggerieren, Kompensation eigener Schwächen, Ausprägung körperlicher Fitness, Legitimierung der Tat durch Schuldverdrehung, die Öffentlichkeit als Geschmacksverstärker und Verzinsung des Hochgefühls nutzen und Abwehrarbeit durch Vermeidung von Schuldgefühlen“ (Ebd) und aus der Opferperspektive „Lebenslange Angst, Mord an der Seele und Immunisierung gegen Trost“ (Ebd.).

An dieser Stelle sei zu bemerken, dass der Begriff von Gewalt häufig auch als Überbegriff für Aggression und aggressives Verhalten verwendet wird. Ob es möglich ist, einen Meltin Pot dieser Notationen hinzunehmen, soll im weiteren Verlauf geklärt werden. Unbestritten scheint jedoch bereits im Vorfeld, dass Mobben an sich im allgemeinen Verständnis einen Ausdruck aggressiven Verhaltens darstellt. Um auch diesen Umstand spezifisch und umfassend darzulegen, soll der definitorische Teil durch die Bestimmung der Begriffe von Frustration, Aggression und aggressiven Verhaltens, sowie ein Exkurs zu der Ursachenforschung komplettiert werden.

2.2. Frustration

Das Gefühl von Frustration zählt zweifellos zu dem Spektrum der unangenehmen Emotionen der anthroprozentrischen Gefühlsregungen. Im Zuge des definitorischen Teils lässt sich hierzu anbringen, dass sich bereits im Jahre 1939 fünf Wissenschaftler der Yale-Universität mit der Frage befassten, ob Frustration stets zu Aggression führt. Dass es sich hierbei um eine eindeutige Gesetzmäßigkeit handelt, wurde bereits kurz nach der Veröffentlichung angezweifelt. Nolting (2004) liefert hierzu eine aktuellere Stellungnahme, denn eine zu eng gefasste Definition wie die der Yale-Professoren, welche Frustration immer als „Störung einer zielgerichteten Aktivität“ (S. 67) bezeichneten, sei nicht der Realität entsprechend. Nolting tendiert an dieser Stelle zu einer weiten Definition, er beschreibt Frustration als „aversives Ereignis, eine äußere Bedingung[…]die ein Individuum gewöhnlich zu meiden sucht[…]“ (S.69). Zudem hebt er hervor, dass äußere Bedingungen, die so genannte „Frustrationssituation“, und innere, subjektive Wahrnehmungen, das so genannte „Frustrationserlebnis“, beschreiben (S.68). Eine genauere Beschreibung von Noltings Darlegung würde an dieser Stelle jedoch zu weit führen, aber grundlegend, und für diese Ausarbeitung von Nutzen, sind folgende Bedingungen, welche eine nachweislich aggressive Reaktion auf ein aversives Ereignis erwarten lassen. Zum einen kann Frustration zu einem aggressiven Verhalten oder einer vergleichbaren Emotion führen, wenn ein Individuum Situationen als „ungerecht, willkürlich, rücksichtslos[…]“ (S. 89) empfindet und lediglich geringe Hemmungen verspürt. Zum Anderen kann Frustration, oder die gegebene Situation, als „lästig“ oder „negativ“ bewertet werden und ein „negativer Effekt“ wird letztlich durch „impulsive Aggression“ ausgedrückt (Ebd.). Sicherlich, so lässt sich einwenden, gibt es Situationen, in welchen Frustration nicht zu zwangsläufiger Aggression führt, aber folgenlos bleibt diese subjektive Empfindung sicherlich nicht. Da die Begriffe von Aggression und der Ausdruck von aggressivem Verhalten bereits häufig verwendet wurden, soll sich nun im weiteren Verlauf mit ihrer Definition und Erklärungsversuchen befasst werden.

2.3 Aggression und aggressives Verhalten

Dass eine dünne Grenze zwischen Aggression und Aggressivität besteht, wird erst bei genauer Betrachtung deutlich, denn häufig werden beide Begriffe synonym verwendet. Grundlegend kann zunächst festgehalten werden, dass „das Durchsetzen von eigenen Interessen[…]“ stets im Fokus von aggressivem Verhalten steht (Wahl 2009, S. 81). Um jedoch den besagten Unterschied hervorzuheben, hat sich unter anderem bereits Friedrich Hacker (1971) mit einer verständlichen, jedoch weit gefassten Definition des Aggressionsbegriffs beschäftigt. So verstehen wir „Aggression als jene dem Menschen innewohnende Disposition und Energie, die sich ursprünglich in Aktivität und später in den verschiedensten individuellen und kollektiven, sozial gelernten und sozial vermittelten Formen von Selbstbehauptung bis zur Grausamkeit ausdrückt“ (S. 80). An dieser Stelle sei ergänzend auch die von Herbert Selg (1974) vorgelegte Definition zu erwähnen, denn er spricht von einer „offenen (körperlich, verbal) und verdeckten (phantasiert) sowie positiv (von der Kultur gebilligt), aber auch negativ [en] (missbilligt)“ (S. 16) Form von Aggression. Diese konkretisierte Darstellung ist von großer Bedeutung, denn es wird deutlich, dass das Verständnis von Aggression eine Frage der Konstellation der gegebenen Umstände und der subjektiven Wahrnehmung von Individuen ist. Auch Nolting (2004) wirft im Zuge dieser Definitionsproblematik die Frage nach dem öffentlichen Verständnis auf. So ist die erhobene Hand des Vaters gegen seinen sich ins Unglück stürzenden Sohn als eher positiv zu werten, wohingegen ein willkürlicher Angriff auf einen Mitschüler als sehr negativ behaftet angesehen wird (Eig. Beispiel, vgl. S. 28). Knüpft man in diesem Zusammenhang an den Gegenstand der Subjektivität an, so wird die Tatsache deutlich, dass Aggression und Aggressivität nicht zu vereinheitlichen sind. Denn, so beschreibt Nolting (2004): „Nicht jedes aggressive Gefühl drückt sich in aggressivem Verhalten aus, und nicht jedes aggressive Verhalten beruht auf aggressiven Gefühlen[…]“ (S. 30). So empfiehlt er gleichermaßen in seinem Werk, dass der „Begriff der Aggression der Verhaltensebene vorbehalten bleiben […]“sollte, da es letztlich allein auf die „Intention“ ankommt (S. 31). Aber wie lässt sich nun der Begriff der Aggressivität von dem der Aggression abgrenzen? Norbert Myschker (1993) beschreibt Aggressivität als eine Verhaltensbereitschaft, die auf einer reduzierten Kontrolle von Emotionen basiert (Vgl. S. 447). Im Gegenzug sind Aggressionen „destruktive Verhaltensweisen, die mit den Grundemotionen Ärger, Wut, Hass, Zorn oder einer entsprechenden Gestimmtheit zusammenhängen“ (Ebd.). Um an dieser Stelle einen Rückbezug zu der anfänglichen Fragestellung herzustellen, lässt sich verdeutlichen, dass (unter Einbeziehung der vorangegangenen Ergebnisse) eine deutliche Problematik in Bezug auf eine vorschnelle Verurteilung von dem Standardprofil junger Gewalttäter/Mobber besteht, denn sie handeln situativ und drücken Emotionen in ihrem Handeln aus. Im Kontext der Arbeit lässt sich aber ebenso verdeutlichen: „Mobbing ist eindeutig ein aggressives Verhalten, aber nicht alles aggressive Verhalten ist Mobbing“ (Steinhausen 2006, S. 38). Die nun folgenden Auszüge der Ursachenforschung dienen als Exkurs und sollen den definitorischen Teil abschließen.

2.4 Auszüge der Ursachenforschung

Die Ursachen für (triebhaftes) menschliches Fehlverhalten sind mannigfaltig und aus nahezu allen wissenschaftlichen Blickwinkeln zu betrachten. Lenkt man den Fokus auf die Sichtweisen der Psychoanalyse, so stößt man auf einen Aufsatz von Freud(1930), welcher damals „von der angeboren Neigung des Menschen zum „Bösen“, zur Aggression, Destruktion und damit zur Grausamkeit“ ausgeht (Freud 1930, zit. nach Nolting 2004, S. 52). Auch aus ethnologischer Sichtweise wird sich mit dem Ursprung aggressiven Verhaltens befasst. So wird unter den Vertretern der Verhaltenstheorie vom Tier zum Menschen geschlossen. Diese zitiert Nolting (2004) nach Lorenz: „Die Spontaneität des Instinktes ist es, die ihn so gefährlich macht. Wäre er nur eine Reaktion auf bestimmte Außenbedingungen…dann wäre die Lage der Menschheit nicht ganz so gefährlich wie sie tatsächlich ist“ (S. 59). Es scheint demnach so, als summieren sich aggressive Impulse, welche sich an einem bestimmten Punkt entladen. In der empirischen Aggressionsforschung spielt der Faktor des Lernens eine maßgebliche Rolle. Es ist hierbei kein Geheimnis, dass speziell Kinder und Jugendliche maßgeblich von Lernprozessen begleitet und geprägt werden. Aufgrund dieser Tatsache soll speziell auf drei, wenngleich mit einander verflochtenen Lerntypen, eingegangen werden, welche Nolting (2005) zusammengefasst hat. Zum Einen ist das „Lernen am Modell“ eine unabdingbare Komponente in der Entwicklung und häufig auch Erzeuger von aggressiven Verhaltensweisen, denn wenn in dem sozialen Umfeld eines Kindes Aggressivität vorgelebt wird, und sei dies „lediglich“ im Erziehungsverständnis, so fungiert dieses Handeln als Modell und dient demnach als Vorlage (S. 84). In den vergangenen Jahren wurde paradoxerweise auch von den gängigen Medien eine Position eingenommen, welche bei „gehäuften Gewaltdarstellungen[…]eine[n] Risikofaktor[…]“darstellen (Selg 1997, zit. nach Nolting 2005, S. 91). Das Lernen an Erfolg und Misserfolg, oder auch das Lernen am Effekt, verfügt ebenso über einen zentralen Charakter, denn wenn ein Individuum feststellte, dass es mit aggressiven Handlungen Erfolg verzeichnen konnte, so wird es erneut diese Handlung wählen. Im Falle von Mobbinghandlungen ist diese Erkenntnis sicherlich ein Grund für eine länger andauernde Schikane, sofern keine Reaktion erfolgt, welche es unterbindet. Diese „Nutzeffekte als Erfolg aggressiven Verhaltens“ beinhalten das Durchsetzen von eigenen Wünschen, das Gefühl von Macht, materiellen Gewinns, Beachtung und Anerkennung sowie als Schutzmaßnahme (Nolting 2005, S. 94). Auch emotionale Effekte nehmen einen großen Raum in der Durchführung von Aggressivität ein. So beschreibt Nolting subjektive Gefühle wie die einer positiven Selbstbewertung, Genugtuung und Stimulierung. Überträgt man das bisher dargelegte auf aktuelle Fälle, so lassen sich sicherlich einige Verhaltensmuster deuten und erklären, jedoch selbstverständlich nicht legitimieren. Um diesen Aspekt zu untermauern, dient der letzte Typus. Es handelt sich um das „kognitive Lernen“, welches im Gegensatz zu jenen beiden vorangegangenen Lerntypen bewusst stattfindet. Situationen werden interpretiert und bewertet und letztlich das eigene Handeln konkret ausgerichtet (S. 101).In Bezug auf Vorurteile und Abneigung gegenüber einem Mitschüler lässt sich aggressives Verhalten dahingehend ableiten, dass Individuen jene Denkmuster verinnerlichen und sich in bestätigenden Situationen zum Handeln gemäß ihrer Empfindung verleiten lassen. Lernen steht daher nicht immer zwangsweise für den Erwerb von Wissen, sondern gleichermaßen für das Abrufen von gelernten Handlungsmustern. Der von Martin (2003) benannte „Labeling Approach“ scheint in diesem Zusammenhang ebenso von besonderer Importanz zu sein, denn durch die Attribuierung von Klischees auf bestimmte Personen, in diesem Fall der Mobber, wird für das einzelnen Individuum eine Schablone erzeugt, die eine „Entfremdung von der konventionellen Gesellschaft in Gang setzt[…]was die Zuschreibung zu bestätigen scheint“(S. 75). Das Stigma wird letztlich anerkannt und eine „anomale (Gewalt)Karriere“ im Klassenverband ist versucht, ihren Verlauf zu nehmen (Ebd.).

2.5 Resümee der vorangegangenen Spezifizierungen:

Summiert man nun die Fülle der vorangegangenen Explikationen, so kann anhand des Schaubildes festgehalten werden, dass es sich bei dem Phänomen des Mobbens um eine eindeutige Gewaltanwendung handelt, wenngleich diese nicht immer mit körperlichen Schäden einher geht. Daher gilt:

„Mobbingprozesse sind durch eine interpersonale Dynamik charakterisiert, denen man nicht oder selten einfache kausale Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge zuschreiben kann“ (Gottschalk 2004, S. 20)

Mobbing wird also durch verschiedene Einflüsse generiert, die zu aggressiven Verhaltensweisen führen[können] und sich in Gewalt ausdrücken. Im Folgenden soll nun bereits bestehendes empirisches Datenmaterial vorgestellt werden, welches das Ausmaß an Gewalterfahrungen im nationalen Rahmen darstellt. Diese Auswertung dient letztlich der Annäherung an die Thematik der Täter/Opfer-Typisierung.

3.0 Stand der Forschung- Ein Auszug aus empirischem Datenmaterial

Dass es sich bei einem Mobbingprozess um eine eindeutige Form von Gewalt handelt, konnte im vorangegangenen Teil deutlich dargestellt werden. Bevor jedoch auf die genaue Typisierung der Täter/Opferrolle eingegangen werden soll, richtet sich der Fokus zunächst auf Befunde von Studien der Auftretens-häufigkeit von Gewalterfahrungen. Hierbei gilt der norwegische Psychologe Dan Olweus in zahlreichen Publikationen als Vorreiter in diesem Forschungsfeld, denn sein „Bully/Victim Questionnaire“ förderte in den 1980er Jahren zu Tage, dass „Gewalt ein erhebliches Problem in norwegischen Schulen darstellt“ (Olweus 2006, S. 26) In seiner überarbeiteten Monographie behandelt er seine eigenen Forschungsergebnisse bezüglich der Häufigkeit von Gewaltopfern und Tätern. Demnach seien 5-10 Prozent aller befragten Schüler/innen Täter oder Opfer von Gewalt (S.38). Da diese Befunde temporär weiter zurück liegen, soll die tabellarische Zusammenfassung von Scheithauer et al (2003) zunächst der Darstellung von nationalen Auftretenshäufigkeiten des Bullyings dienen. Um diese Ergebnisse kompakt darzustellen, wurde die Originaltabelle verändert und indirekte Beteiligung ausgelassen.

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Details

Seiten
31
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656475835
ISBN (Buch)
9783656476474
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v231662
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld
Note
2,3
Schlagworte
mobbing sozialraum schule

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Titel: Mobbing im Sozialraum Schule