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Die Einheit des Judentums in der Sicht Leo Baecks

Seminararbeit 2013 38 Seiten

Judaistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Lehre Baecks über die Einheit des Judentums
2.1 Zentrale Einheitsaussagen Baecks
2.2 Die Baeck’sche Einheitskonzeption

3. Kritische Würdigung des Baeck’schen Einheitsverständnisses
3.1 Der Ursprung des Judentums als Einheitsquelle
3.2 Das Einheitsstreben des antiken Judentums, insbesondere die Einheitsthese des Josephus Flavius, als Grundlage der Sicht Baecks?
3.3 Die Einflusslosigkeit der mittelalterlichen jüdischen Einheitsbemühungen auf das Baeck‘sche Einheitsdenken
3.4 Wendepunkt Aufklärung als Unterschied zwischen der antiken und der Baeck’schen Einheitssicht
3.5 Das Judentum des 19. Jahrhunderts prägende Entwicklungen als Anlass des Einheitsdenkens Baecks
3.5.1 Zunehmendes Auseinanderbrechen der Einheit
3.5.2 Jüdischer Einheitsdiskurs

4. Fortgeschrittene Säkularisierung und Antisemitismus als unmittelbare historische Hintergründe des Baeck’schen Einheitsdenkens

5. Kann das Baeck‘sche Einheitsverständnis noch heute zur Einheit des Judentums beitragen?

6. Ausblick auf die zukünftige Einheit des Judentums und zusammenfassender Schluss

7. Thesen

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Begriff ‚Judentum‘ entstand im 2. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung unter Antiochus IV. Epiphanes (215 - 164) als sprachliche Kennzeichnung derer, die am traditionellen jüdi­schen Glauben und an der jüdischen Praxis, wie sie vor allem durch Beschneidung und Beachten der Speisegebote ver­wirklicht wurde, festhielten.[1] Die traditio­nellen, in religiösen Texten vorherrschenden Selbstbezeichnungen für eine ethnische wie religiöse Einheit, die man in religiöser Hinsicht Judentum nennen kann, sind ‚Israel‘ und ‚Israeliten‘ beziehungs­weise ‚Söhne Israels‘. Für diese Gesamtheit gibt es im Hebräischen seit der Spätantike den über­greifenden Begriff ישראל כנסת (kenäsät Jiśra’el ; Versammlung Israels).[2] Judentum im engeren Sinn meint entsprechend die Religion der Juden.[3] Doch das Judentum gibt es nicht[4] und gab es auch früher nicht[5]. Das Judentum war und ist vielfältig und keine Einheit.[6] Viel­mehr gehört der Pluralismus zum Judentum seit seinen An­fängen als Religion Israels,[7] womit Verschiedenheit geradezu ein Charakteristikum des Judentums ist[8].

Wie formulierte der international angesehene deutsche Rabbiner Leo Baeck (1873 - 1956) an­gesichts dieser Vielfalt in der sich zunehmend säkularisierenden und damit pluralisierenden Welt seiner Zeit dennoch eine bleibende Einheit des Judentums? Worin sah er dessen dau­er­hafte Ein­heit? Worin unterscheidet sich Baecks Einheitsdenken von früheren jüdischen Ein­heits­­thesen? Was beeinflusste es wohl? Was sind seine histo­rischen Hintergründe? Was be­deutet das Einheitskonzept Baecks für den zukünftigen jüdi­schen Ein­heits­diskurs? Diesen Fragen stellt sich im Folgenden die vorliegende Studienarbeit.

2. Die Lehre Baecks über die Einheit des Judentums

2.1 Zentrale Einheitsaussagen Baecks

Baeck setzte sich in seinen Werken mehrmals mit der Einheit des Judentums auseinander, wo­bei er seine Sicht dieser Einheit besonders in seinen beiden Hauptwerken ‚Das Wesen des Ju­dentums‘ (1905 [Erstauflage] beziehungsweise 1926 [überarbeitete Fassung]) und ‚Dieses Volk‘ (1955/57) darlegte. Der erste Abschnitt von ‚Das Wesen des Judentums‘ beschäftigt sich sogar namentlich mit der dynamischen Beziehung zwischen der Einheit des Judentums und der ständigen Entwicklung innerhalb des Judentums.[9] Da in der Einheitslehre Baecks keine grösseren Entwicklungstraditionen auszumachen sind, wird sie im Folgenden inhaltlich thematisch geordnet summarisch dargestellt.

Für Baeck haben die vielgestaltigen Gebiete, die schwankenden Zeiten des Judentums eine Einheit ihres Denkens und Empfin­dens.[10] Das Judentum bezeichne durch deren Bewusstsein etwas Bleibendes, Wesentliches, welches allen Juden gemein­same religiöse Heimat sei.[11] Die­se Einheit gründe in der gemeinsamen Abstammung von den Vätern des Judentums, Abra­ham, Isaak und Jakob, und dem gemeinsamen Glauben an ihren Gott, im Bewusstsein, als ihr Nachkomme ihr Erbe zu sein. Einen sicheren geschichtlichen Boden habe diese Einheit schon in dem Volkstum gehabt, aus dem das Judentum emporgewachsen sei, und in dem es seine starken Wurzeln behalten habe.[12] Denn die Einheit habe bereits bei den zwölf Stämmen des Volkes Israel begonnen, für welche sie laut Baeck zu einer Aufgabe, zu einem Weg der Ge­schichte wurde. Als die Stämme des Volkes Israel in das Land gekommen seien, fanden sie hier Baeck zufolge einen erwählten Boden auch für die Einheit, zu der sie erwählt gewesen seien. Dieses gegliederte und doch geschlossene Land habe einen oft fast trotzigen Willen zur Sonderung und Gliederung sowie einen noch trotzigeren Willen zur Geschlos­senheit und Einheit gepflegt. Diesen Widerspruch habe die Persönlichkeit dieses Volkes in sich aufge­nommen und ihn zu einer Kraft, zu einem inneren Reichtum werden lassen.[13] Es sei be­wun­dernswert, dass die zwölf Stämme ein einheitliches Volksgebilde ge­worden und ge­blieben seien. Wenn diese Einheit erhalten geblieben sei, so habe dies zwei Gründe gehabt:[14] Einer­seits sei die Einheit des Volkes durch die Einrichtung des Richters (schofet [ שפט]) gewähr­leistet gewesen, der auf den von Moses eingesetzten Nachfolger zurückgegangen und von den Stämmen als Oberhaupt anerkannt gewesen sei.[15] Andererseits sei, wenn die Einheit des Lan­des gewahrt geblieben sei und damit die Einheit des Volkes ihren Ausdruck gefunden habe, das ebenso sehr wie der Einrichtung des Richtertums dem einen Heiligtum mit der Bundes­lade zuzu­schreiben, das Mittelpunkt dessen geblieben sei, was Moses gelehrt und verkündet habe.[16] Eine Einheit des Volkes Israel sei da gewesen, die im Religiösen und in einer Rechts­gemein­schaft begründet gewesen sei.[17] Samuel habe gesehen, dass ein Königtum eingesetzt werden müsse, um die Einheit des Volkes Israel zu sichern.[18]

‚Thora im Mündlichen‘ ist Baeck zufolge die sich immer erneuernde Kraft gewesen, welche die Verschie­denheiten und Gegensätze, die ein bewegtes Jahrtausend innerhalb des Volkes Israel habe aufsteigen lassen, zusammengehalten habe vermöge des Wissens um eine Ein­heit.[19] Denn das Volk Israel, das – nach der Tempelzerstörung im Jahr 70 unserer Zeit­rech­nung – infolge des Verlustes seines alten Mutterlandes ein Volk von Kolonien ohne das Mut­ter­­land geworden sei, habe seinen beständigen geistigen Mittelpunkt in der ‚Thora im Münd­lichen‘ gehabt, so dass das Ganze als solches in seiner Einheit geblieben sei.[20] Zudem sei dem Genius des Volkes Israel die eigentümliche Gabe beschieden gewesen, in den Zu­sammen­hang von Räumen und Zeiten hineinzublicken, im Einzelnen und trotz des Einzelnen das Ganze zu erfahren und so Einheit zu erkennen, was ein tiefer Sinn von ‚Thora‘ sei. Viel­leicht am tiefs­ten erlebe es der Betende, da er einer grossen Einheit unter den Vorfahren, den Jetzi­gen und den Nachkommen bewusst werde.[21] Obwohl die Zerstreuung der Juden vielfach nicht nur schei­dend, sondern auch auflösend gewirkt habe, hat sich gemäss Baeck das Judentum seine Ein­heit aber ohne Abwendung von der übrigen Welt, ohne Einsamkeit eines weltfremden Da­seins, und ohne die zusammenhaltende Macht einer kirchlichen Glaubens­ver­fas­sung ge­wahrt,[22] ohne die Bestimmtheit einer um­schrie­benen, stetigen Glau­benslehre und ohne eine si­cher auf­gebaute Bekenntnisformel.[23] Vielmehr sei die Religionsphilosophie ge­bliebene jüdische Glau­benslehre das ideelle Dasein der Gesamt­heit derer und die Angelegen­heit aller gewesen, die sich bewusst gewesen seien, zur jüdischen Gemeinde zu gehören.[24] Der Wille und die Über­­zeu­gung, dem Judentum anzugehören, sei das Eigentliche und Be­stimmende ge­blieben.[25] Die Einheit der Glaubensgemeinde sei im Judentum nicht in Frage gestellt wor­den.[26] Die Ein­heit des religiösen Besitzes in Form eines ‚Reichs von Priestern‘ sei dem Juden­tum wesent­lich.[27] Es habe die Grundlage einer einheitlichen Organisa­tion im Synhedrion ver­loren.[28]

Laut Baeck gibt ein stetiger Zusam­men­hang, eine Kontinuität verschie­dener Epochen der Ge­schichte des Judentums ihren einheitlichen Charakter.[29] Dabei sei beides, der kanonische Cha­rakter, den die Bibel erhalten habe, wie auch die massgebende Autorität, die der Talmud er­wor­ben habe, für das Gleichgewicht in der Geschichte des Judentums, für ihre sichere Stetig­keit ganz wesent­lich gewesen und geblieben.[30] Immer in der Geschichte des Volkes Israel habe es sich erwiesen, dass die Besonderheiten hier zur Einheit würden, ja dass sie erst die Ein­heit begründeten und verbürgten.[31] Auf diese stetige historische Einheit in Vielfalt weist Baeck immer wieder und in mehreren Beispielen hin, sucht er sie dem Leser zu vermitteln: Einst sei trotz aller grundsätzlichen religiösen Einheit das alexandrinische Judentum ein an­deres als das palästinensische und dieses wiederum nicht dasselbe wie das babylonische ge­wesen.[32] Wenn die jüdische Gesamtheit des Mittelalters nicht nur die Einheit des Rechts, son­dern auch die Einheit der wesentlichen Lebensrichtung besessen habe, sei dies auf die Ver­fassung zurückzuführen, die sich die Gemeinde des Judentums und in gewissem Sinn das Le­ben des Juden seit dem Ausgang des Altertums Baeck zufolge bereiteten.[33] Insbesondere seien im dritten Jahrtausend des Volkes Israel die Aschkenasim und die Sephardim trotz einer viel­fach verschiedenen Entwicklung stets ohne Zweifel und Schwanken in der Einheit der Exi­stenz geblieben.[34] Laut Baeck haben sie sich zu einer organischen Einheit des Ganzen zusam­mengefügt[35] und nie darin geschwankt, sich als eine Einheit vermöge der Vergangenheit, kraft der Gegenwart und kraft des Willens zur Zukunft zu em­pfin­den und zu erkennen[36]. Auch in den Jahrhunderten, welche gemäss Baeck in den zwei getrennten Imperien der Aschkenasim und Sephardim zu leben verlangt sowie hier und dort Besonderheit entwickelt haben, sei die Einheit in aller ihrer Ausser­ordentlichkeit die grosse Selbstverständlichkeit geblieben.[37] Das Volk Israel habe seine Einheit als Gewissheit seines Lebens und als Verbürgung seiner Zu­kunft empfunden.[38] Dabei sei von den grossen, universalen Persönlichkeiten des Geistes, des Charakters und des Handels eine Kraft der Einigung ausgegangen. Der Wille zu einigen habe sich in diesen Männern in jedem von ihnen innerhalb seines eigenen Bereichs geoffenbart.[39] Die durch den Osten, Westen, Norden und Süden vielfach verschieden gewordenen jüdischen Menschen des Mittelalters haben nach Baeck in der Einheit gelebt. Denn aus seiner Sicht ha­ben sie, wo immer, wie immer und wie gesondert auch immer sie gewesen seien, sich in dem ganzen ‚Haus Israel‘, in der einen Existenz und der einen Geschichte gewusst und zu dem ‚Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs‘ gebetet.[40] In der Einheit der Kultur des jüdischen Mittelalters sei eine stetige Einheit der talmudischen Wissenschaft, der Traditionswis­sen­schaft entwickelt worden.[41] Diese alte Einheitskultur sei ein Jahrtausend hindurch lebendig und wirksam gewesen.[42] Im Judentum des 18. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung habe sich dann der alte religiöse Daseinskreis, in dem die Einheitskultur ihren geschlossenen Bezirk besessen habe, mehr und mehr aufzulösen begonnen.[43] Die am Ausgang des 18. Jahrhunderts für die Juden Mittel- und Westeuropas begonnene neue Zeit habe allmählich und unwider­stehlich die geschlossene Einheitskultur aufgelöst.[44] Nachdem sich dieses einheitliche Gefüge im 19.Jahrhundert oft verändert, wenn nicht gar aufgelöst habe, habe jene alte Einheitskultur nun aufgehört.[45] Sie habe sich im Judentum des 19. Jahrhunderts aufgelöst, indem sich die Bildung, das Recht, der Lebens­stil und, durch die Aufklä­rungs­ideen, in gewissem Mass auch die Religion säkularisierten.[46] Die alte Einheitskultur sei in dem Neuen verschwunden oder habe sich wenigstens darin abgeschwächt.[47] Heinrich Graetz habe als erster versucht, die Geschichte der Juden als Einheit zu schreiben,[48] und sei ein Führer zur Einheit insbesondere dadurch geworden, dass er in jeder Zeit das Ganze zu erfassen vermocht habe.[49] Gemäss Baeck blieb die Einheit der Geschichte des Volkes Israel immer bestehen.[50] Bei aller Ge­meinschaft im Geistigen und nicht unwesentlich im Blut trete zwar innerhalb der Gesamtheit des Judentums dieses Mannigfaltige und Verschie­denartige, wie es durch die einzelnen histo­rischen und kulturellen Bezirke geschaffen worden sei, nicht weniger als in anderen uni­versellen Religionen hervor.[51] Das Judentum habe indessen darin seine historische Einheit, dass die Idee vom Eintreten des Unendlichen, des Transzendenten in das Endliche, in das Mensch­liche immer wieder verlebendigt, immer neu geformt worden sei und ihre Re­naissance er­fahren habe.[52] Diese immer neue Verlebendigung des Grund­gedankens sei diese innere ge­schichtliche Einheit.[53] Das jüdische Volk sei oft und in so manchem Lande zerteilt und auseinandergerissen worden, habe jedoch vor keiner Teilung und keiner Zerreissung kapi­tu­liert. Es sei immer, oder wenigstens in seinen besten Zeiten, ein Volk mit einer Idee, einem Glau­ben gewesen.[54] Konflikte, die bis an die Prinzipien des Glaubens herangedrungen und in denen Auto­ritäten gegeneinander angetreten seien, haben Baeck zufolge in man­chen Zeiten die Gemeinde zerreissen, letztlich die Einheit des Judentums aber nicht bedrohen können.[55] Laut Baeck haben die jüngsten Jahrzehnte – er hielt dies im Jahr 1935 fest – die Wiedergeburt einer Einheit aus dem Judentum hervor erfahren.[56]

Als Muster für die in der Gemeinde gelebte jüdische Einheit betrachtete Baeck offensichtlich die sogenannte Einheitsgemeinde. In dieser seien die treibenden und die beharrenden Kräfte, die autoritativen und die suchenden Elemente zu einer wesentlichen Einheit verbunden; das Be­wusstsein der grossen Gemeinschaft und der gegenseitigen Verantwortlichkeit werde immer wieder lebendig ge­macht. Die Einheitsgemeinde fordere dafür von jeder Gruppe eine gewisse Rücksichtnahme auf dieses Gesamtempfinden und damit auf die andere Gruppe; Ex­treme nach der einen oder anderen Seite hin müssten ihr fern bleiben.[57]

2.2 Die Baeck’sche Einheitskonzeption

Laut Baeck haben die Juden eine einheitliche Religion[58] – ist das Judentum in religiöser Hin­sicht also einheitlich – und sind sie durch Gottes Gebot[59] über die Grenzen hinweg eine Ein­heit[60]. So betrachtete er nicht nur die Religion des Judentums, sondern auch seine Ge­schich­­te und seine fortdauernde Existenz in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als eine Einheit,[61] wobei er insbesondere das Volk Israel und das Judentum als Einheit sah.[62] Die jü­dische Welt habe sich in allem Wechsel, in der Veränderung trotzdem und immer durch die weiten Zeiten und die verschiedenen Räume hin ihre wesentliche Einheit bewahrt.[63] Da die Einheit des Judentums aus der Sicht Baecks in aller Entwicklung fortdauerte,[64] behauptete er auch für die wechselreiche Geschichte des Judentums eine Einheit.[65] Gemäss dem Grund­gedanken Baecks sind die Juden nämlich un­tereinander aufgrund der Überzeugung, Nachfah­ren Abrahams, Isaaks und Jakobs zu sein, denselben Gottesglauben zu haben und zur jüdi­schen Gemeinde zu gehören, durch ein einheitsstiftendes Denken und Empfinden so­wie das Be­wusst­sein darum verbunden, während der nähere Inhalt dieser Bande einem Ent­wick­lungs­prozess unterworfen ist. Die umfassende, insbesondere geschichtliche Einheit des Juden­tums ist im Kern religiös begründet. Einigender innerer, kontinuitätsstiftender Zu­sam­menhalt in der jüdischen Ge­schich­te sind laut Baeck die Bi­bel (insbesondere die Thora) und der Tal­mud geworden, wobei der Bibel die grundlegend einheits­be­gründende Rolle zukomme, die Erzäh­lung von den Stamm­vätern Israels und damit des mo­no­theistischen Gottesglaubens Ab­rahams, Isaaks und Jakobs durch die Zeiten zu tragen. Entsprechend betrachtete Baeck das Judentum in all seiner Divergenz stets als eine Einheit,[66] wobei er die einzelnen Strö­mungen nur als Nuancen des ei­nen Judentums ansah.[67] Er sprach vom ‚gros­sen Judentum‘ als Reli­gion, die alle Juden der Welt vereinte, und von den ‚kleinen Ju­dentümern‘, das heisst den Un­ter­schieden zwischen den Juden, die ihren Ausdruck in Ad­jektiven wie ‚orthodox‘, ‚konser­vativ‘, ‚liberal‘ und ‚re­formiert‘ fanden.[68] Dabei konnte er auf­grund seines persön­li­chen Be­achtens der (religiösen) Bräuche insbesondere die allumfassende Einheit der jüdischen Ge­meinde unterstreichen und seine eigenen Beziehungen zu dieser Einheit.[69] Seiner Ansicht zu­folge speist sich die Einheit des Judentums daher allein aus der Ehrfurcht vor dem Plura­lis­mus.[70] Selbst für die weitver­zweigte Literatur des Judentums behauptete Baeck eine Einheit.[71] Darüber hinaus hatte er die Vision einer Einheit des Le­bens, die das Volk Israel in seiner Religion und durch sie lebt.[72] Denn nach Baeck ist die Einheit des Volkes Israel eine geschichtliche Aufgabe,[73] da die Juden um das Ziel der Erfüllung einer ethischen Ver­pflichtung vereint seien.[74] Dieses Ziel aber ist Baeck gemäss in Gottes Einheitsgebot begründet.

Baeck hat zum Teil eigene Methoden gefunden und ausgebildet, um die in jeweils neuer Inter­pretation erstandene Einheit jüdischer Geschichte zu schauen.[75] Da sich insbesondere Adolf von Har­nack (1851 - 1930) in seiner Schrift ‚Das Wesen des Christentums‘[76] – dem Refe­renz­werk von Baecks ‚Das We­sen des Judentums‘ – nicht zur Einheit des Judentums äusserte, konnte Baeck nämlich selbst von Harnack zumindest unmittelbar keine vorbestehende, für das Juden­tum taugliche Methode übernehmen. Innerhalb seines eigenen Einheitskonzepts war die Ein­heit der jüdi­schen Geschichte für Baeck von solch ernster Bedeutung, dass ihn das Prob­lem der Einheit der jüdischen Tradition, jener ‚inneren Einheit, welche Zeiten verbindet‘, fast lebens­lang beschäftigte.[77] So hat Baeck denn auch besonders in seinem letzten grossen Werk (‚Dieses Volk‘) das Volk Israel über alle Epochen seiner Geschichte hinweg als Einheit erfasst.[78] Dabei musste das Einheitskonzept Baecks, welches auf den Glauben und Gemein­sinn des Einzeljuden aufbaut, das Volk Israel – und damit das Judentum – als eine Ganzheit darstellen, in dem ein gleicher Prozess wie beim einzelnen Juden erkennbar ist[79]. Backs sub­jektbezogenes Einheitsdenken ist liberal – es setzt kei­ne Glaubensverfassung, keine festge­legte Glaubenslehre beziehungsweise Bekenntnisformel sowie kei­ne Abgrenzung von der Welt als einen­des Band voraus – und entsprechend weitgehend in­halts­offen, konfessions­um­fassend. Als einende Bande genügen Baeck der gemeinsame Gottesglaube, die gemein­same Abstammung und der Wille zur Gemeindezugehörigkeit. Für Baeck ist ein jüdisches Volk ohne den es steu­ernden, es zu einer Einheit bindenden Geist entsprechend ein Unding, das er überhaupt nicht in Betracht zu ziehen braucht.[80]

[...]


[1] Frankemölle, Frühjudentum, 30 mit Hinweisen.

[2] Maier, Judentum, 18.

[3] Solomon, Judentum, 12.

[4] Frankemölle, Frühjudentum, 27, und Stemberger, Religion, 8.

[5] Frankemölle, Frühjudentum, 27.

[6] Vgl. Frankemölle, Frühjudentum, 27 f. mit Hinweisen.

[7] Sigal, Judentum, 13.

[8] Sigal, Judentum, 68.

[9] Friedlander, Leben, 78.

[10] Baeck, Wesen, 1.

[11] Baeck, Wesen, 1 f.

[12] Baeck, Wesen, 2.

[13] Baeck, Volk, 130.

[14] Baeck, Periode, 293.

[15] Baeck, Periode, 293 f.

[16] Baeck, Periode, 294.

[17] Baeck, Periode, 295.

[18] Baeck, Periode, 292.

[19] Baeck, Volk, 208.

[20] Baeck, Volk, 245.

[21] Baeck, Volk, 235.

[22] Baeck, Wesen, 2.

[23] Baeck, Wesen, 4.

[24] Baeck, Wesen, 4.

[25] Baeck, Wesen, 7.

[26] Baeck, Wesen, 46.

[27] Baeck, Wesen, 44.

[28] Baeck Leo: Orthodox oder ceremoniös?, in: Meyer, Briefe, 29-35, 29.

[29] Baeck, Wesen, 15.

[30] Baeck, Wesen, 17.

[31] Baeck, Volk, 259.

[32] Baeck, Wesen, 71.

[33] Baeck, Theologie, 57.

[34] Baeck, Volk, 262.

[35] Baeck, Volk, 262.

[36] Baeck, Volk, 263.

[37] Baeck, Volk, 264.

[38] Baeck, Volk, 265.

[39] Baeck, Volk, 266.

[40] Baeck, Volk, 273.

[41] Baeck, Mensch, 243.

[42] Baeck, Theologie, 50.

[43] Baeck, Gemeinde, 218.

[44] Baeck Leo: Die religiöse Erziehung, in: derselbe, Untersuchungen, 357-376, 363.

[45] Baeck, Mensch, 244.

[46] Baeck, Theologie, 50.

[47] Baeck, Gemeinde, 219 f.

[48] Baeck Leo: 2. Vorlesung am 14. Juni 1956: Moses Heß, in: Baeck, Mendelssohn, 174-184, 177.

[49] Baeck, Volk, 343.

[50] Baeck, Volk, 364.

[51] Baeck Leo: Volksreligion und Weltreligion, in: Licharz, Wege, 154-166, 156 f.

[52] Baeck, Theologie, 55 f.

[53] Baeck, Theologie, 56.

[54] Baeck Leo: Israel und das deutsche Volk, in: Friedlander/Klappert, Schoa, 49-61, 59.

[55] Baeck Leo: Jüdische Anerkennung individueller Glaubensauffassung, in: Meyer, Briefe, 165-169, 168.

[56] Baeck, Mensch, 244.

[57] Baeck Leo: Das Zusammensitzen von Männern und Frauen in der Synagoge Prinzregentenstrasse in Berlin, in: Meyer, Briefe, 507-511, 511.

[58] Baker, Hirt, 89.

[59] Baker, Hirt, 79.

[60] Baker, Hirt, 79, und Lewin, Baeck, 87.

[61] Baker, Hirt, 87.

[62] Friedlander, Leben, 234 mit Hinweis.

[63] Mayer, Christentum, 30 mit Hinweis.

[64] Friedlander, Leben, 79.

[65] Mayer, Christentum, 28.

[66] Heuberger Rachel: »Weshalb soll der Mensch nur eine Richtung haben?« Leo Baecks Studium und Rabbi­ner­tätigkeit in den Jahren 1891 bis 1912, in: Heuberger/Backhaus, Baeck, 26-43, 29.

[67] Lewin, Baeck, 60.

[68] Erinnerung von Jakob J. Petuchowski an Leo Baeck, in: Heuberger/Backhaus, Baeck, 184-185, 185.

[69] Friedlander, Leben, 35.

[70] Homolka Walter: Leo Baeck. Jüdisches Denken – Perspektiven für heute, Freiburg i.Br. 2006, 40.

[71] Mayer, Christentum, 28.

[72] Friedlander, Leben, 209 mit Hinweis.

[73] Friedlander, Leben, 226 mit Hinweis.

[74] Baker, Hirt, 79.

[75] Mayer, Christentum, 37.

[76] Von Harnack Adolf: Das Wesen des Christentums. Herausgegeben und kommentiert von Trutz Rendtorff, Gü­ters­loh 1999.

[77] Bach, Einleitung, 213.

[78] Mayer, Christentum, 30.

[79] Vgl. Friedlander, Leben, 219.

[80] Amir Yehoshua: Religion und Nation bei Leo Baeck, in: Licharz Werner (Hrsg.): Leo Baeck – Lehrer und Hel­fer in schwerer Zeit (= Arnoldshainer Texte 20), Frankfurt a.M. 1983, 113-128, 124.

Details

Seiten
38
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656477372
ISBN (Buch)
9783656479611
Dateigröße
1.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v231711
Institution / Hochschule
Universität Luzern
Note
sehr gut
Schlagworte
Einheit Judentum

Autor

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