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Grundlagen kooperativen Verhaltens im Blickwinkel verschiedener Forschungsfelder

Hausarbeit 2012 19 Seiten

Psychologie - Allgemeine Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

ZUSAMMENFASSUNG/ ABSTRACT

1. EINLEITUNG

2. HAUPTTEIL
2.1 EVOLUTIONS- UND SOZIOBIOLOGISCHE ASPEKTE KOOPERATIVEN VERHALTENS
2.2 SPIELTHEORETISCHE ÜBERLEGUNGEN ZU KOOPERATIVEM VERHALTEN
2.3 NEUROBIOLOGISCHE GRUNDLAGEN KOOPERATIVEN VERHALTENS

3. DISKUSSION

4. FAZIT

LITERATURVERZEICHNIS

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

Zusammenfassung/ Abstract

Im Rahmen dieser Arbeit steht die Frage im Zentrum, welchen Bedingungen kooperatives Verhalten unterliegt und durch welche Parameter Kooperation beeinflusst wird. Dabei werden Theorien und Befunde verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen vorgestellt und in Zusammenhang mit der Fragestellung diskutiert.

Kooperation stellt dabei ein im Individuum angelegtes Verhalten dar, welches das Überleben in einer Gruppe oder Gemeinschaft maßgeblich bestimmt. Andererseits ist kooperatives Ver- halten eine zu erlernende Kulturleistung, die ein Individuum sich im gesellschaftlichen Rah- men erst aneignen muss. Evolutions- und soziobiologische Ansätze bieten einen Einstieg in das Verständnis der Bedeutung kooperativen Verhaltens im Sinne der Theorie der Selektion fitter Individuen und Gruppen von Lebewesen. Die Spieltheorie hingegen analysiert und dis- kutiert kooperatives Verhalten im Sinne strategischer Situationen, wobei gezeigt werden kann, dass Kooperation einen entscheidenden Vorteil für die Protagonisten mit sich bringen kann. Gleichzeitig wird Kooperation und das Erleben kooperativen und nichtkooperativen Verhaltens anderer Individuen durch neurobiologische Vorgänge beeinflusst, wie der Aus- schüttung bestimmter Neurotransmitter.

Angesichts der vorgestellten Befunde zeigt sich die Notwendigkeit eines auf Kooperation ausgelegten Lernens im gesellschaftlichen Kontext, wobei vor diesem Hintergrund Wir- kungskreise geschaffen werden müssen, die das Lernen kooperativen Miteinanders begünsti- gen.

1. Einleitung

Kooperation ist ein wichtiges Element menschlichen Zusammenleben.

Als ein soziales Wesen ist der Mensch auf soziale Interaktion und Kooperation unmittelbar angewiesen. Er ist als Individuum an die ihn umgebende Umwelt gebunden und wird gleichzeitig durch sie bedingt.

Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit der Frage, was den Menschen zu kooperativem Handeln motiviert und durch welche Parameter Kooperation bedingt und beeinflusst wird. Vor diesem Hintergrund werden zunächst Bedingungen und Gründe kooperativen Verhaltens in Bezug auf sozial- und evolutionsbiologische Annahmen betrachtet.

Im Anschluss werden spieltheoretische Modelle vorgestellt und anhand der Frage beleuchtet, wie Entscheidungen getroffen werden und wie Handlungen von Personen die Entscheidungen der anderen beeinflussen.

Schließlich werden neurobiologische Erkenntnisse beleuchtet, die ebenfalls einen wissen- schaftlichen Zugang zur Frage der Bedingungen kooperativen Verhaltens schaffen, so stehen bestimmte Neurotransmitter in Zusammenhang mit dem emotionalen Erleben im Rahmen kooperativen und nicht kooperativen Verhaltens und der Motivation, dieses Verhalten zu zei- gen. Die verschiedenen Betrachtungsweisen der Frage nach den Bedingungen von Kooperati- on werden im Anschluss diskutiert und im Kontext kooperativen Lernens bewertet, da dem Aspekt des Lernens im Rahmen kooperativen Verhaltens eine besondere Bedeutung zu- kommt.

2. Hauptteil

Menschliches Verhalten wird durch das Element der Kooperation mit anderen Individuen maßgeblich bestimmt, wobei der Mensch unmittelbar auf Interaktion und Kooperation angewiesen ist. Ein einzelnes Individuum wäre außerhalb einer Gruppe oder Gemeinschaft kaum zum Überleben in der Lage und die Fähigkeit zur Kooperation ermöglicht es ihm, sich in eine Gemeinschaft zu integrieren und aktiv an dieser mitzuwirken.

Die Frage nach den Bedingungen kooperativen Verhaltens wurde und wird vor dem Hintergrund verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen beleuchtet. Einige Erkenntnisse sollen im Folgenden vorgestellt werden.

2.1 Evolutions- und soziobiologische Aspekte kooperativen Verhaltens

In unmittelbarem Zusammenhang evolutionsbiologischer Theorien und dem Kampf ums Überleben (struggle for life) steht die Selektion der Individuen mit der größten Fitness (Darwin, 1859). Betrachtet man die Bereitschaft zu kooperativem Verhalten in Bezug auf den Aspekt der Selektion evolutionär fitterer Individuen, so kann die Bereitschaft zu kooperativem Verhalten als ein Fitnessnachteil bewertet werden. Die vorhandenen Ressourcen könnten viel effektiver für elementare, das Überleben sichernde Handlungen eingesetzt werden, wie etwa die Suche nach Nahrung oder die eines Geschlechtspartners (Spitzer, 2006).

In diesem Zusammenhang könnte ein ausschließlich auf den eigenen Vorteil bedachtes Individuum über eine höhere Fitness und damit einen Fitnessvorteil verfügen, da es mehr Nachkommen produzieren könnte und sich somit auch die Allele1, die eben dieses Verhalten hervorbringen, in der Population durchsetzen. Kooperation und soziale Verhaltensweisen müssten vor diesem Hintergrund die Fitness eines Individuums herabsetzen, da sie als eine Verschwendung eigener Ressourcen betrachtet werden kann (Spitzer, 2006).

In der Soziobiologie wird die Frage nach dem Zweck kooperativen Verhaltens und Altruis- mus2 mit der Theorie der „Kin Selection3 “ (Spitzer, 2006; Silk, 2002) beantwortet.

Die „Kin Selection“ oder Verwandtenselektion soll Vererbung kooperativen Verhaltens im Rahmen einer Theorie der Gesamtfitness erklären, wobei das Ausmaß kooperativen Verhaltens unmittelbar mit dem Verwandtschaftsgrad eines Individuums in Zusammenhang steht. Ein Gen für altruistisches Verhalten setzt sich dieser Theorie zufolge durch, wenn der Reproduktionsvorteil der nahen Verwandten insgesamt größer ist, als der Reproduktionsvorteil für das Individuum. Dabei muss der aus dem altruistischen Verhalten hervorgegangene Nutzen größer sein, als die aufgebrachten Kosten (Spitzer, 2006).

Als Beispiel lässt sich anführen, dass bei einer altruistischen Handlung mit Todesfolge des altruistischen Individuums dessen Gene dennoch in der Population in Form der beschützten Verwandten fortbestehen, und dies sogar mit einer höheren Frequenz als lediglich den eigenen 100%, wenn beispielsweise mehr als zwei Geschwister vorhanden sind, in denen jeweils die Hälfte der Gene des altruistischen Individuums erhalten bleiben (ebd.). Neben der „Kin Selection“ lässt sich auch die Theorie der Gruppenselektion zur Betrachtung kooperativen Verhaltens heranziehen. Diese geht auf Charles Darwin zurück und wurde unter anderem 1994 von Wilson und Sober erweitert (ebd.).

Im Zentrum steht hier die Gruppe oder Sozialgemeinschaft von Individuen, wobei angenom- men wird, dass Lebewesen altruistisches Verhalten zeigen, wenn dies der gesamten sozialen Gruppe von Nutzen ist, die Chance auf Fortpflanzung erhöht und damit auch die Wahrschein- lichkeit der Vererbung der Gene für altruistisches Verhalten in der Population ansteigt. In Bezug auf die Selektion steht hier der Überlebensvorteil der gesamten Gruppe im Zentrum:

“This, indeed, might have been expected; for as natural selection acts through one form having some advantage over other forms in the strug- gle for existence, it will chiefly act on those which already have some advantage; and the largeness of any group shows that its species have inherited from a common ancestor some advantage in common.” (Darwin, 1859, Chapter IV)

Als Erweiterung der Erklärung kooperativen Verhaltens wird zudem die evolutive Entstehung von Warnrufen angeführt, wobei sich die warnenden Individuen zugunsten der Gruppe dem Risiko aussetzen, getötet zu werden (Spitzer, 2006).

Einen weiteren Aspekt stellt der reziproke Altruismus4 dar, der auf die Idee verweist, koope- ratives Verhalten könne sich dann durchsetzen, wenn jedes Individuum einer Gemeinschaft dieses Verhalten zeigt und jedes Mitglied davon profitiert. So zeigen beispielsweise Primaten reziproke Fellpflege und tauschen die Unterstützung in der Fellpflege gegen Sachleistungen oder Futter (Silk, 2003)5.

Neben diesen Aspekten ist zu berücksichtigen, dass auch der Status oder Ruf eines Individuums innerhalb einer Gemeinschaft eine Rolle bei kooperativen Verhaltensweisen spielt, wobei die Entwicklung eines „guten Rufes“ eines Individuums innerhalb einer Sozialgemeinschaft fortwährend durch die anderen Mitglieder ermittelt und evaluiert wird und der Status in diesem Zusammenhang auch die sozialen Interaktionen antizipiert (Spitzer, 2006). Die genannten Aspekte verweisen auf die Bedeutung kooperativen Verhaltens aus evolutionsbiologischer Sicht einerseits und im Kontext der Sozialgemeinschaft andererseits, sie erklären jedoch nicht, warum Individuen kooperatives Verhalten zeigen können, obgleich sie weder verwandt noch innerhalb einer Sozialgemeinschaft leben.

Vor dem Hintergrund der angeführten Theorien und Erkenntnisse betrachtet, hätte ein wenig kooperatives Individuum einen bedeutenden Vorteil hinsichtlich der eigenen Ressourcen bei kooperativem Verhalten eines anderen Individuums, da es selbst wenig investieren und dennoch deutlich profitieren würde.

Neben den Aspekten der Evolutions- und Soziobiologie, die sich auf die Überlebensvorteile eines Individuums in einem biologischen System konzentrieren, so bedingen Kooperation und damit auch die Rückwirkung kooperativen Verhaltens eine Reihe weiterer Zusammenhänge, die auch einer zeitgemäßen Betrachtung kooperativen Verhaltens im Rahmen unserer heutigen Gesellschaft gerecht werden.

2.2 Spieltheoretische Überlegungen zu kooperativem Verhalten

Die Erforschung experimenteller Situationen, in denen Individuen zwischen Kooperation und Nichtkooperation wählen können, führte zur Etablierung einer eigenen wissenschaftlichen Disziplin- der Spieltheorie.

Spieltheoretische Modelle beschäftigen sich mit Entscheidungssituationen, in denen der Er- folg des Einzelnen nicht nur von eigenen Handlungen und Entscheidungen bedingt wird, sondern unmittelbar vom Handeln anderer abhängt. Besondere Beachtung findet die Frage nach kooperativem Verhalten vor dem Hintergrund sozialer Interaktionen, die im Rahmen der Spieltheorie untersucht und diskutiert wird.

Das Forschungsgebiet der Spieltheorie ist thematisch in der Mathematik und Informatik ange- siedelt, wobei sich die Bedeutung spieltheoretischer Erkenntnisse weit über diese For- schungsgebiete hinaus von der Wirtschaft über Politik und Soziologie bis hin zur Psychologie erstreckt (Diekmann, 2009). Mithilfe spieltheoretischer Modelle lässt sich eine Vielzahl an Themen beleuchten, von Handelsbeziehungen und Kartellen über internationale Konflikte bis hin zu der Untersuchung der Bedingungen und Möglichkeiten sozialer Kooperation.

Ausgangspunkt spieltheoretischer Modelle sind strategische Situationen, in denen die Entscheidungen und Perspektiven der Beteiligten wechselseitig miteinander verknüpft sind (ebd.). Ausgangspunkt ist der Mensch als ein rationaler Entscheider, wobei sich Entscheidungsszenarien antizipieren lassen.

Ein grundlegendes und historisch bedeutsames Experiment stellt das sogenannte GefangenenDilemma dar. Im Zentrum stehen dabei zwei Personen, die unter dem Vorwurf, eine gemeinsame Straftat begangen zu haben, getrennt voneinander in Haft genommen werden. Beiden Gefangenen werden zwei Optionen zur Wahl gestellt. Zum Einen haben sie die Möglichkeit zu kooperieren, zum Anderen besteht die Möglichkeit, den Versuch zu unternehmen, den Komplizen zu übervorteilen und damit nicht zu kooperieren.

Dabei wird beiden Gefangenen unabhängig voneinander das Angebot unterbreitet, den Betroffenen freizulassen, wenn er als Kronzeuge den anderen durch seine Aussage belastet. Der Komplize würde in diesem Fall lebenslänglich in Haft genommen, der Betroffene käme jedoch frei. Die zweite Möglichkeit besteht darin zu schweigen, wobei ein jahrelanger Indizienprozess angedroht wird und der schweigende Akteur in dieser Zeit inhaftiert bleiben würde. Nach dem Prozess sollten die Gefangenen, in dem Fall, dass beide schweigen, jedoch freikommen, da ihnen keine Straftat nachgewiesen werden kann.

[...]


1 Allele sind die Ausprägungsformen eines Gens an einer spezifischen Stelle auf einem Chromosom.

2 Altruismus als Gegenpol des Egoismus meint, dass ein Individuum mehr Kosten als Nutzen in eine Situation einbringt, zugunsten eines anderen Individuums.

3 William Hamilton konstatierte 1964, dass sich die Fitness von Individuen erhöhen könne, wenn sie altruistisches Verhalten gegenüber ihren verwandten Artgenossen zeigen, wenn der kumulative Nutzen größer sei, als die Kosten für das altruistische Individuum (Silk, 2002)

4 Reziprozität beschreibt ein „wie-du-mir-so-ich-dir“- Prinzip, wobei das Sozialverhalten als ein Austauschprozess betrachtet werden kann, dessen Ziel in einer Kostenminimierung und Nutzenmaximierung liegt.
In der Sozialpsychologie wird in diesem Zusammenhang von der Theorie des sozialen Austausches gesprochen.
Neben der Kostenminimierung und Nutzenmaximierung bestimmten gleichzeitig Normen das Verhalten von Individuen in Bezug auf einen gemeinschaftlichen Nutzen. Diese Theorie ist im Rahmen der Rational-Choice-Theorie mit dem Paradigma des Utilitarismus zu verbinden. In den Wirtschaftswissenschaften wird in Zusammenhang mit einer Nutzenmaximierung auch vom Homo oeconomicus gesprochen (Diek- mann, 2009.; Spitzer, 2006).

5 Diese Untersuchungen wurden an nicht verwandten Primaten durchgeführt, wobei angenommen wird, dass die gezeigten altruistischen Verhaltensweisen durch Reziprozität bedingt sind (Silk, 2003).

Details

Seiten
19
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656485070
ISBN (Buch)
9783656485940
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v231761
Institution / Hochschule
Universität Bremen
Note
1,0
Schlagworte
grundlagen verhaltens blickwinkel forschungsfelder

Autor

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