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Die "Cleavage Theorie" nach Lipset und Rokkan und ihre Anwendung auf das Parteiensystem der Bundesrepublik Deutschland

Seminararbeit 2007 14 Seiten

Politik - Politische Systeme - Politisches System Deutschlands

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die „Cleavage Theorie“ nach Lipset und Rokkan

3. Die Entwicklung des Parteiensystems in der BRD nach 1945

4. Die traditionellen Cleavages in der BRD
4.1 Der Klassen Cleavage
4.2 Der konfessionell-religiöse Cleavage

5. Sozialstruktureller Wandel in der BRD
5.1 Berufsstruktureller Wandel in der BRD
5.2 Die Entwicklung der Konfessionszugehörigkeit und der Kirchenbindung

6. Die Auswirkung der veränderten Sozialstruktur auf die Cleavages in der BRD
6.1 Die Veränderung des Klassen Cleavage mit Hinblick auf die Auswirkungen bei Wahlen
6.2 Die Veränderung des konfessionell-religiösen Cleavage mit Hinblick auf die Auswirkungen bei Wahlen

7. Sozialstrukturelle Unterschiede in Ostdeutschland und deren Auswirkungen

8. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„…Es vergeht kaum eine Wahl, ohne dass anschließend das Stimmverhalten der Bürger nach sozial- strukturellen Merkmalen wie dem Berufsstatus, dem Lebensalter, der Religionszugehörigkeit oder dem sozialen Kontext aufgeschlüsselt wird“ (Schoen 2005: 136) Seymour Lipset und Stein Rokkan entwickel- ten im Jahre 1967 einen Ansatz, der davon ausgeht, dass sich entlang dieser sozialstrukturellen Merk- male Konfliktlinien, so genannte cleavages bilden. Entlang dieser cleavages richten sich Parteien aus und vertreten in der Folge die Interessen bestimmter Wählergruppen. Auch für die Bundesrepublik Deutschland1 haben sich solche cleavages herausgebildet. Da die cleavages zur Erklärung des Wahl- verhaltens der Menschen heran gezogen werden können, erscheint es als hoch interessant sich mit die- sem Thema näher auseinanderzusetzen. Im Rahmen dieser Arbeit werde ich mich mit der Entwicklung der cleavages in der BRD seit 1945 beschäftigen. Hierbei stelle ich mir folgende Frage: Bestehen die traditionellen cleavages in der BRD weiterhin; und wenn ja, in wie fern haben sich diese cleavages im Laufe der letzten Jahrzehnte verändert? Um sich dieser Frage zu nähern werde ich zunächst ein theore- tisches Grundgerüst schaffen und näher auf die cleavage Theorie nach Lipset und Rokkan eingehen. Daran folgt eine Darstellung der Entwicklung des Parteinsystems der BRD seit 1945. Diese Kenntnisse werden im Laufe der Arbeit hilfreich sein, um mögliche Veränderungen der cleavages nachvollziehen zu können. Im vierten Kapitel werde ich dann die zwei traditionellen cleavages, welche sich seit 1945 in der BRD herausgebildet haben, vorstellen. Im fünften Kapitel werde ich sozialstrukturelle Veränderungen in der BRD aufzeigen. Im sechsten Kapitel versuche ich aufzuzeigen, in wie fern diese sozialstrukturellen Veränderungen Auswirkungen auf die traditionellen cleavages hatten. Im siebten Kapitel werde ich auf- zeigen, welche sozialstrukturellen Unterschiede in Ostdeutschland bestehen und was diese für Auswir- kungen haben. Im achten und letzten Kapitel dieser Arbeit werde ich ein Fazit ziehen.

2. Die „Cleavage Theorie“ nach Lipset und Rokkan (1967)

Lipsets und Rokkans makrosoziologischer cleavage Ansatz ist einer der bedeutendsten Ansätze der empirischen Wahlforschung. Dieser Ansatz geht davon aus, dass sich im Laufe der Zeit durch Interes- sengegensätze Konfliktlinien herausbilden. Diese Konfliktlinien bezeichnet man als cleavages. Entlang dieser cleavages binden sich über die Zeit Parteiensysteme heraus. Lipset und Rokkan gehen davon aus, dass sich aufgrund der Interessengegensätze Gruppen heraus kristallisieren, welche untereinander ein gemeinsames Gruppeninteresse haben. Um diese Interessen politisch wirksam werden zu lassen, bilden sich entweder Parteien heraus oder es entstehen so genannte Wähler-Partei Koalitionen zwischen Gruppen von Wählern und Parteien. Die Folge solcher Koalitionen besteht zumeist darin, dass die Wäh- ler dieser Gruppen bei Wahlen dann auch für die Partei stimmen, mit der sie ein solches Bündnis einge- gangen sind. Dieses Verhalten ist unter dem Begriff „block voting“ (Pappi 1986: 369) bekannt. Lipset und Rokkan gehen von vier großen cleavages aus, anhand derer sich solche Koalitionen oder Parteien her- ausbilden. Diese werden an dieser Stelle nur kurz erwähnt, da auf cleavages, die in der BRD zu erken- nen sind und somit für diese Arbeit von Relevanz sind, später eingegangen wird. Die vier zentralen Kon- fliktlinien nach Lipset und Rokkan sind (Lipset/Rokkan 1967: 47): 1) Der Zentrum- Peripherie Konflikt zwischen Eliten und Minderheiten; 2) der Konflikt zwischen Staat und Kirche, beruhend auf den Macht- ansprüchen beider; 3.) der Stadt- Land Konflikt mit den unterschiedlichen Interessen von Stadt-, bzw. Landbevölkerung und 4.) der Kapital- Arbeit Konflikt zwischen Kapitalgesellschaft und Arbeitergesell- schaft. Zudem gehen Lipset und Rokkan davon aus, dass cleavages als stabilisierende Faktoren auf Parteiensysteme wirken. Neben den Wählern, die sich aufgrund ihrer Interessen zu bestimmten Parteien hingezogen fühlen, richten sich natürlich auch Parteien an den Interessen der Gruppen aus und sorgen somit auch für eine gewisse Stabilität. Inwieweit die cleavages in Bezug auf die Kräfteverteilung zwi- schen den Parteien in der BRD stabilisierend wirken wird im laufe der Arbeit geklärt werden. Um mögli- che Veränderungen besser nachvollziehen zu können, wird im Folgenden die Entwicklung des Parteien- systems der BRD seit 1945 dargestellt.

3.) Die Entwicklung des Parteiensystems in der BRD nach 1945

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war in der BRD ein stark zerklüftetes Parteiensystem vorzufin- den. So bestand der Bundestag nach der Bundestagswahl im Jahre 1949 neben den „großen“ Parteien CDU/CSU, SPD und FDP aus acht weiteren Parteien. Dies erinnerte schon stark an Verhältnisse, wie sie zu Zeiten der Weimarer Republik vorzufinden waren. Die kleineren Parteien wurden jedoch nach und nach unbedeutender, bzw. verloren stark an Einfluss. Dies kann zum einen auf die 1953 eingeführte fünf Prozent Hürde, die Parteien zum Einzug in den Bundestag berechtigte, zurückgeführt werden. Des Wei- teren verzeichnete die CDU/CSU große Stimmengewinne zwischen 1949 und 1957, was wiederum mit großen Stimmenverlusten für kleinere Parteien verbunden war. Um der drohenden Bedeutungslosigkeit zu entkommen, entstanden in der Hoffnung die fünf Prozent Hürde meistern zu können Bündnisse zwi- schen kleineren Parteien. Dies blieb jedoch zumeist ohne Erfolg und mit dem Bedeutungsverlust weiterer Konfliktlinien, an denen sich kleinere Parteien orientiert hatten, war diesen Parteien jegliche Existenz- grundlage genommen. Dies hatte die Auflösung vieler Parteien zur Folge und war gleichbedeutend mit einer sinkenden Parteienzahl, sodass man seit 1961 von einem „Zweieinhalb- Parteiensystem“ (Rudzio 2006: 122) spricht. Die Parteien die sich etabliert hatten waren die CDU/CSU, die SPD und die FDP. Der Begriff des „Zweieinhalb- Parteinsystems“ bezieht sich auf die zwei großen Parteien CDU/CSU2 und SPD, sowie die FDP, als „halbe“ Partei, welche für die Regierungsbildung, wollte man eine Große Koali- tion vermeiden, als Koalitionspartner nahezu unverzichtbar war. „Daran wird die komfortable Position der FDP im Zweieinhalb- Parteinssystem deutlich, die es ihr fast viereinhalb Jahrzehnte lang erlaubte, das Zünglein an der Waage zu spielen, und ihr weit größere Macht zuwachsen ließ, als es ihre eher beschei- denen Stimmanteile vermuten ließen“ (Falter/Schoen 1999: 456). Nach dem Ende der Großen Koalition von 1966 bis 1969 änderte die in der Opposition befindliche FDP, welche zuvor als Koalitionspartner der CDU/CSU auftrat, ihren Kurs und koalierte 1969 mit der SPD. Diese Koalition hielt bis in das Jahr 1982. 1983 zog mit den Grünen seit vielen Jahren erstmals wieder eine vierte Partei in den Bundestag ein. Das ende der DDR und die Wiedervereinigung brachten weitere Veränderungen für das Parteiensystem der BRD mit sich. Während sich ein Großteil der ostdeutschen Parteien mit den dazu gehörigen westdeut- schen Parteien vereinigte, etablierte sich mit der PDS, welche 1994 erstmal in den Bundestag einzog, eine weitere Partei. Die FDP verlor aufgrund der Etablierung von Grünen und PDS ihre Stellung als alleiniger Koalitionspartner für die beiden großen Volksparteien CDU/CSU und SPD. Und so kam es 1998 zu einer Koalition zwischen SPD und Grünen. Diese Koalition hielt bis in das Jahr 2005. Aus den Bundestagswahlen 2005 gingen mit CDU/CSU und SPD zwei nahezu gleichstarke Parteien hervor. Neben diesen schafften auch die FDP, die Grünen und die Linke3 den Einzug in den Bundestag. CDU/CSU und SPD einigten sich in der Folge auf eine Große Koalition.

4. Traditionelle Cleavages in der BRD

Unter dem begriff cleavage versteht man, wie schon angedeutet, einen durch Interessengegensätze entstandenen Konflikt, „der in der Sozialstruktur verankert ist und im Parteiensystem seine Ausdruck gefunden hat“ (Pappi 1977: 195). Für die BRD lassen sich zwei langfristige cleavages nennen, die von besonderer politischer Bedeutung sind. Dies sind der Klassen cleavage und der konfessionell- religiöse cleavage. Die Entstehung dieser cleavages und die Wähler- Partei Koalitionen, die ursprünglich aus diesen hervorgegangen sind, sollen im Folgenden vorgestellt werden.

4.1 Der Klassen Cleavage

Dieser Klassenkonflikt geht auf die Auseinadersetzung zwischen Arbeitern und Unternehmern während der Industriellen Revolution zurück. Im Zuge der Industrialisierung nahm natürlich auch der Anteil zah- lenmäßige Anteil der Arbeiter zu. Diese versuchten mehr und mehr ihre Interessen gegenüber den Un- ternehmern wirksam werden zu lassen. Die SPD gründete sich 1890 aus der Sozialistischen Arbeiterpar- tei (SAP) neu und vertrat fortan die Interessen der Arbeiter. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nahm die SPD ihre arbeit als Partei wieder auf und sah ihre Aufgabe unter anderem darin die eigenen Programme auch weiterhin an den Interessen der Arbeiter auszurichten. Dieser Wähler- Partei Koalition zwischen Arbeitern und SPD stand eine Wähler- Partei Koalition zwischen CDU/CSU und dem alten Mittelstand4 gegenüber. Inwiefern sich diese Koalitionen im Wahlverhalten niederschlugen wird im weite- ren Verlauf dieser Arbeit aufgezeigt.

4.2 Der konfessionell- religiöse Cleavage

Dieser Konflikt beruht auf der Auseinadersetzung zwischen der katholischen Kirche und dem deutschen Kaiserreich unter Bismarck Ende des 19. Jahrhunderts. Bismarck, der darauf bedacht war, den Einfluss der katholischen Kirche auf den Staat einzuschränken, hatte in der Zentrumspartei, welche die Interes- sen der Katholiken vertrat, einen politischen Gegner gefunden. Dem Zentrum standen in diesem Konflikt die Liberalen Parteien gegenüber. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sahen die Katholiken ihre Interessenvertretung in den Parteien der CDU und CSU. Die beiden Parteien hatten sich an den Interes- sen der Katholiken ausgerichtet. „Jedoch beließen sie es nicht dabei, katholische Interessenvertretung zu sein, sondern übernahmen die Funktion einer konfessionellen christlichen Sammlungsbewegung, worin sich eine Akzeptanzverschiebung von einem konfessionellen zu einem religiösen Konflikt abzeich- net“ (Falter/Schoen 1999: 457). Das sich die CDU/CSU als überkonfessionelle Partei präsentierte konnte sie in der Folgezeit auch Stimmen unter den Protestanten gewinnen. Bezug nehmend auf die Aussage von Falter und Schoen kann man sagen, dass sich der ursprüngliche Konflikt in der Folgezeit mehr und mehr zu einem Konflikt zwischen Religiösen und nicht Religiösen entwickelte.

5. Sozialstruktureller Wandel in der BRD

Die Sozialstruktur der BRD unterlag in den letzten Jahrzehnten seit Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 starken Veränderungen. Da die Sozialstruktur auch Auswirkungen auf die cleavages haben kann, er- scheint es als sinnvoll sich an dieser Stelle mit der Veränderung der Sozialstruktur auseinanderzusetzen. Hierbei erscheint es mit Hinblick auf die zwei prägnantesten cleavages in der BRD interessant sich mit dem Wandel der Berufsstruktur, sowie mit der Entwicklung der Kirchenbindung auseinanderzusetzen.

5.1 Berufsstruktureller Wandel in der BRD

Seit Mitte des 20. Jahrhunderts kam es zu großen Veränderungen in den Wirtschaftssektoren. Während die Zahl der erwerbstätigen im Agrarsektor zwischen 1950 und 1995 stark abnahm, wuchs die Zahl der im Dienstleistungssektor Beschäftigten während dieser zeit stetig. Waren 1950 noch 23% im Agrarsektor und 34% im Dienstleistungssektor tätig, so machte der Agrarsektor 45 Jahre später nur noch 3% der Beschäftigten und der Dienstleistungssektor 61% der beschäftigten aus (vgl. Bürklin/Klein 1998: 83). Der Gütersektor war bis in die siebziger Jahre der Sektor mit den meisten Beschäftigten. Dieser Sektor verlor aber im Laufe der Zeit gegenüber dem Dienstleistungssektor an Beschäftigten. Aus diesen Veränderungen der Wirtschaftssektoren ging ein berufsstruktureller Wandel hervor.

Tabelle 1: Der Wandel der Berufsstruktur (BRD, alte Bundesländer 1950-1995)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Statistisches Bundesamt, zitiert nach Bürklin/Klein (1998): 84

Anhand von Tabelle 1 ist deutlich zu sehen, wie stark der Anteil der Arbeiter und Selbstständigen zwischen 1950 und 1995 zurückgegangen ist. Waren 1950 noch mehr al die Hälfte Arbeiter, so waren es 1995 nur noch ein gutes Drittel. Genauso deutlich verringerte sich der Anteil der Selbstständigen in dieser zeit. Stark angestiegen ist hingegen der Anteil der Angestellten und Beamten. 1950 machten die Angestellten und die Beamten mit 21% noch den geringsten Anteil der Erwerbstätigen aus. Dieser Wert wuchs bis 1995 um mehr als das Zweifache, sodass mit 54% im Jahre 1995 mehr als die Hälfte der erwerbstätigen Angestellte oder Beamte waren.

5.2 Entwicklung der Konfessionszugehörigkeit und der Kirchenbindung

In den letzten Jahrzehnten ist ein Prozess der Säkularisierung zu beobachten gewesen. „Die Säkularisierung äußert sich vor allem im Rückgang der Kirchenmitgliedschaft und in abnehmender Kirchengangshäufigkeit“ (Gluchowski, Peter; Graf, Jutta; von Wilamowitz-Moellendorff, Ulrich 2002: 187). Während der verhältnismäßig gleiche Anteil zwischen Katholiken und Protestanten in den letzten Jahrzehnten keinen schwerwiegenden Wandlungen unterlag, waren große Veränderungen hinsichtlich der Intensität der Kirchenbindung festzustellen gewesen. Die Häufigkeit der Kirchenbesuche gilt als beliebter Maßstab zu Messung der Intensität der Kirchenbindung.

[...]


1 Im weiteren Verlauf dieser Arbeit wird für den Ausdruck Bundesrepublik Deutschland die Abkürzung BRD verwen- det

2 CDU und CSU sind zwar eigenständige Parteien, werden hier jedoch als Einheit betrachtet.

3 Wahlbündnis aus PDS und Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit

4 Der alte Mittelstand setzt sich aus Selbstständigen und Landwirten, sowie freien Berufen zusammen

Details

Seiten
14
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783656488392
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v232259
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
2,0
Schlagworte
cleavage theorie lipset rokkan anwendung parteiensystem bundesrepublik deutschland

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