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Familienpolitik im Ländervergleich: Deutschland und Schweden

Family policy in comparison: Germany and Sweden

Bachelorarbeit 2011 57 Seiten

Politik - Politische Systeme - Allgemeines und Vergleiche

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Familie- Definitionen und Vorstellungen

3. Das schwedische Doppelversorgermodell
3.1. Geschichte der schwedischen Familienpolitik
3.2. Steuermodell
3.3. Elternversicherung
3.4. Kinderbetreuungssituation
3.5. Beispiel: Familie Karlsson aus Schweden

4. Die familienpolitische Situation in Deutschland
4.1. Geschichte der deutschen Familienpolitik
4.2. Steuermodell
4.3. Elternzeit und Elterngeld
4.4. Kinderbetreuungssituation
4.5. Beispiel: Familie Schmidt aus Deutschland

5. Das Doppelversorgermodell- Garant für Geschlechtergleichheit?
5.1. Die „Vätermonate“- zwischen Theorie und Wirklichkeit
5.2. Frauenerwerbstätigkeit
5.3. Staatliche und gesellschaftliche Einflüsse

6. Der Einfluss von Geschlechterrollen
6.1. Woher kommen gesellschaftliche Rollenvorstellungen?
6.2. Rollenunterschiede in Schweden und Deutschland

7. Zusammenfassung und Fazit: Deutschland und Schweden- zwei gegensätzliche Geschlechtermodelle?

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Jahr 2007 sollte alles anders werden. Die Familienpolitik in Deutschland war im Wandel begriffen. Mit der Einführung des Elterngeldes durch die Bundesregierung zum 01.01.2007 sollte die Familienpolitik grundlegend neu gestaltet und es sollten neue Anreize zur Familiengründung gesetzt werden.[1] In Zeiten des demografischen Wandels sowie einer damit verbundenen drohenden Überalterung der deutschen Bevölkerung hat die Familienpolitik einen neuen Stellenwert in der Bundespolitik eingenommen. Das von Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder im Jahr 1998 noch als „Gedöns“[2] bezeichnete Ressort ist mittlerweile aus der Tagespolitik nicht mehr wegzudenken und seit dem Bundestagswahlkampf 2002 auch Wahlkampfthema der großen Parteien.[3] Gründe für den Bedeutungswandel der Familienpolitik sind auf der einen Seite die negativen Folgen einer dauerhaft niedrigen Geburtenrate für die Wirtschaft sowie für die Renten- und Sozialsysteme.[4] Auf der anderen Seite bestätigen Soziologen in Deutschland einen gesellschaftlicher Wertewandel verbunden mit einer zunehmenden Individualisierung und einem veränderten geschlechtlichen Rollenverständnis, das die traditionelle Frauenrolle als Mutter und Hausfrau in den Hintergrund rücken lässt und von der Politik bessere Möglichkeiten zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf fordert.[5]

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Familienpolitik in Deutschland und Schweden. Mit einer Geburtenrate[6] von 1,37 Kindern pro Frau im Jahr 2007 befindet sich Deutschland im intereuropäischen Vergleich im untersten Drittel.[7] Die bestandssichernde Geburtenrate von 2,1 Kindern pro Frau wird in den meisten europäischen Ländern allerdings kaum noch erreicht. Einzig Frankreich, Irland, das Vereinigte Königreich sowie die skandinavischen Staaten weisen eine annähernd hohe Geburtenrate auf. Interessant für die weitere vergleichende Betrachtung ist Schweden vor allem deshalb, weil es mit einer Fertilitätsrate von 1,85 im Jahr 2006[8] und einer aktiven Familien- und Gleichstellungspolitik oftmals als internationaler Vorreiter auf diesem Gebiet gilt. Während in Deutschland Familienpolitik bislang eher als Privatangelegenheit galt, in die der Staat sich so wenig wie möglich einmischen sollte, wurde das Elterngeld in Schweden bereits 1974 eingeführt. Geschlechtergleichheit wurde somit schon früh vom Staat institutionalisiert. In den 1990er Jahren wurde Schweden sogar zum Land mit der größten Geschlechtergerechtigkeit erklärt.[9] Diese Kontraste in der Familienpolitik zwischen Schweden und Deutschland machen diese beiden Länder für Vergleich besonders interessant.

Der Forschungsstand zur Familienpolitik ist als hoch zu bewerten, da gerade im letzten Jahrzehnt zahlreiche neue Literatur erschienen ist und Studien zur Familienforschung durchgeführt worden sind. Die gestiegene Bedeutung und Diskussion der Vereinbarkeit von Familie und Beruf in der Tagespresse hat das Forschungsinteresse zu dieser Problematik verstärkt. Diese Arbeit wurde auf der Grundlage ausgewerteter Sekundärliteratur verfasst. Die wichtigsten Werke dabei waren der „Familienfreundlichkeitsindex“ (2009), eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln zum Erfolg der familienpolitischen Ziele der Bundesregierung, verfasst von Laura-Christin Diekmann und Axel Plünnecke, sowie das Werk „Vereinbarkeit von Familie und Beruf im internationalen Vergleich“ (2008) von Werner Eichhorst, Lutz C. Kaiser, Eric Thode und Verena Tobsch. Des Weiteren war die Dissertation „Geschlechtergerechte Familienpolitik“ (2009) von Christian Eckstein eine wichtige Grundlage für die vorliegende Arbeit.

Ein Klassiker in der vergleichenden Wohlfahrtsstaatsforschung ist allerdings das 1990 erschienene Werk des dänischen Politikwissenschaftlers und Soziologen Gösta Esping-Andersen: „The Three Worlds of Welfare Capitalism“. Gemäß der Einteilung Esping-Andersens ist Schweden als sozialdemokratischer Wohlfahrtsstaat von Universalismus und Gleichberechtigung geprägt.[10] Das Leitbild schwedischer Familienpolitik ist das so genannte „Doppelversorgermodell“ welches in der Soziologie auch als „universales Ernährermodell“ bezeichnet wird.[11] Dieses Modell basiert auf der Annahme, dass innerhalb eines Haushaltes sowohl die Männer als auch die Frauen in gleichem Maße erwerbstätig sind. In Deutschland als einem konservativen Wohlfahrtsstaat mit einem eher traditionellen Familienbild hingegen existiert laut vorherrschender Meinung noch immer ein „modernisiertes Ernährermodell“ in dem der Mann in der Regel voll erwerbstätig ist und die Frau in Teilzeit arbeitet.[12] Andere Autoren wie die Feministin Jane Lewis sprechen auch von einem „Zwei-Verdiener-Modell“ in dem die Erwerbstätigkeit der Frau geringer ist als die des Mannes.[13] Die vorangestellten Überlegungen führen deshalb zu folgender Fragestellung:

Inwiefern hat sich in der deutschen Familienpolitik bereits ein „Doppelversorgermodell“ nach schwedischem Vorbild etabliert, welche Bedeutung haben dabei unterschiedliche gesellschaftliche Rollenverständnisse ?

Diese Fragestellung beinhaltet verschiedene Ebenen der Betrachtung. Die erste Ebene ist die polity-Ebene, in der die institutionellen Regelungen zur Familienpolitik in Schweden und Deutschland hinsichtlich der Etablierung des so genannten ‚Doppelversorgermodelles‘ betrachtet werden sollen. Die zweite Ebene bezieht mit der Rollenproblematik auf der poltics-Ebene den gender-Konflikt als theoretisches Konstrukt zur Beantwortung der Fragestellung mit ein. Dabei wirft sie eine weitere interessante Fragestellung auf: Woran liegt es, dass familienpolitische Regelungen in Schweden anders angenommen werden als in Deutschland? Schwerpunkt der Untersuchung ist dabei die politics-Ebene, die auf unterschiedliche geschlechtliche Rollenverständnisse in den beiden Staaten geprüft werden soll. Dieser Untersuchung soll dabei folgende Hypothese zugrunde liegen:

Unterschiedliche geschlechtliche Rollenverständnisse in Schweden und Deutschland haben dazu beigetragen, dass sich das so genannte „Doppelversorgermodell“ nach schwedischem Vorbild in Deutschland weniger stark etabliert hat als in Schweden.

Zur Überprüfung der vorliegenden Hypothese muss eine Analyse der politischen Entscheidungsqualität durchgeführt werden welche verschiedene Einflussfaktoren und Variablen hinsichtlich geschlechtlicher Rollenverständnisse untersucht. Mögliche Variablen sind u.a. die Erwerbstätigkeitsquote von Frauen, insbesondere die Differenzierung zwischen Teilzeit und Vollzeitbeschäftigung sowie die Untersuchung möglicher Differenzen zwischen gewünschtem und realem Familienbild. Die Arbeit ist dazu in fünf Abschnitte gegliedert. In einem ersten kurzen Kapitel soll zunächst einmal der Familienbegriff definiert werden sowie die verschiedenen wohlfahrtsstaatlichen Familienmodelle im Einzelnen vorgestellt werden, um das Analysefeld einzugrenzen. Die nächsten beiden Abschnitte sollen jeweils die staatlichen Leistungen inklusive steuerlichen, fiskalischen und institutionellen Regelungen sowie die Kinderbetreuungssituation in Schweden und Deutschland aufzeigen. Die Unterschiede in den beiden familienpolitischen Systemen sollen dabei an Hand zweier fiktiver Beispielfamilien verdeutlicht werden. Die beiden darauf folgenden Kapitel bilden den Schwerpunkt dieser Arbeit. Im vierten Kapitel werden die staatlichen Regelungen des ‚Doppelversorgermodells‘ zunächst auf ihre Tauglichkeit und Annahme in der Praxis der beiden Länder untersucht, wobei vor allem staatliche und gesellschaftliche Einflüsse näher betrachtet werden sollen. Das letzte Kapitel thematisiert schließlich den Einfluss von Geschlechterrollen auf die Akzeptanz des von beiden Staaten gewünschten ‚Doppelversorgermodells‘ und spiegelt so das soziologische Element in dieser politikwissenschaftlichen Arbeit wieder. In einem abschließenden Fazit werden die beiden unterschiedlichen Geschlechtermodelle gegeneinander abgeglichen und Vorschläge für eine verbesserte deutsche Familienpolitik entwickelt.

2. Familie- Definitionen und Vorstellungen

Der Begriff ‚Familie‘ scheint auf den ersten Blick simpel und eindeutig. Befasst man sich allerdings näher mit den verschiedenen Vorstellungen und Modellen von Familie wird schnell klar, dass dieser Begriff gar nicht so gezielt einzugrenzen ist wie er anfangs scheint. Das Problem hierbei ist, dass es unter Wissenschaftlern keine allgemeingültige Definition gibt.[14] Die vorliegende Arbeit befasst sich eingehend mit Familienpolitik und den darin eingeschlossenen Familienmodellen, deshalb ist auch eine Klärung des Familienbegriffs für das weitere Gelingen dieser Arbeit wichtig. Im Folgenden werden verschiedene Definitionen und Familienmodelle aufgeführt, von denen eine als Grundlage für die nachfolgenden Untersuchungen ausgewählt werden wird. Darüber hinaus wird eine Klärung der Begriffe ‚sex‘ und ‚gender‘ im Bezug auf die Geschlechterproblematik vorgenommen, da diese für die in Kapitel sechs angeführte Rollenproblematik von Bedeutung sind. Abschließend werden die Ergebnisse zusammengefasst und auf die Vergleichsländer Schweden und Deutschland angewandt.

Der Soziologe Gösta Esping-Andersen stellte bei seinen Forschungen über Wohlfahrtsstaaten fest, dass Wohlfahrtsregime sehr viel systematischer über das Zusammenspiel einer Trias bestehend aus Staat, Markt und Familie definiert werden müssen.[15] Was aber genau ist eigentlich Familie? Bei Forschungen zum Thema ‚Familie‘ besteht die wichtigste Erkenntnis darin, dass ‚Familie‘ nicht als eine „homogene Institution“ verstanden werden darf, sondern differenziert betrachtet werden muss.[16] Dabei kommt es vor allem auf zeitliche, räumliche, kulturelle und soziale Zusammenhänge an, die bei der Untersuchung von Familie ins Auge gefasst werden müssen. So hat sich das Verständnis von Familie im Laufe der Jahre verändert und ist darüber hinaus von lokalen und kulturellen Gegebenheiten abhängig.[17] So gebe es beispielsweise bei den Auffassungen von Familie bereits in Europa bestehende Unterschiede. Während in Deutschland Familie weitestgehend mit einer Ehe zwischen Mann und Frau assoziiert wird, aus welcher ein Kind hervorgehe und somit eine so genannte „Kernfamilie“[18] entstehe, begann in Schweden bereits in den 1960er Jahren eine zunehmende Trennung von Ehe und Familie. Allerdings könne die Politik gemäß der Auffassung der Feministin Jane Lewis nicht mehr von dem Standard der „Zwei-Eltern-Familie“, die gleichbedeutend mit der Kernfamilie ist, bzw. von dem Standard der Stabilität der Familie ausgehen.[19] Wenn aber heutzutage die Vater-Mutter-Kind Beziehung zur Definition einer Familie nicht mehr ausreicht, an welchen Kriterien lässt sich dann der Begriff Familie festmachen? Im „Handbuch für Familie“ (2007) werden vier „ökopsychologische Merkmale der Familie“ benannt.[20] Das erste Merkmal ist in bestimmten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, dem „Makrosystem“ zu finden. Demnach können mehrere Menschen ehelich oder nicht-ehelich gemeinsam oder getrennt wohnen sowie gemeinsame oder getrennte wirtschaftliche Verhältnisse aufweisen. Ein weiteres Merkmal ist das „Exosystem“, welches aus diversen sozialen Verpflichtungen wie z.B. Verwandtschaft oder Ehe, Selbständigkeit oder Abhängigkeit besteht. Das dritte Merkmal, das „Mesosystem“, bezieht sich auf die Frage nach Kindern in einem Haushalt. Sind Kinder anwesend, können diese leiblich oder adoptiert oder stiefelterlich sein. Das vierte und letzte Merkmal in dieser langen Liste ist das der Partnerschaft. Dabei kann es sich entweder um eine alleinstehende Person oder um eine hetero- bzw. homosexuelle Partnerschaft handeln. Des Weiteren stellt sich die Frage wie diese Partnerschaftsbeziehung ausgestaltet und geprägt ist. So kann sie beispielsweise von Gleichberechtigung oder Dominanz geprägt sein.[21]

Die oben genannten Ausführungen zeigen, dass der Begriff ‚Familie‘ sich in vielfältigen Lebensformen äußern kann. Die Kleinfamilie bzw. Vater-Mutter-Kind Beziehung bleibt jedoch als Grundlage des deutschen Familienrechtes bestehen.[22] Rüdiger Peuckert nimmt im „Handbuch für Familie“ die Definition der Familie als „eine Lebensform, die mindestens ein Kind und ein Elternteil umfasst und einen dauerhaften und im Inneren durch Solidarität und persönliche Verbundenheit charakterisierten Zusammenhang aufweist“,[23] vor. Die „moderne Kleinfamilie“[24] ist für Peuckert eine spezielle Familienform, die aus einer ehelichen Gemeinschaft der Eltern mit ihren leiblichen Kindern besteht.

Für die weitere Analyse der eingangs genannten Fragestellung wird die Familiendefinition von Hülskamp und Seyda (2004) übernommen, welche dem Leitbild der ‚modernen Kleinfamilie‘ sehr ähnlich ist und den Familienbegriff an zwei Elementen festmacht: zum Einen an der Existenz einer Generationenbeziehung in der die ältere Generation für die jüngere Generation Verantwortung übernimmt und zum Anderen am Zusammenleben dieser mindestens zwei Generationen innerhalb eines Haushalts.[25] In der Praxis kann hiermit die moderne Kleinfamilie oder zumindest das Vorhandensein von Kindern gemeint sein, die mit Eltern oder Elternteil in einem gemeinsamen Haushalt leben.[26] Die moderne Kleinfamilie ist, auch wenn sie durch alternative Lebensformen und höhere Scheidungsraten zurückgedrängt wird, deshalb für die weitere Analyse interessant, weil im fünften und sechsten Kapitel dieser Arbeit noch einmal gesondert die geschlechtlichen Rollenbeziehungen sowie die Aufgabenteilung bei der Hausarbeit und Kindererziehung innerhalb einer Familie untersucht werden soll. Dazu sind die heterosexuelle Paarbeziehung bzw. die Ehe zwischen Mann und Frau sowie deren Rollenverständnisse von Bedeutung. Des Weiteren haben Familien in der Gesellschaft eine Reproduktions-, Haushalts-, Sozialisations- und Altersvorsorgefunktion. Über die Sozialisationsfunktion der Familie werden Werte und Normen der Gesellschaft von der älteren an die jüngere Generation weitergegeben.[27] Dabei ist auch die Weitergabe von geschlechtlichen Rollenbildern von Bedeutung. Dazu gibt es verschiedene Familienmodelle. Das „universale Ernährermodell“[28] oder auch ‚Doppelversorgermodell‘ ist das egalitärste der insgesamt vier Modelle. Gemäß diesem Modell leisten beide Elternteile gleichermaßen einen Beitrag zum Haushaltseinkommen. Es ist weitestgehend in den skandinavischen Ländern, u.a. in Schweden, verbreitet. Das als „modifiziertes männliches Ernährermodell“[29] bekannte Familienmodell besteht aus zwei erwerbstätigen Eltern, wobei die Frau eine geringere Erwerbstätigkeit ausübt als der Mann. Praktiziert wird es häufig in Belgien oder Frankreich. Die „modernisierte Versorgerehe“, welches auch das „modernisierte Ernähermodell“[30] genannt wird, hat einen hohen Anteil an Frauen die in Teilzeit erwerbstätig sind. Es ist das Familienmodell, welches am häufigsten in Deutschland praktiziert wird. Das letzte Modell, das „männliche Ernährermodell mit weiblicher Vollzeitbeschäftigung“,[31] in dem der Mann in der Regel Alleinverdiener ist und die Frau im Falle ihrer Erwerbstätigkeit ebenfalls in Vollzeit tätig ist, wird überwiegend in Südeuropa praktiziert. Bevor diese Familien- bzw. Geschlechtermodelle näher betrachtet und auf die Situation in Schweden und Deutschland geprüft werden können muss noch eine weitere Differenzierung zweier Begriffe vorgenommen werden: ‚sex‘ und ‚gender‘. Diese Kategorien sind nämlich entscheidend für das individuelle Rollenverständnis unter den Geschlechtern. Unter ‚sex‘ wird generell das anatomische Geschlecht verstanden. ‚Gender‘ ist demnach die Geschlechtsidentität.[32] Um einen wirklichen Strukturwandel innerhalb der Familienpolitik eines Landes zu bewirken, müssen sich nämlich als erstes die Geschlechterverhältnisse und die damit verbundende Geschlechtsidentität verändern. Dennoch könnten einzelne Länder auch auf dem Sektor Familienpolitik voneinander lernen, wie der dänische Wohlfahrtsstaatsforscher Gösta Esping-Andersen behauptet. Er ist der Auffassung, dass „die kontinentaleuropäischen EU-Länder“[33] von Schweden lernen könnten und sollten. Um die Besonderheiten der schwedischen Familienpolitik zu verstehen wenden wir nun den Blick auf das schwedische ‚Doppelversorgermodell‘ und seine institutionellen Regelungen.

3. Das schwedische Doppelversorgermodell

In der schwedischen Verfassung, die in den 1960er Jahren geschrieben und Anfang der 1970er Jahre ratifiziert wurde, steht unter anderem in Artikel 2 geschrieben: „Public power shall be exercised with respect for the equal worth of all and for liberty and dignity of the individual. […] The public administration shall guarantee equal rights to men and women and protect private and family lives of private citizens.”[34] Dieser Abschnitt der schwedischen Verfassung zeigt vor allem, dass der schwedische Wohlfahrtsstaat in seiner Ausgestaltung Werte wie Individualisierung und Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen große Bedeutung beimisst. Gleichberechtigung ist der zentrale Wert innerhalb der schwedischen Familienpolitik, die durch ihren Erfolg sowie durch ihren universalen Charakter Schweden den Ruf eines familienpolitischen „Vorzeigelandes“[35] verschafft hat. Im folgenden Kapitel soll deshalb die Familienpolitik Schwedens näher betrachtet werden. Dabei wird zuerst ein geschichtlicher Abriss der Entwicklung der familienpolitischen Maßnahmen sowie der familienpolitischen Gesetzgebung in Schweden vorgenommen. Daraufhin soll das schwedische Doppelversorgermodell, welches auf drei Säulen basiert, in seinen Einzelheiten erläutert werden. Diese drei Säulen bestehen aus dem Steuermodell, der Elternversicherung bzw. dem Elterngeld und dem öffentlichen Kinderbetreuungssystem.[36] Abschließend werden am Beispiel einer fiktiven schwedischen Familie, der Familie ‚Karlsson‘ aus Stockholm, die Auswirkungen der fiskalischen, also der direkten, und steuerlichen, bzw. indirekten, familienpolitischen Transferleistungen sowie die Kinderbetreuungssituation veranschaulicht. Ziel dabei ist es, die Frage der Effizienz der schwedischen Familienpolitik aufzugreifen und zu erläutern inwieweit die Familienpolitik mit ihren Maßnahmen die einzelnen Familien als Akteure der politics-Ebene tangiert.

3.1. Geschichte der schwedischen Familienpolitik

Deutschland und Schweden gelte, wie eingangs bereits beschrieben, in der vergleichenden Wohlfahrtsstaatsforschung als optimale Gegensätze und daher für einen Vergleich interessant. Esping-Andersen charakterisiert Deutschland als einen konservativen Wohlfahrtsstaat mit einem „familiären“[37] Familienmodell, welches die Erwerbstätigkeit von Müttern insgesamt erschwert und somit die Familie als Institution zur sozialen Absicherung in den Vordergrund rückt. Ganz anders hingegen Schweden: das skandinavische Land gilt als „nicht-familiär“[38] organisiert, da die schwedische Familienpolitik auf dem Idealbild zweier berufstätiger Eltern beruht und kein Partner somit von dem anderen abhängig ist.[39] ‚Nicht-familiär‘ ist die schwedische Familienpolitik auch deswegen, weil sie nicht die Familie als Institution fördert, sondern auf Gleichheit zwischen den Geschlechtern setzt.[40] Das heutige Charakteristikum des so genannten ‚Doppelverdienermodells‘ war jedoch nicht von Anbeginn ein Kennzeichen des schwedischen Wohlfahrtsstaates, gleichwohl das männliche „Familienernährermodell“ in Schweden nie so stark ausgeprägt war wie in Deutschland.[41] Stattdessen gab es in der schwedischen Familienpolitik bereits relativ früh Merkmale eines Individualmodells in dem auch nicht-erwerbstätigen Frauen eigene soziale Rechte zugestanden wurden.[42] Selbst im schwedischen Ehe- und Familienrecht war die in Deutschland bis 1977 als „Hausfrauenehe“ bekannte Norm nicht im selben Maße abgebildet.[43] Seit 1921 dürfen in Schweden auch verheiratete Frauen uneingeschränkt einer Erwerbstätigkeit außerhalb des Haushaltes nachgehen und bedurften dazu nicht, wie damals in Deutschland, der Zustimmung des Ehemannes.[44]

Die Grundlegung der Konzeption des modernen schwedischen Wohlfahrtsstaates erfolgte 1932 als die Sozialdemokraten und der damals existierende Bauernverband umfassende Sozialreformen vornahmen. Gründe für die Reform damals waren insbesondere sinkende Geburtenraten. Die zweite große Reform in der schwedischen Familienpolitik begann Ende der 1960er Jahre mit der Einführung des Elternurlaubes bzw. der heutigen Elternversicherung durch die Sozialdemokraten. Gründe für diese Neuformierung waren ein insgesamt gestiegener Lebensstandard, bei dem Dienstleistungen im öffentlichen Sektor wichtiger wurden und deshalb ausgebaut werden sollten. Dazu musste jedoch die Zahl der Erwerbstätigen erhöht werden, sodass das Familienmodell verstärkt auf die Egalität von Männern und Frauen ausgerichtet werden sollte und Frauen gezielt für die öffentlichen Dienstleistungen angeworben werden sollten. Geschlechtergleichheit wurde fortan zum Grundsatz der Familienpolitik erklärt. Das Zwei-Verdiener-Modell, in Kombination mit einer neuen Geschlechterrollendebatte bei der Männer und Frauen sowohl im Erwerbs- als auch im gesellschaftlichen Leben gleiche ‚Rollen‘ ausüben, sollte künftig zur sozialen Praxis werden.[45] Das Resultat der familienpolitischen Reformen ist ein egalitäres Familienkonzept, dessen Inhalte mit der Beschreibung der drei Säulen Steuermodell, Elternversicherung und Kinderbetreuung veranschaulicht werden sollen.

3.2. Steuermodell

Seit seiner Einführung wurde der schwedische Wohlfahrtsstaat überwiegend von allgemeinen Steuermitteln finanziert, insbesondere durch die direkte Einkommenssteuer.[46] Dieses gilt auch für die Familienpolitik. Dort werden die familienpolitischen Transferleistungen des Staates über die Steuereinzahlungen der Bürger finanziert.[47] Insgesamt machen Steuern in Schweden ein Drittel der öffentlichen Einnahmen aus.[48]

Die steuerlichen Transferleistungen innerhalb der Familienbesteuerung dienen vor allem dazu die Kosten der Kindererziehung durch indirekte Maßnahmen wie unterschiedliche Steuersätze für Familien oder Alleinerziehende zu senken und somit eine finanzielle Absicherung von Familien zu gewährleisten.[49] Seit 1971 beinhaltet das schwedische Steuersystem das System der Individualbesteuerung, wo jedes Individuum, unabhängig von seinem Familienstand, nach seinem Grenzsteuersatz besteuert wird.[50] Dies bedeutet, dass Alleinstehende und Ehepaare nach schwedischem Steuerrecht gleichgestellt sind und es keinen niedrigeren Steuersatz für Ehepaare gibt. Daraus wird ersichtlich, dass es in Schweden, anders als in Deutschland, keine staatliche Förderung der Ehe gibt; die Gleichbehandlung von Männern und Frauen steht im Vordergrund. Familien, in denen nur ein Partner erwerbstätig ist werden nach diesem Steuermodell stärker belastet, da sie denselben Einkommensteuersatz bei einer zusätzlichen finanziellen Belastung durch den nicht-erwerbstätigen Partner und ggf. durch Kinder aufbringen müssen wie Ledige.[51] Durch ein solches Steuermodell werden also Arbeitsanreize im Sinne des ‚Doppelversorgermodells‘ geschaffen. Der Einfluss eines Steuermodells auf die Erwerbstätigkeit in Familien ist in Studien empirisch belegt. So wird die Anzahl an Arbeitsstunden, die eine Person arbeitet, maßgeblich vom Grenzsteuersatz[52] beeinflusst. Ist dieser hoch, verringert sich das Nettoeinkommen des Betroffenen und die Arbeitszeit wird nicht verlängert. Am wichtigsten für die Entscheidung für oder gegen die Aufnahme einer Erwerbsarbeit ist der durchschnittliche Steuersatz, welcher sich aus den Beiträgen in der gesetzlichen Pflege- und Krankenversicherung sowie der Einkommenssteuer zusammensetzt.[53] In Schweden sind sowohl die Grenzsteuersätze als auch die durchschnittlichen Steuersätze des Erst- und potenziellen Zweitverdieners annähernd gleich hoch, sodass mit einem Ausbleiben eines zweiten Einkommens der Erstverdiener alleine den vollen Einkommenssteuersatz bezahlen muss. Die Arbeitsentscheidung des potenziellen Zweitverdieners wird somit nicht durch etwaige Steuervergünstigungen bei geringem oder gar keinem Zweiteinkommen verzerrt.[54] Folglich trägt das schwedische Steuermodell zur Geschlechtergleichheit bei, weil es keine steuerlichen Vorteile gibt wenn einer der Partner nicht erwerbstätig ist. Hier ist der Unterschied zu Deutschland am größten (vgl. Kapitel 4.2.). Eine weitere Differenz zu Deutschland gibt es bei der steuerlichen Begünstigung von Alleinverdienern. Alleinverdiener werden auch in Schweden steuerlich begünstigt, jedoch ist der Anteil nicht annähernd so hoch wie in Deutschland. Im europäischen Vergleich befindet sich Schweden im unteren Drittel.[55] Ebenfalls niedriger ist in Schweden auch das Kindergeld, welches universal angelegt ist, d.h. die Höhe des Kindergeldes ist unabhängig vom Alter der Kinder. Für das erste Kind beträgt das Kindergeld umgerechnet etwa 118 Euro, das sind 1050 schwedische Kronen (SEK).[56] Bereits ab dem zweiten Kind gibt es eine so genannte „Mehrkindzulage“,[57] also eine Erhöhung des Kindergeldes um einen festgesetzten Betrag. Dieser beträgt beim zweiten Kind 100 SEK (umgerechnet 12 Euro), beim dritten Kind umgerechnet 39 Euro (354 SEK), beim vierten Kind 93 Euro (860 SEK) und noch einmal 1050 SEK für das fünfte und jedes weitere Kind.[58] Das Kindergeld wird in der Regel bis zum 16. Lebensjahr eines Kindes gezahlt. Eine Weiterzahlung des Kindergeldes ist möglich, wenn sich das Kind noch in der Ausbildung oder im Studium befindet.[59] Bei den direkten staatlichen Transferleistungen (wie z.B. dem Kindergeld) in Schweden lässt sich also feststellen, dass diese im Vergleich zu anderen Ländern nicht besonders hoch sind. Die indirekten, steuerlichen Transferleistungen des Staates sind gekennzeichnet durch Individualität und Geschlechterneutralität.

[...]


[1] Vgl. Ehlert 2008: 5.

[2] Erdmann 2009: www.spiegel.de (28.02.2011).

[3] Vgl. Cyprian/Heimbach-Steins 2003: 13.

[4] Vgl. Kühn 2004: 13-14.

[5] Vgl. Diekmann/Plünnecke 2009: 72-73.

[6] Als Gesamtfruchtbarkeitsrate oder Geburtenrate (auch Fertilitätsrate genannt) wird die „mittlere Anzahl lebend geborener Kinder, die eine Frau im Laufe ihres Lebens gebären würde, wenn sie im Laufe ihres Gebärfähigkeitsalters den altersspezifischen Fruchtbarkeitsziffern der betreffenden Jahre entsprechen würde“ verstanden. (Eurostat 2006: 175, zit. nach Diekmann/Plünneke 2009: 13.).

[7] Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2009a: www.bmfsfj.de (06.03.2009).

[8] Eurostat 2006, zit. nach Diekmann/Plünnecke (2009): 14.

[9] Vgl. Gould 2001: 110.

[10] Vgl. Esping-Andersen 1990: 26-29.

[11] Hülskamp/Seyda 2004: 32.

[12] Rüling/Kassner 2007: 20.

[13] Leitner/Ostner/Scharzenstaller 2004: 62-68.

[14] Vgl. Fuhs 2007: 25.

[15] Vgl. Esping-Andersen 1999: 35.

[16] Fuhs 2007: 24.

[17] Vgl. Fuhs 2007: 23.

[18] Fuhs 2007: 22.

[19] Vgl. Lewis 2004: 66.

[20] Fuhs 2007: 26.

[21] Vgl. Fuhs 2007: 26ff.

[22] Vgl. Fuhs 2007: 26ff.

[23] Peuckert 2008: 36.

[24] Peuckert 2008: 36.

[25] Darüber hinaus wird von einer heterosexuellen Orientierung des (Eltern-) Paares ausgegangen, da dieses der im bürgerlichen Familienleitbild enthaltenen Norm entspricht. (vgl. Eckstein 2009: 30.).

[26] Vgl. Hülskamp/Seyda 2004: 8ff.

[27] Vgl. Hülskamp/Seyda 2004: 8ff.

[28] Hülskamp/Seyda 2004: 33.

[29] Hülskamp/Seyda 2004: 33.

[30] Hülskamp/Seyda 2004: 33.

[31] Hülskamp/Seyda 2004: 33.

[32] Vgl. Butler 1991: 22.

[33] Lessenich/Ostner 1998: 227.

[34] zit. nach Hort 2008: 528.

[35] Ferrarini/Duvander 2009: 1.

[36] Vgl. Ferrarini/Duvander 2009: 1-8.

[37] Esping-Andersen 1999: 86.

[38] Esping-Andersen 1999: 86.

[39] Eichorst/Kaiser/Thode/Tobsch 2008: 46.

[40] Vgl. Rüling/Kassner 2007: 23.

[41] Kolbe 2002: 39.

[42] Vgl. Kolbe 2002: 39.

[43] Kolbe 2002: 44.

[44] Vgl. Kolbe 2002: 44.

[45] Vgl. Kolbe 2002: 200-252.

[46] Vgl. Hort 2008: 538.

[47] Vgl. Rüling/Kassner 2007: 85.

[48] Vgl. Hort 2008: 538.

[49] Vgl. Eichorst/Kaiser/Thode/Tobsch 2008: 58.

[50] Vgl. Hülskamp/Seyda 2004: 47-49.

[51] Vgl. Hülskamp/Seyda 2004: 47-49.

[52] Der Grenzsteuersatz gibt an wie hoch der letzte hinzuverdiente Euro besteuert wird.

Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung 2009: www.bpb.de (07.04.2011).

[53] Vgl. Eichorst/Kaiser/Thode/Tobsch 2008: 58-69.

[54] Vgl. Eichorst/Kaiser/Thode/Tobsch 2008: 58-69.

[55] Vgl. Eichorst/Kaiser/Thode/Tobsch 2008: 59-60.

[56] eigene Berechnungen, vgl. Währungsrechner: www.oanda.com (09.03.2011).

[57] Försäkringskassen 2010: 1.

[58] Europäische Kommission 2011: www.www.ec.europa.eu (09.03.2011).

[59] Vgl. Allard 2007: 7.

Details

Seiten
57
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656483588
ISBN (Buch)
9783656537700
Dateigröße
816 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v232329
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg – Professur für Politikwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
familienpolitik ländervergleich deutschland schweden family germany sweden

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