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Narzissmus in der Politik am Beispiel von Altbundeskanzler Kohl

Seminararbeit 2013 20 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Europäische Union

Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung

2. Biographie von Helmut Kohl
2.1. Die Kindheit
2.2. Führung in Wirtschaft in die Politik
2.3. Führung in der Landespolitik
2.4. Der Oppositionsführer auf Bundesebene
2.5. Helmut Kohl – Der Bundeskanzler
2.5. Das „System-Kohl“

3. Helmut Kohl und der Narzissmus
3.1. Der Begriff des Narzissmus
3.2. Der gesunde Narzissmus
3.3. Kohl und der Narzissmus
3.4. Die Ehefrau Hannelore

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Eine Führungsposition auszuüben ist nicht einfach, das kann sich jeder selbst gedanklich vorstellen. Der Begriff des Führens wird innerhalb der Sozialwissenschaft gesondert definiert. In den Sozialwissenschaften bezeichnet dieser Begriff planende, koordinierende und kontrollierende Tätigkeiten in Gruppen und Organisationen.[1] Der Zweck der Führung besteht in der Beeinflussung der Einstellungen und des Verhaltens zur Zielerreichung. Die Funktion der Führung wird von Mitgliedern der Gruppe als soziale Rolle in unterschiedlichem Umfang und Intensität wahrgenommen. Diese Mitglieder (die Führungskräfte) müssen über bestimmte, organisationsspezifische Führungskompetenzen verfügen.[2]

Der bekannte Psychoanalytiker Hans-Jürgen Wirth wirft die Frage auf, ob narzisstische Verhaltensweisen von Führungspersonen wirklich so negative Auswirkungen haben, wie diese oftmals dargestellt werden. Er zeigt, dass narzisstisches Verhalten eher eine funktionierende, gesunde Art sein kann mit der modernen Welt umzugehen.[3] Prominente Beispiele für Menschen in Führungspositionen, denen narzisstisches Verhalten diagnostiziert wird, sind neben Helmut Kohl auch Bill Gates und Steve Jobs.[4]

Die Erwartungen an Führungskräfte sind in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich gewachsen, vor allem entsteht ein immer höher werdender Konkurrenzdruck, welchem sich jede Führungskraft stellen muss. Demnach scheinen gerade Selbstbewusstsein, Kommunikationsstärke, Durchsetzungsstärke und Innovationskraft zu den Grundvoraussetzungen zu gehören, um als Führungskraft überhaupt in Frage kommen zu können. Hinzu kommen die einzelnen Eigenschaften narzisstischer Persönlichkeiten, wie vor allem: Karrierebesessenheit, ungezügelte Selbstbezogenheit, Siegermentalität und Größenfantasien. Diese Eigenschaften ebnen den Persönlichkeiten den Weg an die Schaltstellen ökonomischer und politischer Macht.[5]

Max Webers nennt Augenmaß als psychologische Kategorie, es verlangt Distanz zu allem und jedem, auch zu sich selbst. Diese Kategorie bedeutet Klugheit, Offenheit, Mäßigung und Maß, damit man die Wirklichkeit gelassen auf sich wirken lassen kann. Die Todsünde in der psychologischen Kategorie politischer Führung ist die Distanzlosigkeit, also die Unfähigkeit,

zwischen sich und der politischen Realität den Abstand der Nachdenklichkeit zu setzen.[6] Politische Führung verlangt von jedem, der erfolgreich sein will, geistige Unabhängigkeit und Unbeirrbarkeit.

Politische Führung unter den Bedingungen unserer hochkomplexen, von Medien immer stärker bestimmten Gesellschaft gestaltet sich zunehmend als nahezu unmöglich. Es fehlen die Voraussetzungen, die die Entstehung von „Helden“ begünstigen, die über einen längeren Zeitraum als „Leitbilder“ fungieren könnten. Zu schnell sei der Wechsel von Themen und Personen, angetrieben durch den unersättlichen Neuigkeitsbedarf der Medien. Richtig ist zweifellos, dass es die pluralistische Gesellschaft schwieriger als früher macht, politische Führung auszuüben und auch wahrzunehmen. Richtig ist auch, dass politische Führung heute zusätzliche, vor allem auf die Medien bezogene Qualitäten verlangt.

In dieser Hausarbeit dient die poltische Führung von Helmut Kohl als Fallstudie. Hierbei soll nachgewiesen werden, ob Helmut Kohl narzisstisches Verhalten in seiner politischen Führung zeigt und ein „gesunder Narzissmus“ verifiziert werden kann.[7]

2. Biographie von Helmut Kohl

2.1. Die Kindheit

Die chronologische Biographie von Helmut Kohl hier aufzulisten dient nicht dem eigentlichen inhaltlichen Zweck. Viel wichtiger ist es, dass wichtige Indizien für den Narzissmus bereits in der Kindheit zu finden sind. Helmut Kohl ist ein Beispiel dafür, welchen Einfluss das Elternhaus auf die spätere Entwicklung des Kindes haben kann. Seine Bodenständigkeit, aber auch sein enormes Ego, die sich anhand einer bürgerlichen Werteskala entwickeln, sind das Resultat frühester Prägungen. Kohls Vater Hans, ein Steuersekretär aus der Kurpfalz, und dessen Ehefrau umsorgen den jüngsten Sohn Helmut. Die Familie Kohl bekommt 1932 das Haus in Ludwigshafen vom Opa mütterlicherseits vererbt. Helmut Kohls verläuft in einem kleinen Beamtenhaushalt in Ludwigshafen, indem praktische Vernunft und Realitätssinn herrschen, der sich aus Pflichtbewusstsein und Fröhlichkeit des Herzens herleitet.

Schon während der Schulzeit Ende der 30iger Jahre stellt sich bei Helmut Kohl ein gewisses Geltungsbedürfnis heraus. Seine Geschwister beschreiben ihn als geselligen Typ, der durch seine ausgesprochene Soziabilität aufgefallen ist. Bereits am ersten Schultag bringt Kohl einen Trupp von Mitschülern mit nach Hause, obwohl er diese Mitschüler erst einen Tag kennt.[8] Als eher schwacher Schüler, mausert sich Kohl in der Oberstufe zum Streber und zeigt ein starkes Führungsverhalten. Er wird von seinen Mitschülern als Leitwolf wahrgenommen. Während des 2. Weltkrieges besorgt Kohl mit anderen Mitschülern Baumaterialen, um das zerstörte Klassenzimmer wieder Instand zu setzen. Sein ausgeprägtes Organisationstalent entwickelt sich immer stärker und er beginnt innerhalb der Oberschule zahlreiche Kontakte zu knüpfen, was Kohl die Wahl zum Klassensprecher ermöglicht.

Ein von Kohl selbst formulierter Ehrenkodex verpflichtet ihn, dass schwächere Schüler seine Unterstützung erhalten, um seine Beliebtheit zu steigern. Kritische Lehrer sehen hierbei eher eine Untermauerung seiner Führungsrolle innerhalb der Klassengemeinschaft.[9] Nach dem 2. Weltkrieg, in dem sein älterer Bruder 1944 gefallen ist, versucht sich Kohl mit Verkäufen und geschicktem Handeln eine Existenz aufzubauen. Sein Verhandlungsgeschick prägt sich bis zum Abitur 1950 immer weiter aus.

2.2. Führung in der Wirtschaft

Mit 16 Jahren beantragt Kohl die Aufnahme in die neu gegründete CDU und wird 1947 deren Mitglied. Sein Engagement in die Partei ist unermüdlich. Er gilt als ehrgeiziger Wahlkampfhelfer der CDU Rheinland-Pfalz, der Plakate klebt und Prospekte verteilt. Seine bemerkenswerte Gabe, seine Freunde und Anhänger hierbei an sich zu ziehen und zu einer politischen Aktionsgemeinschaft zu animieren und auf jeweilige Ziele auszurichten, entwickelt sich immer stärker.

Nach Ende des Studiums folgt ein Zwischenspiel als Direktionsassistent bei der Eisengießerei Mock, ein Ludwigshafener Betrieb mit rund 250 Arbeitern und Angestellten. Die Arbeit gestaltet sich für Kohl als hart und grob in der Ausführung. Ein Direktionsassistent kann sich oft nur mit lautstarkem Gebrüll behaupten, denn die Ludwigshafener Arbeitswelt ist in den 50iger Jahren nichts für zarte Gemüter.

Kohl lernt danach die Ludwigshafener Chemie gleichsam auf höheren Etagen kennen. Während der 60iger Jahre verdient er ein gutes Gehalt beim Landesverband der chemischen Industrie, was sich als berufliche Doppelbelastung für Kohl entpuppt. Hinzu kommt nun auch noch der Einstieg in die Kommunalpolitik von Ludwigshafen, wo Kohl als Vorsitzender der CDU-Stadtratsfraktion gegen die mächtigen Sozialdemokraten in der Region harte politische Kämpfe führen muss. Mitte der 60iger Jahre wächst Kohl zunehmend aus Ludwigshafen heraus, nimmt die Aufgaben im Stadtrat und der CDU-Fraktion aber immer noch mit Organisationsgeschick und physischen Robustheit wahr, die damals einige seiner Weggefährten erstaunen lies.[10] Helmut Kohl hat alle Voraussetzungen, um in der Politik durchzustarten. Er nutzt seine Doppelbelastung und überlegt geschickt in welchem der beiden Bereiche er größere Entwicklungsmöglichkeiten hat – Wirtschaft oder Politik.

2.3. Führung in der Landespolitik

Geht man der Frage nach, wieso Helmut Kohl ein so rascher Aufstieg in die oberen Etagen der CDU gelingt, dann gerät auch der Faktor Regionalpolitik in den Focus. Als Ludwigshafener gehört er dem damals stärksten Kreisverband der CDU in Rheinland-Pfalz an und kann auf dessen Schubkraft auf Landesebene hoffen. Der damalige Ministerpräsident Peter Altmeier sowie der CDU-Fraktionsvorsitzender im Landtag, Wilhelm Boden, sind zwei Vertreter aus dem nördlichen Teil des Bundeslandes und im Landtag tonangebend. Kohl kommt deswegen zum Zug, weil er die unterschiedlichen Interessen geschickt zu bündeln weiß. Am meisten fällt er in diesen Jahren jedoch durch seine unermüdliche Betriebsamkeit und Grobheit auf, mit der er gegenüber den etablierten Vorständen auftrumpfen kann. Dieses Verhalten imponiert seinen Anhängern, stößt aber gleichzeitig den Adressaten seiner Attacken vor den Kopf. So zieht Kohl 1959 als jüngster Abgeordneter in den Mainzer Landtag ein und sorgt als Vertreter des liberal-pragmatischen Flügels der CDU für politisches Aufsehen. Er tritt ab 1960 verstärkt gegen die „Verbonzung“ bei den alten CDU-Mitgliedern im Parteivorstand ein und gilt schnell als Reformer, der ineffiziente Strukturen und übermäßige Abhängigkeiten der Partei von Klerus abschaffen möchte.

Der Durchbruch in der Mainzer Fraktion gelingt ihm 1961, als Wilhelm Boden verstirbt. Die Fraktionsnachfolge solle nach Ministerpräsident Altmeier nicht Kohl, sondern Hermann Matthes übernehmen sowie Hans Korbach als Stellvertreter in der Fraktion. Die Option zwei Stellvertreter innerhalb der Fraktion einzuführen scheitert und so kommt es zum direkten politischen Kampf zwischen Kohl und Korbach um die Position des Stellvertreters. Bei derartigen Wahlen spiele die Bezirke im Land eine entscheidende Rolle. Kohl kennt die wichtige Rolle der Bezirke und entsendet seine „Kohlisten“ in die Bezirke. Er selbst macht im Kreise der Abgeordneten Besuche und führt einzelne Gespräche. Das System von Kohl funktioniert, denn Kohl wird mit einer soliden Mehrheit zum stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden gewählt. Nun ist Kohl nicht mehr zu bremsen. Matthes wechselt nach den Landtagswahlen 1963 ins Ministerium für Inneres und Soziales und schlägt Kohl zu seinem Nachfolger vor. In diesem Zeitraum wird Kohl von Minister Stübinger öffentlich als Vollblutpolitiker, der mit großen Fleiß und letztem Einsatz seiner Person mitgearbeitet habe, bezeichnet.[11]

Am 09. Mai 1963 wird Kohl mit einer eindeutigen Mehrheit von 38 Stimmen zum Fraktionsvorsitzenden gewählt. Mit der Wahl zum CDU-Landesvorsitzenden 1966 baut Kohl seinen Anspruch auf den Posten des Ministerpräsidenten weiter aus, jedoch wird Altmeier 1967 bei der Landtagswahl wiedergewählt. Kohl weiß, dass Altmeier die Amtsperiode mit 68 Jahren aus Altersgründen nicht komplett durchstehen wird und ein politischer Erbe gesucht wird. Er wittert seine Chance anzugreifen und wird 1969 mit 39 Jahren der jüngste Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz.

2.4. Der Oppositionsführer auf Bundesebene

1973 übernimmt Kohl den Bundesvorsitz der CDU von Barzel, nachdem dieser bei der Bundestagswahl 1972 gegen Willy Brandt verloren hatte und auch ein Misstrauensvotum im Bundestag gescheitert ist.

Nach der mit 48,6 % gewonnenen und doch aufgrund des Verfehlens der absoluten Mehrheit nicht zur Regierungsmehrheit führenden Bundestagswahl 1976 blieb die CDU als stärkste Fraktion im Deutschen Bundestag. Zu ihrem Fraktionsvorsitzenden wurde am 1. Dezember 1976 mit 184 von 189 Abgeordneten Helmut Kohl gewählt. Einen Tag später trat er vom Amt des Ministerpräsidenten zurück. Seine Ministerpräsidentschaft gibt er an seinen Weggefährten Bernhard Vogel ab, der später in Thüringen Ministerpräsident mit Kohls Hilfe werden wird.

Besonders der Wahlkampf 1980 gestaltet sich als sehr interessant, weil sich ein ebenbürtiger Kontrahent aus Bayern dem CDU-Kandidat Helmut Kohl in den Weg stellt – Franz Josef Strauß. Beide stammen aus kleinen Verhältnissen, was tief in ihnen den Stolz von Emporkömmlingen zeigt. Tüchtige Aufsteiger haben den innerlichen Trieb immer weiter nach oben zu drängen. Deswegen zeigt sich bei derartigen Charakteren oft ein Zorn über alle, die sich ihnen in den Weg stellen. Aus psychologischer Sicht sind somit die besten Voraussetzungen für heftige Zusammenstöße gegeben.[12]

Strauß wertet die Kandidatur von Kohl als Frechheit, da er als erfahrender Politiker auch über ein höheres Maß an politischer Kompetenz verfügt und er sich intellektuell Kohl überlegen fühlt. Die berühmte Wienerwald-Rede von Strauß 1976, in der er Kohl als unfähig diffarmiert zeigt, dass Strauß sich selbst als den besseren Kandidaten sieht.

Kohl beschreibt Strauß als einen Menschen, der eine politische Begabung hat, aber polarisierendes Naturell verfügt und zur Disposition von abrupten Kurswechseln neigt. Daher

schmiedet Kohl den Plan Strauß zu integrieren, ihn einzubinden, weil er ohne ihn oder gegen ihn nicht Kanzler werden kann. Den gescheiterten Trennungsbeschluss der CSU in Wildbad Kreuth 1976, der die CSU als vierte Partei in ihrer Flexibilität fördern sollte, kontert Kohl mit der Androhung einer Gründung eines CDU-Landesverbandes in Bayern. Der eigentliche Grund des Trennungsbeschlusses war aber den Kontakt zum potentiellen Koalitionspartner FDP zu verbessern. Das Verhältnis zwischen Gentscher und Kohl spielt eine wichtige Rolle, die die Kanzlerschaft von Helmut Kohl später mit ermöglicht. Bei der Bundestagswahl 1980 verzichtet Kohl auf eine Kandidatur, in dem er den niedersächsischen Ministerpräsidenten Albrecht gegen Strauß antreten lässt. Strauß wird mit massiver Hilfe der CSU endlich Kanzlerkandidat, scheitert aber an Helmut Schmidt und seiner eigenen stark umstrittenen und polarisierenden Politik. Der hinzukommende Altersunterschied von 15 Jahren gegenüber Kohl zwingt Strauß nach der Wahlniederlage 1980 zurück nach Bayern zu gehen, um von dort als Ministerpräsident gezielt die Politik von Kohl zu kritisieren, umso flexibler und freier agieren zu können. Kohl gibt Strauß 1983 die Gelegenheit die Kreditverhandlungen mit der wirtschaftlich fast bankrotten DDR durchzuführen, um sich außenpolitisch in Szene zu setzen. Strauß nutzt die Gelegenheit Kohl zu belehren, was Kohl öffentlich als Kränkung hinnimmt und diese Kritik an sich in den Medien abprallen lässt.

[...]


[1] Staehle, Wolfgang, Management, Seite 308.

[2] Pelz, W., Kompetent führen, Seite 12 und 21.

[3] Wirth, Narzissmus und Macht, Seite 5.

[4] MacCoby, Michael, The productive narcissist: The promise and peril of visionary leadership, Seite 12.

[5] Wirth, Hans-Jürgen, Seite 7.

[6] Bergsdorf, a.a.O., Seite 84.

[7] Bergsdorf, 2002, Seite 82.

[8] Schwarz, Hans-Peter, Seite 38.

[9] Noack/Bickerich, Seite 15 ff.

[10] Schwarz, Hans-Peter, Seite 21.

[11] Schwarz, Hans-Peter, Seite 99.

[12] Schwarz, Hans-Peter, Seite 193-194.

Details

Seiten
20
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656489122
ISBN (Buch)
9783656491835
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v232414
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
Schlagworte
narzissmus politik beispiel altbundeskanzler kohl

Autor

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