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Entspannungsverfahren für Kinder und Jugendliche mit Verhaltensstörungen

In der Ruhe liegt die Kraft

Diplomarbeit 2013 78 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Verhaltensstörung bei Kindern und Jugendlichen
2.1 Begriffsbestimmungen
2.2 Ursachen und Entstehungen von Verhaltensstörung
2.3 Klassifikation von Verhaltensstörung
2.4 Darstellung von Verhaltensstörung
2.5 Notwendigkeit von Entspannungsverfahren in der sozialen Arbeit bei Kindern und Jugendlichen mit Verhaltensstörungen

3 Grundlagen von Entspannungsverfahren
3.1 Physiologische und psychische Effekte der Entspannungsreaktionen
3.3 Klassifikation von Entspannung
3.4 Standarttechniken der Entspannung

4 Anwendung und Durchführung von Entspannungsverfahren
4.1 Indikation
4.2 Kontraindikation
4.3 Nebenwirkungen und Begleiterscheinungen
4.4 Durchführungsmodalitäten

5 Geeignete Entspannungsverfahren für Kinder und Jugendliche mit Verhaltensstörungen
5.1 Sensorische Entspannungsverfahren
5.2 Imaginative Entspannungsverfahren

6. Abschlussbetrachtung
6.1 Sozialpädagogische Schlussfolgerung
6.2 Fazit

7 Literaturverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Typische Angststörungen im Kindesalter (modifiziert nach Petermann, Vaitl, 2009, S. 370)

Tabelle 2: Klassifikation von Entspannungsverfahren ( + vorhanden, + + deutlich ausgeprägt, - fehlt oder nur schwach ausgeprägt, modifiziert nach Vaitl, 2000, S. 30)

1 Einleitung

„In der Ruhe liegt die Kraft“, dieses Zitat sagt aus, was ich in meiner Diplomarbeit näher bringen möchte. Ich schreibe über Entspannungsverfahren, welche speziell für verhaltensgestörte Kinder und Jugendliche konzipiert worden sind, um sie zu befähigen, aus den Schwierigkeiten die sie aufgrund ihrer Störung haben, ein positives Gefühl zu entwickeln und somit Kraft zu entfalten, andere herausfordernde Situationen besser zu bewältigen.

Denn Kinder wachsen heutzutage zunehmend in einer beschleunigten Welt auf. Ihre Lebenssituation ist oft geprägt durch Unruhe, Hektik und einen Überfluss an Reizen, sei es die immense Stress - und Lärmbelastung durch die Technisierung der Welt oder die visuellen Einflüsse durch Videospiele, Internet und Fernsehen. Des Weiteren wächst der (Zeit-) Druck auf die Kinder, frühzeitig müssen sie können und wissen, was früher der Jugend vorbehalten war. Das Leben wird auf Lernen und dauernde Veränderung umgestellt. Aber die Logik des Aufwachsens und die Logik der Erziehung lassen sich in eine solche Dynamik nicht einbinden. Kindliche Entwicklungsprozesse vollziehen sich als Reifung, die sich nicht beliebig beschleunigen lässt. Kinder und Jugendliche brauchen dazu einen Gegenpol, so genannte Entschleunigungsinseln, in denen sie zu sich finden und entspannen können. Ob man mit Kindern spielt, sie unterrichtet oder sie fördern möchte, immer wieder werden Sozialpädagogen ,Lehrer, und Eltern durch aggressives und unruhiges Verhalten, notorische Unruhe aber auch Zurückhaltung und ängstliches Verhalten von Kindern und Jugendlichen an Grenzen geführt. Diese Grenzen behindern nicht nur die Pädagogen und Eltern in der Förderung der Kinder, sondern hemmen die Kinder selbst in ihrer Entwicklung. Deshalb brauchen sie regelmäßige Ruherituale, die in ihren Tages- und Wochenablauf integriert sind. Aber die unüberlegte Durchführung eines beliebigen Entspannungsverfahrens bleibt meist wirkungslos, der Sozialpädagoge muss die Hintergründe von Verhaltensstörungen kennen, um eine zielgerichtete, pädagogische Konzeption zu erstellen. Dabei sind das Wissen von den Grundlagen der Entspannung und der richtige Einsatz eines auf die besondere Verhaltensstörung abgestimmte Entspannungsverfahren von sehr großer Bedeutung.

Ich bin mir bewusst, dass der Einsatz von Entspannungstechniken die Verhaltensstörungen zwangsläufig nicht reduzieren kann, vielmehr zeigen sie ihre Wirkung in einem Abbau der körperlichen Erregungszustände, Angespanntheit und motorischer Bewegungsunruhe, die durch Hyperaktivität, Angst und Aggressionen entstehen. Durch gezielte und aufbauende Entspannungsübungen wird Kindern und Jugendlichen physisch-psychische Entlastung angeboten. Der positive Effekt von Entspannungsverfahren ermöglicht es ihnen, Kraft zu finden, sich mit anschließenden Aktivitäten angemessen und erfolgversprechend auseinander zu setzen.

In der vorliegenden Arbeit werde ich zunächst relevante Begriffe definieren und die Frage klären, was aus sozialpädagogischer Sicht die Ursachen für Verhaltensstörungen sind. Dabei gehe ich explizit auf die Familienkonstellation, den Erziehungsstil, die sozioökonomischen Verhältnisse und die Schulsituation ein. Im Anschluss daran gebe ich einen Überblick über die Klassifikation von Verhaltensstörungen, um in Anlehnung daran spezifischer zu werden und kurz die weit verbreitesten Verhaltensstörungen zu beschreiben. Diese sind aufgeschlüsselt in externalisierte Störungen, wie aggressives Verhalten und die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung und internalisierte Störungen, die Angststörungen. Am Ende des allgemeinen Teils möchte ich mich dann mit der Frage beschäftigen, warum man Entspannung in der sozialen Arbeit bei verhaltensgestörten Kindern und Jungendlichen anwenden sollte.

In dem darauf folgenden praktischen Teil meiner Arbeit kläre ich die Grundlagen von Entspannung. Damit erörtere ich die physiologischen und psychologischen Aspekte einer Entspannungsreaktion, um im Anschluss auf die Klassifikation von Entspannungsverfahren Bezug zu nehmen. Nachstehend werde ich das Standartvorgehen des autogenen Trainings und der progressiven Muskelentspannung verdeutlichen, und die Methoden detailliert für Kinder und Jugendliche darlegen.

Weiterführend erläutere ich die Indikationen und Kontraindikationen von Entspannungsverfahren. Außerdem gehe ich auf die Nebenwirkungen und Begleiterscheinungen ein. Folgend erkläre ich die Durchführungsmodalitäten ausgewählter pädagogischer Entspannungsverfahren anhand der Vorbereitung, personellen und äußeren Bedingungen und Reflexion.

In dem anschließenden Kapitel werden ausführlich geeignete Beispiele von Entspannungsverfahren für verhaltensgestörte Kinder und Jugendliche anhand theoretischer Grundlagen und deren Durchführung beschrieben. In diesem Zusammenhang wird das Schildkrötenphantasieverfahren für Grundschulkinder und die progressive Muskelentspannung für Jugendliche als sensorisches Verfahren, und die Kapitän-Nemo-Geschichten für Kinder von fünf bis zwölf Jahren als imaginatives Verfahren vorgestellt.

In dem letzten Kapitel fasse ich abschließend die Vor- und Nachteile von Entspannungsverfahren für verhaltensgestörte Kinder und Jugendliche zusammen und ziehe relevante Schlussfolgerungen bezüglich der sozialpädagogischen Anwendung der Verfahren in Institutionen, die den Arbeitsalltag nachhaltig positiv beeinflussen können.

Bereits in meiner Erzieherausbildung und anschließend in meinem Sozialpädagogikstudium habe umfassende praktische Erfahrungen im Kindergarten, Hort, Schulsozialarbeit und in der interkulturellen Jugendarbeit gesammelt, dabei habe ich festgestellt, wie wichtig Entspannung für verhaltensgestörte Kinder und Jugendliche ist. Gerade weil sie durch die Veränderungen unserer Gesellschaft oftmals mit Unruhe und Rastlosigkeit konfrontiert sind, brauchen sie regelmäßige Ruherituale, die in ihren Tages- und Wochenablauf integriert sind. Deshalb habe ich begonnen, mich mit den theoretischen Grundlagen von Entspannungsverfahren für Kinder und Jugendliche zu beschäftigen und in den Institutionen Hort und Schule ausgewählte Entspannungsverfahren eingesetzt, von dessen Erfahrungen ich in meiner Diplomarbeit berichten werde.

2 Verhaltensstörung bei Kindern und Jugendlichen

2.1 Begriffsbestimmungen

In der von mir ausgewählten Literatur lässt sich eine Vielzahl von unterschiedlichen und ähnlichen Definitionen über Verhaltensstörung bzw. Verhaltensstörungen feststellen. Das liegt daran, dass der Begriff „verhaltensgestört“ verschiedenste theoretische Annahmen einschließt. Je nachdem ob er von psychoanalytisch, verhaltens-theoretisch, organologisch oder sozialpädagogisch orientierten Fachvertretern benutzt wird, variieren die Definitionen. Jede Begriffsverwendung spiegelt damit eine bestimmte Sicht wieder und umfasst das Ganze nie komplett. Aus diesen Gründen verzichten bzw. umgehen einige Autoren häufig eine eindeutige Definition (Myschker, 2009, S. 44).

Wenn von Verhaltensstörung gesprochen wird, dann ist dies nicht ein klar definierter Begriff sondern eher eine Begriffsverwirrung. Ich möchte das mit einer kleinen Aufzählung von Adjektiven und Substantiven deutlich machen:“ Verhaltensstörung, Erziehungsschwierigkeiten, Fehlentwicklung, Verhaltensprobleme“ (Myschker, 2009, S. 43). Je nach Fachdisziplin werden die Begriffe anders benannt, in der Sozialpädagogik wird meist von Verwahrlosung, seelischer Behinderung, Delinquenz oder Kriminalität gesprochen (vgl. Stein, 2011, S. 11). Diese Begriffe könnte man als unwichtig abtun, aber genau bei diesem Thema sind sie ein Ausdruck des Denkens und Verstehens und sie wirken unter Umständen auf das Verständnis dessen, was der Begriff bezeichnet, zurück. Daher ist es wichtig, sich um eine gewisse Klarheit der verwendeten Begriffe zu bemühen (vgl. Myschker, 2009, S. 45 f.).

„Aktuell finden die zwei Oberbegriffe Verhaltensauffällig und Verhaltensstörung, die als Synonyme zu verstehen sind, am häufigsten Verwendung“(Myschker, 2009, S. 45).

Wobei der Begriff „ Verhaltensauffällig der sprachgebräuchlichere geworden ist, weil er als wertneutral gilt“ (Myschker, 2009, S. 45). Dieser Begriff ist aber laut Myschker für den wissenschaftlichen Sprachgebrauch nicht gut geeignet, weil er zu allgemein, mehrdeutig wenig prägnant und unscharf ist. Denn Kinder und Jugendliche, die in ihrem Verhalten beeinträchtigt sind, werden nicht immer im Verhalten auffällig, wie z.B. ängstliche Kinder … und Menschen, die in ihren Verhalten auffällig werden sind nicht immer beeinträchtigt … wie z.B. müde Kinder oder auch betrunkene Jugendliche. (vgl. ebd., S. 45).

Der Begriff Verhaltensstörung dagegen hat im wissenschaftlichen Bereich die größere Verbreitung gefunden. Dennoch gibt es auch gegen diesen Begriff Einwände, da er stets an ein subjektives Wertesystem gebunden ist und daher kein objektiv beschreibender Begriff ist. Außerdem wird in der wissenschaftlichen Diskussion kritisiert, dass der Begriff über einen negativen Charakter verfügt, der auf die betroffenen eine herabsetzende Wirkung verübt (vgl. Myschker, 2009, S. 46f). International geprägt wurde der Begriff 1950 auf dem ersten Weltkongress für Psychiatrie in Paris als Sammelbegriff für alle „Abwegigkeiten und Handlungen und Haltungen von den einfachsten Ungezogenheiten, Ungehorsam, dem Jähzorn, den Ticks, den Ess- und Schlafstörungen bis hin zu den schwersten Formen der Verwahrlosung und Kriminalität“ (vgl. Myschker, 2009, S. 45). Heute ist der Begriff enger gefasst, und findet nur dann Anwendung, wenn „die Verhaltensschwierigkeiten nicht kurz dauernd oder vorübergehend sondern länger andauernd sind, nicht punktuell unter spezifischen Reizbedingungen, sondern unter unterschiedlichen Bedingungen in verschiedenen Situationen auftreten, nicht vom Betroffenen bewusst und kontrolliert zum Erreichen von bestimmten Zielen eingesetzt werden, sondern ihn vehement und vielgestaltig unsteuerbar überfluten“ (vgl. ebd., S. 46).

„Unter Verhalten wird dabei die Gesamtheit der menschlichen Aktivität verstanden, die im Wechselspiel zwischen Organismus und Umwelt generiert werden und von einfachen Reaktionen auf Reize bis zur willentlich, komplexen veränderbaren Handlungen reichen.“ (Myschker, 2009, S. 49)

Störung meint dabei eine längerfristige Beeinträchtigung des individuellen und sozialen Lebens, die dazu führen kann, das ein Kind oder der Jugendliche nicht dazu im Stande ist seine Mündigkeit, Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung zu erreichen. Störung meint aber auch, dass es mehrere Störfaktoren gibt die generell beseitigt werden können, und durch Hilfeleistungen der Weg wieder frei gemacht werden kann zu einer adäquaten Sozialisation (vgl. Myschker, 2009, S. 45 f.).

Die heute vermutlich am meisten verbreitete Definition zu Verhaltensstörungen stammt von Myschker (vgl. Stein 2011, S. 6)[1],

„Verhaltensstörung ist ein von der zeit- und kulturspezifischen Erwartungsnorm abweichendes maladaptives Verhalten, das organogen und/oder milieureaktiv bedingt ist, wegen der Mehrdimensionalität, der Häufigkeit und des Schwergrades die Entwicklungs-, Lern- und Arbeitsfähigkeit sowie das Interaktionsgeschehen in der Umwelt beeinträchtigt und ohne besondere pädagogisch-therapeutische Hilfe nicht oder nur unzureichend überwunden werden kann.“ (Myschker, 2009, S. 49)

In dieser Definition stellt Myschker heraus, dass eine Verhaltensstörung von den Werten und Normen der Gesellschaft definiert wird, weicht ein Kind oder Jugendlicher von den allgemein gültigen Verhaltensrichtlinien ab, wird dies durch eine unangemessene und sozial unverträgliche Situations- und Lebensbewältigung gekennzeichnet. Des Weiteren erläutert die Definition, dass Verhaltensstörungen unterschiedliche Ursachen haben, die oft kombiniert werden, sie beruht also selten auf nur einer Ursache, welche einerseits in der organischen Entwicklung des betreffenden Kindes, andererseits aber auch in den Einfluss des sozialen Umfelds zurückzuführen ist. Dabei kommt es darauf an, wie häufig eine Verhaltensstörung auftritt, wie deutlich das Kind in der Gesellschaft auffällt und welche Dimension die Verhaltensstörung erreicht. Die Konsequenz davon ist, dass ein Kind oder Jugendlicher mit einer Verhaltensstörung erheblich in seiner Entwicklungs-, Lern- und Interaktionsfähigkeit beeinträchtigt ist, sodass pädagogisch-therapeutische Hilfe notwendig wird (vgl. Myschker, 2009, S. 49).

Zusammenfassend ist für die sozialpädagogische Praxis zu erläutern, dass verhaltensgestörte Kinder und Jugendliche oft nicht in der Lage sind, ihr Verhalten den Erwartungsnormen der Gesellschaft anzupassen, was dazu führen kann, dass diese sich nicht vollständig in ihrer Umgebung sozialisieren und somit eine Außenseiterposition einnehmen. Diese Kinder und Jugendliche gilt es in sozialpädagogischen Institutionen zu integrieren. Des Weiteren muss der Sozialpädagoge wissen, dass eine kindliche Verhaltensstörung nie unbegründet auftritt, da immer Ursachen vorhanden sind, auf diese werde ich im nächsten Kapitel ausführlich eingehen.

2.2 Ursachen und Entstehungen von Verhaltensstörung

Sozialpädagogen werden in ihrem Alltag mit den Auswirkungen der viel diskutierten gesellschaftlichen Veränderungen immer mehr konfrontiert, die sich u.a. in zunehmenden Maße in Verhaltensstörung von Kindern und Jugendlichen widerspiegeln: In der pädagogischen Arbeit erleben sie immer mehr Kinder, vordergründig betrachtet, als schwierig, faul, desinteressiert, unruhig, passiv-depressiv, deprimiert, unmotiviert, schlampig, verstockt, misstrauisch, unberechenbar, streitsüchtig und vor allem aggressiv. Über die Ursachen von dysphorischem Verhalten wird in den Medien ständig berichtet, Fachleute versorgen Pädagogen mit einer beinahe unüberschaubaren Fülle an möglichen Erklärungsversuchen.

Bei der Entstehung von Verhaltensstörung spielen meist mehrere Ursachen eine Rolle. Verschiedene pathogene Faktoren wirken in einen längeren Prozess miteinander, d.h. „Verhaltensstörungen sind multifaktoriell bedingt“ (Myschker, 2009, S. 89). Diese Faktoren sind einerseits in den Anlagen, in der individuellen Informationsaufnahme und Verarbeitungsmustern, in den verschiedenen lernbiografisch bedingten Eigenheiten, in den schon früh wirksamen werdenden Selbstbestimmung und Selbstorganisationstendenzen sowie in den übergeordneten soziokulturellen Gegebenheiten zu sehen die wie die Familie, Kindergarten, Schule auf Kinder und Jugendliche einwirkt (vgl. ebd., S. 89).

Verschiedene Wissenschaftsdisziplinen konzentrieren sich allerdings oft nur auf ganz bestimmte Ursachenkomplexe bei der Untersuchung von Verhaltensstörungen und berücksichtigen die anderen nur unzureichend.

Ärzte lernen im Verlauf ihrer Ausbildung und beruflichen Tätigkeit, Ursachen von Störungen vor allem im biochemischen, genetischen, physiologischen und neurologischen Bereich zu suchen (vgl. Myschker, 2009, S. 90). Dabei werden nach Ursachen gesucht, die primär in der Person des Menschen selbst liegen (vgl. Leitner, Ortner, Ortner, 2008, S. 18). Ein Aspekt des medizinischen Ansatzes ist, dass Verhaltensstörungen im Zusammenhang mit Hirnschädigungen bzw. zentralen Funktionsstörungen oder Allergien zu sehen sind. „Da das Denken, Fühlen und Wollen für das Erleben und das Verhalten des Menschen das Nervensystem mit dem Gehirn, dem Rückenmark und den einzelnen Nerven bio-physisch gesehen bestimmend ist, werden unter medizinischem Aspekt Verhaltensstörungen häufig mit Schädigungen, Erkrankungen oder Funktionsstörungen dieses Systems in Zusammenhang gebracht“ (Myschker, 2009, S. 91). Bei Verhaltensstörungen ist deshalb immer eine Biogenese des Kindes oder des Jugendlichen in Betracht zu ziehen. Sozialpädagogen sollten immer sich frühzeitig die Frage stellen, ob Schädigungen, Beeinträchtigungen oder Störungen im medizinischen Sinne eine Rolle spielen, und in diesem Gebiet Fachärzte mit einbeziehen (vgl. Myschker, 2009, S. 91 f.).

Psychologen konzentrieren sich bei der Suche nach den Ursachen von Verhaltensstörung mehr auf Auslöser im bewussten oder unbewussten Erleben und Verhalten von Menschen (vgl. Myschker, 2009, S. 107 ff.). Die verschiedenen zentralen Ansätze und Schulen der Psychologie repräsentieren auch eine bestimmte Sicht des Menschen, seiner Persönlichkeit und dessen Entwicklung, dabei ergeben sich mehrere Sichtweisen und Auffassungen von Auffälligkeiten der Persönlichkeit und des menschlichen Verhaltens(vgl. Stein, 2011, S. 59 f.).Daher sollten auch Sozialpädagogen diese Ansätze einschließlich ihres Störungskonzeptes kennen, da sich aus den unterschiedlichen Störungsvorstellungen auch bestimmte Leitlinien für Diagnostik, Therapie und der pädagogische Arbeit ergeben

Sozialpädagogen entdecken hingegen die Ursachen in den exogenen Faktoren von Verhaltensstörungen. Diese sind überwiegend das Resultat aus den Lebensumständen des betroffenen Kindes und haben großen Einfluss auf dieses. „Oftmals hat das Kind dabei einen Mangel an der Befriedigung der seelischen Grundbedürfnisse zu verzeichnen“ (Leitner, Ortner, Ortner, 2008, S. 22). Zu diesem Bereich zählen Faktoren die von Außen auf das Kind wirken, wie die Familienkonstellation, der Erziehungsstil, die sozioökonomischen Verhältnisse und die Schulsituation (vgl. Metzinge, 2005, S. 16). Deshalb möchte ich mich im weiteren Verlauf ausführlicher mit der Ursachenklärung beschäftigen.

2.2.1 Die Familie

Die Familie spielt im Hinblick auf Verhaltensstörungen eine sehr wichtige Rolle. Kinder die in einem problematischen familiären Umfeld aufwachsen sind besonders sensibel für Verhaltensstörung. Gerade gegenwärtig gilt die Familie als außerordentlich störanfällig (vgl. Leitner, Ortner, Ortner, 2008, S. 22). Hans Christian Thalmann und Kollegen führten 1971 eine umfassende Studie bezüglich der Wechselwirkung von Verhaltensstörung bei Kindern (Jungen) durch. Dabei wird einleitend festgestellt, dass gerade bei kleinen Kindern die Familie eine überragende Rolle spielt, „als nahezu einzige Umwelt des Kindes“ (Thalmann, 1971, S. 25). Sie bietet dem Kind ein erstes und vielleicht das entscheidendste Model der sozialen Beziehungen (vgl. Thalmann, 1971, S. 25). Damit ist die Familie der zentrale Bereich der kindlichen Lebenswelt (vgl. Leitner, Ortner, Ortner, 2008, S. 22) und der Einfluss durch die Familie naturgemäß am größten (vgl. Myschker, 2009, S. 89). Verhaltensgestörte Kinder drücken sehr oft die innerfamiliären Probleme aus und werden zu deren Opfer. Kritisch für das Kind sind vor allem im Zuge der veränderten Kindheit die unterschiedlichen Familienkonstellationen (vgl. Leitner, Ortner, Ortner, 2008, S. 22). „Ehe, dauerhafte Partnerschaft, das Lebensmodell der Familie stehen zur Disposition.“ (Ahrbeck, Willmann, 2010, S. 315)

Immer mehr Kinder wachsen in der heutigen Zeit in so genannten Rumpf- bzw. Teilfamilien (Alleinerziehende), in einer Stiefvater- bzw. Stiefmutter-Situation, in instabilen Ehen, und innerhalb der Geschwistersituation als Einzelkind, Nachzügler oder mit vielen Geschwistern auf (vgl. Leitner, Ortner, Ortner, 2008, S. 22).

Bei allein erziehenden Eltern, die meist berufstätig sind, kann es in manchen Fällen zu Vereinsamung oder fehlender Geborgenheit kommen, ist dies der Fall, können sich bei dem Kind mangelndes Selbstbewusstsein, soziale Vereinsamung, Überbehütung oder Verwahrlosung einstellen (vgl. ebd., S. 22).

Bei der Stiefvater- oder Stiefmutter-Situation ist oft das Problem, dass die Erziehungsperson unsicher im Umgang mit dem Kind ist, dadurch entstehen nicht selten kontroverse oder auch ungleiche Erziehungssituationen, auch die Ablehnung des Kindes kann eine kritische Konstellation hervorrufen. Ein weiteres Problem kann entstehen, wenn umgekehrt das Kind auf den neuen Partner eifersüchtig ist oder ihn ablehnt (vgl. Leitner, Ortner, Ortner, 2008, S. 23).

Sehr problematisch für ein Kind ist es, wenn es in einer instabilen Ehe aufwächst, deren Alltag von Konflikten und Streit geprägt ist, in der es meist zwischen Mutter und Vater entscheiden muss und anstatt Liebe und Verständnis zu erfahren, oft mit Aggressivität und Beleidigungen konfrontiert wird. Ist dies der Fall, kann das Kind nur sehr erschwert eine psychisch stabile Bindung zu seinen Eltern herstellen (vgl. ebd., S. 23).

Verhaltensstörungen können aber auch aus Geschwistersituationen entstehen:

So kann es bei Einzelkindern zu Anpassungsschwierigkeiten, Selbstsucht und Unselbstständigkeit kommen, wenn die Eltern ihre Aufmerksamkeit zu stark auf ein einzelnes Kind konzentrieren.

Ähnliche Probleme können auch bei Nachzüglern mit älteren Erziehungsberechtigten, die mit einer starken Ängstlichkeit derer und Verwöhnung des Kindes den Alltag bewältigen, auftreten. Diese Kinder lernen nicht, selbständig zu arbeiten, teilen zu müssen und Rücksicht auf andere zu nehmen (vgl. Leitner, Ortner, Ortner, 2008, S. 23), wie es oft bei Einzelkindern der Fall ist.

Auch die Geschwisterzahl kann ein möglicher Grund für Verhaltensstörung sein, da mit zunehmender Familiengröße das Ausmaß der Zuwendung für jedes Kind sinkt.

All diese besonderen Lebenslagen können sich, müssen sich aber nicht, negativ auf das Verhalten des jeweiligen Kindes auswirken (vgl. ebd., S. 23 f.). Dabei ist auch festzuhalten, dass ich nicht stigmatisierend urteilen möchte, sicherlich können sich auch Alleinerziehende sich sehr gut um ihre Kinder kümmern und auch Großfamilien ihren Kindern genügend Zuwendung geben, ich gebe nur den Extremfall an, um deutlich zu machen, welche ungünstigen Faktoren eine Verhaltensstörung hervorrufen kann. Ebenso kann es auch anders sein.

Wie in Kapitel 2.2 schon erwähnt, treffen bei der Entstehung von Verhaltensstörung immer mehrere Faktoren zusammen, deshalb muss neben der Familiensituation auch der Erziehungsstil untersucht werden.

2.2.2 Der Erziehungsstil

Es gibt eine Vielzahl von verschiedenen Erziehungsstilen, die sich auf das Verhalten eines Kindes auswirken können. Häufig kommt es bei Kindern zu Verhaltensstörung, wenn die Eltern einen der folgenden Erziehungsstile verfolgen: (vgl. Textor, 1993, S. 254).

Dazu zählt unter anderem die Übersteuerung , dabei wird das Leben des Kindes in nahezu allen Bereichen von den Eltern bestimmt und dem Kind werden alle wichtigen Entscheidungen abgenommen, so dass das es unselbständig agiert und in seiner Spontaneität gehemmt wird. Angesichts dessen entstehen Spannungen, die sich bei dem Kind in Trotz und Abwehr äußern. Oftmals führt dieses erlebte Vorbild dazu, dass ein Kind versucht, schwächere Freunde in seine eigene erlebte Situation zu drängen um dabei selbst die diktierende Rolle der Eltern zu übernehmen (vgl. Leitner, Ortner, Ortner, 2008, S. 23).

Gegensätzlich dazu gibt es die Untersteuerung, hier ist das Kind in den meisten Fällen auf sich selbst gestellt und erhält wenige Anregungen seitens der Eltern. Somit besteht die Gefahr, dass das betroffene Kind schon bei durchschnittlicher Anforderung eine Überforderung verspürt und so schnell zu Unsicherheit, Passivität und Entschlussschwäche neigt. Öfters tendieren diese Kinder auch dazu, ihre Umwelt beherrschen zu wollen (vgl. Leitner, Ortner, Ortner, 2008, S. 23 f.).

Ein weiterer Erziehungsstil ist die Überbehütung, bei der die Eltern Besitz von ihre Kindern ergreifen, sehr fürsorglich sind, sie mit ihrer Liebe erdrücken und ihnen jede Entscheidung abnehmen, was bei den Kindern zur Unselbständigkeit und zu Steigerung der Ansprüche führt, im schlimmste Fall bleiben die Kinder von ihren Eltern abhängig (vgl. Textor, 1993, S. 255 und Leitner, Ortner, Ortner, 2008, S. 24). Mit dieser Liebesüberflutung zeigen sich unterschiedliche Varianten der „herrschsüchtig verzärtelnden und nachsichtig verzärtelten Erziehung“. Während der herrschsüchtige Erziehungsstil die Individualbildung beeinträchtigt sowie keine Eigeninitiative, Unselbständigkeit und geringes Durchsetzungsvermögen fördert, führt die nachsichtige Erziehung zu Egoismus, unrealistischer Selbsteisschätzung, Befehlsgebahren und Renommiersucht (vgl. Myschker, 2009, S. 136).

Bei der inkonsequenten Erziehung können sich die Eltern nicht für einen Erziehungsstil entscheiden bzw. üben unterschiedliche Erziehungsmethoden aus (vgl. Leitner, Ortner, Ortner, 2008, S. 24). Dies kann dazu führen, dass das Kind keine fortbestehende Einstellung findet und sich auf Erwartungen nicht einstellen kann. Es reagiert mit Verwirrung, Unsicherheit, Ängstlichkeit, Nervosität. Einerseits versucht das Kind es allen Recht zu machen, auf der anderen Seite jedoch versucht es die Eltern gegeneinander auszuspielen, um sich einen Vorteil zu verschaffen (vgl. Myschker, 2009, S. 137). Durch Zurückweisungen entwickelt das Kind kein Urvertrauen, dies macht es dem Kind unmöglich, die nähere Umwelt als Model für die Übernahme sozialadäquater Normen zu akzeptieren (vgl. ebd., S. 137).

Der wirklichkeitsfremde Erziehungsstil tritt in zwei Formen auf: „Einmal wird das Kind auf eine nicht real existierende ideale Wunschwelt vorbereitet, in der es nichts Negatives und Böses gibt. Im anderen Fall zielen die Erziehungsansätze auf eine feindlich angesehene Umwelt und legen dabei abhärtende und spartanische Maßnahmen zugrunde. In beiden Fällen prägt sich bei Kindern ein hilfloses Verhalten aus. Sie reagieren falsch und werden nicht selten zu Außenseitern und Einzelgängern.“ (vgl. Leitner, Ortner, Ortner, 2008, S. 24).

Bei der autoritären Erziehung lenken die Eltern das Verhalten ihrer Kinder fortwährend durch Anweisungen, Befehle und Verbote und prägen sie nach bestimmten Leitbildern, dabei erzwingen sie ihren Gehorsam durch Strenge und oft harte Strafen (vgl. Textor, 1993, S. 255). Dieser Erziehungsstil kann in dem Kind starke und opportunistische Tendenzen wecken, sowie eine Bereitschaft zu zerstörenden oppositionellen, aber auch ängstlich resignativen Verhalten hervorrufen. Wenn das Kind sich unterordnen muss, hat es häufig soziale Lerndefizite, irreale Wunschtendenzen, Herrschsucht und eine geringe Frustrationstoleranz zur Folge (vgl. Myschker, 2009, S. 136 f.). Eine ältere Analyse von Damon im Jahr 1989 hat ergeben, dass elterliche Nachgiebigkeit und strenges Strafen in hohem Maße mit aggressivem Verhalten der Kinder einhergeht. Aber auch fehlende oder zu geringe soziale Kontrolle, Nachgiebigkeit, bzw. erzieherische Zurückhaltung können dieses bewirken (vgl. ebd., S. 137).

Innerhalb der antiautoritären Erziehung werden Kinder häufig liberal und tolerant erzogen, ohne jegliche Grenzsetzung, dies kann sich äußern in sich steigerndem aggressiven und impulsiven Verhalten der Kinder, was dazu führen kann, dass die Eltern aufgrund des provozierenden Verhaltens ihrer Kinder selbst mit unkontrollierter Gewalt reagieren. Dadurch, das Eltern heutzutage eine partnerschaftliche, nicht mehr altersgemäße symbiotische Erziehung realisieren, die die Kinder in einem Zustand des frühkindlichen Narzissmus verharren lässt und dadurch eine altersmäßige Erziehung vorenthalten wird, wird eine gesunde psychische Entwicklung mit guter Lern- und Arbeitsfähigkeit verhindert. Dies kann dann nur noch mit einer Therapie oder Einzelförderung wieder in Gleichgewicht gebracht werden (vgl. Myschker, 2009, S. 137).

Zusammenfassend ist zu sagen, dass unter dem pädagogischen Aspekt der Erziehungsstil von den Dauerbezugspersonen von entscheidender Bedeutung ist. Um Verhaltensstörungen zu verhindern und dem Kind ein sozialadäquates, selbstständiges verantwortliches Verhalten zu ermöglichen, ein Erziehungsverhalten, das durch emotionale Wärme, hilfreiche Kontrolle im Sinne notwendiger Grenzsetzungen, kommunikativer Offenheit und unterstützendes, positiv verstärkendes Verhalten gekennzeichnet ist, ist wünschenswert. Dabei spreche ich nicht nur von Eltern, sondern auch von Pädagogen in verschiedenen Tageseinrichtungen, viele Kinder verbringen oft mehr Zeit dort als Zuhause und sehen den Erzieher oder Lehrer als Vorbild. Deshalb muss sich jeder (Sozial-)Pädagoge fragen, welchem Erziehungsstil er nachgeht und ob dieser der optimale für die Kinder oder Jugendlichen ist.

Als extrem pathogen in Beachtung auf die Entwicklung von Verhaltensstörungen müssen Kindesmisshandlungen gesehen werden, sei es körperlich, psychisch oder sexuell, die bewusst herbeigeführt werden oder aus Vernachlässigung resultieren. Oft geschieht dies in der Familie oder von nahen Bezugspersonen. 2007 gab es in Deutschland 16.145 Kinder als Misshandlungsopfer (vgl. Myschker 2009, S. 142 f.). Diese Kinder zeigen Symptome von Verhaltensstörung: Säuglinge äußern Entwicklungsverzögerungen in kognitiver, emotionaler, motorischer und sozialer Hinsicht. Bei Kleinkindern ist das Spiel beeinträchtigt, hierbei erweisen sie eine auffällig Labilität mit abrupt wechselnden Verhaltensweisen zwischen Regression und Aggression. In der Schule leiden misshandelte Kinder unter Lernschwierigkeiten und Symptomen, wie sie für das Hyperaktivitätssyndrom beschrieben werden. Im Jugendalter wird für die jungen Menschen, die Misshandlung erlebt haben, die Vergangenheit oftmals so belastend, dass es häufig zu suizidalen Handlungen oder delinquentem Verhalten kommt. Bei sexuell misshandelten Jugendlichen stehen Beziehungsstörungen im Mittelpunkt. Bei allen misshandelten Kindern ist eine erhöhte Krankheitsanfälligkeit zu beobachten(Vgl. Myschker, 2009, S. 142 f.).

Sozialpädagogisch ist zu sagen, dass Interventionen bei Kindesmisshandlungen mit großer Vorsicht durchgeführt werden müssen, das Wohl des Kindes muss im Vordergrund stehen. Misshandlungen müssen aufgedeckt werden und sofort aufhören, aber mit einem gewissen Feingefühl, um zu versuchen, das Kind trotz dessen in der Familie, eine für das Kind sehr wichtige Institution, zu lassen. Nur bei ganz schweren Fällen und ungünstigen Prognosen ist die Herausnahme aus der Familie wichtig. Dabei ist eine multiprofessionelle Intervention (medizinisch, psychologisch, und pädagogisch therapeutisch) notwendig, um Verhaltensstörungen zu reduzieren und die Erziehungskompetenz der Eltern zu verbessern

2.3.3 Die Schule

Wenn ein Kind in die Schule kommt, verbringt es einen großen Teil seiner Zeit in dieser Institution, unter Umständen können auch dort Verhaltensstörungen begünstigt werden. Die Einschulung und Klassengröße, der Leistungsdruck, Schulwechsel, ebenso wie der Unterrichtsstil und das Lehrerverhalten stellen Faktoren dar, die für diese Auffälligkeiten verantwortlich sein können (vgl. Leitner, Ortner, Ortner, 2008, S. 25). Außerdem begünstigen teilweise Probleme in der Lehrer-Schüler-Beziehung eine ungenügende pädagogische oder didaktisch-methodische Lehrerkompetenz sowie Schulstress Verhaltensstörungen (vgl. ebd., S. 26).

Der Eintritt in die Schule stellt einen neuen Lebensabschnitt dar, erfolgt dieser zu früh, können Verhaltensstörungen auftreten. Bei Schuleintritt erfährt das Kind neue Anforderungen, wie einen festen Zeitplan, gültigen Regeln, Erledigen der Hausaufgaben, das Einfügen und Auseinandersetzen in einer Gruppe und den Lehrer als neue Bezugsperson. Dem muss das Kind gewachsen sein und gerecht werden, auch seitens der Eltern. Eine hohe Klassenfrequenz erschwert vielen Kindern die soziale Integration, da es dem Lehrer nicht möglich ist, sich intensiv mit jedem einzelnen Kind zu Beschäftigen. Des Weiteren kann es durch diesen Faktor vorkommen, dass Verhaltensprobleme und psychische Nöte erst spät entdeckt oder sogar übersehen werden (vgl. Leitner, Ortner, Ortner, 2008, S. 26).

Das Ansteigen der Leistungsanforderungen im Grundschulbereich, welche heute nicht unüblich sind, können viele Kinder oft nicht bewältigen, es kommt zu Leistungsdruck und Konkurrenzdenken und somit zu psychischen Nöten, die Kinder durch auffälliges Verhalten in verschiedenen Facetten zum Ausdruck bringen (vgl. ebd., S. 27).

Wenn ein Kind sich einer Veränderung der Schulsituation stellen muss, sei es durch einen Umzug, einen Lehrerwechsel oder ein neu eingeführtes schwieriges Unterrichtsfach, können es diese gravierenden Veränderungen, die meistens auch den Verlust des bisherigen Freundeskreises zur Folge haben, aus seinem psychischen Gleichgewicht bringen (vgl. ebd., S. 27).

Der vorherrschende Unterrichtsstil kann auch eine Belastung für Kinder sein, wenn dabei die individuellen Begabungsstruktur und Persönlichkeitsmerkmale der Kinder wenig Aufmerksamkeit finden. Damit Kinder die Schule nicht ablehnen und ihre Mitarbeit einbringen, brauchen sie die Vermittlung von Selbstsicherheit, Selbstwerterleben, sozialer Kontaktaufnahme, Bestätigung, Lob und Anerkennung. Untersuchungen haben ergeben, dass in Klassen, in denen vorwiegend ein autoritärer Unterrichtsstil vorherrscht, häufiger Verhaltensstörung zum Tragen kommen, als in Klassen mit wechselnden Unterrichtsstilen (vgl. Leitner, Ortner, Ortner, 2008, S. 26).

Durch problematisches Lehrerverhalten werden gelegentlich auch Verhaltensstörungen von Kindern begünstigt. Neben der Gestaltung des Unterrichtes bestimmt der Lehrer auch die soziale und emotionale Beziehung sowie das Zusammenleben in der Klasse mit, dies kann positive wie auch negative Auswirkungen mit sich bringen. Somit beeinflussen z.B. Vorurteile der Lehrer die Schülerbeurteilung, oder aus der Schulleistung wird auf die Gesamtpersönlichkeit des Kindes geschlossen. Oft werden verhaltensgestörte Kinder, gerade weil sie im Unterricht stören, diskriminiert und bloßgestellt, oft übertragen dabei Mitschüler die Einstellung des Lehrers auf das Verhalten des Mitschülers, was Spot, Ablehnung und Minderbewertung zur Folge hat (vgl. Leitner, Ortner, Ortner, 2008, S. 27).

2.2.4 Sozioökonomische Verhältnisse:

Ungünstige sozioökonomische Verhältnisse, die Verhaltensstörung begünstigen, sind beispielsweise beengte Wohnverhältnisse, ungünstige Wohnumgebung und wirtschaftliche Unterbemittlung. Überraschenderweise besteht laut einer älteren Studie von Thalmann (1976) kein Zusammenhang zwischen Symptombelastung der Kinder und deren Wohnverhältnisse (Anzahl der Wohnräume, eigenes Zimmer, Wohnungsgröße). Bedeutend scheint aber zu sein, in welchem Haus die Wohnung der Familie ist, „Kinder, die in Ein- oder Zweifamilienhäusern leben, zeigen weniger Verhaltensstörungen als Kinder in Mehrfamilienhäusern und Wohnblocks“ (vgl. Thalmann, 1976, S. 196). Bei der Sozialgruppenzugehörigkeit sind in verschiedenen Untersuchungen zwar Faktoren zu finden, bei denen Verhaltensschwierigkeiten bei Kindern abgeleitet werden können, aber pauschal kann man dies nicht allein darauf schieben, die Möglichkeit des Zustandekommens ist erhöht, wenn andere ungünstige Faktoren hinzukommen (vgl. Leitner, Ortner, Ortner, 2008, S. 25) aber laut Thalmann scheint die Anfälligkeit für Verhaltensstörung von mehr Faktoren abzuhängen als der Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht (vgl. Thalmann, 1976, S. 137). Viel wichtigere Bedingungen sind die mütterliche Pflege, die Einstellung der Eltern zur Schule und Erziehung und das emotionale Klima in der Familie.

[...]


[1] Es gibt noch zahlreiche andere Definitionen, wie z.B. die von Bach und Seitz, in welchen die Schwerpunkte auf verschiedene Aspekte gelegt werden.

Details

Seiten
78
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656487043
ISBN (Buch)
9783656491590
Dateigröße
705 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v232456
Institution / Hochschule
Ernst-Abbe-Hochschule Jena, ehem. Fachhochschule Jena
Note
1,2
Schlagworte
entspannungsverfahren kinder jugendliche verhaltensstörungen ruhe kraft

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Titel: Entspannungsverfahren für Kinder und Jugendliche mit Verhaltensstörungen